Predigttexte zu den Gottesdiensten

 

In der Zeit, in der Gottesdienste nicht möglich sind, werden Pfarrer Frei und Pfarrerin Grefe-Schlüntz ihre Predigten für die Gottesdienste online einstellen.

 

 

Hier finden Sie sie die Predigttexte.

 

  • add 11.04.2021: Der Lebende – Predigt über Lukas 24,5 am Sonntag Quasimodogeniti – (Pfr. Frei)

    Predigt als PDF 563KB

    Die Auferstehung von Jesus war und ist eine Geschichte, die ein geheimnisvolles und unfassbares Leben beschreibt. Den Auferstandenen können die Frauen und Männer, denen er sich zeigt nicht festhalten. Mal sehen sie ihn gar nicht, dafür aber Engel die von ihm sprechen, mal taucht er auf, spricht ganz klar und verständlich mit ihnen, aber sie erkennen ihn nicht sofort. Nach einem bestimmten Wort oder einer bestimmten Geste merken sie plötzlich, wen sie vor sich haben. Und meistens geht es gar nicht lang und Jesus ist wieder fort, so plötzlich wie er gekommen ist. So ging das seit dem ersten Ostersonntag 40 Tage lang. Immer wieder tauchte Jesus auf, der Lebende – dann fuhr er zum Himmel auf. Doch auch danach hörte es nicht auf, dass er Menschen begegnete – voller Leben – bis zum heutigen Tag.

     

    Aber wo suchen wir Jesus? Ist er für uns vielleicht auch eher bei den Toten zu finden, wie damals als drei Frauen auf dem Weg zum Friedhof waren? Bestimmt sind sie langsam, zögernd gegangen. Wozu beeilen? Was dort wartet, auf dem Friedhof, läuft nicht davon. Da sind die Toten, von denen geht kein Leben mehr aus. Keine Beziehung, keine Ermutigung, keine Macht. Auch ihr Jesus – tot. Was sie dort sehen werden – den Toten – wollen sie eigentlich gar nicht sehen. Was sie vorhaben – dem toten Jesus die letzte Ehre erweisen – wollen sie eigentlich gar nicht tun.

     

    Der Lebende war ihr Meister. Wenn sie den Toten salben, wird der Verlust nur endgültig.

     

    Doch dann finden sie den Toten nicht. In der Grabhöhle ist es dunkel. „Da müsste er liegen. Hier war er!“ Doch Jesus ist fort.

     

    Stattdessen zwei Männer: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Lukas 24, 5)

     

    Es klingt wie ein Vorwurf. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Als ob die Frauen ein bisschen beschränkt wären: „Warum kommt ihr bloß auf den Friedhof, um Jesus zu suchen? Überall sonst. Aber doch nicht hier bei den Toten! Jesus ist der Lebende!“

     

    Der Lebende! Jesus ist der Lebende!

     

    Von mir sagt man: das ist der Pfarrer. Von einem anderen: das ist der Konditor oder das ist die Friseurin. Von Jesus sagen diese Männer: Das ist der Lebende! Als ob es der Beruf von Jesus wäre, der Lebende zu sein. Sein Wesen. Als ob Jesus immer und überall und grundsätzlich der Lebende wäre.

     

    „Den Lebenden findet ihr nicht bei den Toten! Das ist doch klar!“

     

    Für die Frauen war es nicht klar. Wie auch? Früher – da haben sie vielleicht so etwas gehofft. Dass Jesus anders ist, dass mit ihm eine neue Zeit anfängt, eine neue Welt. Dass die Mächte der alten Welt gegen ihn keine Chance haben. Doch dann haben die Mächtigen der Welt Jesus getötet. Und die Frauen sind hart aufgeprallt auf dem Boden der Wirklichkeit.

     

    Doch die Männer mit glänzenden Kleidern reden vom Lebenden.

     

    Und die Frauen erinnern sich: Ja, Jesus war der Lebende. Er war so eins mit dem Leben. „Da, seht die Vögel! Sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch! Und euch kennt er auch. Jedes einzelne Haar auf eurem Kopf kennt er. Darum, fürchtet euch doch nicht vor denen, die den Leib töten können! Euer himmlischer Vater weiß doch, was ihr braucht.“

     

    Unbeschwert, fröhlich – eins mit dem Leben, eins mit Gott.

     

    Kann es sein, dass das Sterben an diesem Leben einfach abperlt wie Wasser?  Dass Jesus, der damals so unbeschwert, fröhlich, lebendig war, immer noch lebt – obwohl sie ihn gekreuzigt haben?

     

    Zu den Toten hat Jesus tatsächlich noch nie gepasst. Die Frauen erinnern sich, wie einmal einer zu Jesus gekommen ist und gesagt hat: „Herr, ich will bei dir bleiben! Aber ich muss zuerst noch einmal nach Hause gehen und die Beerdigung meines Vaters regeln.“ Darauf Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm!“

     

    Die sich um die Toten sorgen, hat Jesus gesagt, sind selber tot! Das war hart. Für den, der seinen Vater begraben wollte. Aber auch für die anderen. Nicht nur die Verstorbenen sind tot, hat Jesus gesagt. Es gibt Leute, die sind tot, obwohl das Herz ganz normal schlägt. Wer sich zu sehr um die Toten sorgt, wer sein Herz an das Tote hängt, ist schon vor dem Sterben tot.

     

    Damals haben die Frauen gespürt: Für Jesus gibt eine scharfe Grenze. Hier das Leben. Auf der anderen Seite die lebenden Toten. Da will er nicht hin.

