Predigten zu den Gottesdiensten ab 20.12.2020

Übersicht der Predigten

17.01.2021: Predigt zu Joh 2, 1-11: „Hochzeit zu Kana“ von Pfr. Lukas Frei 17.1.2021 finden Sie hier

10.01.2021: Predigt über Römer 12, 1-8 zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

06.01.2021: Predigt zu Epiphanias, 6. Januar 2021, über Jesaja 60, 1-6 von Pfarrerin Grefe-Schlüntz finden Sie hier

03.01.2021: Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest (3. Januar 2021) über Lukas 22, 41-52 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

1.01.2021: Predigt zu Neujahr über die Jahreslosung „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6, 36 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

31.12.2020: Predigt zum Altjahrabend 2020 (Silvester) von Pfr. Lukas Frei finden Sie hier

25.12.2020: Predigt zum 1. Feiertag von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz über Jesaja 52, 7-10 finden Sie hier

24.12.2020: Predigt zur Christmette über Jesaja 11, 1-10, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend  (Grossvillars) von Pfarrer Lukas Frey finden Sie hier

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend über Jesaja 9, 1-6 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

20.12.2020: Predigt zum 4. Advent über 1. Mose 18, 1-2.9-15 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz finden sie hier

Predigt zu Joh 2, 1-11: „Hochzeit zu Kana“ von Pfr. Lukas Frei 17.1.2021

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1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Joh 2,1-11

 

An Hochzeit zu denken im Winter, dazu noch in einer Zeit in der es denkbar schwierig ist zu heiraten und es sogar gesetzlich verboten ist im großen Kreis zu feiern – das ist seltsam.

 

Nicht weniger seltsam ist die Situation in die uns diese Hochzeits-Geschichte selbst hineinführt.

 

Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Auf den ersten Blick sehen wir einen Hof mit einem Haus im alten Israel, vor dem Haus Wasserkrüge für die Waschungen nach dem biblischen Gesetz – ein frommes Haus also –  und drinnen wird der schönste Tag des Lebens für das Hochzeitspaar gefeiert. Ganz viele Gäste feiern mit. Sogar Jesus, seine Mutter und seine Jünger.

 

Beim zweiten Blick aber wundern wir uns: Der Wein geht aus, so lange das Fest noch voll im Gang ist. Ja konnte dieses Hochzeitspaar nicht rechnen? Das gibt es doch nicht.

 

Aber nicht nur der Wein geht aus. Draußen, die Krüge für die religiösen Waschungen sind leer. Jesus musste sie ja erst mit Wasser füllen lassen. Dabei hätte es bei so vielen Leuten, die miteinander essen genug Bedarf für Wasser zur Reinigung gegeben – sobald einer zurückkommt, der mal austreten war.

 

Doch so eindrucksvoll die Krüge neben dem Eingang stehen – sie sind nutzlos.

 

In diesem Haus ist vieles nur Fassade. Auch der Speisemeister, heute würde man sagen: der Chef des Catering- Service, der das Fest ausrichtet hat keinen Überblick über den Weinvorrat. Und das Hochzeitspaar bekommt von allem sowieso nichts mit.

 

Wirklich seltsam: Diesem Fest droht der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Und gerettet wird es nur von einem zufälligen Gast am Rande. Durch ihn bleibt die Fassade heil. Nur ein paar wenige haben etwas mitbekommen. Der Rest tanzt und trinkt ohne Unterbrechung.

 

Wie gesagt, eine seltsame Geschichte. Aber so seltsam diese Geschichte ist, ich denke, sie ist uns überhaupt nicht fern. Das ist bei uns nämlich gerade ganz ähnlich, dass vielen plötzlich der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Die Welt, wie wir sie vor 11 Monaten noch kannten, zerbricht vor unseren Augen. Vielleicht wird 2020 einmal eine Jahreszahl sein wie 1914 oder 1939 – ein Knick in der Weltgeschichte. Auf jeden Fall gibt es ein Vorher und Nachher.

 

Momentan wird vielen klar, dass wir ja die ganze Zeit über gar nicht auf festem Boden unterwegs waren, dass das Eis schon lange dünn war. Und jetzt ist es gebrochen.

 

Nur haben wir die ganze Zeit vorher gelebt, als ob uns nichts passieren könnte. „Wir haben alles im Griff! – mit unserer fortschrittlichen Technik werden wir mit allem fertig werden.“

 

Aber wir haben nichts im Griff. Und trotzdem probieren wir mit immer härteren Bandagen die Situation wieder unter Kontrolle bringen zu können. Mehr vom Gleichen (beispielsweise Einschränken) statt etwas Neues zu wagen, das ist die Devise. Das führt am Ende ins Verderben. Hilflos suchen wir mit immer mehr technischer Überwachung wieder Herr der Lage werden zu können. Das Heil, oder um im Bild zu bleiben „den festen Boden unter Füßen“ – den suchen wir in der Technologie, medizinisch und digital. Das uns von dort die Hilfe kommt, daran glaubt der Großteil unserer Gesellschaft.

 

Der Glaube wird wieder zum Thema – er beschreibt das, woran wir uns halten. Doch wie steht es mit unserem Glauben an Gott? Es kann durchaus sein, dass er ist wie diese Krüge vor dem Festsaal: Von außen ganz ansehnlich. Aber inwendig leer.

 

Der Vorrat, aus dem wir Kraft, Gesundheit, Energie schöpfen. Es kann durchaus sein, dass er zur Neige geht. Doch wir merken es noch nicht einmal, selbst in dieser Lage, weil wir immer noch der Überzeugung sind, dass wir es irgendwie noch schaffen können – wir brauchen nur auf die technologischen Lösungen der Menschen zu warten, die ja auch schon in den Startlöchern sind.

 

Die Mutter Jesu war die erste, die gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Sie hat nicht groß Alarm geschlagen, sondern hat Jesus angestupft: „Du, sie haben keinen Wein mehr.“

 

Doch Jesus hat nicht postwendend reagiert. Er hat nicht einmal beruhigend zu seiner Mutter gesagt: „Keine Sorge, ich mach das schon.“ Ganz im Gegenteil: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!“ So drastisch hat Luther übersetzt.

 

Ist das nicht oft genug unsere Erfahrung, wenn wir etwas von Jesus wollen? Nichts geschieht, gar nichts. Obwohl es dringend wäre. Obwohl wir inständig bitten.

 

Aber es tut sich nichts. Und dann lassen wir sehr schnell die Hoffnung auf ihn fahren und fühlen uns bestätigt in unserem Verdacht: Wenn’s wirklich ernst ist, kann uns Jesus nicht helfen. Dann brauchen wir eben andere Lösungen.

 

Maria ist hier interessant. Sie hat die Hoffnung nicht fahren lassen. Sie hat sich nach der schroffen Abfuhr nicht gekränkt zurückgezogen.

 

Zu Jesus hat sie nichts mehr gesagt. Aber zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ Was für ein Vertrauen – und was für eine bemerkenswerte Geduld. Maria hat den zweiten Satz von Jesus ernst genommen: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“ Sie hat gewusst, dass Jesus sich nicht drängen und nicht zwingen lässt. Aber dass er weiß, was nötig ist. Und dass er nicht vergisst, was man ihm einmal gesagt hat.

 

Wenn wir dieses Vertrauen und diese Geduld von Maria auch hätten! Das Vertrauen, dass, wenn Jesus jetzt nichts tut, das wohl seinen Sinn hat.

 

Denn hätte Jesus sofort mit dem Finger geschnippt und die Weinfässer wären wieder voll gewesen, dann wäre das Fest zwar weitergegangen, aber außer der Fassade hätte Jesus tatsächlich nichts gerettet.

 

Weil Jesus nicht mit dem Finger geschnippt und die Fässer wieder mit Wein gefüllt hat, ist diese Hochzeit für die Jünger und Maria jedoch der Anfang einer neuen Zeit geworden. Das wird am Schluss der Geschichte festgestellt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa. Und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

Glaube kommt aus der Geduld, aus dem Warten.

 

Denn: Glaube braucht, dass wir verstehen, wo in unserem Leben der Wurm drin ist.

 

Deshalb hat Jesus für die Rettung des Festes einen weiten Anlauf genommen. Und bei diesem Anlauf hat er aufgedeckt, wie leer das ausgelassene Leben dieser ganzen Hochzeit innen ist.

 

Vielleicht ist es immer so, wenn Jesus uns rettet. Dass er einen weiten Anlauf nimmt. Dass er uns auf einen Weg schickt. Wie die Diener. „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser!“

 

„Wieso? Im Moment braucht doch kein Mensch Wasser. Sondern Wein. Wenn wir jetzt etwas tun, dann schauen wir, ob irgendwo noch eine Tankstelle offen hat, wo wir Wein bekommen.“

 

Wenn es irgendwo fehlt, sind wir ganz schnell überzeugt davon, dass wir wüssten, was helfen kann. Schon im März 2020 wurde uns eingetrichtert, dass es nur eine Möglichkeit gibt, wieder in die Normalität zurückzukehren: eine Impfung. Und genau dorthin sind wir als Gesellschaft hingerannt, haben Unmengen an Geld und Anstrengung unternommen, möglichst schnell ein Ergebnis zu bekommen. Unsere Gedanken sind wie in einem Tunnel gefangen, ausgelastet von der angespannten Situation, sodass wir manchmal nicht einmal mehr zum Denken kommen.

 

Wenn nun die wirkliche Rettung etwas ganz anderes von uns verlangen würde? Wenn die wirkliche Rettung nicht auf dem direkten Weg zu haben wäre, sondern auf einem Umweg?

 

Wenn Jesus hilft, deckt er zuerst auf, was verkehrt ist. Und auf der Hochzeit hat Jesus aufgedeckt, dass die Wasserkrüge ja leer waren. Dass die Frömmigkeit, der Glaube an Gott ja hohl ist. Dass der angebliche Halt im Leben schon lange nicht mehr benutzt worden ist.

 

Das kann uns auch aufgehen. Vielleicht in dieser Lage, in der wir uns gerade befinden ganz besonders. Eine unkontrollierbare Krankheit hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen.

