Predigten zu den Gottesdiensten

Übersicht der Predigten

15.03.2020 Predigt von Markus Deutsch finden Sie hier

22.03.2020 Predigt von Lukas Frei finden Sie hier

29.03.2020 Predigt von Ditta Grefe-Schlünz finden Sie hier

05.04.2020 Predigt von Lukas Frei finden Sie hier

09.04.2020 Predigt zum Gründonnerstag von Ditta Grefe-Schlünz finden Sie hier

10.04.2020 Predigt zum Karfreitag von Lukas Frei finden Sie hier

12.04.2020 Predigt zum Ostersonntag von Ditta Grefe-Schlünz finden Sie hier

13.04.2020 Predigt zum Ostermontag von Lukas Frei finden Sie hier

19.04.2020 Predigt von Markus Deutsch finden Sie hier

26.04.2020 Predigt von Ditta Grefe-Schlünz finden Sie hier

03.05.2020 Predigt von Lukas Frei finden Sie hier

10.05.2020 Predigt Kantate von Ditta Grefe.Schlünz finden SIe hier

17.05.2020 Predigt zum Sonntag Rogate von Lukas Frei finden Sie hier

21.05.2020 Predigt zu Himmelfahrt von Lukas Frei finden Sie hier

24.05.2020 Predigt zu Exaudi von Ditta Grefe Schlünz finden Sie hier

31.05.2020 Predigt zu Pfingstsonntag von Ditta Grefe-Schlüntz finden Sie hier

 

 

Predigt zu Pfingstsonntag den 31.05.2020 von Ditta Grefe-Schlünz

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Predigt über Acta 2, 1-21

 (musikalisch strukturiert durch Thema und Variationen von Lothar Graap: „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“)

 

Graap Thema (Flöte solo)

 

Zerstreut über die ganze Erde. Viele Völker, viele Sprachen, viele Kulturen, viele Religionen. Zerstreut, zersplittert. Grenzen dazwischen. Man versteht sich nicht. Man ist sich fremd. Man gehört nicht zusammen. Wir sind hier und wir sind wir. Da drüben sind die anderen. Wir und ihr. Wir und die. Wir hier verstehen uns. Wir hier sprechen dieselbe Sprache. Wir leben in unserer Welt. Erstmal müssen wir nach uns schauen. America first. Erstmal unseren eigenen Wohlstand sichern. Wir sind nicht nur eine Welt, sondern es gibt die erste Welt und die dritte Welt. Wir leben in verschiedenen Welten. In Welten mit verschiedener Bedeutsamkeit. Europa fällt auseinander. Brexit. Keine Einigung auf gemeinsame Grundwerte. Außerhalb Bürgerkriege. Tod und Zerstörung. Geflüchtete gestrandet vor Europas Grenzen in verheerenden und menschenunwürdigen Zuständen. Das Corona-Virus zeigt uns im wahrsten Sinne unsere Grenzen auf. Und es zersplittert uns im eigenen Land. Nicht nur weil wir Abstand halten sollen und nicht zusammenkommen dürfen. Sondern auch so. zersplittert in pro und contra Vorsichtsmaßnahmen. Demonstrationen. Verschwörungstheorien. Es nimmt absurde Ausmaße an.

Zerstreut über die ganze Erde. Viele Völker, viele Sprachen. Viele Religionen. Konfessionen. Abspaltungen. Zerstreut. Über die ganze Erde.

Variation 1

Und dann die Erzählung vom Pfingstwunder in Jerusalem. In der Apostelgeschichte heißt es: „als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, das waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kamen die Menschen zusammen und wurden verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Agypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: sie sind voll süßen Weines. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages, sondern das ist*s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollten Träume haben, und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden. Blut und Feuer und Rauchdampf, die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es soll geschehen. Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden. 

Variation 2

Vision

Das Pfingstwunder. Damals in Jerusalem. Die Zerstreuung in verschiedene Sprachen über die ganze Erde wird überwunden. Alle Menschen verstehen, jeder in seiner Sprache. Keine Sprachbarrieren mehr. Stattdessen Verstehen. Verständnis. Erkenntnis. Sich ansehen und begreifen. Alle sind wir angesprochen, alle weltweit global und gleichermaßen. Nicht nur das jüdische Volk. Nein, alle Menschen. Nicht nur die Christenheit. Nein, alle Menschen. Nicht nur die Glaubenden. Nein, alle Menschen. „Wir hören sie in unseren Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“ Zugegeben, am Anfang verstanden sie gar nichts. Sie waren verwirrt, erstaunt, verblüfft, auch verstört. „Was will das werden?“ fragten sie einander. Und die Spötter fehlten auch damals nicht. „Die sind ja betrunken“. Vermutlich waren auch die Jünger verstört und durcheinander. Ihnen wird ja auch wirklich viel zugemutet. Voller Hoffnung waren sie mit Jesus aufgebrochen. Dann mussten sie fassungslos seinen Tod und das Zerbrechen ihrer Hoffnung, ihrer Visionen erleben. Dann werden sie überwältigt von der Erkenntnis, dass Jesus vom Tod auferstanden ist. Und dann zum Himmel auffährt. Fort. Und doch da? Gegangen. Und doch nah? Und jetzt mit Petrus in Jerusalem. Mit  diesen vielen Menschen. Das Brausen, der Sturm, die Feuerflammen. Das Leuchten in den Augen, die wachen und strahlenden Gesichter. Das Staunen. Und dann dieses Einander Verstehen. Und dann ergreift Petrus das Wort. Und auch ihn verstanden sie alle. „Nein, sie sind nicht betrunken. Es ist Gottes Geist, der hier wirkt und der macht, dass wir einander verstehen. Dass wir alle von Gottes großen Taten hören.“

 

Da ist sie wieder, die Hoffnung. Für die Jünger. Und für uns auch. Die Hoffnung auf Zukunft. Auf Gottes Reich. Darauf, dass sich Jesu Worte doch erfüllen, eines Tages. Und die Welt gut miteinander lebt. Wo es keine Einsamkeit, kein Leid, keine Ausgrenzung mehr gibt. Da ist sie wieder, die Hoffnung. Und das Erleben, dass Jesus nicht einfach fot ist und uns allein lässt. Sondern er gibt uns einander. Er verbindet uns miteinander. Er lässt uns wissen, dass wir getröstet werden. Durch Gottes Geist. Das Pfingstwunder. Ein Erleben und eine Vision. Damals. Und heute auch.  

Denn es ist eine Erzählung, die ansteckt. Auch wir staunen, wenn wir das hören. Und stellen uns vor, wie schön das ist. Wie schön das wäre, vom Geist ergriffen zu sein. Das Feuer zu spüren und den frischen Wind, der da weht. Und so wird diese Erzählung vom Pfingstwunder zu einer Vision. Zu einer Vision für uns heute, die wir mitten in der Zersplitterung und Zerstreuung leben. In dieser Welt voller Trennungen und Abspaltungen und Grenzen, voller Barrieren und Unverständnis, voller Abgrenzung und Auseinanderbrechen. Diese Vision von der einen Welt, von dem einen Volk Gottes. Wir alle und überall als Bürger einer einzigen Welt. Nichts trennt uns mehr, weder Sprachen noch Religionen noch Kulturen noch Situationen noch Lebenszusammenhänge. Wir verstehen einander, wissen also voneinander, fühlen uns füreinander verantwortlich, sind miteinander verbunden. Versuchen alles dafür zu tun, dass wir in dieser einen Welt gut miteinander leben.

„Da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben.

Gut miteinander leben. Alt und Jung, Mensch und Tier, Mensch und Natur, die ganze Schöpfung. Und damit ist keine Gleichmacherei gemeint. Wir sind in unserer ganzen Verschiedenheit angesprochen. Wir brauchen nicht dieselbe Lebenswelt oder dieselbe Sprache, nicht dieselbe Religion, um einander zu verstehen. Sondern es ist Raum für Verschiedenheit und andere Perspektiven. „Jeder verstand Petrus in seiner eigenen Sprache“. Gottes Geist ist es, der die Verständigung in aller Verschiedenheit oder über alle Verschiedenheit hinweg möglich macht. Wir müssen nicht gleich sein. Aber hinhören. Und hinschauen. Und verstehen wollen. Befähigt durch Gottes Geist. 