     

    Mit der Zeit haben sie gemerkt, wie diese lebenden Toten sind: Sie machen das Leben madig. Ein Gelähmter ist aufgestanden, weil Jesus ihm die Hand gegeben hat. Er hat seine Liegematte unter den Arm geklemmt und ist hüpfend weggegangen.

     

    „Halt, warum trägst du deine Liegematte? Heute ist Sabbat! Da ist es verboten!“
    „Hey, schaut, ich kann wieder gehen! Ich bin geheilt!“
    „Das interessiert uns nicht! Du machst dich strafbar!“

     

    Die lebenden Toten. Mit ihren Gesetzen, Vorschriften, Verordnungen.

     

    Jesus war das Gegenteil: frei, unbekümmert, lebendig. „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm! Bleib auf der Seite des Lebens!“

     

    Jesus war der Lebende. Er hat noch nie auf die Seite der Toten gepasst. Und er hat sich nicht einschüchtern lassen. Um ihn her war Leben, Freude, Leichtigkeit. Und das ist übergeströmt auf die vielen, die bei Jesus waren. Die sind gesund geworden. Auch am Sabbat. Einfach so, ohne Arzt. Nur, weil Jesus da war.

     

    Die lebenden Toten hat das aggressiv gemacht. „Er ist gefährlich!“, haben sie den Leuten gesagt. „Niemand kann einfach so heilen, ohne Medizin. Dieser Jesus kann nicht wirklich heilen. Es ist eine teuflische Illusion!“ Doch Jesus hat sich nicht beirren lassen. Er war einfach er selbst: der Lebende.

     

    Ihm muss aber klar gewesen sein, dass die andere Seite keine Ruhe geben wird. „Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Dort werden sie mich verhaften, auspeitschen und töten. Am dritten Tag werde ich auferstehen!“

     

    „Nein!“, haben die Frauen damals gerufen. „Nicht nach Jerusalem. Nicht dahin, wo die Toten alle Macht haben!“
    Und auch jetzt hat sich Jesus nicht beirren lassen. „Wir gehen!“

     

    „So schlimm wird es schon nicht kommen“, haben die Frauen gedacht. „Jesus ist ja nicht allein. Ihn töten – das werden sie sich nicht trauen.“

     

    Doch es ist so schlimm gekommen. Noch schlimmer. Am Gründonnerstag-Abend wurde Jesus verhaftet. „Gut“, haben die Frauen gedacht, „er hat nichts verbrochen. Morgen werden sie ihn freilassen müssen.“ Doch als die Frauen Jesus am nächsten Morgen wiedergesehen haben, hat er schon am Kreuz gehangen.

     

    Der Lebende?  Die Frauen haben sehr gut gewusst, was Kreuzigung bedeutet: das schrecklichste Ende.

     

    Doch Jesus war auch am Kreuz der Lebende. „Vater, vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun!“, hat er gebetet, als ihn die Soldaten festgenagelt haben.

     

    Zwei andere hingen daneben. Einer hat gestöhnt: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Noch am Kreuz der Lebende! Und schließlich: „Vater, ich gebe meinen Geist in deine Hände!“

     

    Kann es sein, dass Sterben an diesem Lebenden abperlt wie Wasser? Dass Jesus der Lebende bleibt, auch wenn sein Herz nicht mehr schlägt?

     

    Die Männer mit den strahlenden Kleidern sagen es. Ein bisschen unwirsch, vorwurfsvoll: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist doch der Lebende. Ihr wisst es doch! So lange wart ihr ganz nahe bei ihm. So lange ist sein Leben auf euch übergeströmt. Überall könnt ihr ihn finden, aber nicht auf dem Friedhof.“

     

    Fast schon glauben es die Frauen. Sie rennen in die Stadt, zu den Jüngern, wollen sie in die Osterfreude hineinnehmen. Doch stattdessen eine kalte Dusche. Den Jüngern „erschienen ihre Worte, als wär’s Geschwätz und sie glaubten ihnen nicht.“ Was jetzt? Doch zu Ende?

     

    Nein. Jesus ist der Lebende. An ihn muss niemand glauben. Ihn muss niemand finden. Er findet seine Leute. An diesem Ostertag und viele Tage danach. Zwei von den Jüngern haben sich enttäuscht auf den Weg nach Hause gemacht. Unterwegs treffen sie einen Fremden. Der redet mit ihnen, so, dass ihnen das Herz aufgeht. Das Leben kommt zu ihnen zurück und Freude und Leichtigkeit. Und sie wollen den Fremden gar nicht gehen lassen. Bis sie merken: es ist Jesus, der Lebende!

     

    Die anderen Jünger haben sich eingeschlossen, alles dicht gemacht, voller Angst, dass sie die nächsten sein werden, die man ans Kreuz hängt. Und auf einmal ist er bei ihnen und holt sie heraus aus ihrer Selbstisolation: Jesus, der Lebende. Und die Freude kommt zurück und das Leben und sie werden mutig.

     

    Miteinander – die Frauen, die Männer, seine Jünger – merken sie, wie das Leben strömt. Dasselbe Leben, das damals alle, die sich um Jesus gesammelt haben, so lebendig gemacht hat. Es strömt weiter. Und macht lebendig.

     

    Und sie sammeln sich wieder. Die Grenze, die Jesus gezogen hat, steht: „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm!“ Hier ist er, auf dieser Seite, auf der Seite des Lebens. Und hier sammeln sich alle, die sich dem Leben öffnen.