 

Von Beginn an haben die Kirchen zum Beten aufgerufen und haben vielleicht gehofft, dass schnell wieder alles gut wird. Doch wenn wir beten, geht nicht ruckzuck alles schnell vorbei und es werden wieder alle gesund. Das ist genau dasselbe, wenn wir tatsächlich an einer schweren Krankheit erkranken. In der Regel wird uns genau dasselbe aufgehen, was die Jünger und Maria dort in Kana gemerkt haben: „Die Wasserkrüge sind ja leer. Wie lange ist das her, dass ich ernsthaft mit Jesus, mit Gottes Macht gerechnet habe. Ich bin aus der Übung. Ich bekomme keine Verbindung zu ihm.“

 

An diesem Punkt ist es ein Segen, wenn wir nicht selber wissen wollen, was jetzt dran wäre. Hätten die Diener den Kopf geschüttelt: „Was brauchen wir jetzt das Reinigungswasser!? Priorität hat der Wein!“ und wären dann davongerannt auf der Suche nach einem Laden, der noch offen hat, hätte es kein Wunder gegeben.

 

Das wäre genauso, wie wenn wir sagen: zuerst einmal weder gesund werden, die Sache in den Griff bekommen, alles andere kommt danach.

 

Nein. So geht es nicht. Das andere kommt nicht danach, sondern ist Voraussetzung. Wenn Jesus rettet, deckt er immer zuerst auf, wo der Wurm drin ist. Oft wird das genau das sein: dass wir uns abgewöhnt haben, den Glauben zu praktizieren. Es geht doch auch so, ohne den praktizierten Glauben. Jesus sieht das anders: „Nehmt euren Glauben wieder in Betrieb!“

 

Vielleicht erscheint uns das überflüssig, ja vielleicht unsinnig. Wenigstens so lange uns die Krankheit noch bedroht. So wird es den Dienern gegangen sein, als Jesus, nachdem sie die Krüge gefüllt haben, gesagt hat: „Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister!“

 

„Was soll das? Wir machen uns doch lächerlich!“ Sie haben es trotzdem getan. Und so ist das Wunder geschehen.

 

Und das Wunder war, dass die Inbetriebnahme der Glaubensgefäße nicht ein blutleerer Ritus war. Sondern aus dem Wasser ist Wein geworden. Und bei Jesus steht Wein für Blut. Und Blut steht für Leben.

 

Das ist für die Bibel anders als für unser Gefühl. Wir bringen Blut eher mit Tod in Verbindung. In der Bibel jedoch steht Blut, das in unseren Adern kreist und uns lebendig hält, ganz für das Leben.

 

So ist die Geschichte vom köstlichen Wein in den alten Glaubenskrügen eine Geschichte vom neuen Leben. Auf geheimnisvolle Weise erzählt. Aber doch ganz handfest.

 

Vor allem, weil die Geschichte uns vor Augen führt, wie Jesus rettet. Dazu holt er weit aus. Er kümmert sich anscheinend nicht um unsere wirklichen Probleme, sondern fordert uns zu einer neuen Praxis des Glaubens auf. Doch in Wahrheit ist das kein Umweg, sondern der kürzeste Weg zur Rettung. Denn aus dem Glauben an Jesus Christus wird Leben – so wie aus dem Reinigungswasser der Wein.

 

Was nach direkterem Weg aussieht, wo es mit weniger Geduld und weniger Vertrauen zu gehen scheint, rettet nicht. In Kana ist das Fest nur weitergegangen, weil die Mutter Jesu Geduld und Vertrauen –  und weil die Diener auf Jesus gehört haben, auch ohne den Sinn zu verstehen.

 

Die meisten Festgäste haben von all dem nichts mitbekommen. Aber für einige war es der Beginn einer neuen Zeit.

 

Amen.

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Predigt über Römer 12, 1-8 zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Der Predigttext für diesen Sonntag heute steht im Brief des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Rom. In Kapitel 12, die Verse 1-8 heißt es: „Ich ermahne euch, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.“

 

Während ich mir Gedanken zu diesem Predigttext mache, bin ich innerlich gleichzeitig beschäftigt mit unserer ersten Kirchengemeinderatssitzung als Verbundkirchengemeinde. Denn was vielleicht noch niemand so richtig gemerkt hat: seit dem 1. Januar 2021 sind Großvillars und Oberderdingen eine Verbundkirchengemeinde. Wir gehören zusammen, führen unsere Haushalte zusammen, aus beiden Kirchengemeinderatsgremien wird ein großes Gremium, das neu wählen muss: einen neuen Kindergartenausschuss, einen neuen Bauausschuss, neue Synodalabgeordnete, jemand Neues im Diakoniestationsausschuss. Das alles kommt mir in den Sinn, als ich die Worte des Predigttextes lese. Da ist von Gaben die Rede, davon, dass jeder etwas anders gut kann und dass wir gemeinsam genau deshalb ein gutes Team sind. Das passt irgendwie ziemlich gut in unsere neue Gemeindestruktur, die dabei ist, ihren Weg in die Zukunft zu suchen. Denn es ist ja so: ganz verschiedene Menschen sind wir, ganz unterschiedlich in der Lebenssituation, in den Gedanken, in den Fähigkeiten. Das ist doch eigentlich eine ganz gute Grundlage, um ein Gremium zu bilden, das zusammen ein gemeinsames großes Ziel hat: den Menschen eine gute Gemeinde zu sein, Raum zum gemeinsamen Leben und Glauben zu bieten, wo sie Heimat und Trost finden. Und auch heute Abend finde ich, es ist schon ein gutes Bild für uns, dieses Bild von den verschiedenen Gliedern eines Leibes. Auch ein Bild, das versöhnlich die Verschiedenheit von uns allen unter ein gutes gemeinsames Dach stellt.

 

Und auch für eine Kirchengemeinde ist dieses Bild ein schönes Leitbild. Ganz verschieden sind wir und gehören gerade so verschieden zusammen. Eigentlich bleibt unser Glaube und unser Leben überhaupt nur in dieser Verschiedenheit so lebendig. Dieses Bild mit den verschiedenen Gliedern, die zusammen einen heilen und gut funktionierenden Leib bilden, ist geradezu ein Gegenentwurf zu dem modernen Lebensweltgedanken, dass Menschen, die gerade dieselbe Lebenssituation teilen, zusammen am besten harmonieren. Da wird man zwar von allen Seiten in seinen Ansichten und Empfindungen bestärkt und bestätigt, was sicher zunächst angenehm ist. Aber der Austausch fehlt völlig, das sich aufeinander einstellen, das Sehen aus der anderen Perspektive ist ausgeblendet, und die Gefahr, immer im eigenen Saft zu schmoren, um sich selbst zu kreisen und das Verständnis für die anderen und die Umstände der anderen gleiten einem aus dem Blick, werden immer weniger relevant. Schon von daher gefällt mir der Grundsatz der Verschiedenheit, wie ich dieses Bild mit den verschiedenen Gliedern an einem Leib schon fast nennen möchte, der Grundsatz der Verschiedenheit gefällt mir sehr gut. Er macht uns sozialer, empathischer und ja, auch barmherziger. Denn wir erheben uns so nicht selbst zum Maßstab aller Dinge, sondern lassen uns selbst und unsere Ansichten und Eindrücke ständig hinterfragen, lernen immer auch den anderen sehen und verstehen. Und nicht vergessen: untereinander ist einer des anderen Glied. Untereinander dienen wir einander. Ja, sozial, empathisch und barmherzig.

 

Und genauso könnte dies auch ein Idealbild für die Gesellschaft sein. Also nicht nur ein Idealbild, ein Leitbild für Kirche und Gemeinde, sondern es könnte auch ein sehr fruchtbares Leitbild für die Gesellschaft überhaupt sein. Die Verschiedenheit zum Grundsatz zu machen. Eine Gesellschaft ist nur dann gut und lebendig, sozial, empathisch und barmherzig, wenn sie aus ganz verschiedenen Menschen besteht, die ganz unterschiedlich leben und denken und ganz unterschiedliche Begabungen haben: Junge und alte Menschen, Männer und Frauen, solche, die arbeiten und einen Sozialstaat ermöglichen, und solche, die davon leben können. Eine Gesellschaft, die füreinander da ist. Eine Gesellschaft, in der es selbstverständlich verschiedene Sprachen und Religionen und Kulturen gibt, die diese Gesellschaft reich machen und den Menschen die Selbstverständlichkeit und den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen nahebringt. Kurz eine Gesellschaft, die sich umeinander kümmert, In der untereinander einer des anderen Glied ist. Ein biblisches Bild für Gemeinschaft, die unsere Gesellschaft lebendig, sozial, empathisch und barmherzig machen könnte.

 

Das ist auch ein Grund, warum ich unseren Glauben und unsere christliche Kirche nach wie vor relevant finde in unserer Welt und in unserem Leben. Auch wenn sie unter den Menschen immer mehr an Bedeutung verliert. Auch wenn viele Menschen die Kirche nicht mehr für wichtig halten. Für veraltet und verkrustet. Aus irgendeinem Grund erkennen viele Menschen die Schönheit unseres Glaubens nicht mehr. Erkennen die Schätze nicht mehr, die in den biblischen Texten zu finden sind und doch so wichtig wären und sind für ein gutes Miteinanderleben in der Welt. Ja, das ist auch ein Grund, warum ich unseren Glauben und unsere christliche Kirche nach wie vor relevant finde in unserer Welt. Weil sie der Gemeinschaft der Menschen in der Welt tatsächlich zu einem guten Leben verhelfen könnte. Weil sie uns alle auf den Weg der Barmherzigkeit führen könnte. 

 

Je mehr Verschiedenheit, desto besser, heißt es in unserem Text. Und auch: je mehr wir uns miteinander austauschen über unser Leben und über unseren Glauben, desto besser können wir in diesem Glauben mündig werden. Also urteilsfähig werden. Selbst überlegen und entscheiden, was gut ist und was schlecht, wie wir als Christen handeln sollen und wo unsere Verantwortung und Aufgaben liegen. Wie das Miteinanderleben aussieht, wie Gott es gemeint hat. „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Durch den Austausch miteinander können wir versuchen, das Leben und seine Situationen zu beurteilen. Können entscheiden, was richtig ist zu tun. Das erinnert mich wieder sehr lebendig an unser neues Gremium. Auch wenn viele Diskussionen manchmal mühsam und langwierig erscheinen, so sind doch genau sie es, die dazu führen, dass man Entscheidungen gut durchdacht und hin und her gewendet und von allen Seiten betrachtet hat. Nicht nur mit den eigenen Augen und mit dem eigenen Gefühl.