Variation 3

Ein paar Verse später in der Apostelgeschichte kann man lesen, dass sich damals 3000 Menschen taufen ließen. Dass man dann zusammenkam zum Gottesdienst und dabei teilte, was man hatte, sodass jeder bekam, was er zum Leben brauchte.

Die Kirche ist geboren. 3000 Menschen haben sich taufen lassen. Es geschehen Zeichen und Wunder, und die Christen leben eine ideale Gemeinschaft. Und sie finden Wohlwollen beim ganzen Volk.

Gottes Geist macht es möglich. Die Kirche entsteht. Gut und schön, wie ein Ort, an dem Gottes Reich schon angebrochen ist. Wo man sich nur soviel nimmt, wie man braucht. Wo man sieht, was andere brauchen. Menschen Hab und Gut teilen, damit alle gut leben können. Kurz: wo man einander versteht, über alle Sprachgrenzen hinweg. Wo die Jungen Visionen und die Alten Träume haben. Gottes Geist macht es möglich.

Ein Idealbild vom Anfang unserer Kirche. Unsere Wirklichkeit dagegen sieht anders aus. Nicht dreitausend lassen sich täglich taufen. Die Kirche verliert seit Jahrzehnten kontinuierlich Mitglieder. Die Ökumene und das Bemühen um interreligiösen Dialog ist mühsam. Und das Christentum findet auch kein Wohlwollen beim ganzen Volk, es muss sich in unserer weltanschaulich neutralen Welt ständig neu legitimieren und erklären,

Das Idealbild vom Anfang. Gottes Geist machte es möglich. Neidvoll schaue ich zurück und denke an Lukas, der die Worte der Apostelgeschichte aufschrieb. Warum erzählt er uns von diesem Pfingstwunder und dieser Vision, von diesem idealen guten Anfang? Fulbert Steffensky schreibt einmal: Die Geschichte ist nicht erzählt, weil es so war, sondern weil es so sein soll. Die Erinnerung sagt: „Es war einmal“, weil es einmal so sein soll. Lukas sehnt sich nach einer Kirche voll Liebe und Gerechtigkeit. Und er erzählt uns von diesem wunderschönen Anfang der Kirche, weil er uns dazu provozieren möchte, diesem Geist Gottes nachzugehen. IN seinem Sinne zu handeln. Damit dieser Traum vom Anfang ab und an auch Realität wird. Damit die Vision ihre verändernde Kraft entfaltet.

Und ab und zu ist es ja auch möglich. Das Gottes Geist spürbar wird. Dass Grenzen überwunden werden. Dass man einander versteht, obwohl man verschiedene Sprachen spricht und in verschiedenen Welten lebt. Zum Beispiel dann, wenn viele Helfer es geflüchteten Menschen in unseren Gemeinden ermöglichen, dass sie in einem fremden Land Fuß fassen und ein neues Zuhause finden können. Zum Beispiel dann, wenn Kirchentag ist und es dort auf einmal für ein paar Tage möglich ist, anders als sonst zu leben, miteinander zu lachen, Gemeinschaft zu riskieren, auf Müllberge zu verzichten. Zum Beispiel dann, wenn wir in Oberderidngen Amthoffest feiern und für drei Tage Begegnung, Hand in Hand arbeiten und miteinander leben im Mittelpunkt steht. Zum Beispiel dann, wenn wir in diesen von Corona so sehr bestimmten und beschränkten Zeiten trotzdem Wege zueinander finden, kreativ und überraschend, erfrischend und froh machend, durch Streaming-Gottesdienste, durch Telefonate und Briefe, durch liebevolles und fürsorgliches Aneinander-Denken.

Die Vision vom Anfang unserer Kirche will uns zeigen, was möglich ist, wenn Gottes Geist Raum gewinnt. Es ist die Kraft der Vision, die sich in ihm ausdrückt. Die Kraft der Vision, die so viel verändern kann. Die alles verändern kann.

Verstreut über die ganze Welt sind wir. Grenzen und Befremdlichkeiten bestimmen uns, Krisengeschüttelt sind wir an vielen Punkten an unsere Grenzen gekommen. Zuhause, am Arbeitsplatz, im Ort, in der Gemeinde, in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. Wie bitter notwendig ist Gottes Geist, der uns neu entzündet und eben die Hoffnung wie erfrischenden Wind in unser Denken und Fühlen schickt. Wie gut, dass uns jedes Jahr diese Vision wieder neu vor Augen gestellt wird. Diese Erzählung vom Pfingstwunder in Jerusalem. Wie gut, dass Pfingsten ist.   

Amen.

 

Predigt zu Exaudi vom 24.05.2020 von Ditta Grefe-Schlünz

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Predigt zu Exaudi, 24.5.2020 über Jeremia 31, 31-34 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

 

Da sitzen die Jünger im oberen Stock des Hauses, wo sie immer wieder zusammen gewesen sind, zusammen mit Jesus. Jetzt ist Jesus fort, und die Jünger sind allein dort versammelt. Auch Frauen sind dabei, Maria Magdalena und Johanna und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder. Sie sitzen zusammen. So erzählt der Evangelist Lukas. Und beten.  Vielleicht mit den Worten aus dem 27. Psalm. Diesen Psalm kennen sie gut, Israel betet ihn oft, und oft dann, wenn sie unsicher waren, wenn sie sich Sorgen machten, wenn sie Gott gern gehört hätten oder gespürt. Wenn sie ihn angefleht haben, sich zu zeigen, zu helfen, die Not zu lindern, die gerade auf ihnen lastet. „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Sie sitzen zusammen, beten und gehen nicht raus. Können nicht. Wollen nicht. Denn Jesus ist fort, hat sich von ihnen verabschiedet. Und so sitzen sie nun da und warten darauf, dass sich erfüllt, was er versprochen hat:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“ Der ist aber noch nicht gekommen. Also warten sie. Und hoffen. Und vertrauen. Und beten.

Schöne Erfahrungen im Rücken. Große Verheißung im Ohr. Und im Herzen. „Siehe, es kommt die Zeit.“

Glauben heißt: warten.

Warten. Ich glaube, die Welt hat schon lange nicht mehr so gewartet wie in den vergangenen Wochen, wie zur dieser Zeit der Corona-Pandemie. Warten. Geduld. Wir üben und lernen dies seit vielen Wochen. Unsere Geduld wir auf eine harte Probe gestellt. Wir warten. Es fällt uns schwer. Je länger, je mehr. Wir wollen eine Perspektive, am besten ein Datum. Wann ist es – endlich – vorbei? Wann ist es wieder gut, also wie vorher? Manche wollen das komplette Ende vom ‚lockdown‘. Je schneller, desto besser. Sie werden ungeduldig. Gehen auf die Straßen und Plätze. Fordern. Kritisieren. Wir wollen nicht mehr warten. Wir wollen alles. Jetzt. Sofort. Das ist unser Recht. Wir sind das Volk. Ungeduld wird laut. Lässt sich nicht zügeln und verhindern. Bricht aus und wird hörbar.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ So heißt es bei Jeremia. Unser Predigttext für heute beginnt mit diesen Worten. „Siehe, es kommt die Zeit.“ Jeremia gibt uns eine Perspektive. Unbestimmt zwar, aber eine Perspektive. „Siehe, es kommt die Zeit.“ Können wir auf diese angekündigte Zeit warten? Warum sollten wir warten?

Warten, weil wir glauben.  Warten, weil wir vertrauen.

Oder haben wir das Warten verlernt? Weil so vieles machbar geworden ist? Und wir es gewöhnt sind, so vieles, was wir möchten, jetzt gleich bekommen zu können?