     

    Sie werden mutig. Sie nehmen von dem Überfluss, den der Lebende austeilt. Sie warten nicht, bis sie etwas dürfen, bis ihnen die lebenden Toten vielleicht wieder etwas erlauben. Vergesst die Toten. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Die Toten haben ihre Macht verloren. Denn von Jesus perlt das Sterben ab, wie Wasser.

     

    Und nicht nur von ihm. „Wer an mich glaubt“, sagt Jesus, „wird leben, auch wenn er stirbt!“ Wer sich bei mir sammelt, auf den geht das Leben über. Das Leben, von dem das Sterben einfach abperlt.

     

    Amen.

     

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  • add 04.04.2021: Predigt zu Ostern, über Johannes 20, 11-18 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

    Predigt als PDF 286KB

     

    Durch den neuen Morgen sind Sie heute gekommen, um Ostern zu feiern. Wenn wir nachher hinausgehen und hinein in den Ostertag, dann werden die Töne der Osterchoräle mit uns gehen und mit ihnen eine Ahnung dessen, was es bedeutet, aufzuerstehen in das Licht eines neuen Tages, eines neen Lebens. Und trotzdem werden wir dieselben sein wie gestern, wie an Karfreitag und Karsamstag. Wir werden noch immer mit denselben Namen gerufen und noch immer unsere Lebensgeschichte mit uns haben, unsere Erinnerungen und Hoffnungen, unsere Erfolge und all unser Scheitern. Aber wir werden frei sein von Schuld. Befreit einen neuen schriftt wagen. Um aber diese Auferstehung mitten im Leben zu erfahren, gehen wir noch einmal durch die vergangene Nacht. Wir begleiten Mara von Magdala, Der Predigttext aus dem Johannesevangelium führt uns zu ihr. Ich lese aus Kapitel 20, die Verse 11-18.

     

    Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häuten und einen andern u den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du ? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, du hast ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni! Das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater: Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

     

    Maria Magdalena stand am Ostermorgen draußen auf dem Friedhof – in Tränen. Ob sie in jener Nacht überhaupt Schlaf gefunden hat? Hat sie schwer wie Blei in traumloser Erschöpfung gelegen oder sich unruhig auf ihrem Lager hin- und her gewälzt? Lag sie wach- im Gegrübel und dem immer aufs neue vergeblichen Versuch, zu verstehen, was geschehen war?

     

    Die schrecklichen Bilder der letzten Zeit – alles wird sich ineinander verwoben haben, ein endloser Film, der einfach kein gutes Ende findet. Das kennen wir ja auch – aus Zeiten der Trauer und der Trennung….eigentlich ist man viel zu erschöpft u zu schlafen, viel zu aufgewühlt, um wirklich Ruhe zu finden, die Tränen sind längst alle. ES bleibt das Warten auf den neuen Morgen, damit man endlich aufstehen kann. Dem Grübeln entrinnen, das Gesicht waschen, die müden Knochen und schmerzenden Schultern ausstreichen – und dann das Fenster öffnen oder die Tür, hinaustreten in die kühle Luft – und spüren: wir leben noch.

     

    Und ist es nicht ein Wunder, dass der Morgen so wohltuend, die Sonne doch noch aufgegangen, das Dunkel tatsächlich gewichen ist?

     

    So stelle ich mir Maria an diesem Morgen vor. Sie streicht sich das Haar aus der Stirn und lässt ihr Gesicht einen Moment in den Händen ruhen. Und dann tritt sie vor die Tür und ihre Füße finden den Weg zum Grab vermutlich fast von allein. Wo sollte sie auch sonst hingehen – mit dieser Verlassenheit an diesem Morgen? Wahrscheinlich hat sie gar nicht mehr daran gedacht, dass Jesus davon gesprochen hat, nach drei Tagen aufzuerstehen – diese Rede war ihr eh unbegreiflich gewesen und hatte keinerlei Widerhall in ihrem Herzen gefunden. An ein “danach“ und sei es schon in drei Tagen hatte sie überhaupt gar nicht denken wollen, denn sie wollte keinen Abschied, kein Ende. Sie wollte leben mit ihm und Leben gestalten, hier und jetzt, nicht irgendwann und irgendwo anders.

     

    Aber so ist es nicht gekommen.

     

    Jesus hat seinem Ende entgegengesehen und alles Leiden, alle Demütigungen ertragen. Es kam, wie es musste und niemand hat das Unglück verhindern können. Es sei denn vielleicht, wenn die Menschen nach ihm und nicht nach Barabas gebrüllt hätten, wenn Judas ihn nicht verraten hätte, wenn Pilatus mutiger gewesen wäre – dann vielleicht.

     

    Aber jetzt ist das alles müßig.

     

    Maria tut das, was seit jeher Menschen angesichts des Todes tun. Während alle anderen ihrem Alltagsgeschäft nachgehen, läuft sie zum Friedhof, zu Jesu Grab.

     

    Wir wissen: Maria findet das Grab leer. Und sie findet einen Engel dort sitzen. Aber Maria kann weder in dem leeren Grab noch in der Anwesenheit der Engel Zeichen der Auferstehung sehen. Sie rechnet nicht mehr mit Wundern Der Gärtner möge doch bitte den Leichnam wieder herbringen. Die Nerven liegen blank, die letzten Tage und Nächte waren schrecklich. Da spricht der vermeintliche Gärtner sie an. Und legt in ihren Namen, seine Stimme und ihre Geschichte, alles, was war und alles, was so grausam zu Ende gegangen ist. „Maria!"