 

So ist es doch vielleicht ganz gut, dass uns dieser Text genau dann gegeben ist, wenn unser großes neues Gremium seine Arbeit aufnimmt. Und sich wohl ein bisschen Sorgen macht, was da so kommt in der Zukunft. Verschiedenheit und Austausch im Glauben, Und ein ganzer bunter Strauß unterschiedlichster Ideen und Begabungen. Und dazu noch Gottes Segen – so müssten wir doch eigentlich auf einem guten Weg sein!

 

Denken Sie an uns, wenn wir am Donnerstag in unsere erste online-Sitzung gehen. Und freuen Sie sich mit uns auf die Zeit, die kommt, wenn wir uns endlich wieder ohne Sorge begegnen dürfen, alle miteinander, so unterschiedlich, wie wir sind.

 

Amen.

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Predigt zu Epiphanias, 6. Januar 2021, über Jesaja 60, 1-6 von Pfarrerin Grefe-Schlüntz

Predigt als PDF 198 KB

Epiphanias – der 6. Januar. Das ist der Tag, zu dem die Erzählung von den drei Weisen aus dem Morgenland gehört, die dem Stern gefolgt sind und dem neugeborenen König, dem Jesuskind in der Krippe, Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen.

 

Epiphanias – das ist die Zeit, in der die Sternsinger unterwegs sind, an den Türen klingeln und vom Stern über Bethlehem singen, und gute Gaben einsammeln, quasi Gold, Weihrauch und Myrrhe in Form von Geldspenden für Menschen in Not in der Welt. Schade, dass es dieses Jahr nicht möglich ist, dass die Sternsinger durch die Straßen ziehen und auf die Häuser die Segensformel schreiben: cmb – Christus mansionem benedicat. Ich hatte mich jedes Jahr schon auf die Kinder gefreut und bin von ihrem jährlichen Engagement immer sehr beeindruckt. Ich denke, es ist eine sehr wichtige Aktion, in der Kinder schon früh dafür sensibilisiert werden, die Not anderer wahrzunehmen und etwas dafür zu tun, sie zu lindern. Es ist eine Möglichkeit, wie wir alle Licht in die Welt bringen können.

 

Davon handelt der Predigttext für Epiphanias. Er steht im Buch des Propheten Jesaja, und dieser Text ist ein Lichttext. Er leuchtet in Worten, die uns sehr vertraut sind, in Worten, die vom Licht erzählen. Jesaja sagt dieses Licht voraus, das da kommen wird, und das über der Krippe Jesu im Stern von Bethlehem zu leuchten beginnt, und dessen Schein keine Grenzen kennt. Keine Grenzen von Ländern und Völkern, keine Grenzen von Konfessionen oder Kirchen. Dieses Licht leuchtet über die ganze Welt und möchte die Herzen aller Menschen erreichen. Dieser Text ist ein Lichttext, und in seinem Schein entdecken wir Spuren von Weihnachten. Hören wir auf die Worte aus Jesaja 60, 1-6:

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh um her: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

 

Ein Lichttext. Er kündigt uns das große Licht an, das die ganze Welt erleuchten wird. Ursprünglich richtete Jesaja diese Worte an das Volk Israel, als es heimgekehrt war aus der babylonischen Gefangenschaft. Endlich waren sie wieder daheim! Aber alles war anders, als sie es sich erträumt hatten. Nicht das schöne leuchtende vertraute Jerusalem, keine blühenden Landschaften. Sondern Streit und Missgunst. Was gehört wem? Kollidierende Ansprüche, Diskussionen darüber, was wem zusteht und wem was gehört. Und – ganz schnell war es so, dass das Eigeninteresse ganz stark war. Ganz schnell war es so, dass das Eigeninteresse viel stärker war als das Gemeinschaftsinteresse. Der eigene Vorteil wurde auf Kosten anderer durchgesetzt. Jerusalem – das stolze und erhabene Jerusalem – es war aus Trümmern aufgebaut, aus Ruinen. Es war armselig und bedrückend. Und so war es dunkel in Israel, in ihrem Gemüt, in ihrem Herzen in ihrer Seele, in ihrer Beziehung zu Gott. Finsternis erfüllte die Erde und bedrückte viele Menschen.

 

Und da hinein wird das Licht angekündigt. Das Licht. Für den einzelnen Menschen, aber auch für die ganze Welt. Das Licht. Erinnert ihr euch? An den Anfang der Schöpfung? Als das Licht geschaffen wurde? Als Gott im Anfang das Licht von der Finsternis schied, oder wie Mose in dem Licht des brennenden Busches den Auftrag Gottes empfing, das Volk Israel in die Freiheit zu führen? Erinnert ihr euch daran? So ist es auch jetzt. Es wird Licht werden. Auch wenn es noch so finster ist. Es wird Licht werden, und das Licht wird den ganzen Erdkreis erhellen. „Dein Licht kommt“, sagt Jesaja.

 

Heilvolle Ereignisse in der Vergangenheit – sie werden als Zukunft verheißen.

 

Erinnert euch, was Gott für euch getan hat. Das war doch gut! Wisst ihr noch, wie das Licht eure Herzen erreichte? Als er euch aus Ägypten befreite? Als ihr ein neues Leben beginnen konntet? Als ihr aus dem Exil heimgekehrt seid? So wird er auch jetzt für euch handeln, eure Wege zum Guten lenken. Licht wird den Erdkreis erfüllen und der Finsternis den Garaus machen. Ganz bestimmt. Habt Vertrauen.

 

Gottes Licht bricht sich Bahn. Ihr werdet es sehen. In der weltweiten Ökumene. Es wird nicht mehr sein katholisch und evangelisch und orthodox – alle werden von Gottes Licht ergriffen sein.

 

Es wird nicht mehr sein muslimisch oder jüdisch oder christlich – alle werden von Gottes Licht ergriffen sein.

 

Denn Licht kennt keine Grenzen. Keine Ländergrenzen, keine Religionsgrenzen. Es erhellt das Antlitz aller Menschen, ohne Unterschied, überall, auf der ganzen Welt, in allen Zusammenhängen. Der Glanz der Krippe kehrt zurück, eines Tages. Der Stern von Bethlehem, er zeigt allen den Weg, eines Tages. In der Weihnachtsgeschichte lesen wir die Erfüllung von Jesajas alter Verheilung: Menschen aus fernen Ländern kommen zu Jesus, erkennen in ihm den wahren König, den Friedefürsten. Sie, die Weisen, die Könige, knien vor ihm nieder. In ihnen finden wir symbolhaft alle Völker der Erde, von denen Jesaja spricht. Sie wurden angezogen von dem Leuchten über der Kippe, von dem Stern am Himmel. Sie fanden Jesus. Und sie, die Menschen aus den fernen Ländern der Erde, bringen ihm die Gaben, von denen bereits Jesaja gesprochen hatte: Gold, Myrrhe und Weihrauch. Später kehren sie um und bringen das Licht von Bethlehem, das Licht, das den Erdkreis erfüllt, hinaus in die Welt.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft. Wie die Sternsinger sind wir aufgerufen, die Not in der Welt zu lindern. Sie wahrzunehmen, in ihr eine Aufgabe zu erkennen, etwas zu tun. Wie die Sternsinger etwa, oder wie viele andere Menschen. Sie bringen Licht in die Welt. Zu allen Menschen. Sie übernehmen Verantwortung. Und so wird es licht.

 

Es ist ein schöner und leuchtender Text. Und er bringt vieles zum Leuchten. Unsere Gesichter, unsere Herzen. Das Gesicht der Menschen in fernen Ländern. Denen geholfen wird oder die anderen zur Seite stehen können. Mache dich auf und werde Licht. Denn Gottes Licht kommt.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft. Weil Gott die Finsternis der Welt erhellt. Mit seinem Licht.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft in der ganzen Welt. Denn Gottes Licht richtet sich an alle und erreicht die Herzen aller Menschen. Wir sind eingeladen, das Licht weiterzutragen. Es hoffnungsvoll aufleuchten zu lassen. Es nicht unter einen Scheffel zu stellen. Denn sonst verlieren die Menschen ihre Hoffnung, wenn sie das Leuchten nicht mehr sehen.

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh um her: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

 

Amen.

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Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest (3. Januar 2021) über Lukas 22, 41-52 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Diese ersten Tage des neuen Jahres – für mich sind das immer schwierige Tage. Der Neujahrstag ist davon ausgenommen. Auf ihm liegt schon noch ein Glanz, der Glanz des Neuen, Unberührten vielleicht, der Glanz des Gottesdienstes, mit dem wir in der Gemeinde normalerweise diesen ersten Tag des neuen Jahres begehen. Dieser schöne und tröstliche Glanz verblasst für mich in den folgenden ersten Tagen des Januar, eine Last, eine Schwermut legt sich über sie. Ich stehe am Fenster und schaue hinaus in die Welt, hinaus in die Zeit, von der ich nicht weiß, was sie bringen wird, und ich kann nicht verhindern, dass mir ein wenig bang ums Herz wird. Manche diffuse Sorge erwacht aus ihrem Weihnachtsschlummer. Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen sind es meist, Sorgen um die Mutter, und um uns selbst natürlich auch.

 

Dazu kommen die Aufräumarbeiten. Das strahlende Weihnachtsfest wird allmählich und Schritt für Schritt wieder in Kisten und Schachteln verpackt und unters Dach getragen. Ja, ich weiß, die Weihnachtszeit dauert bis Lichtmess, und mancher Stern wird auch bleiben und davon erzählen und in der Dämmerung seinen tröstlichen Schein verbreiten. Trotzdem – der Adventskranz ist schon fort, so völlig ausgetrocknet wie er war. Und wir überlegen schon, wann wir den geliebten Christbaum abschmücken und hinaustragen. Noch einmal stecke ich Kerzen auf und schaue mir dabei den Schmuck an, den alten Engel von meiner Großmutter und die gebastelten Sterne der Kinder – sorgfältig aufbewahrt über die Jahre. Und die Krippe daneben. Maria und Josef und das Kind in der Krippe.