„Siehe, es kommt die Zeit.“ So beginnt manches Verheißungswort der biblischen Propheten an das Volk Israel. In schwierigen Zeiten haben sie solche Worte gesagt, um die Menschen zu trösten, um ihnen Kraft zum Durchhalten, zum Geduld haben, zum Warten zu geben. „Siehe, es kommt die Zeit.“ Die Israeliten mussten sich oft gedulden. Mussten vieles aushalten. Mussten lange warten. Damals im Exil. Eine grausame politische Niederlage mussten sie hinnehmen. Die Stadt Jerusalem war verwüstet. Der Tempel zerstört. Leben findet in der Fremde statt oder in Trümmern. Es gibt keine konkrete Aussicht. Wenig Hoffnung. Vielleicht die Ahnung: wir sind selber Schuld, wir haben unserem Gott nicht vertraut, obwohl wir uns immer und immer wieder daran erinnern, wie er geholfen hat. In aussichtsloser Lage. Wie er uns gerettet und befreit hat. Vor einem übermächtigen Feind. Aus Sklaverei und Unterdrückung. Auf einem langen und mühsamen Weg hat er uns durch die Wüste geführt. Er war da und er hat uns begleitet. Aber wir haben uns abgewendet. Darum ist er zornig. Was wir erleben, ist seine Strafe. So das Volk Israel.

Aber jetzt macht der Prophet Jeremia wieder Hoffnung. Er sagt: „Siehe, es kommt die Zeit.“ Siehe, es kommt die Zeit, spricht der her, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr, sondern das soll mein Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Und so warten sie. Vertrauensvoll. Lange Jahre. Das ist ihre Geschichte und ihr Glaube.

Und wir? Müssen wir denn auch warten? Wir sind ja nicht das Volk Israel. Für uns ist diese Zeit, die Jeremia hier ankündigt, ja längst gekommen. Den neuen Bund, von dem leben wir ja schon längst: Gottes neuem Bund in Jesus Christus. Jesus Christus ist geboren, lange schon. Hat den Menschen von Gott und seiner Freundlichkeit erzählt, von Versöhnung, vom Leben in Gerechtigkeit und Frieden. Jesus ist am Kreuz gestorben und auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel. Für uns heute hat sich doch längst alles erfüllt. Also worauf sollten wir denn noch warten?

Aber oft haben wir die gleichen Fragen wie das Volk Israel. Das Leben zeigt sich von einer schweren und unverständlichen Seite. Und wir fragen uns, warum Gott uns dieses oder jenes, diese Traurigkeit und jene Sorge zumutet. Wir merken, dass unser Leben begrenzt und eingeschränkt ist. Wo ist Gott? Fragen wir dann oft. Warum hilft er jetzt nicht? Sofort? Jetzt gleich?

Und wir merken, dass unsere Fragen dieselben sind wie die des Volkes Israel damals im Exil. Und wie sie erleben wir auch dieses – warten müssen. Und dieses vertrauen müssen. „Siehe, es kommt die Zeit.“ Aushalten, durchhalten. Darauf, dass alles gut wird. Irgendwann. Dass etwas kommt, was jetzt noch nicht da ist. Es ist noch längst nicht alles gut. Die großen Verheißungen Gottes stehen noch aus. Auch für uns.

Wenn wir bald wieder in der Kirche zusammenkommen, dann sind wir ein bisschen wie die Jünger, die da in ihrem Obergeschoss sitzen, in dem Haus, in dem Jesus ihnen immer so nah war, in dem Haus, in dem sie die guten Erinnerungen so sehr vor Augen haben. Wenn wir bald wieder in der Kirche zusammenkommen, dann sitzen wir in den vertrauten Kirchenbänken, aber mit großem Abstand, mit Mundschutz, und wir dürfen nicht singen. Düren uns nicht begrüßen und nicht verabschieden. Dürfen nicht zusammenstehen und uns ausgiebig unterhalten, hinterher, vor der Tür. Sondern wir warten. Warten, dass kommt, was Gott versprochen hat.

Vielleicht können wir das Warten üben. Indem wir versuchen, dankbar zu sein. Dafür, dass es uns soweit gut geht. Dafür, dass wir haben, was wir zum Leben brauchen. Dafür, dass es im Garten blüht und wächst und gedeiht. Dafür, dass wir trotz der Umstände mit lieben Menschen verbunden sind. Wir können versuchen, dankbar zu sein und so dass Warten besser aushalten und all das, was wir vermissen: dass wir zusammen fröhlich feiern können wie sonst um diese Zeit beim Amthoffest, dass die Kinder aus der Gemeinde zusammenkommen zum singen und Spielen und Basteln und Toben wie zu den Kinderbibeltagen, dass Gruppen und Kreise das Gemeindehaus mit Leben füllen und dass man zusammensitzt und isst und trinkt.

Vielleicht können wir dann das Warten besser aushalten. Es gehört dazu, zu dieser Lage im Besonderen, aber eigentlich überhaupt so zum Leben.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Und wenn sie dann da ist, diese angekündigte und verheißende Zeit, dann glauben wir nicht nur. Dann vertrauen wir nicht nur. Dann erleben wir. Gottes Nähe und die Welt und das Leben, wie er sie gemeint hat. Dann erleben wir, wie unsere Tränen abgewischt werden, unsere Fragen Antworten bekommen, Leib und Seele heil werden.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Gut, dass es Verheißung gibt. Etwas, das kommt, was jetzt noch nicht ist. Das uns hilft zu warten und zu vertrauen. Wir vertrauen dir, Gott, und wir vertrauen darauf, dass du es gut mit uns meinst. Dass es eine gute Zukunft für uns gibt, auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen können. „Siehe, es kommt die Zeit.“ Und bis dahin warten wir. Und hoffen. Zusammen. Verbunden in deinem Geist. Amen.

 

Lied zu Exaudi: EG 136, 1-4 O komm, du Geist der Wahrheit

1 O komm, du Geist der Wahrheit, / und kehre bei uns ein. / verbreite Licht und Klarheit, / verbanne Trug und Schein. / Gieß aus dein heilig Feuer, / rühr Herz und Lippen an, / dass jeglicher Getreuer / den Herrn bekennen kann.

2 O du, den unser größter / Regent uns zugesagt; / komm zu uns, werter Tröster, / und mach uns unverzagt. / gib uns in dieser schlaffen / und glaubensarmen Zeit / die scharf geschliffnen Waffen / der ersten Christenheit.

3. Unglaub und Torheit brüsten / sich frecher jetzt als je; / darum musst du uns rüsten / mit Waffen aus der Höh. / Du musst uns Kraft verleihen, / Geduld und Glaubenstreu / und musst uns ganz befreien / von aller Menschenscheu.

6 O Heilger Geist bereite / ein Pfingstfest nah und fern. / mit deiner Kraft begleite / das Zeugnis von dem Herrn. / o öffne du die Herzen / der Welt und uns den Mund, / dass wir in Freud und Schmerzen / das Heil ihr machen kund.

 

 

 

Predigt vom 21.05.2020 zu Himmelfahrt von Lukas Frei

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Predigt zum Lied:  Wir feiern deine Himmelfahrt (NL 216) 21.05.2020

Wwdl+ 216

1. Wir feiern deine Himmelfahrt mit Danken und mit Loben. Gott hat sich machtvoll offenbart, das Kreuz zum Sieg erhoben. Er sprach sein wunderbares Ja. Nun bist du immer für uns da, entgrenzt von Raum und Stunde.

2. Das Reich, in das du wiederkehrst, ist keine ferne Höhe. Der Himmel, dem du zugehörst, ist Herrschaft und ist Nähe. Präg du uns ein, Herr Jesu Christ: Gott ist nicht, wo der Himmel ist; wo Gott ist, da ist Himmel.

3. Nimm uns in deinen Machtbereich, gib Kraft zu Tat und Leiden und mach uns deinem Wesen gleich im Wollen und Entscheiden. Wir freuen uns, Herr Jesu Christ, dass da auch ein Stück Himmel ist, wo wir dein Wort bezeugen.

4. Du hast die Angst der Macht beraubt, das Maß der Welt verwandelt. Die wahre Macht hat nur, wer glaubt und aus dem Glauben handelt. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass dir die Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden.