     

    Es ist, als ob sie aus einem bösen Traum erwacht, Lachen und Weinen, Tränen der Freude und der Erleichterung – Gott sei Dank! Das es das gibt! Es ist nicht zu Ende und doch noch gut ausgegangen….

     

    Wie viele Menschen hoffen, dass irgendwann die Tür geht und sie die vertrauten Schritte, den Klang der vermissten Stimme hören… dass endlich alles wieder normal wird und weitergeht, der Albtraum zu Ende ist.

     

    Aber so wird es nicht sein, so ist es auch für Maria nicht. So ist Auferstehung nicht gemeint. „Rühr mich nicht an!“ sagt Jesus, „denn ich bin noch nicht aufgefahren.“

     

    Rühr mich nicht an, denn es ist nicht mehr wie früher. Rühr mich nicht an, das Alte ist unwiederbringlich vorbei. Wir müssen Karfreitag realisieren, uns an ihm wund reiben, den Schmerz erleiden – es ist kein böser Traum, sondern ein wirklich es Unglück, dass uns um de Schlaf bringen kann. Der Tod greif noch immer unbarmherzig in unser Leben ein.

     

    Aber es ist nicht das Ende.

     

    Die Nacht geht vorbei.

     

    Der Morgen kommt.

     

    Und mit ihm neues Leben und Gottes Nähe.

     

    Ganz anders als wir dachten, ganz anders als wir es uns vorstellen können – aber so befreiend und erhellend, wie Licht in dunkler Nacht, denn Jesus Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

     

    Amen.

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  • add 04.04.2021: Predigt zu Ostersonntag, von Pfr. L. Frei zu 2. Mose 14 – In Gottes Machtbereich

    Predigt als PDF 546KB

     

    Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein. (2. Mose 14,14)

     

    Dieser Satz stammt aus einer berühmten Geschichte. Es ist die Geschichte vom Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer.

     

    Gott hatte die Israeliten durch die Wolken- und Feuersäule ans Schilfmeer geführt. Vor ihnen lag nun undurchdringliches Wasser, links und rechts von ihnen war kilometerweit nur Schilfufer. Und als sie plötzlich merkten, dass das ägyptische Heer hinter ihnen herkam, da machte sich Panik breit unter den Israeliten. Denn ihnen war sehr schnell klar – jetzt gibt’s keinen Ausweg mehr. Wir sind verloren.

     

    Sie haben zu Mose geschrien: Warum hast du uns aus Ägypten geführt? Wären wir doch lieber dort geblieben. Es wäre besser, wenn wir als Sklaven in Ägypten gestorben wären, als hier in der Wüste zu getötet zu werden.

     

    Sie kennen die Geschichte. Sie wissen, wie sie ausgeht. Gott ließ schließlich einen Ostwind kommen und teilte das Wasser. Durch Schlamm und Matsch führte Gott sein Volk mitten durchs Schilfmeer in die Freiheit und das ägyptische Heer stürzte er in die Fluten.

     

    Doch warum hatte Gott sein Volküberhaupt in diese ausweglose Situation gebracht? Mose gibt noch vor dem Wunder Antwort darauf: Der HERR wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.

     

    Dass es Gott ist, der wirkt, das wird ja wirklich erst dann klar, wenn es keinen Ausweg mehr gibt. Keiner konnte nach dem Durchzug durchs Schilfmeer noch sagen: „Weil wir diese oder diese Maßnahme ergriffen haben, deshalb sind wir jetzt frei von den Ägyptern.“ Nicht einmal Mose konnte das sagen.

     

    Ich habe mich gefragt, warum es Gott wichtig war, dass die Israeliten nichts mehr tun konnten außer auf Gott zu vertrauen. Das haben Sie ja nicht einmal getan, sie waren so in Panik, dass sie den Satz von Mose wahrscheinlich für vollkommen irre gehalten haben. Wieso also hat Gott diesen Weg für sein Volk gewählt?

     

    Ich denke, wenn wir Menschen einen Ausweg aus einer Krise finden, dann sind wir ungeheuer stolz darauf. Schnell sind wir der Überzeugung, dass die Überwindung einer Krise, oder auch unsere Gesundheit, unser Reichtum oder unser Erfolg – dass all das seinen Grund in unseren klaren Entscheidungen und beherzten Taten hat.

     

    Stolz sein ist nicht falsch, wenn uns etwas gelingt, aber wenn wir der Überzeugung sind, dass es unsere klugen Entscheidungen oder Taten waren, die zum Erfolg geführt haben, dann macht uns das höchstwahrscheinlich hart. Wie komme ich darauf?

     

    Unsere Überzeugungen, unser Glaube, ist der stärkste Antrieb in unserem Leben. Wo wir überzeugt davon sind, dass unsere Entscheidungen und Taten zum Erfolg geführt haben, da werden wir diesen Glauben auch anderen aufdrücken wollen, die nach uns kommen – es hat ja gut funktioniert. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Schule. Wir alle sind zur Schule gegangen und wir kennen Schule nur so wie sie ist: ein Schulgebäude mit unterschiedlichen Klassenstufen und mit Lehrern. Es gibt sie in vielen Variationen, aber in den genannten Punkten sind sich alle gleich. Dass aus uns etwas geworden ist – so sind wir der Überzeugung – liegt in einem gewissen Teil auch am Schulsystem. Selbst wenn wir es vielleicht nicht gemocht haben.