 

Der Predigttext für heute steht im Lukasevangelium. Und auch hier ist Weihnachten schon eine Zeitlang vorbei. Jesus liegt nicht mehr in der Krippe, er ist älter geworden, 12 Jahre ist er in diesem Textabschnitt. Lesen wir einmal, was dort steht, in Lukas 22, 41-52:

 

Die Eltern Jesu gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

Um Jesus geht es. Um den, bei dessen Geburt die Engel sangen. Von dem gesagt wird, dass er Gottheld, Ewigvater, ja, der Friedefürst ist. Der langersehnte König, der sein Friedensreich, das Himmelreich aufrichten und aller Not ein Ende machen wird. Um Jesus geht es, dem menschgewordenen Gott. Um das hilflose kleine Kind in der Krippe, von dem wir die Rettung der Welt und der Menschheit erwarten, und der unsere Maßstäbe und Vorstellungen auf den Kopf stellt.

 

Was ist aus diesem Kind geworden? Wie ist es zu verstehen, dieses Geheimnis vom menschgewordenen Gott, von Gott mit dem menschlichen Antlitz?

 

Abgesehen von den Engeln, die zu seiner Geburt den Hirten gesungen haben, geht es zunächst mal sehr menschlich zu dort bei Maria und Josef im Stall. Jesus, ein Kind, geboren von einer Mutter, die ihn bedingungslos liebt und begleitet von einem Vater, der liebevoll für ihn sorgt. Jesus, ein Kind, das Windeln braucht wie jedes andere Kind auch, das verletzlich ist wie jeder Mensch, das angewiesen ist auf Fürsorge und Schutz. Jesus, ein Kind, das heranwächst, mit den Freuden und Sorgen einer Familie in einer nicht einfachen Zeit, mit Geschwistern und Aufgaben und Arbeit. Jesus, geboren wie ein Mensch, wird eines Tages auch sterben wie ein Mensch, grausamer als mancher von uns, aber so grausam wie vielmals in der Menschheit geschehen, voller Angst, voller Schmerzen, begleitet von Mutter und Freunden und letztlich doch so allein, wie jeder Mensch seinen letzten Weg allein geht. Jesus, der in seinem Leben wie so viele von uns verspottet, verlacht, verehrt, geliebt wird, der Angst und Verlassenheit und Tränen kennt und nicht darüber erhaben ist. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus. Also haben wir einen Gott, der all das Menschliche kennt: geboren werden, leiden, sterben. In all dem ist unser Gott uns nah, weiß um uns, teilt das menschliche Leid mit uns. Genau dieses ist für mich immer schon ein ganz großer persönlicher Trost. Genau dieses ist für mich immer schon eine große Schönheit in unserem Glauben, dieser Gott, der so zutiefst Mensch geworden ist und uns darum so nahe sein kann, auch in der tiefsten Angst und in der letzten Einsamkeit.

 

Dieser menschgewordene Gott, dieser Jesus ist nun also 12 Jahre alt geworden und mit seinen Eltern auf dem Weg zurück von Jerusalem nach Hause. Und dann ist er plötzlich verschwunden. Typisch, diese Kinder in der Pubertät! Sie machen viel Blödsinn, bescheren den Eltern viele Sorgen, es gibt Streit und Auseinandersetzungen. Auch hier finde ich viele Spuren des Menschseins Jesu. Ein Heranwachsender, der noch nicht so genau weiß, wo er hinwill, wo er hingehört, was sein Weg sein wird. Und die Eltern dazu, voller Sorge, die ihr Kind verzweifelt suchen und Angst haben, dass ihm etwas geschehen sein könnte, und die diese Vorstellung kaum ertragen. Und dann diese wohlbekannte Mischung aus Erleichterung, weil das Kind wohlbehalten gefunden wird, und Ärger, weil dieses Kind nicht auf die Idee kommt, dass man sich Sorgen machen könnte. Weil man es doch liebt.

 

Dann aber das Aufblitzen von göttlicher Weisheit, von einem Wissen und einer Gewissheit, die von anderswoher zu kommen scheint oder die einfach da ist. Dieser Jugendliche da im Tempel, wo er sich offensichtlich völlig richtig am Platz findet, wo er eine Zugehörigkeit spürt, wo er seine Bestimmung, seinen Weg erahnt – oder schon genau weiß? – und wo er zum Erstaunen und Befremden aller Beteiligten eine große Souveränität und Kompetenz, eine spürbare Würde und fast so etwas wie Majestät ausstrahlt, die seinem Alter völlig unangemessen ist.

 

Jesus – ganz und gar Mensch – und doch Gott. Immer schon. Als Neugeborener, als Heranwachsender, als Erwachsener, als Sterbender, als Auferstandener. Immer ganz und gar Mensch, und doch viel mehr als das, und doch Gott. Ein Gott, der unser Menschsein angenommen hat, um uns ganz nah zu sein, und in dessen Menschlichkeit gleichzeitig immer auch die Verheißung des Göttlichen zu sehen ist, die alles verändert: verletztes wird geheilt, aus Leid wird Freude, aus Unrecht Gerechtigkeit, aus Tod wird Leben. Friede wird sein, ganz und gar, wie von Anfang an verheißen.

 

Ja, denke ich, und wende mich vom Fenster ab, wieder dem Weihnachtsbaum zu. Darauf können wir vertrauen. Dass unser Gott, der Mensch geworden ist, an unserer Seite ist in jeder Sorge in diesem neuen ungekannten Jahr. Auch dann, wenn längst alle Christbäume abgeschmückt und die Krippefiguren wieder sorgfältig verpackt auf das nächste Weihnachtsfest warten, wenn wir wieder neu die Geburt des Friedefürsten feiern und mit ihm die Hoffnung für die ganze Welt.

 

Amen.    

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01.01.2021: Predigt zu Neujahr über die Jahreslosung „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6, 36 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Für jedes Jahr wird eine Jahreslosung ausgerufen. Damit folgen wir zwar der Praxis der Herrnhuter, aber die Jahreslosung geht vor allem auch zurück auf den Kirchenkampf im Dritten Reich. Der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller war Mitglied der Bekennenden Kirche und wollte den Schlagworten des NS-Regimes etwas entgegenstellen. Und so suchte er Bibelworte und begründete so im Jahr 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Damals, im Jahr 1930 lautete die erste Jahreslosung „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ aus Römer 1,16

 

 

So haben auch wir hier in der Kirchengemeinde die Tradition, die jeweilige neue Jahreslosung im Neujahrsgottesdienst zu thematisieren, anzuschauen und auszulegen und sie als gutes begleitendes Motto an den Anfang des Neuen Jahres zu stellen.

 

Die Jahreslosung für 2021 steht in Lukas 6,36 und sie lautet: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Barmherzigkeit. Mitten drin in diesem Wort steht das Herz. Das Herz, von dem wir denken, dass in ihm unsere Empfindungen gesammelt sind. Wie ist es dir ums Herz? Fragen wir, wenn wir wissen möchten, wie jemandem zumute ist. Nicht: was denkst du? Sondern: was fühlst du? Wollen wir dann wissen.

 

Das Herz steht im Mittelpunkt dieses Wortes. Und das Erbarmen finden wir auch darin. Also dass sich das Herz erbarme, das ist wohl mit Barmherzigkeit gemeint. Dass sich das Herz nicht verhärtet, sondern erbarmt, dass man etwas begreift von dem Leid, von der Trauer, von der Verzweiflung des anderen. Dass das Herz sich berühren lässt und versteht und uns aus dieser Berührung heraus handeln lässt.

 

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Es ist eine Aufforderung. Seid barmherzig. Ich soll barmherzig sein, wie auch Gott barmherzig ist. Gott ist in der Barmherzigkeit mein Vorbild. Ich soll so handeln, wie es Jesus getan hätte, wie es Gott getan hätte. Und ich glaube, hier verbirgt sich noch weit mehr. Gott ist nicht nur mein Vorbild in Sachen Barmherzigkeit, sondern er ist der Ursprung der Barmherzigkeit. Weil er barmherzig ist und wir diese Barmherzigkeit erlebt haben, deshalb können wir auch barmherzig sein, können wir dieses Erlebte weitergeben.

 

Wir wissen ja, dass es so ist. wenn ein Kind in liebevoller Umgebung aufwächst, dann kann es auch ein liebevoller Mensch sein und anderen diese liebevolle Art weitergeben. Wenn ein Kind eher lieblos aufwächst, dann wird es dem erwachsenen Menschen auch eher schwerfallen, diese Lieblosigkeit anderen gegenüber zu überwinden.

Das, was man erlebt, das kann man auch weitergeben. Es ist die Lebenserfahrung, die uns prägt, und mit denen wir andere prägen. So verstehe ich die Jahreslosung. Gott ist barmherzig, deshalb können wir jeden Tag neu vertrauensvoll beginnen und in der Gewissheit auf ein gutes Ende in die Zukunft gehen. Gott ist barmherzig, so können auch wir barmherzig sein, unser Herz berühren lassen vom Leid anderer, die Einsamkeit, die Traurigkeit in den Augen des anderen erkennen, mich ihm und ihr zuwenden.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Mir fällt ein, dass in den sozialen Medien oft nicht gerade die Barmherzigkeit ist, die da vorherrscht. Eher das Gegenteil. Es gibt wenig Hemmungen, wenn Kritik an jemandem geäußert wird, vernichtend und verachtend und beleidigend und verletzend geht es da zu, erschreckend, wie hemmungslos sich da nicht nur manchmal Hartzherzigkeit oder Kaltherzigkeit Bahn bricht. Was ist los mit diesen Menschen, die zu so etwas fähig sind? Ist es das Fehlen des direkten persönlichen Gegenübers, das sie so reden und schreiben lässt? Man spürt geradezu, wie die Kälte ins Herz einzieht, wenn man so etwas liest.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Natürlich fällt mir unser Leben unter der Pandemie ein. Und beim Stichwort Barmherzigkeit denke ich an diejenigen, die unbeirrt jedes Wochenende demonstrieren gehen und laut und mit vehementem Getöse ihre offenbar so verletzte Freiheit einklagen. Der CDU-Abgeordnete Brinkhaus hat angesichts dieser Forderungen vor kurzen in einer Bundestagsdebatte nach der Freiheit der Schwachen gefragt. Eine Frage, die ich absolut richtig finde. In ihr versteckt sich die Frage nach der Barmherzigkeit. Und allein schon, sich klar zu machen, dass meine Freiheit in aller Pandemiebeschränktheit so unendlich viel größer ist als die Freiheit so manches Bürgers in so manchem anderem Land dieser Welt, sogar ganz ohne Pandemie, allein, dass man sich dies einmal klar zu machen versucht, wäre ein Ansatz von Barmherzigkeit.