5. Du trittst beim Vater für uns ein, auch wenn wir es nicht sehen. Trotz Widerspruch und Augenschein kann uns doch nichts geschehen, was deinem Wort, Herr Jesu Christ, und deinem Sieg entgegen ist. Hilf uns darauf vertrauen.

6. Wenn diese Welt zu Ende geht, bewahre und errette, was deinem Namen untersteht. Bereite uns die Stätte und hol uns heim, Herr Jesu Christ, dahin, wo du der König bist, der Friede ohne Ende.

 

Himmelfahrt gehört für mich zu den ganz wichtigen Festen, die wir in der Kirche feiern. Auch wenn das Fest in der Öffentlichkeit so wenig wahrgenommen wird.

Natürlich: so, wie die Geschichte in der Bibel steht (Apg 1,1-11), kann man die Himmelfahrt von Jesus leicht missverstehen: „Als Jesus das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen“ (Apg 1,9). Was für ein Bild entsteht da in Ihrer Fantasie? Zuallererst stelle ich mir Jesus stehend auf einer Wolke vor – von dieser wird er nach oben getragen, bis man ihn nicht mehr sieht. Es gibt etliche solcher Bilder: Jesus, deutlich erkennbar wird von einer Wolke umgeben und schwebt in das goldene Licht des Himmels.

Aber in der Apostelgeschichte ist es gar nicht so grob erzählt und schon gar nicht gemeint. Jesus wurde emporgehoben – er steht nicht mehr mit beiden Füßen fest auf der Erde.

Eine Wolke nahm ihn auf – Jesus wurde verwandelt in etwas leichtes, luftiges, was Menschen nicht fassen können.

Weg von ihren Augen – diesen anderen Jesus können wir mit unseren Augen nicht sehen.

 

 

Lukas versucht zu beschreiben, wie Jesus Christus jetzt ist. Also für alle, die ihn nicht mehr mit beiden Füßen auf dem Boden erleben. Schon er, der Evangelist selbst. Und genauso wir heute.

Lukas versucht uns deutlich zu machen: So wie Christus jetzt ist, ist nicht mehr an die Erde gebunden. Er ist leicht, nicht zu fassen und nicht zu sehen. Aber trotzdem präsent und wirkmächtig.

Davon erzählt die ganze restliche Apostelgeschichte: Wie der auferstandene, unsichtbare Jesus Christus die Weltgeschichte verändert.

Der Predigt geht ein neues Lied voran, welches im neuen Liederbuch steht: „Wir feiern deine Himmelfahrt mit Danken und mit Loben.“ Das Lied habe ich erst diese Woche entdeckt. Aber es hat mich gleich angesprochen. Weil es das ausdrückt, was für mich Himmelfahrt zu diesem wichtigen Fest macht.

Das häufigste Wort in diesem Lied ist „Macht“:

„Gott hat sich machtvoll offenbart…“ „Nimm uns in deinen Machtbereich…“ „Du hast die Angst der Macht beraubt… Die wahre Macht hat nur, wer glaubt.“

Macht in Verbindung mit Christus ist ungewöhnlich. Wir haben den Gekreuzigten vor Augen. Und die christlichen Kirchen wirken gar nicht mächtig. Sie werden kaum noch gehört. Und die Kirchenoberen haben anscheinend auch nicht viel zu sagen. In der schlimmsten Krise seit dem Krieg haben sogar die Zeitungsleute die Stimme der Kirchen vermisst.    

Aber in dem Lied singen wir auch nicht vor der Kirche, sondern von Christus, von seiner Macht. Was ist das für eine Macht? Merken wir die irgendwo? 

Bestimmt nicht einfach so. Denn ganz massiv erleben wir menschliche Macht. In diesen Wochen war es besonders deutlich: wie staatliche Verordnungen verbieten können, was vorher wichtig und selbstverständlich war. Man mag die Verbote notwendig finden oder nicht.

Für mich waren jedenfalls die rot- weißen Bänder um die Spielplätze ein besonders krasses Beispiel. Natürlich, auf dem Land – in Großvillars und Oberderdingen – da gibt es viel grün und die allermeisten haben große Gärten, in denen die Kinder nach draußen können. Aber der Großteil der Menschen wohnt in Städten, und auch auf dem Land sind Spielplätze sehr beliebt. Ich hätte den Kindern auf jedem Fall sehr gewünscht, dass sie sich bewegen, draußen im Freien und miteinander spielen. Meines Wissens war das sogar in schlimmsten Kriegszeiten möglich. Weil Kinder nur so gesund und widerstandsfähig bleiben.

Aber jetzt war es verboten und die Polizei hat die Spielplätze regelmäßig kontrolliert. Und niemand konnte etwas dagegen machen. Wenn Kinder beim Spielen miteinander erwischt worden sind, mussten die Eltern 250 € pro Kind zahlen. Das ist gar nicht so selten vorgekommen. Inzwischen sind die Flatterbänder weg. Aber spielen dürfen die Kinder immer noch  nur auf Abstand.

Das ist Macht. Was sollte Christus dagegensetzen können?

In der 4. Strophe unseres Liedes singen wir: „Du hast die Angst der Macht beraubt.“ Ja, die Angst. Die ist der Hebel, den die menschliche Macht ansetzt.

Wer Macht ausüben will, muss die Menschen in Angst versetzen. Auch das haben wir erlebt. Die Bilder aus Italien, aus Spanien, aus New York! Die Art, wie die Fallzahlen im Fernsehen präsentiert werden: jeden Tag werden es mehr, bis heute. „Hört das gar nie auf?“, fragt man sich.

Aber es sind ja auch Menschen gesund geworden! Und schon bald sind viel mehr Menschen gesund geworden als neu erkrankt. Dem Landkreis Karlsruhe ist das schon seit ein paar Wochen aufgefallen. Auf der täglich veröffentlichten Landkreiskarte sieht man alle Daten: neben den Gesamtfällen auch die Genesenen und die „derzeit Infizierten“. Und genau diese Zahl fällt stetig für den ganzen Landkreis.

Wir haben Glück, dass unser Landkreis das so darstellt. So können wir uns jeden Tag freuen: es wird besser, das Schlimmste liegt hinter uns. 

Doch wenn Angst einmal da ist, geht sie nicht so leicht weg.

„Du hast die Angst der Macht beraubt“, singen wir im Lied. Wodurch? Im ersten Vers finden wir’s: „Gott hat sich machtvoll offenbart, das Kreuz zum Sieg erhoben.“ Jesu Tod am Kreuz und seine Auferstehung ist der Schlüssel zu allem. Die damals Mächtigen haben Jesus getötet. Und seine Jünger konnten nichts tun, nur verzweifelt zuschauen. Doch die Mächtigen haben nur in die Luft geschlagen!

Jesus ist auferstanden: leicht, nicht zu fassen und nicht zu sehen. Aber trotzdem präsent und wirkmächtig. Hätte er nicht selbst gewollt, die Machthaber hätten ihn nicht zu fassen gekriegt. Doch er wollte – für uns – damit wir verstehen: „Du hast die Angst der Macht beraubt“. Vor dem Sterben brauchen wir uns nicht zu fürchten. Weil wir durchs Sterben so leicht und luftig wie Jesus werden: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt!“

Und wer keine Angst vor dem Sterben hat, hat vor gar nichts Angst.

So ist Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt der Schlüssel zu allem.

„Die wahre Macht hat nur, wer glaubt und aus dem Glauben handelt“, so hat der Dichter weitergeschrieben.

Glauben in der Bibel bedeutet immer Vertrauen. Vertrauen ist die wahre Macht. Aber nicht Vertrauen auf Menschen. „Verlasset euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen und können ja nicht helfen“, lesen wir in Psalm 146, 3.

Vertrauen auf Jesus Christus! Das ist etwas ganz anderes. Der erste Vers im Lied spricht es aus: „Nun bist du immer für uns da, entgrenzt von Raum und Stunde.“ Wir merken es. Jeden Abend beim Abendgebet, da danken wir Christus

·       „für das, was wir zum Leben haben“.  Und mir fällt immer ein, wodurch mich Gott heute im Leben gehalten hat.