     

    Doch unsere Überzeugungen verengen letztlich die Sicht, denn andere Wege können wir gar nicht mehr wahrnehmen. Manchmal geht das sogar so weit, dass wir andere Wege und Denkweisen nicht einmal mehr zulassen – wir beginnen zu zensieren. Weil wir so an unseren Überzeugungen hängen, machen wir immer mehr vom gleichen und zerstören am Ende womöglich mehr als wir meinen gerettet zu haben. So kann uns der Erfolg also hart machen.

     

    Deshalb ist es wichtig, dass Gott sein Volk in die Enge führt. Beim Durchzug durchs Schilfmeer erkennen sie: Gott hat alles in der Hand. Wenn wir uns über etwas rühmen wollen, z. B. dass wir frei sind, dass wir gesund sind oder Erfolg haben, dann können wir nur sagen: Gott hat uns dorthin gebracht.

     

    Jede andere Erklärung, die auf die Entscheidungen und Taten der Menschen verweist, wird uns letztlich hart machen.

     

    Den Tod können und müssen wir auch begreifen als eine ausweglose Situation, wie am Schilfmeer. In diese Enge werden wir alle einmal geführt.

     

    Jesus Christus hat an Ostern etwas ans Licht gebracht: Gott hat durch ihn einen Weg durch das scheinbar endlos dunkle Meer des Todes geschaffen. Darum können wir uns seit Ostern sogar auf das Sterben freuen.

     

    Denn es bedeutet nichts weiter, als das auch wir letztlich in diesen sagenhaften Machtbereich Gottes geführt werden, in dem wir eigentlich schon immer sind, den wir aber nur so schwer wahrnehmen. Wenn es ans Sterben geht, gibt es keinen menschlichen Ausweg mehr. So hart wir auch gewesen sind in unserem Leben, so viel wir auch geleistet haben, so stark auch unsere Überzeugungen sein mögen – hier hilft nichts mehr. Hier hilft uns aber der Auferstandene und führt uns durchs Dunkel des Todes in sein Licht voller Gnade und Barmherzigkeit, in eine Freiheit, die wir uns nicht erträumen können.

     

    Doch auf diese Macht von Jesus Christus brauchen wir nicht zu warten bis wir sterben. Die ist jetzt schon da. Sie war schon immer hier, denn Jesus durchschreitet alle Zeiten. Das Geheimnis seiner Macht ist Folgendes: da, wo wir in die Enge getrieben und schwach sind, da wird er uns wundersame Wege öffnen und mit seiner Kraft erfüllen. Wenn wir das erleben, dann merken wir es ganz real: Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

     

    Halleluja.

     

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  • add 02.04.2021: Predigt zu Karfreitag über Jesaja 52, 13-15; 53, 1-12 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

    Predigt als PDF 346KB

    Lange bevor Jesus lebte, erlebte das Volk Israel eine sehr bedrückende Zeit. Jerusalem, Israels heilige Stadt, war zerstört worden. Große Teile des Volkes waren verschleppt und deportiert worden. Die Menschen fragten sich, warum Gott ihnen dieses Schicksal zumutete. Dass er sie in die Fremde schickte, ihnen alles nahm, was sie gehabt hatten, dass er es zuließ, dass der Tempel, der Ort seiner Gegenwart, wo sie gebetet und seine Nähe gesucht hatten, zerstört worden war. War das eine Strafe Gottes? Hatte er sie fallen lassen? Ihre ganze Identität stand auf dem Spiel. Wer sind wir noch? Fragen sie sich. Wo ist Gott zu finden, wenn der Tempel in Trümmern liegt? Die Klagelieder Jeremias und einzelne Klagepsalmen geben Einblicke in die damalige Erschütterung und die Leiden der verschleppten Juden.

     

    Im Jesajabuch kann man behutsame Antworten auf diese Fragen lesen. Dabei spielt die Gestalt des Gottesknechts eine große Rolle. Wenn bei Jesaja vom leidenden Gottesknecht gesprochen wird, dann ist damit nicht unbedingt ein einzelner Mensch, sondern durchaus auch das zerrissene Volk Israel gemeint. Und hier, wo Jesaja von diesem Gottesknecht, von dem zerrissenen Volk Israel spricht, das so zerrissen ist in dem Glauben, dass ihr Schicksal eine Strafe für sein Verhalten ist, hier widerspricht Jesaja diesem vorherrschenden Denken. Er widerspricht dem Zusammenhang von Leid und Schuld. Er widerspricht dem, dass erfolglose und durch Krankheit gezeichnete Menschen für von Gott verlassene Personen gehalten wurden. Vorsichtig löst er den Zusammenhang von Schuld und Strafe auf. Dass das Volk Israel in alle Winde zerstreut ist, ist nicht Gottes Strafe, sondern die Folge von Ichbezogenheit und Gleichgültigkeit. Und er sagt, dass es Gott nicht über das Herz bringen würde, sein Versprechen an Israel Lügen zu strafen. Seine Zusagen, seine Verheißungen sind fest und unverbrüchlich. Hören wir aus Jesaja 53:

     

    Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder - , so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren. Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unser Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volkes geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen, denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

     

    Da ist also einer, dem geht es schlecht. Wie gesagt, es muss nicht eine einzelne Person gewesen sein, dieser Gottesknecht. Meist hat man wie gesagt das ganze Volk Israel mit diesem Gottesknecht gemeint, Israel, wie es einst von Gott auserwählt war, nun aber zerschmettert, in alle Winde zerstreut und ein Bild des Jammers ist. Israel trug die Folgen seiner verhängnisvollen Politik und musste dafür bezahlen. DAS war seine Krankheit. Für viele sah es so aus, als ob gott selber seine Hände im Spiel gehabt hätte. Jesaja aber hält dagegen. Es war der Weg eigensüchtiger Menschen, der ein so großes Unglück provoziert hatte: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“