 

„seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Wie viele von Ihnen wissen, versuche ich, mich so gut es eben geht, mich in der Hilfe für Geflüchtete in unserem Ort einzubringen. Ich erlebe, dass sich deshalb mancher von mir distanziert, sogar von uns als Gemeinde, als Kirche distanziert. Ich erlebe auch, dass ziemlich viele Menschen die Tatsache, dass die Kirche das Schiff Seawatch 4 organisiert hat und damit Menschen vor dem Ertrinken rettet, als Anlass zum Abkehr von ihrer Kirche nehmen, austreten, die Kirche nicht mehr für glaubwürdig halten. Angesichts dieser Tatsache macht sich große Ratlosigkeit in mir breit. Man kann natürlich unterschiedlicher Ansicht darüber sein, was politisch richtig wäre, mit dem Fluchtgrund vieler Menschen umzugehen oder welches Asylrecht richtig und gut wäre – aber mir ist wirklich nicht klar, wie man das Unterlassen von nackter Lebensrettung mit Barmherzigkeit in Einklang bringen könnte. Die Jahreslosung selbst bestätigt mich darin, dass genau das unser Auftrag als Kirche ist, sich denen zuzuwenden, die in Not sind. Fremde aufnehmen. Kranke pflegen. Hungernden zu trinken geben. Und ja: Ertrinkende aus den Fluten retten.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Barmherzigkeit. Nicht nur ein Wort für den privaten Glauben. Nicht nur eine Vokabel für die Seele und die Frömmigkeit. Sondern gleichzeitig auch ein hoch politisches Wort. Denn Barmherzigkeit verändert uns. Beeinflusst unser Denken und Tun. Beeinflusst unsere Haltung – uns selbst gegenüber und dann aber auch dem anderen gegenüber.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ – eine gute Losung für das gerade begonnene neue Jahr. Denn es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Dass wir einen barmherzigen Gott haben, dem wir alles in die Hände legen können, was uns bedrückt und besorgt, was uns wütend macht und uns verzweifeln lässt. Denn wir können darauf vertrauen. Unser Ergehen berührt Gottes Herz. Er erbarmt sich. Gott sei Dank. Ja, es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Dass wir selbst barmherzig sein sollen. Denn so oft bin ich es nicht. Weil ich gerade nicht kann, weil ich gerade keine Zeit oder keine Kraft habe. Weil ich erstmal an mich selbst denken muss. Weil verschiedene Interessen gegeneinander stehen. Weil meine Hartherzigkeit manchmal einfach nur Selbstschutz ist.

 

Ja, es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Damit unsere Welt nicht unbarmherzig wird. Damit Gottes Spuren der Barmherzigkeit auch weiterhin zu finden sind. Hoffentlich in unserer Gemeinde, in unseren Begegnungen, hoffentlich in meinem Leben. Hoffentlich mehr und mehr in der ganzen Welt.

 

Ja, es tut gut. Deshalb ist Lukas 6,36 eine gute Losung und ein guter Boden, auf dem wir durch dieses so verunsichernd beginnende neue Jahr 2021 gehen können.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Amen.

 

31.12.2020: Predigt zum Altjahrabend 2020 (Silvester) von Pfr. Lukas Frei

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20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. 2. Mose 13,20-22

 

In diesem Jahr ist etwas geschehen, was unsere Zivilisation nicht kennt. Mehr als drei Wochen im Voraus lässt sich kaum planen. In meinem Terminkalender ist zeitweise richtig viel Platz gewesen. Im März war plötzlich eine Ruhe da, die ich so in den letzten Jahren nicht erlebt habe, doch dann kamen sie wieder: die Termine – seit Herbst immer verstärkter durch die Hintertür der Technik mit massenhaften Online-Formaten. Der Druck kam schneller zurück als gehofft. Ich kann mir vorstellen, dass es in vielen anderen Berufen auch so war. Ständig werden die Verordnungen geändert, Neues muss auf die Schnelle ausprobiert werden. Andere wiederum mussten in Kurzarbeit oder ihre Arbeit sogar komplett aufgeben – und stehen nun vor einer düsteren Zukunft.

 

Eine Erfahrung verbindet uns jedoch alle – egal, wie alt wir sind und wie es uns beruflich geht – eben, dass wir nicht planen können und wir nicht wissen, was in drei Wochen möglich sein wird und was nicht. Das macht das Leben unsicher.

 

Als die Israeliten aus Ägypten auszogen, da muss es ihnen noch viel schlimmer ergangen sein. In Ägypten waren sie zwar Sklaven, aber dafür war das Leben geregelt. Als sie nun mit Mose der Feuer- und Wolkensäule in der Wüste folgten war alles geregelte Leben dahin. Sie wussten noch nicht einmal, wo sie am Abend lagern würden. Wohin geht diese Reise, haben sie sich sicherlich gefragt. Mehr als die Information, dass sie in ein fremdes und neues Land ziehen werden, in dem sie frei leben können, hatten sie nicht. Nur, wie kommen sie dahin?

 

Ein Leben in Unsicherheit ist sehr anstrengend und auch nervenaufreibend. Wir sehnen uns nach Sicherheit und dass alles wieder geregelt zugeht. Aber wer kann uns das geben? In unsicheren Zeiten gibt es immer wieder Menschen und Gruppen, die klare Vorstellungen haben, wie man die Welt wieder zu einem sicheren und besseren Ort machen kann. Manche sprechen schon lange davon – Worte wie „neue Normalität“ fallen immer häufiger. Da wird uns eine paradiesische Welt vor Augen gemalt. Eine Welt, die viel sicherer wird: wo wir sicher sein können, dass das Klima sich nur leicht verändert. Eine Welt, wo wir sicher sein können, dass wir nicht plötzlich krank werden. Eine Welt, in welcher Hunger und Armut endgültig beseitigt werden, und vieles mehr. Noch sind wir nicht in dieser paradiesischen Zukunft – dazu muss noch einiges optimiert werden, vor allem mit Hilfe der Technik: Tracing-Apps, Datenspeicherung, mehr Überwachung, … - die Liste wird in nächster Zeit sicher noch länger werden. Und die Medien stellen uns fleißig diese Zukunftsvisionen vor Augen, rund um die Uhr und über immer mehr Kanäle.

 

Vielleicht merken wir dabei gar nicht, dass wir langsam aufhören eigene Träume und Visionen vom Leben zu haben und wir zusehends unfähig werden unser Leben selber in die Hand zu nehmen und Entscheidungen zu treffen.

 

Die paradiesischen Visionen einer zukünftigen Welt und wie wir sie erreichen können, hören sich meistens ganz toll an. Aber mit solchen Zukunftsvorstellungen sollten wir immer vorsichtig sein. Ein Blick in die Geschichte zeigt uns schnell, dass Visionen, wie die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden kann, leider in vielen Fällen in der Tyrannei endeten. Ich denke zum Beispiel an die ehemalige Sowjetunion, in der im Vorbild des Kommunismus eine bessere Welt errichtet werden sollte. Aber auch die Römer waren der Überzeugung, dass sie den Pax Romana der ganzen Welt bringen könnten – natürlich unter dem Aufwand etlicher Opfer.

 

Ich glaube, wir brauchen gar keine konkrete Vorstellung, wie die zukünftige Welt geordnet sein soll. Wir brauchen auch nicht weit vorausplanen zu können. Wir müssen nicht zwingend ins Alte Leben zurück – denn vielleicht ruft uns Gott gerade zur Umkehr. Er ruft uns, dass wir unseren Blick ändern – dass wir wieder lernen im Jetzt zu leben. Zu sehen, dass Gott da ist, Tag für Tag, und dass er uns schon lange führt, so wie er auch die Israeliten geführt hat.

 

Die Wanderung für die Israeliten war unangenehm, weil sie nicht weitergesehen haben als bis zur Feuer- und Wolkensäule. Ob Feuer oder Wolken – sie haben nicht hinter die Säule blicken können. Ihr Weg war Ihnen unbekannt, aber sie haben gesehen: Gott ist da. Er führt uns durch diese unsicheren Zeiten. Und besonders in der Dunkelheit – so kann ich mir vorstellen – hat sie das Licht des Feuers gestärkt und ermutigt.

 

Dieses Licht Gottes ist ja auch für uns da. An Weihnachten feiern wir, dass das Licht – Jesus Christus – auf die Welt gekommen ist um uns den Weg in der Dunkelheit zu leuchten. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ sagt Jesus. Ich kann nur bezeugen, dass mir Jesus Christus und seine Worte in diesem Jahr wirklich besonders zum Lebenselixier geworden sind. Und dass es wahr ist, wenn er sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Die ganzen Zukunftsvisionen von irgendwelchen Herrschern – wann auch immer sie gelebt haben – sind alle irgendwann zerfallen. Auch unsere Ideologien der Neuzeit werden in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten nur noch belächelt werden von einer Generation, die dann der Meinung ist, dass sie alles besser machen wird als ihre Vorfahren.

 

Aber die Worte von Jesus werden nie an Kraft verlieren. Sie beleben und erwecken die Toten, Gefangenen, Betrübten, Ausgegrenzten, Demonstranten, Weggesperrten, Armen, Tauben, Blinden, Sünder, … wie eh und je.

 

Ich möchte Ihnen heute einen Vorschlag für das neue Jahr machen. Machen Sie mit mir den Test – vielleicht nur zwei Wochen lang (oder wenn Sie wollen, natürlich noch länger): Statt die Nachrichten anzusehen lesen sie in der Bibel, einen Psalm oder ein Kapitel aus einem der vier Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes. Und dann beobachten Sie, was geschieht.

 

Keine Sorge: ich bin mir sicher, wenn etwas wirklich Wichtiges im Dorf oder auf der Welt geschieht, wird es genügend Leute geben, die Sie darüber informieren werden.