·       „für das, was uns heute gelungen ist“. Und mir fällt ein, wie ich heute Kraft bekommen habe oder gute Gedanken oder ein gutes Gespür für einen Menschen.

·       „für das, was uns heute gut getan hat.“ Und mir fällt ein, wie viel Schönes und Wohltuendes ich heute erlebt habe.

Und ich merke: tatsächlich war Christus den ganzen Tag für mich da.

Im Gebet ist aber auch für das andere Raum:

·       Für das Unfertige und Misslungene

·       Für das Verletzte und Verfehlte

·       Für unsere Ängste.

Und ich merke im Beten, wie das bei Christus aufgehoben ist. Im Beten merke ich Gottes Macht. Eine Macht, die eine ganz andere Dimension hat als alles was Menschen auf dieser Welt – und seien es noch so mächtige – ausüben können.  Weil Gottes Macht Leben schafft und im Leben erhält. Weil sie das Unfertige und Verletzte und meine Ängste in sich aufnimmt und verwandelt: in Gelassenheit, in Zuversicht, in Mut.

„Nimm uns in deinen Machtbereich, gib Kraft zu Tat und Leiden“ haben wir im 3. Vers gesungen. Genau das ist es, was ich beim Abendgebet erlebe. Christus nimmt mich in seinen Machtbereich hinein, wo ich geschützt und geborgen bin: „Meine Schafe hören meine Stimme. Und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (Joh 10, 27.28).

Und von daher fließt Kraft. „Kraft zu Tat und Leiden.“ Im Machtbereich Christi sein bedeutet eben nicht, dass wir ungeschoren durchs Leben kommen. Wir sind Menschen, wie Jesus Mensch war. Und deshalb sind wir den menschlichen Machthabern ausgeliefert, wie er.

Doch sie können nur an der Oberfläche kratzen. „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können“, hat Jesus gesagt. Wenn wir sterben, finden wir uns in seinen Armen wieder. In dieser luftigen, leichten und lichten anderen Welt, die bis an den Rand gefüllt sein muss mit Gottes Liebe.

„Die wahre Macht hat nur, wer glaubt!“ Wer darauf vertraut, der hat die wahre Macht. Und ich denke, Sie merken: diese wahre Macht ist keine Macht, mit der man jemand zu etwas zwingen könnte. Diese Macht macht niemand Angst. Im Gegenteil: Diese Macht macht frei und beschwingt. 

Wir Menschen nehmen natürlich nur einen kleinen Ausschnitt von Gottes Macht wahr. Seine Macht trägt die ganze Schöpfung. Seine Macht umfasst die ganze unsichtbare Welt, die für uns auf jeden Fall jetzt vor dem Sterben noch unzugänglich ist.

Doch was wir erleben von seiner Macht, das genügt uns vorerst vollauf. Vom Fest Christi Himmelfahrt können wir uns die Binde von den Augen ziehen lassen, die uns so oft und immer wieder blind macht für die wahren Machtverhältnisse: „Der Himmel, dem du zugehörst, ist Herrschaft und ist Nähe.“

Ja, Jesus Christus herrscht als König! Alle die anderen, die sich als Machthaber aufspielen, haben nicht mehr Standvermögen als ein Luftballon. Manche platzen mit einem Knall, die anderen liegen morgens schrumplig in der Ecke.

Christi Macht kommt aus einer anderen Dimension – aus dem Himmel. Und wir bitten ihn: „Nimm uns in deinen Machtbereich, gib Kraft zu Tat und Leiden und mach uns deinem Wesen gleich im Wollen und Entscheiden. Wir freuen uns, Herr Jesu Christ, dass da auch ein Stück Himmel ist, wo wir dein Wort bezeugen.“

Amen

 

 

 

Predigt vom 17.05.2020 zum Sonntag Rogate von Lukas Frei

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Predigt zum Sonntag Rogate (17.05.2020) – Die andere Perspektive (Pfr. Frei)

Beten – das ist das Thema für den heutigen Sonntag „Rogate“ („Betet“). Beten ist die Hinwendung zu Gott. Hinter uns liegen Wochen, in denen das Thema „Corona“ allgegenwärtig war. Es hat alles andere verdrängt. Fallzahlen, Reproduktionszahlen, Getestete, an oder mit Corona Verstorbene, die Lockdownmaßnahmen, die Masken.

Heute geht es ums Beten, um die Hinwendung zu Gott. Wir schauen weg von den Menschen, den Politikern und Virologen – und schauen hin zu Gott.

Bei dieser ganzen Corona- Sache geht es ja um die Deutung der Welt. „Die Welt ist ein Kriegsschauplatz“, sagen die Experten, die man hat zu Wort kommen lassen. Im Coronavirus sehen sie einen unsichtbaren, heimtückischen Feind. Die Bundeskanzlerin hat gesagt: „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen.“

Gott sieht seine Welt anders: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“, lesen wir im ersten Kapitel der Bibel (1. Mose 1, 31).

Die beiden Deutungen stehen sich gegenüber: Das Leben als ständiger Krieg – „Keine Sekunde in Sicherheit.“
Und: „Siehe, es ist alles gut!“ Die Schöpfung gehalten von Gottes mächtiger Hand.

Wie Feuer und Wasser. Panik oder Geborgenheit – beides zusammen geht nicht.

Sonst ist die Auseinandersetzung um die großen Fragen eher ein Luxusproblem für Philosophen. Die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Deutung der Welt betrifft aber jeden von uns. Denn es geht darum, wie wir leben wollen – wie wir leben können.

Welche Seite hat recht?

Mit den Argumenten für die Panik sind wir jetzt lange genug geflutet worden. Gibt es auch Argumente dafür, dass wir uns in Gottes Welt geborgen fühlen können?

Denn harmlos ist die Welt ja nicht. Wir können krank werden. Und sterben. Das sind Tatsachen.

Sagt Gott wirklich zu dieser gefährlichen Welt: „Siehe, es ist sehr gut?“

Ja, tatsächlich. Doch wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns auf Gottes Perspektive einlassen. Denn wir Menschen, wir stellen uns ganz automatisch immer selbst in den Mittelpunkt. Und sortieren alles andere danach, ob es uns nützt oder schadet: Tulpen sind schön – Unkraut muss vernichtet werden. Unser Haustier lieben wir – die Schädlinge wollen wir am liebsten ausrotten. Und ganz generell: wir sind im Zentrum, drumherum ist die Umwelt. Als ob alles andere nur für uns Menschen gemacht wäre.

Es gibt nicht nur Schöpfungsgeschichten in der Bibel, sondern auch Schöpfungspsalmen. Lieder und Gebete an und für Gott. Besonders interessant ist der Psalm 104. Da wird die Schöpfung aus Gottes Perspektive beschrieben. Die Menschen kommen natürlich auch vor, in dieser Beschreibung. Aber sie stehen in der Reihe neben allen anderen Geschöpfen.

Du lässest Brunnen quellen in den Tälern,
dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,
dass alle Tiere des Feldes trinken
und die Wildesel ihren Durst löschen.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels
und singen in den Zweigen.

Du tränkst die Berge von oben her,
du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.
(Ps 104, 10- 13)

Menschen werden bis dahin nicht erwähnt.
Du tränkst die Berge von oben her,
du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

Wir merken, die Berge sind Selbstzweck: Gott gibt den die Bergen zu trinken, durch den Regen. Auch das Land ist ein selbständiges Geschöpf: Gott macht es voller Früchte. Man spürt im Psalm, wie sich das Land freut an der üppigen Fülle: „Du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“

Erst dann kommen die Menschen – in einem Atemzug mit dem Vieh:
Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz.
(Ps 104, 14-15)

Man könnte sich aufregen: „Ich soll mich mit einem Berg vergleichen lassen, einem Felsblock? Mit der dummen Kuh soll ich auf Augenhöhe sein? Als Mensch bin ich doch etwas ganz anderes – viel mehr!“   

Ich rege mich nicht auf. Mich entlastet diese biblischen Sicht der Dinge. Ich will gar nicht Krone der Schöpfung sein. Denn ich habe nicht den Überblick. Ich verstehe nicht alles. Ich habe nicht einmal mein Leben im Griff – schon gar nicht die Welt. Ich bin nur ein Geschöpf Gottes von vielen. Bin froh, dass ich mitten unter den anderen Geschöpfen leben darf.