     

    Dann lenkt der Prophet den Blick in eine andere Richtung. Eigentlich müssten die Menschen aufhören, im Unglück zu baden, sagt er, und sich als gottverlassene Opfer zu stilisieren. Sollten sie sich doch daran erinnern, dass sie einmal erwählt wurden von Gott, dass Gott sie früher einmal in das Land ihrer Freiheit geführt hatte: „Siehe, meinem Knecht wird es gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten.“ Gottes Knecht Israel ist mehr als man ihm jetzt ansieht. Jesaja warnt vor Gedanken, die den Untergang eines Reiches als endgültig versteht, dem man nur tatenlos zusehen kann. Er glaubt auch bei dem zerrissenen Volk Israel eine neue Form der Gegenwart Gottes, aber keine erhabene, über allem stehende Gegenwart, sondern er glaubt daran, dass Gott mit seinem Volk leidet, dass er an ihrer Seite steht, ihren Weg durch das Leid mitgeht.

     

    Später hat die Kirche diesen Gottesknecht weiter aus dem Alten Testament hinaus auf Jesus übertragen. In dieser leidenden Gestalt hat man Jesus Christus erkannt, wie er verspottet und geschlagen am Kreuz starb. Aber nicht nur das, sondern die Kirche hat auch die Vorstellung weiter ausgebaut, dass Gott ein Opfer braucht, um sich mit den Menschen wieder zu versöhnen. Man hat gesagt, dass Gott wollte, dass ein Volk leidet, dass Gott wollte, dass Jesus leidet. Dass Jesus ein Opfer bringen musste, um Gott mit den Menschen wieder zusammenzubringen. Dabei hat man irgendwie alle Bundesschlüsse und Verheißungen Gottes mit den Menschen vergessen.  In unseren Kirchenliedern ist diese Vorstellung noch sehr gut dokumentiert, zum Beispiel in dem Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“, aber auch in anderen. Bis auf den heutigen Tag quält viele Menschen die Phantasie, dass Gott den Tod Jesu am Kreuz wollte. Dass aber durch dieses Denken der verhängnisvolle Zusammenhang von Schuld und Leid weiter gefestigt wird und tatsächliches Leid dadurch nicht als solches ernst genommen wird, das ist die unbarmherzige Folge daraus.

     

    Wie Jesaja verlässt die Theologie heute dieses Denken. Stattdessen fragt man danach, ob es nicht schon immer Menschen gegeben hat, die den gekreuzigten Jesus nicht als Gottes Opfer, sondern vielmehr als Opfer einer sehr gnadenlosen Vorstellung von Gott gesehen hat.

    Und diese Menschen gibt es tatsächlich. Es waren die Trauernden unter dem Kreuz, es war Jesu Mutter, es war Jesu Jünger Johannes, es war Maria von Magdala. Ich glaube, sie haben gewusst, dass das Leid Jesu, sein Sterben nicht an seiner Verworfenheit und seiner Schuld lag, sondern dass in seinem Leiden und seinem Sterben seine Nähe zu Gott und den Menschen zu sehen ist, ich bin sicher, sie haben in seinem Leid Gottes Mitleiden am menschlichen Elend, an menschlicher Not sehen können.

     

    Bleibt die Frage, warum es überhaupt Leid gibt. Warum wir ständig vom Leid reden. Niemand wünscht sich zu leiden, und wir wünschen es niemandem. Oft fragen mich Menschen, warum wir in der Kirche soviel von Leid und Trauer sprechen. Das Leben ist doch schön, lasst uns fröhlich sein und das Leben feiern.

     

    Aber Leiderfahrungen gehört zum Menschsein dazu. Das ist eine Einsicht, die sich früher oder später einstellt. Und inzwischen behaupte ich und bin ich überzeugt: wem diese Erfahrung von Leid fehlt, dem mangelt es an Lebenserfahrung. Wer noch nicht gelitten hat, was weiß der schon vom Leben, hat neulich jemand zu mir gesagt. Ich finde, das ist wahr. Leiden trifft uns, und Mitleid bewegt. Die Erkenntnis, dass Leid auch wie das Glück zum Menschsein gehört, zur Definition von Menschsein gehört, und die eigene Erfahrung von Leid, das öffnet das menschliche Herz. Mitleid entwickelt sich. Und irgendwann stellt sich auch Dankbarkeit ein. Dankbarkeit und damit einen Blick für alles, was trotzdem und in allem gut ist. Irgendwann auch Dankbarkeit für Hilfe und die Fähigkeit, Hilfe als etwas Bereicherndes zu erleben. Das alles sind Erfahrungen, die sensibilisieren, und gleichzeitig stärken und ermutigen.

     

    Karfreitag. Jesus am Kreuz. Blutüberströmt, geschlagen, verspottet, angstvoll, verzweifelt, betend, schreiend. Sich ergebend. Menschliches Leid und in diesem uns ganz nah. Jesus am Kreuz. Gott, der unser Leid kennt. Gott, der mit uns leidet. Karfreitag.

     

    Amen.

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  • add 02.04.2021: Predigt zu Karfreitag, zu Jesaja 52,13 – 53,12 von Pfr. Frei

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    13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren. 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.(Jesaja 52,13 - 53,12)

     

    Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein

     

    Ich erzähle euch heute eine Geschichte von einem Diener Gottes. Er wird erhöht und hoch erhaben sein. Er wird verehrt werden. Gott hat ihn erhöht. Aber er steht nicht an einer Machtposition wie Politiker, Könige oder Wirtschaftsbosse.