 

Lassen Sie sich von Gott rufen und richten Sie den Blick auf die ewige Wolken- und Feuersäule Jesus Christus.

 

Bevor ich jetzt „Amen“ schreibe muss ich noch eine wichtige Sache anhängen: Gott leitete die Israeliten mit der Feuer- und Wolkensäule damals in eine Sackgasse. Vor den Israeliten war unüberwindbares Wasser. Hinter ihnen stürmte das ägyptische Heer auf sie zu. Gott hatte die Israeliten in die absolute Unsicherheit geführt. Sie waren vollkommen ohnmächtig in dieser Situation. Doch nur in dieser Situation konnten sie erleben, dass Gott sogar dann noch einen Weg ebnen kann, wenn wir keinen Ausweg mehr sehen. Diese Erfahrung war gewiss unbeschreiblich.

 

Deshalb brauchen wir uns gar nicht zu fürchten, wenn das Leben im nächsten Jahr womöglich noch unsicherer wird. Vielleicht machen wir dann eine ähnlich wunderbare Erfahrung wie die Israeliten, wenn wir erleben, wie Gott uns einen Weg ebnet, den wir niemals so erwartet hätten.

 

Amen.

 

25.12.2020: Predigt zum 1. Feiertag von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz über Jesaja 52, 7-10

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Auf der Straße, vor dem Haus, wird eine Autotüre zugeschlagen. Und gleich hört man im Treppenhaus ganz leichte Schritte. Das ist der Kleine. Seine helle, fragende Stimme und die Antwort, die sie kennt, ohne dass sie die Worte genau versteht: Ja, jetzt sind wir gleich bei der Oma, sagt die Mutter.

 

Schwere Männerschritte folgen. Für den Weihnachtsmann ist es eigentlich schon zu spät. Aber das ist der Schwiegersohn, beladen mit vielen Päckchen. Die Oma macht die Tür weit auf: Die jungen Leute sind da.

 

Kennen Sie das? Wenn sich Besuch angekündigt hat und man sich auf diesen Besuch freut, wenn alles vorbereitet ist und man schon wartet, bis er kommt, der Besuch – dann ist das so. Dann kann man an den Geräuschen erkennen: Sie sind da! Und dann spüren, wie die Freude ins Herz einzieht. Mit einem Lächeln im Gesicht öffnet man die Tür und breitet die Arme aus, um den Kleinen und die Großen ans Herz zu drücken.

 

Wenn Sie diese Form von Vorfreude kennen, dann verstehen Sie die Freude, die Jesaja in seinem Buch beschrieben hat. Hören wir auf seine Worte, ich lese aus Jesaja 52, die Verse 7-10:

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander: denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

 

Die Freude kommt. Man hört schon ihre Schritte. „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehee, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel.“ So steht es im Hohenlied Salomos geschrieben. Der Prophet Jesaja leiht sich diese Worte aus dem Hohen Lied, von Liebenden, die voller Sehnsucht aufeinander warten. Seine Schritte könnte ich unter tausenden erkennen. Das muss er sein. Mein Herz schlägt schneller. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten.“ Und dann ist er da, und mit ihm kommt die Freude.

 

Wenn ihr das kennt, sagt Jesaja, dann wisst ihr, wie es sein wird, wenn Gott kommt, wenn er die Welt zurechtbringt, wenn sich Frieden und Gerechtigkeit für jede Seele, für jeden Menschen, für jedes Volk, für die ganze Kreatur ausbreitet.

 

Jesaja spricht zu Israel. Zu dem Volk, das lange im Exil war und sehnlichst darauf gewartet hat, zurückkehren zu dürfen in die Heimat, in die Nähe des Tempels, in die Normalität des Lebens. Zu dem Volk, dem er schon immer, gerade auch damals in der Fremde, Trost zugesprochen hat. Tröstet, tröstet, mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich. Alles wird gut werden, ihr werden zurückkehren. Gott hat euch nicht vergessen.

 

So ist es auch gekommen. Die Israeliten sind zurückgekehrt in die Heimat. Und dort sind sie mittlerweile wieder im Alltag angekommen. In einem Alltag, der von Zerstörung und Vergänglichkeit erzählt. Denn Jerusalem ist nicht mehr wie es einmal war. Sie erkennen es nicht wieder. In den Erzählungen der Alten hatten sie eine goldene, leuchtende, erhabene Stadt vor sich gesehen. Nun aber finden Sie sich in einer traurigen Realität wieder, zwischen Trümmern und Staub, zwischen Mühsal und Vergeblichkeit. Diese Heimat hatte Jesaja ihnen verheißen? Und sie damit getröstet? Vertröstet doch wohl eher. Resignation und Enttäuschung macht sich breit.

 

Und jetzt fängt Jesaja wieder an zu reden. Von der Freude spricht er. Davon, wie schön es einmal sein wird. Von den Füßen der Freudenboten erzählt er, und davon, wie sich das Gefühl von Freude unbändig in ihnen ausbreiten wird. „Wenn ihr das kennt“, sagt Jesaja, „dann wisst ihr, wie es sein wird.“  Da heben die Israeliten den Kopf und sehen ihn mit ihren müden Augen an. , stumpf geworden von dem Schutt und der Asche in Jerusalem, auf die sie blicken. So hatten sie sich ihre Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt. Die Hoffnung auf Rückkehr, die Jesaja ihnen verheißen hatte, hatte sich zwar eingestellt. Aber davon war nicht alles einfach wieder gut geworden. Manchmal wünschten sie sich zurück ins Exil, an die Ufer von Babylon, wo sie in ihren Träumen das goldene Jerusalem vor sich hatten leuchten sehen. Manchmal hat es auch Vorteile, sich nach der Heimat bloß zu sehnen.

 

Die Freude über die Rückkehr ist den Israeliten inzwischen abhanden gekommen. Längst verflogen. Auf leisen Sohlen hat sie sich aus ihrem Leben in dieses Trümmerfeld hinausgeschlichen. Und du, Jesaja, redest von Frieden und Gutem und Heil? Wir können das nicht sehen.

 

An Weihnachten feiern wir die Hoffnung. An Weihnachten wird der geboren, den Jesaja Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst nennt, so glauben wir Christen. Auch wir werden aufgefordert zur Freude, in vielen Weihnachtsliedern heißt es: Freue, freue dich, o Christenheit. O Freude über Freude, ihr Nachbarn, kommt und schaut. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, und Gottes Reich wird sich zeigen in seiner ganzen Herrlichkeit und Heil wird sein überall.

 

Und dann kommen wir doch wieder in der Realität an, die einfach nur ganz normal ist. Vom Grau der Sorgen und der Alltäglichkeit überzogen. Von den Problemen der Welt, von persönlichem Leid. Friede? Heil? Freude? Ja, die Weihnachtslieder klingen schön. Ich singe sie gern, wir alle singen sie gern. Und wir alle spüren auch die Freude, die mit dem Singen kommt und sich in uns ausbreitet. Mit  ihnen kommt auch wirklich die Freude. Für eine Weile jedenfalls. Und dann verklingen sie wieder, die Alltäglichkeit des Lebens und die Bedrückung über manche Sorge werden übermächtig, und wir werden still und bekommen müde Augen wie die Israeliten.

 

Aber Jesaja lässt sich davon nicht beeindrucken. „Die Freude kommt! Man hört schon ihre Schritte“, ruft er, immer wieder. Er hört einfach nicht auf damit, der Prophet. „Hier wird es geschehen, in eurem staubigen, grauen Alltag. Dass ihr keine Hoffnung mehr habt – das ist nicht schlimm. Gott bringt sie mit, wenn er kommt. Ich will doch nicht mehr von euch, als dass ihr aufmerksam werdet. War da was? Kommt da was? Ist schon was zu sehen?

 

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden es mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“

 

Und so feiern wir Weihnachten und hören nicht auf damit. Jedes Jahr wieder neu. Ganz egal, was geschieht auf der Welt, ganz egal, wie schwierig die Situation in der Welt, mitten in allen Sorgen und Traurigkeiten wird es Weihnachten. Und wir feiern die Hoffnung. Darauf dass Gott kommt und alles zum Guten bringt. Alles. Und wir stimmen sie an, unsere Lieder, damit sie uns zur Freude auffordern. Nun freut euch, ihr Christen und „Fröhlich soll dein Herze springen“. Denn wir werden es mit eigenen Augen sehen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt. Mitten in unseren Sorgen und Traurigkeiten. Mitten in den Trümmern unserer Hoffnung.

 

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden es mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“

 

Amen.

 

24.12.2020: Predigt zur Christmette über Jesaja 11, 1-10, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Liebe Gemeinde, im Jahre 587 vor Christus beginnt die schlimmste Krisenzeit, die das Volk Israel bis dahin erlebte. Das Land ist zerstört und erobert worden. Der Tempel steht nicht mehr. Gottesdienst kann nicht mehr so stattfinden, wie man es gewohnt ist. Gute Freunde und Nachbarn wurden verschleppt. Das Land liegt am Boden. In dieser Situation tritt Jesaja auf, ein Prophet Gottes. In Gottes Namen sagt er diese Worte:

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.

Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.

Jesaja 11,1-10

 

2600 Jahr später sind Jesajas Worte unser Predigttext. Wieder ist Krise, wieder sind wir von Menschen getrennt, die wir lieben, wieder können wir Gottesdienst nicht wie gewohnt feiern. Die Ähnlichkeit in der Situation ist frappierend. Und ich glaube, was die Menschen damals getröstet hat, kann uns heute auch trösten. Für mich jedenfalls klingen diese alten Worte an diesem Heiligen Abend im Jahr 2020 hoffnungsvoll. Und ich glaube dass es gute Worte für uns sind. Denn wir sind am Ende langer Monate eines erschreckenden Jahres.

 

Mitten in diesen Zeiten hoffen wir auf – wenigstens einige – Momente einer ganz anderen, stillen Zeit. Jetzt an Weihnachten endlich zur Besinnung kommen. Den Blick auf anderes richten als auf weiter ansteigende Fallzahlen. Für ein kurze Weile die Nachrichten leiser drehen.