So weit, so gut. Doch der Psalm geht noch weiter:

Du machst Finsternis, dass es Nacht wird;
da regen sich alle Tiere des Waldes.
Die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub
und ihre Speise fordern von Gott.

Es warten alle auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.
(Ps 104, 20-21.27-28)

Auch die Löwen, die nach Raub brüllen, fordern ihre Speise von Gott. Und Gott gibt ihnen und sättigt sie mit Gutem.

Ja und was gibt Gott den Löwen, was fressen die so? Gazellen vielleicht. Aber auch Schafe. In biblischen Zeit gab es noch Löwen im Land Israel. Die sind immer mal wieder in eine Schafherde eingebrochen. Und manchmal haben sie wahrscheinlich auch den Hirten gefressen. „Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.“

So sieht die Welt aus Gottes Perspektive aus. Er liebt alle seine Geschöpfe: die Menschen natürlich, aber auch die Löwen. Und die Schlangen und die Zecken, die Bakterien und die Viren.

Von Bakterien hat man in biblischer Zeit natürlich noch nichts gewusst. Die hat man erst entdeckt, als es Mikroskope gab. Und Viren kann man bis heute nicht richtig sehen, so klein sind sie.

Aber auch diese kleinen Wesen sind Geschöpfe Gottes. Wir sollten sie übrigens nicht unterschätzen. Auch wenn wir Menschen sie mit bloßem Auge nicht sehen: das Gewicht dieser Mikroben, wenn man alle zusammennimmt, ist größer als das aller Menschen, Tiere und Pflanzen auf der Erde. Bei Gott, nehme ich deshalb an, haben diese kleinen Geschöpfe also sehr wohl Gewicht.

Das Spannende am Psalm 104 und an der ganzen biblischen Sicht auf die Schöpfung und ihre Geschöpfe ist nun für mich, dass da immer ein Zusammenleben beschrieben wird, eine Symbiose. Nicht Krieg – Mensch gegen wilde Tiere. Sondern alles hat seinen Platz in der Schöpfung.

Die Menschen, beschriebt der Psalm, gehen tagsüber auf dem Feld ihrer Arbeit nach. Die Zeit der wilden Tiere ist die Nacht. So kommt man sich nicht in die Quere.

Nur manchmal eben. Wenn ein Hirte bei Nacht verhindern will, dass der Löwe ein Schaf reißt. Doch in der Schöpfung ist es eben so, dass alles was lebt auf Kosten von anderem lebt, was lebt.

Die Menschen haben auch damals schon ab und zu ein Schaf geschlachtet und gegessen. Bestimmt haben sie nicht so viel Fleisch gegessen, wie wir. Aber trotzdem: Jedes Leben lebt auf Kosten von anderem Leben.

Und sogar, wenn wir kein Fleisch essen! Mich hat das kürzlich so getroffen, als ich Kartoffeln aus dem Keller geholt habe. Die hatten schon ziemlich lange Triebe und ich habe sie abgezupft. Und dann ist es mir plötzlich durch und durch gegangen: diese Kartoffeln sind Lebewesen. Die wollen jetzt keimen, wachsen, Junge bekommen. Und ich werfe sie ins kochende Wasser und töte sie.

Ja. Auch ich lebe auf Kosten von anderem Leben. „Und siehe“, sagt Gott, „es war gut!“

Weil ich auf Kosten von anderem Leben lebe, muss ich natürlich akzeptieren, dass vielleicht anderes Leben auf Kosten von meinem Leben lebt. Bei uns gibt es keine Löwen. Aber natürlich könnte es sein, dass ich an einem Virus sterbe.

Wenn es einmal so weit sein sollte, wird mir das bestimmt zuerst nicht gefallen. Doch ich hoffe, dass mir dann einfällt, wie viele Lebewesen ihr Leben gelassen haben, damit ich all diese Jahrzehnte leben konnte. Und ich hoffe, dass ich dann einwilligen kann in mein Sterben.

Wenn ich es kann, dann, weil dieses: „Siehe, es war gut!“ in mir schwingt – Gottes Perspektive.

Und dieses: „Siehe, es war gut!“ trägt mich jetzt schon. Von daher verstehe ich mich und die Welt, die Menschen und die Viren.

„Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen“, hat die Bundeskanzlerin gesagt. „Halt!“, möchte ich da sagen. Wir befinden uns nicht im Krieg. Sondern in Gottes guter Schöpfung, in der die Geschöpfe miteinander und voneinander leben. Aber nicht in permanenter Angst voreinander.

Mir sind immer noch Szenen aus Tierfilmen vor Augen, wo Löwen neben einer Herde von Gnus oder Gazellen liegen. Obwohl die Gazellen Beutetiere der Löwen sind, haben sie keine Angst. Denn Jagdzeit ist erst abends. Bis dahin lebt man miteinander in Frieden.

Und so ist es mit den Mikroorganismen auch. Unser Zusammenleben mit Bakterien ist inzwischen schon ein bisschen erforscht. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass wir ohne Bakterien überhaupt nicht leben könnten. Wer keimfrei ist, stirbt. Bakterien sind lebensnotwendig.

Und es gibt auch nicht die guten und die bösen Bakterien. Wir leben die ganze Zeit mit allen Arten von Bakterien zusammen, auch mit denen, die man Krankheisterreger nennt. Und so lange die Symbiose von Zellen, Organen, Bakterien, die wir Menschen sind, im Gleichgewicht ist, ist alles gut. Erst wenn das Zusammenleben aus dem Gleichgewicht kommt, werden wir krank.

Viren sind bisher nur wenig erforscht. Weil sie so winzig sind. Aber auch sie sind keine Feinde von außen, sondern leben mit uns. Sie brauchen uns und wir brauchen sie. Wie alle anderen Lebewesen einander brauchen.

Das ist Gottes Perspektive. Und ich merke, wenn ich mich darauf einlasse, dann werde ich ruhig. Da verschwindet die Angst, die mich manchmal auch packt. Aber in Gottes Perspektive fühle ich mich aufgehoben und getragen – als kleiner Mensch in dem großen Ganzen, das Gott genau so eingerichtet hat.

Das Sterben gehört auch dazu, von Anfang an. Weil Gottes Schöpfung immer in Bewegung ist und in Bewegung bleibt, im Hin und Her, im Geben und Nehmen. Ich verstehe das große Ganze nicht. Aber das muss ich auch nicht. Ich kann mich ja Gott anvertrauen.

Darum lasst uns weg von den Menschen schauen, hin zu Gott, denn heute ist der Sonntag „Rogate“ – betet! Nehmen Sie sich Zeit mit Gott zu reden – gerne mit einem Psalm – und auf Ihn zu hören. Seine Perspektive gibt neue Kraft und neuen Mut.

Amen

 

 

 

Predigt vom 10.05.2020 von Ditta Grefe-Schlünz

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Predigt für den Sonntag Kantate, 10.5.2020 über 2. Chronik 5, 2-5 (6-11) 12-14 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

Liebe Gemeinde!

In den Nachrichten hören wir täglich, dass nun Gottesdienste wieder möglich sind – allerdings unter Beachtung ziemlich strenger Hygiene-Auflagen. Landauf, landab sind die Leitungsgremien der Kirchengemeinden damit beschäftigt, zu entscheiden: wie können wir diese Regeln alle umsetzen? Sollen alle Gottesdienstbesucher einen Mundschutz tragen? Oder lieber nicht? Was machen wir, wenn mehr Menschen als zulässig zum Gottesdienst kommen möchten – müssen wir sie dann wirklich wieder heimschicken? Müssen die Türen die ganze Zeit über offenbleiben, damit ausreichend gelüftet wird? Wie schaffen wir es, dass die Menschen wirklich die vorgeschriebenen 2m Abstand voneinander einhalten? Oder ist es bei diesen vielen Auflagen nicht besser, doch noch zu warten, bis wieder „normale“ Gottesdienste möglich sind? Vor allem, wenn – was sehr viele Menschen besonders traurig macht – wenn wir dann nicht zusammen singen dürfen?