     

    Ganz im Gegenteil: die Menschen, die ihn zuletzt gesehen haben waren entsetzt über ihn. Furchtbar hat er ausgesehen. Ganz entstellt.

     

    Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder

     

    Er wurde behandelt wie Vieh. Menschenwürde ade. Er hat sich nicht anpassen lassen an die Wertvorstellungen einer anmaßenden und überheblichen Gesellschaft. Er war anders. Auch das hat zum Entsetzen geführt. Er wurde nicht mehr als Mensch betrachtet.

     

    so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

     

    Aber der Diener Gottes versetzt bis heute Menschen ins Staunen. Könige erbleichen vor seiner Macht. Denn er hat etwas ans Licht gebracht, von dem sie sich nicht vorstellen konnten, dass es möglich ist. Nie hatte man davor so etwas gehört. Wenn das stimmt, dann müssen wir unsere Wege ganz neu bedenken.

     

    Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?

     

    Ich stehe da, mit vielen anderen, die vor mir schon hier standen – in weitaus schlimmeren Zeiten. Wir alle haben es verkündet und wir werden nicht müde, diese Geschichte immer und immer wieder zu erzählen. Aber wer versteht es wirklich? Wer glaubt es wirklich? Glauben heißt ja nicht „für wahr halten“, sondern vertrauen. Wer lässt sich von dieser sagenhaften Geschichte sein Leben bestimmen? Wem offenbart der HERR seinen Arm – seine Macht, die so anders ist als wir es uns vorstellen können? Ich weiß es nicht.

     

    Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

     

    Wenden wir uns dem Diener Gottes zu. Er war schon etwas besonders, wie etwa ein grünes Pflänzchen auf dürrem Land. Aber nicht, weil er ein Hochgeborener war – adlig oder ein Kind einer berühmten Person.

     

    Auch hat er nicht besonders gut ausgesehen, wie die Models aus der Werbung. Äußerlich war er absolut unauffällig. Ganz im Gegenteil:

     

    Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

     

    Was will man von so einem erwarten? Der Mainstream hat ihn gemieden. Mit dem wollte niemand, der sich für wichtig hielt etwas zu tun haben. Der Mainstream sagte: Lächerlich – was hat er für eine Ausbildung? Was hat er vorzuweisen? Kein Studium, kein Doktortitel! Wo sind seine Veröffentlichungen? Wo sind seine weltlich anerkannten Zeugnisse? Man strafte ihn mit Verachtung.

     

    Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

     

    Doch es war gerade andersherum. Diejenigen, die laut von Solidarität und Zusammenhalt schrien, ließen die Kranken allein. Sie machten einen Bogen um sie. Klar – Essen vor die Tür stellen oder mal einkaufen gehen – das war kein Problem; doch weiter ging ihre Solidarität nicht. Er war anders. Er ging zu ihnen hin – zu den Kranken und Schmerzverzerrten. Er achtete weder sie noch sich als tödliche Gefahr, sondern er brachte Lebendigkeit. Er scheute sich nicht ihnen gleich zu sein – krank, voller Schmerzen und verlassen von den Menschen. Doch gerade dadurch brachte er ihnen das Leben und neuen Mut. Er solidarisierte sich mit den Kranken, weil er ihre Krankheit ertrug und keinen Abstand hielt. Ja, er berührte sogar die Aussätzigen.

     

    Als er nun so darniederlag und von allen verachtet wurde, da sagten die Menschen über ihn: das ist jetzt der Lohn für seinen Weg. Da seht ihr was Gott mit einem macht, der sich nicht an das Gesetz und die Regeln hält.

     

    Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

     

    Aber jetzt sehen wir es klar. Er trägt die Schuld, die wir nicht bereit waren zu tragen. Er hat sich nicht gescheut Verantwortung zu übernehmen. Denn Verantwortung kann man nur übernehmen, wenn man sich auch schuldig machen kann. Wir alle haben uns hinter dem Gesetz versteckt – so, dass wir am Ende sagen konnten: „wir haben doch alles richtig gemacht. Wir haben doch nur getan, was uns befohlen wurde. Wir sind unschuldig.“ Wir wollten die Schuld gerne weiterschieben statt Verantwortung zu übernehmen, so wie Adam und Eva. So haben es alle gemacht. Sogar die Obersten – deshalb haben sie ja die vielen Gesetze erlassen. Damit sie am Ende sagen können: wir haben alles getan, was man hätte tun können, koste es was es wolle. Wir wollten es nur richtig machen, wir sind unschuldig.

     

    Doch der Diener Gottes hat die Schuld auf sich genommen, damit wir uns nun nicht mehr eine Lüge vorspielen müssen. Die Lüge nämlich, dass wir schuldlos durchs Leben kommen können und die Verantwortung auf andere schieben können. Diese Lüge war mit einem unerträglichen Druck verbunden: ja nichts falsch machen. Du darfst dir keinen Fehler erlauben, den du nicht mehr wieder gut machen kannst. Er hat die übelsten Zurechtweisungen ertragen, damit wir Frieden bekommen können. Er hat diesen Konflikt auf sich genommen, den keiner von uns übernehmen wollte und hat uns gezeigt, wer wir wirklich sind. Das hat uns Frieden gebracht. Seine Wunden haben uns geheilt von unserer verrückten Idee, nicht schuldig werden zu dürfen.