 

Tatsächlich ist dieses Weihnachten so still wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der gewohnte Heiligabend fällt ganz anders aus als wir es in all den Jahren erlebt haben. Ja, es ist stille Nacht – aber ganz anders als gedacht. Das Leben ist heruntergefahren und die Welt ist ruhig geworden. Stumm und einsam wie noch nie ist es in vielen Wohnungen und Häusern. Statt weihnachtlicher Besinnlichkeit macht sich eine kaum hörbare Ohnmacht breit.

 

Und nun ist am Heiligen Abend davon die Rede, dass weihnachtliches Licht in die Dunkelheit kommen möge: „Fürchtet Euch nicht“ – ruft der Engel. Worte, die der Welt gut tun in diesem Jahr. 

 

 

Die stille Nacht der Geburt Jesu will uns darauf hinführen, dass Gott mitten hinein in unsere Welt kommt. Damit dem dunklen Augenblick durch dieses Kind ein heller Glanz entgegenscheint. Aber hat diese Hoffnung in diesem Jahr irgendeine Chance auf Realisierung?

Die Christenheit feiert und betet, dass in dieser stillen Nacht ein Neuanfang beginnen möge. Zugleich umgreift die Pandemie wortwörtlich alles und alle. Wahrscheinlich waren wir weltweit noch nie so stark verbunden wie an diesem Heiligen Abend – in unserer Sorge. Aber auch in unserer Hoffnung?

 

Mitten in unsere stille und stumme Unsicherheit hinein hören wir den hoffnungsvollen Propheten Jesaja.

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

 

Jahre später ist ein Weihnachtslied aus diesen Worten Jesajas entstanden. Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.

Ein zartes Lied. Ein zarter grüner Spross, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Aus diesem zarten Spross aber wird etwas Großes werden. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn. Aus ihm wird das Friedensreich kommen, das hier bei Jesaja beschrieben wird. Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.

 

Bis aus einem zarten grünen Spross mitten im kalten Winter eine weltverändernde Frucht herangereift ist, dauert es seine Zeit. Und die Menschheit braucht Geduld. Und Vertrauen. Dass aus diesem Reis tatsächlich etwas Großes wächst und einmal reiche Frucht tragen wird.

 

Ein zartes Lied. Es erzählt von einem grünen Reis, das in diesem Lied zur Rose wird. Zu einer Blüte, die duftet und Farbe annimmt. Es ist, als ob es uns auffordern möchte, den Frieden zu schmecken, den Jesaja verheißt. Dass wir aufmerksam werden und auf Spurensuche gehen, den süßen Duft wahrnehmen und so das Vertrauen nicht verlernen. Dass alles gut werden wird. Dass die Krise überwunden werden wird. Dass es Heil und Frieden geben wird.

 

Amen

 

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend (Grossvillars) von Pfarrer Lukas Frei

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Ich kann verstehen, dass diese Zeit für Sie eine große Herausforderung ist. Wir müssen alle Einschränkungen hinnehmen. Ich fühle mit den Eltern, die ihre Kinder…“

Stopp!

 

Ich kann diese Worte nicht mehr hören: „Ich kann verstehen, wie es Ihnen geht!“ – Nein, dieser Satz ist unwahr. Er stimmt nicht! Niemand kann mich wirklich verstehen.

Im Krippenspiel hatten wir statt der Hirten Paketboten – in der Weihnachtszeit natürlich völlig überlastet. Verstehen wir, wie es ihnen geht? Klar, wir können analysieren: Ein Paketbote hat an Weihnachten jede Menge zu tun. Zu viel Arbeit, zu viel Druck, zu wenig Freizeit, zu niedrigen Lohn.

Diese Analyse trifft auch auf viele andere Berufe zu. Ich denke zum Beispiel an die Pflegeberufe.

Aber um einen Menschen verstehen zu wollen brauchen wir mehr als nur die Kenntnis über seine Arbeitsverhältnisse. Ein guter Psychologe kann einen Menschen recht gut analysieren: er sieht Verstrickungen, sieht was jemanden einengt und bedrückt. Vielleicht kann er sogar voraussagen, wie sein Patient sich in einer bestimmten Situation verhalten wird.

 

Aber wirklich verstehen – kann er das? Verstehen ist mehr als analysieren. Verstehen bedeutet für mich: Ich sehe dich, ich sehe wer du wirklich bist. In deiner Situation und mit deiner Lebensgeschichte würde ich genauso handeln wie du. Ich respektiere dich und deinen Weg.

In diesen Worten steckt Liebe drin – kein Urteil, keine Analyse, einfach pure Zuwendung. Wenn ich mich selbst nicht verstehe – und das kommt vor – dann benötige ich genau diese Liebe.

Seltsam: wir Menschen sehnen uns oft nach der Zuwendung von denen die gesellschaftlich über uns stehen. Wir hoffen um ihr Verständnis für unsere Bedürfnisse oder die Beachtung unserer Situation. Wenn einer von den Oberen in unsere Kirche kommt, dann muss der natürlich vorne sitzen und wird mit besonderer Ehre bedacht. Der hohe Spendenbetrag der Reichen ist eines gesonderten Dankesbriefs wert, während wir das wöchentliche Opfer der Witwe nicht einmal beachten.

Unsere Paketboten haben von den Oberen nichts mehr erwartet. „Das bringt nichts – wozu auf die Straße gehen. Die beachten uns sowieso nicht.“ Auf Zuwendung von den Oberen können wir lange warten. Und wenn sie sich doch einmal mit uns abgeben, dann verfolgen sie zuallererst ihre eigenen Interessen: ihre Ehre, ihr Ansehen, ihr Reichtum.

Wie gesagt, es ist seltsam, dass es den Wunsch gibt, dass sich die Oberen uns verständnisvoll zuwenden. Wenn wir etwas nachdenken würden, dann würde uns vielleicht klar werden, dass sie dieselbe Sehnsucht haben wie die, die unten stehen: dass jemand sie versteht, dass jemand sieht, wer sie wirklich sind und sie genauso akzeptiert.

In der Weihnachtsgeschichte geschieht nun das Wunder: Gott schickt seine Engel zu den Hirten; im Krippenspiel sind es die Paketboten. Der Herr des Lebens sendet seine Boten zu den Paketboten.

Die Engel singen für sie und bringen ihnen große Freude: euch ist der Heiland geboren. Später stehen sie in der Scheune und sehen das Kind in der Krippe. Es ist alles so, wie es die Engel ihnen gesagt haben.

In unserem Krippenspiel sagt einer der Paketboten, als er das Kind in der Krippe sieht: „es ist wie wenn Gott selbst zu uns und unserem Leben einfach „Ja“ sagt – „Ja – ich liebe euch.“

 

Was die Paketboten erlebt haben kann uns kein Mensch geben. Die Engel, die gesungen haben; das neugeborene Kind in der Krippe – scheinbar so machtlos und doch so mächtig. Es trägt in sich selbst die pure Zuwendung Gottes.

 

Als das Licht der Engel die Paketboten beleuchtet fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert. Gott sieht, wie sie wirklich sind. Aber er analysiert sie nicht, er verurteilt nicht. Sondern er hat gute Nachricht für seine Menschen: Rettung, Frieden, neues Leben. Gott versteht mich besser, als ich mich selbst verstehe – er sieht was ich wirklich brauche: Zuwendung und Liebe.

 

Ich wünsche Ihnen diese Zuwendung und Liebe für das Weihnachtsfest. Diese Liebe Gottes kann uns kein Mensch geben. Menschen geraten immer ins urteilen. Vielleicht ist deshalb das Kind in der Krippe so mächtig. Ein Neugeborenes urteilt nicht – es ist Gottes Wort an uns: „Ja, ich liebe dich. Ich sehe, wer du wirklich bist. Ich verstehe dich. Und ich bin da. Heute an Weihnachten. Nächstes Jahr an Weihnachten – und an jedem Tag, der kommen wird.“

 

Amen.

 

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend über Jesaja 9, 1-6 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen. Eine Dunkelheit, die von den Sorgen kommt, die sich viele Menschen machen. Da ist die Sorge vor den erschreckend hohen Infektionszahlen, die trotz aller Maßnahmen und Einschränkungen im November nicht in den Griff zu bekommen waren. Corona kommt näher, habe ich in den letzten Wochen einige Menschen sagen hören. Damit meinen Sie, dass es nun doch den einen oder die andere gibt, die an Corona erkrankt war und den man persönlich kennt, dass dieser oder jener in Quarantäne war, ein anderer positiv getestet wurde, hier oder dort eine Schulkasse zu Hause bleiben musste und so fort.

 

Da sind die Sorgen um die Arbeitsstelle. Wie soll es weitergehen? Wird mein Betrieb das alles überstehen? Wie soll ich denn bloß arbeiten gehen, wenn die Kinder nicht in die Schule, nicht in die Kita können? Wie lange macht mein Arbeitgeber das mit?

 

Eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen. Eine Dunkelheit, die von den Sorgen kommt, die sich viele Menschen machen. Eine Dunkelheit, dies ich auch über das Weihnachtsfest legt, das doch sonst so verheißungsvoll ist und Freude ausstrahlt, weil Corona uns  so sehr einschränkt in der Art und Weise, wie wir es feiern.

 

Im Frühjahr gab es das schon mal, diese dunklen Sorgenwolken. Aber etwas Entscheidendes war damals anders: es war Frühjahr, und die Tage wurden länger und heller, und die Sonne verwöhnte und tröstete uns mit ihrem Licht. Dieses Licht und die hellen Tage und das Aufleben der Natur, das alles hat uns in aller Verunsicherung schon geholfen. Jetzt aber sind wir in der allerdunkielsten Zeit des Jahres. Die Sonne tröstet uns wenig, meist ist es zu allen sorgenvollen Gedanken trüb und grau draußen. Ja, es ist schon so, eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen.

 

Mitten hinein in diese dunklen Tage erklingt die Weihnachtsbotschaft. Hören Sie auf den Text aus Jesaja 9, die Verse 1-6:

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es  hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

 

Mitten hinein in diese dunklen Tage wird uns Licht zugesagt. Ein großes Licht, und ein heller Schein wird die Dunkelheit in unseren Herzen begrenzen. Das Licht durchbricht die Nacht. Freude und Jubel werden sich den Sorgen entgegenstellen. Freude wird die Sorgen begrenzen, ihnen Einhalt gebieten. „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.“

 

Es ist eine Verheißung. Euer Joch wird zerbrochen werden. Unrecht wird gesühnt werden. Denn uns ist ein Kind geboren, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Es ist eine Verheißung. Für die ganze Welt und für die ganze Menschheit. Es ist eine umfassende Verheißung, die allem Dunkel dieser Welt ein strahlendes schönes Licht entgegenstellt. Friede wird sein, Friede in  unserer Seele, Friede unter uns Menschen, Friede zwischen aller Kreatur.