Fragen über Fragen. Die Gemeinderäte und die Pfarrer und Pfarrerinnen tun sich schwer mit ihren Entscheidungen. Deshalb geht es auch noch nicht sofort los mit diesen besonderen Gottesdiensten zu besonderen Bedingungen in diesen besonderen Zeiten. Wir wägen ab und diskutieren, versuchen herauszufinden, was die Menschen in unserem Ort brauchen.

Mitten hinein in diese Gottesdienstüberlegungen kommt mit diesem Sonntag ausgerechnet ein Predigttext, der von Vorbereitungen zu einem großen feierlichen Gottesdienst erzählt. Es geht um nichts weniger als den Gottesdienst zur Einweihung des Tempels mit viel schöner Musik und herrlichem Gesang, Gott zum Lobe und den Menschen zur Freude. Dieser Text steht im 2. Chronik-Buch 5, 2-5.12-14:

„Also wurde alle Arbeit vollbracht, die Salomo am Hause des Herrn tat. Und Salomo brachte hinein alles, was sein Vater David geheiligt hatte, und legte das Silber und Gold und alle Geräte in den Schatz im Hause Gottes. Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. (  ) und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke, denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“

Ausgerechnet also ein festlicher sehr musikalischer Gottesdienst zur Einweihung des Tempels wird hier erzählt. Von einem ersten Gottesdienst in Gottes Haus also, strahlend und fröhlich gefeiert mit viel Musik, mit vielen verschiedenen Instrumenten und einem 120köpfigen Posaunenchor und von herrlichem Gesang. Und am Ende die Herrlichkeit Gottes, raumgreifend und überwältigend.

Ausgerechnet so ein Text mitten hinein in unsere Situation. Auch wir versuchen, einen ersten Gottesdienst in unseren Kirchen zu feiern und denken an den einen oder anderen festlichen Gottesdienst zurück. So etwas zu erleben und mitzufeiern, ist erhebend. Die Musik erhebt unsre Herzen und rührt bestimmte Saiten in uns selbst an. Wir selbst kommen zum Klingen, wir stimmen ein in das Lob und merken, wie Freude in uns aufsteigt. Lebensfreude. „Und als sich die Stimme der Trompeten erhob, …..“, bei diesen Worten erinnere ich mich automatisch an das „Nun danket alle Gott“ zum Abschluss aller Landesposaunentage in Ulm, wenn sich die Bläser mit ihren blitzenden Instrumenten auf dem Münsterplatz versammeln und dieses Danklied anstimmen, und wenn sich dann die Oberstimme über den Choral erhebt – Gänsehautfeeling!

Genauso muss es gewesen sein bei diesem großen, herrschaftlichen, festlichen Gottesdienst in unserem Predigttext.

Und genau das ist es, was bei uns und in unseren Kirchen zur Zeit nicht möglich ist. Kein Singen. Keine Bläser. Nichts von all dem. Am Sonntag Kantate („Singt!“) könnten wir grundsätzlich wieder mit Gottesdiensten in unseren Kirchen beginnen, aber das Singen ist – nicht nur an Kantate – nicht gestattet.

Das bewegt viele Menschen dazu zu sagen – so möchte ich keine Gottesdienste feiern. Es gibt auch Kirchengemeinden, die sich unter diesen Bedingungen GEGEN Gottesdienste entscheiden. Sie möchten erst wieder in den Kirchen zusammenkommen, wenn man froh und frei miteinander singen kann und nicht vorsichtig auf Abstand gehen muss.

Dabei gäbe es doch so viel Anlass zum Singen und Musizieren. Dabei gäbe es doch so viel Grund, aus vollem Herzen Lob- und Danklieder anzustimmen. Es gibt in diesen Tagen so vieles, wofür ich sehr dankbar bin. So kurz nach dem 8. Mai 2020 denke ich hier zuerst an das Kriegsende vor 75 Jahren. Was muss das für die Menschen damals bedeutet haben! Unglaubliche Erleichterung. Tiefe Freude. Aber sicher auch Wehmut und Schmerz über erlebten Verlust und so viel entsetzlichen sinnlosen Tod. Ja, die Kostbarkeit von Leben haben die Menschen während der Kriegsjahre auf bitterste Weise erkannt. Und seither haben wir Frieden. Immer wieder bedroht, immer wieder zerbrechlich, immer wieder relativ, aber doch Frieden. Und seither leben wir in einer Demokratie. Immer wieder bedroht, immer wieder zerbrechlich, immer wieder auf die Probe gestellt. Aber doch in einer Demokratie, in der wir doch wirklich alle ziemlich sicher leben können. Nach dem Krieg hat sich über die Jahre und Jahrzehnte eine Regierung gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für ihre Bürger zu sorgen. Aus diesem Erleben von Tod und Zerstörung, aus der Erfahrung heraus, dass Großmachtstreben für viele tausende von Bürgern Tod und nicht Leben bedeutet, ist eine Regierung entstanden, die für ihre Bürger sorgt, die sich für die Fürsorge für die Bevölkerung verantwortlich fühlt. Das macht ein freies und sicheres Leben möglich und ist ein hohes Gut. Auch dafür bin ich dankbar. In diesen Tagen bin ich froh, in Deutschland zu leben. Das war ich weiß Gott nicht immer. Aber in diesen Tagen lerne ich einiges in unserem Land sehr zu schätzen, bieten doch die Nachbarländer und andere Nationen weltweit deutlich unsozialere Lebensbedingungen, weniger stabile soziale Netze, die manche Situation auffangen können. Natürlich weiß ich, dass nicht alles gut ist in unserem Land und natürlich geht es nicht überall und immer gerecht zu, vieles ist zu kritisieren und in vielerlei Hinsicht ist Veränderung und Gegenkurs absolut notwendig, und ich finde auch, dass die Corona-Krise im Moment schon wieder ordentlich für eigene Interessen benutzt wird. Dafür, jetzt unbedingt doch für Verbrennungsmotoren zu werben zum Beispiel. Dafür, jetzt die Geflüchteten vor den Europäischen Grenzen und die Situation der Unmenschlichkeit als erstmal zweitrangig zu erachten, zum Beispiel. Aber es ist eine existentielle Krise, die uns weltweit bedroht und deren Bedrohung und Gefährlichkeit nicht einschätzbar war und ist. Und in dieser Ausnahmesituation feststellen zu können, dass die ganz große Katastrophe, wie wir sie in Italien, Frankreich, Spanien oder New York mit Schrecken mitverfolgt haben, bei uns bisher ausgeblieben ist, vorsichtig hoffen zu können, dass wir vielleicht ganz großes Glück hatten, ganz langsam daran glauben zu können,  dass wir vielleicht mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Dass Familie und Freunde gesund geblieben sind – auch dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Weil unsere Regierung fürsorglich gehandelt hat. Weil sich unser Gesundheitssystem frühzeitig und vorsorglich gut organisiert hat. Weil wir dann sogar Erkrankten aus Frankreich und aus Italien intensivmedizinische Behandlung und Beatmung bieten konnten. Weil so viele verantwortungsvoll und umsichtig gehandelt und entschieden haben. Weil wir auch sorgsam und umsichtig miteinander umgegangen sind.