     

    Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

     

    Jeder schaute nur nach sich. Jeder wollte gut durchkommen und am Ende vor den anderen gut dastehen. Allein darum ging es uns. Hauptsache wir fallen nicht negativ auf. Hauptsache wir sind bei denen, von denen man am Ende sagt, sie seien die Guten. Wie töricht waren wir! Was haben wir alles an eigener Schande und Verletzungen der menschlichen Seele in Kauf genommen. Aber Gott warf unsere Schuld und unser Versagen auf ihn. Gott machte an ihm unsere Sünde, unsere Gewalt, unseren Hass, unsere Unversöhnlichkeit offenbar. An ihm sehen wir zu was wir im Stande sind.

     

    Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

     

    Es ist unglaublich wie Gottes Diener auf diese Brutalität reagierte. Aus seinem Mund hörten wir nie ein Wort des Fluchs, der Verwünschung oder der Empörung über uns Menschen, die ihn so brutal misshandelten. Er nahm die Gewalt der anderen auf sich und schlug nicht zurück. Ihre Wut ließen sie an ihm aus, zunächst mit Worten. Dann irgendwann folgte die physische Gewalt. Zu keinem Zeitpunkt vergalt er das Böse, dass sie ihm antaten mit Bösem. Er ließ es über sich ergehen und selbst in der Stunde seiner größten Schmerzen sprach er Worte der Vergebung.

     

    Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war.

     

    Wie hat er all das ertragen? Das haben wir uns häufig gefragt. Doch jetzt ist es uns klar: es war keine Angst mehr in ihm. Keine Angst vorm Versagen, keine Angst vor dem Tod, keine Angst vor dem Gericht – er war ganz im Vertrauen auf den barmherzigen Gott.

     

    Wir sollten uns klarmachen, für wen er das getan hat. Er wurde getötet, brutal hingerichtet, weil wir nicht zu unserer Schuld und Begrenztheit stehen können. Das hat er für uns erlitten, damit wir wieder frei – im Vertrauen auf Gott, unseren barmherzigen Vater – leben können.

     

    Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

     

    Vielleicht hört es sich übertrieben an, aber ich kann es nicht anders sagen: in allem was er getan hat, hat er niemandem Unrecht getan. Er hat seinen Nächsten gesehen – nicht die Gebote, die man einhalten muss, damit man von anderen gelobt wird. Die Gebote waren für ihn stets Richtschnur auf den Nächsten hin, denn die Gebote sollten dem Menschen dienen und nicht andersherum. Und gerade dadurch hat er das Gesetz Gottes erfüllt.

     

    Aber er wurde wie ein Gottloser und Übeltäter begraben. Faszinierend: Durch seinen Tod hat er sich sogar mit den Übeltätern solidarisiert und ist mit ihnen eins geworden. Was für ein Mensch!

     

    Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen.

     

    Vielleicht fragen wir uns: Wieso Gott? – Gott wählte die Schwachheit um seine Stärke zu zeigen, so wie er das sehr oft tut. Es ist wie bei der Opferung eines Schuldopfers. Das Opfer ist letztlich ein Geschenk Gottes an uns Menschen. Gott braucht das Opfer nicht. Gott kann man nämlich nicht bezahlen. Aber wir Menschen brauchen das Opfer. Denn Gott muss uns zusagen, dass er uns unsere Schuld nicht anrechnet. Denn wenn er das täte: wer kann bestehen? Mit dem Diener Gottes ist der Plan Gottes gelungen: Gott hat uns durch ihn gezeigt, dass er nicht mit uns handelt nach unseren Sünden und uns nicht vergilt nach unserer Missetat.

     

    Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.

     

    Ja, Gottes Diener schaute das Licht. Noch mehr, er brachte uns das Licht und die Fülle des Lebens. Durch seine Erkenntnis, dass Gott der Lebendige ist, der seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse, schaffte er – der Gerechte – uns die Gerechtigkeit. Denn in ihm gilt weder Frau noch Mann, weder Sklave noch Freier, weder krank noch gesund. Und er trägt unsere Sünde – wir brauchen uns also nicht davor zu fürchten, schuldig zu werden. Gottes Diener ist ja da, der die Sünde getragen hat und uns beisteht. Er kommt zu uns, auf unsere Ebene, damit auch wir zu unserer Schuld stehen können: Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben worden! Vergiss das  nicht.

     

    Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

     

    Genau deshalb, weil er uns gleich geworden ist, weil er den Übeltätern ein Übeltäter geworden ist durch seinen Tod, deshalb ist er für sie die Rettung. Auch für mich Übeltäter gilt das. Ich brauche mich nicht zu verstecken hinter Gesetzen um meine Schuld zu verheimlichen. Ich brauche mich auch nicht zu verdammen für Schuld, die ich nicht mehr wieder gut machen kann.  Ich kann sie tragen, weil ich getragen bin. Der Diener Gottes hat uns gezeigt, dass Gott dem Elenden hilft und Schuld vergibt – ja noch mehr, dass er uns ewiges Leben gibt aufgrund seiner Barmherzigkeit und nicht wegen unserer Werke.

     

    Darum, lasst uns umkehren zu Christus, dem größten Diener Gottes, und ihm Nachfolgen und selbst zu Dienern Gottes werden. Was gibt es größeres zu erreichen?

     

    Amen

     

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© alle Bilder dieser Seite: Frank Zisler

Texte und Predigen: Ditta Grefe-Schlüntz, Lukas Frei, Markus Deutsch