 

Es ist eine Verheißung. Denn uns ist ein Kind geboren. Und die herrschaft liegt auf seiner Schulter.

 

Ein Kind soll unsere Dunkelheit durchbrechen. Ein kleines hilfloses Kind. Das Gegenbild eines mächtigen Herrschers, der ein mächtiges Reich regiert. Ein Gegenbild. Aber Gottes Reich ist auch ein Gegenbild. Ein Gegenbild zu allen menschlichen Reichen. Alles wird hier auf den Kopf gestellt. Schwach wird mächtig, und groß wird klein, unrecht wird recht, und Blinde werden sehend. Gott wird Mensch und wir ihm ganz nah. Aus traurig wird froh, aus verletzt wird heil. Und aus dunkel wird hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“

 

Mitten in unseren Dunkelheiten ist es Heilig Abend geworden. Ob die Weihnachtsbotschaft auch in unseren Sorgen etwas verändern kann? Ich denke, die Sorgen werden bleiben. So leicht und so einfach werden wir sie wohl nicht los werden, hier in diesem Leben und in unserer menschlichen Welt. Und doch hat sich etwas verändert. Wir sind noch im Dunkeln, aber wir sehen einen Lichtschein. Wunderschön und golden leuchtend legt er sich um unsere Dunkelheiten herum. Die Weihnachtsverheißung lässt uns nach vorn schauen. Wir heben den Blick, schauen nach vorne, und dann sehen wir, dass es am Horizont hell wird.

 

Und wenn man die Dinge genau betrachtet, dann entdeckt man hier und da tatsächlich ein Leuchten. Ein Aufleuchten der Freude und des Jubels, die uns da angekündigt worden sind. Ein Vorzeichen des hellen Lichtes, das uns verheißen ist. Dann schauen wir doch mal genau hin. Wo ist es, dieses Aufleuchten?

 

Ich sehe es da, als ich neulich mit meiner Schwester in den USA und mit meiner Tochter in Berlin und mit meiner Mutter in Bönnigheim über alle Grenzen und Beschränkungen hinweg Stadt Land Fluss per Skype gespielt habe. Das hatten wir vorher noch nie gemacht. Wir haben viel gelacht und uns nebenbei gut unterhalten. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo ich hin und wieder in meinem Briefkasten – das war noch zu Beginn der Pandemie, aber ich erinnere mich auch heute noch sehr gern daran – wo ich hin und wieder in meinem Briefkasten eine selbstgenähte Maske von Menschen aus der Gemeinde gefunden habe. Jemand, der für mich denkt und sorgt. Freundlcihe Fürsorge. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden.

 

Ich sehe es da, wo das Austragen der Predigt vom Sonntag echte Freude auslöst. Ich schreibe immer ein paar Zeilen dazu und versuche damit, zu erzählen, womit wir uns gerade so beschäftigen in der Gemeinde, und was so los ist. Da bekommt man soviel zurück, Briefe und Spenden und Gebäck und Wein. Aber vor allem die Briefe, in denen man die Freude spürt, und die Verbundenheit, die durch diesen Predigtdienst entstanden ist. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo ich zum ersten Mal wieder echte Musik gehört habe. Das war, als wir damals den Pfingstgottesdienst aufgenommen haben. Die Musiker haben geprobt und sich für die Aufnahme eingespielt. Ich saß mit großem Abstand dabei und lauschte. Es war unglaublich schön, und ich wusste auf einmal, was Musik bedeutet. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo Menschen sich gegenseitig helfen, Not sehen, nach Lösungen suchen. Sich kreativ etwas einfallen lassen. Für andere einkaufen gehen. Wo wir untereinander zusammenhalten und so versuchen, eine schwierige Zeit miteinander zu überstehen. Ja, da habe ich schon manches Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Da leuchtet es nun, das Licht. Und ja, es durchbricht unsere Dunkelheit. Vielleicht ist das ja eine gute Übung, die wir mit in den Alltag nehmen können, wenn das Weihnachtsfest vorbei ist und die Tage wieder grau werden. Abends ein Licht anzünden für das, was an diesem Tag gut und schön war. Und vielleicht bleibt es dann nicht bei dem einen. Vielleicht kommt dann doch noch eins ums andere dazu. Und vor unseren Augen verbreitet sich ein warmer freundlicher Schein. Und wir denken an die Verheißung von Weihnachten:

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude….. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

 

Amen.

 

20.12.2020: Predigt zum 4. Advent über 1. Mose 18, 1-2.9-15 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Es ist lange her, dass in einer Adventszeit so sehnlich gewartet wurde wie in diesem Jahr. Auf einmal kommt das Wort „Erlösung“ nicht nur in Predigten vor. Es gibt niemanden, der nicht wartet. Die Kinder warten auf die Ferien und auf Weihnachten, auf das schön geschmückte Weihnachtszimmer und die Bescherung, andere warten auf die nächste Verordnung. Auf den Moment, in dem man weiß: die Gottesdienste an Heilig Abend können wie geplant gefeiert werden oder auf das Wissen: alles muss ausfallen, nichts von alldem Geplanten darf stattfinden. Warten auf Unterricht ohne Maske, warten darauf, die Mitstudenten nicht nur am Bildschirm zu sehen. Darauf, die Freizeit wieder ganz normal und aktiv zu verbringen. Darauf, wieder zu singen und zu musizieren, vor Publikum, im Chor, im Konzertsaal, Warten auf den Impfstoff und damit auf das Ende dieser Pandemie, darauf, dass die Politik die Relevanz der Pflegeberufe wirklich erkennt und etwas für deren Wertigkeit tut, oder Warten einfach darauf, dass die Enkel uns besuchen.

 

Enkelkinder ist das Stichwort. Enkelkinder oder Kinder, das leitet perfekt über zu dem Predigttext heute, in dem es auch ums Warten geht. Um sehnliches Warten. Um verzweifeltes Warten. Um hoffnungsvolles Warten. Um Warten, dass irgendwann dann doch alle Hoffnung verlor. Es geht um Abraham und Sarah, ein Text, den man bisher gar nicht so sehr adventlich gesehen hat. Abraham und Sarah – es war schon so lange her, dass sie aufgebrochen waren. So lange hatten sie es sich gewünscht: Eine neue Heimat – und Kinder. Aber Jahr um Jahr verging, und nichts davon geschah. Sie warteten und warteten. Sie wurden traurig und bitter. Dann wieder hoffnungsvoll. Und irgendwann war ihnen die Hoffnung abhandengekommen. Weiße Haare und kein Kind, so sitzen die beiden Alten jeden Tag in der Mittagshitze im Schatten der Bäume. Was soll da noch kommen?

 

Aber dann geschah etwas. Ich lese uns den Predigttext aus 1. Mose 18, 1-2.9.15:

 

Der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltens und neigte sich zur Erde. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, als und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht - , denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

 

Ja, es geschah etwas. Es kam Besuch, und dieser Besuch brachte ihr Leben wieder in Bewegung. So lange hatten sie gewartet. Und es war ein Warten, bei dem die Hoffnung sichin Resignation gewandelt hatte. Das Leben war still weitergegangen, ein Jahr reihte sich an das andere. Aber nun, auf einmal, beschleunigt sich das Tempo ihres Lebens wieder. Es ist einfach unglaublich, was dieser Besuch verspricht: Das Warten wird ein Ende haben.

 

Das Warten wird ein Ende haben. Das ist genau das, was sich alle Wartenden von ganzem Herzen wünschen, in diesen Tagen ganz besonders. Wir haben ja im Frühjahr schon so gewartet, und im Sommer bekam unsere Hoffnung Nahrung, ein wenig Normalität kehrte zurück, man konnte ein bisschen in Urlaub fahren, die Schulen öffneten wieder, alles gut. Und jetzt, zu Weihnachten, merken wir alle schmerzlich, dass wir uns zu früh gefreut haben, dass wir zu früh geglaubt hatten, die Dinge im Griff zu haben. Wir müssen noch warten. Wir müssen noch Geduld haben. Wenn doch jemand käme, der uns sagt: das Warten wird ein Ende haben.

 

Der Besuch sagt zu Sarah und Abraham: Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben und die beiden damit eine Zukunft. Denn darum ging es ja auch, nicht nur um den nicht erfüllten Kinderwunsch, der so schmerzlich war, sondern um noch viel mehr. Um die Wertigkeit als Frau, als Mutter, die Sarah verloren zu haben glaubte, um das wirtschaftliche Abgesichertsein, wenn man selbst nicht mehr arbeiten konnte, um Auskommen, um Versorgtsein, um das Leben im Alter.

 

Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben. Kommt daher und sagt so etwas unglaubliches in einer Leichtigkeit daher, die die ganze Schwere des vergeblichen Wartens nicht zu würden, nicht zu erkennen scheint. Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben, hört Sara. Bitterkeit steigt in Sara auf, sie spürt Sarkasmus, und sie kann nicht anders, sie fängt an zu lachen. Höhnisch. Spöttisch. Verächtlich. Es war kein schönes und frohes Lachen. Nein, es war bitter und resigniert. Das Warten hat vieles in Sara zerstört.

 

Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben. Die Worte stehen in der Luft, der spöttische beißende Klang von Saras Lachen auch. Dann wird es wieder still. Die Mittagshitze flirrt. Es ist heiß.

 

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

 

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze und – in die Adventszeit 2020. In der Geschichte Gottes mit den Menschen ist immer wieder geschehen, was Abraham und Sara erlebten: Jahre des Wartens, Zeiten ganz ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Da kommt von Gott ein Versprechen. Und das stößt sich an der Wirklichkeit. Und auch wir erleben etwas davon in dieser Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

 

 Amen.

 

© alle Bilder dieser Seite: Frank Zisler

Texte und Predigen:

Ditta Grefe-Schlüntz

Lukas Frei

Markus Deutsch