Dass mir dies so wichtig ist, liegt vielleicht daran, dass mein Sohn Krankenpfleger auf der Intensivstation der Uniklinik Tübingen ist. Seine Station wurde zur Corona-Station umfunktioniert. Er ist also im Auge des Sturms gewesen, von Anfang an, und natürlich haben wir uns viele Sorgen gemacht, um ihn selbst, um seine Familie, um das, was er erleben muss. Wir hatten Angst davor, dass eines Tages die Schutzkleidung für das Pflegepersonal tatsächlich ausgeht. Dass das gesamte Gesundheitssystem kollabiert. Und immer wieder waren wir erleichtert, wenn wir hörten: doch, wir haben genug Schutzkleidung. Und: bisher ist die Kapazität an Intensivbetten ausreichend. Gott sei Dank! Jedenfalls höre ich von ihm immer wieder bewegende Berichte. Bewegende Berichte von Menschen, die sich schließlich auf dem Wege der Besserung befanden und nicht mehr beatmet werden mussten. Berichte von Menschen, die schließlich erleichtert die Klinik verlassen und von glücklichen Angehörigen in die Arme geschlossen werden konnte. Berührende Berichte von Menschen, denen er ohnmächtig beim Sterben zusehen musste, jung zum Teil, so alt, wie er selbst, mit Eltern, Frau und Kindern, für die dieser Tod unendliches, tiefes Leid bedeutet. Berührende Berichte von älteren Menschen, die ganz allein diese Erkrankung durchstehen müssen, weil sie wegen der Gefährdung keinen Besuch bekommen dürfen. Berichte davon, wie Pfleger und Schwestern über das Smartphone ihnen den Kontakt zur Ehefrau daheim aufbauen, und von den Tränen, die dann kommen, abschiedlich manchmal oder unglaublich froh. Viel zu oft muss er den Menschen, alt wie jung, ohnmächtig beim Sterben zusehen, nicht etwa, weil die Beatmung schädlich ist, sondern weil es noch keine Medikamente gegen Corona und die durch diesen Virus verursachte Blutgerinnung gibt und tödliche Embolien begünstigt. Bewegende Berichte von der Kostbarkeit des Lebens.

Dass viele jetzt ungeduldig werden, ist verständlich nach diesen Wochen. Die Nerven liegen blank, Sorgen um die eigene Existenz rauben den Schlaf. Aber dass dieses kostbare Erleben so schnell umschlägt in Leichtsinn, sogar Verantwortungslosigkeit, erschreckt mich doch. Die Fürsorge des Staates und die Leistung, dass die ganz große Katastrophe – bisher – ausgeblieben ist, wird in Frage gestellt und damit auch gleich die ganze Demokratie.

Die kritische Diskussion um die Entscheidungen der Politik sind sehr wichtig. Aber dass in dieser Ausnahmesituation bereits nach wenigen Wochen diese Leistung der Fürsorge derartig mit Füßen getreten wird, finde ich traurig. Die Unterstellung, dass die Gesundheitsfürsorge uns lediglich die grundrechtlich zustehenden Freiheitsrechte rauben will, wird auf unheilvolle Weise zu einer zynischen Alternative: Gesundheit oder Freiheit. Wir brauchen keine Vorsichtsmaßnahmen, lasst euch eure Freiheit nicht nehmen, sterben tun wir sowieso, und Corona ist nicht gefährlich. Wer so etwas sagen kann, hat keinen Blick für das Leid der Menschen, in Italien und New York und auch ganz nah bei uns und in unseren Krankenhäusern. Natürlich gehört der Tod zum Leben. Aber selbstverständlich gibt es sinnloses Sterben, Sterben vor der Zeit und Sterben, das Gott so nicht will.

Gott will zunächst mal, dass wir gut miteinander leben und daher gut füreinander sorgen. Deshalb zurück zur Fürsorge.

Fürsorge.

Es ist nun schon ein paar Wochen her, als ich im Briefkasten einen Umschlag fand, in dem ich eine selbstgenähte Mund-Nase-Maske fand. Für mich. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, was mir in dieser Krise helfen könnte. Da hatte jemand an mich gedacht. Da hat jemand für mich gesorgt. Fürsorge.

Das ist ein schönes Gefühl. Es wärmt mir das Herz und lässt mich lächeln. Es tut meiner Seele gut.

„Du, meine Seele singe, wohlauf und singe schön.“

Fürsorge. Ein Prinzip, aus der Geschichte und der Erfahrung des Krieges heraus entstanden. Aus der Erkenntnis, dass Leben kostbar ist. Aus der Erkenntnis heraus, dass man Verantwortung hat für das, was einem anvertraut ist. Fürsorge als Aufgabe des Staates.   

Und Fürsorge genauso als Aufgabe von Kirche.

Auch als Kirche haben wir einen fürsorgenden Auftrag. Jesus Christus, der lebte und starb und auferstand – für uns übrigens -, hat uns den Auftrag gegeben, für die Menschen da zu sein. Und ihnen in dieser Fürsorge Gottes Freundlichkeit zu zeigen. Für die zu sorgen, die uns anvertraut sind. Sie selbstverständlich zu schützen, so gut wir können. Die Sorgen und Ausweglosigkeiten zu sehen und ernst zu nehmen. Fantasie für Lösungen oder Erleichterungen zu entwickeln. Für Kinder und Eltern, für Schüler und Konfirmanden und Mitarbeiter, für Gottesdienstbesucher jeden Alters.

Deshalb also erstmal keine feierlichen Festgottesdienste mit mehreren hundert Sängern und Sängerinnen und großen Posaunenchören und sämtlichen Volksvertretern wie in unserem Predigttext. Natürlich haben wir die Vision, dass es irgendwann – möglichst bald – wieder so sein wird. Aber jetzt erstmal klein anfangen und vorsichtige Schritte ausprobieren. Deshalb also diese vielen Maßnahmen und Regelungen. Deshalb zunächst mal Gottesdienste mit irritierendem Abstand und ohne Singen und vielleicht sogar mit Mundschutz. Aber doch so, dass Trost und Halt in Wort und Musik ein Lied in unserer Seele anstimmen. Ein Lied, das, erst noch leise, immer mehr an Raum gewinnt. Mein Herz wärmt und mich lächeln lässt. Bis meine Seele singt. Und ich froh werde und zuversichtlich. Und das nicht nur am Sonntag Kantate.

Amen.   

 

 

Lied zu Kantate: Du, meine Seele, singe EG 302  

Du, meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön. / Dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn. / Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd. / Ich will ihn herzlich loben, solang ich leben wird.

Hier sind die treuen Sinnen, / die niemand Unrecht tun, / all denen Gutes Gönnen, / die in der Treu beruhn. / Gott hält sein Wort mit Freuden, / und was er spricht, geschicht; / und wer Gewalt muss leiden, / den schützt er im Gericht.

Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod, / ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot, / macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl; / und die da sind gefangen, / die reißt er aus der Qual.  

Ach, ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm; / der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum. / Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zeil; / ist’s billig, dass ich mehre / sein Lob vor aller Welt.

 

Gebet zu Kantate:

Neue und alte Lieder wollen wir dir singen, o Gott, denn unser Glaube lebt in diesen Liedern, die wir dir singen, als deine Gemeinde.

Doch noch müssen wir leben in liedloser Zeit, verschlossen die Münder, stumm die Instrumente, hier bei uns und an vielen Orten dieser Erde.

Aber unser Gebet können wir dir sagen, gemeinsam vor dich treten, das vor dich bringen, was uns bewegt, was dein Geist uns für Gedanken gibt

So bitten wir für all die Menschen, die krank sind oder im Sterben liegen. Und für die Menschen, die anderen dienen in Therapie und Pflege.

So bitten wir für all die Menschen, die sich sorgen um die Seelen der Einsamen, die Verbindungen suchen und Nähe schaffen, wo Trennung herrscht.

So bitten wir für all die Menschen, die in Sorge sind um ihren Lebensunterhalt. Und für die Menschen, die Verantwortung übernehmen für das wirtschaftliche Leben.

Wir sehnen uns zurück nach einem Leben mit frohen Liedern, offenen Gesichtern und herzlichen Begegnungen, so bitten wir dich: Komm uns entgegen, du unser Gott!

Amen.   

 

 

 

Predigt vom 03.05.2020 von Lukas Frei

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Mut zum Leben

Das Leben wurde von Jahr zu Jahr sicherer. Die Lebenserwartung ist kontinuierlich gestiegen. Gegen Krankheiten gab es Medikamente und Impfungen. Und gegen Krebs die flächendeckende Vorsorge. Abgesichert! Alles im Griff!

Dann ist das Corona- Virus aufgetaucht.  Mitten drin im abgesicherten Leben. Und über Nacht haben sich die sorgfältig aufgebauten Sicherheiten aufgelöst. Stattdessen hat sich Angst pandemisch ausgebreitet. Viele haben nach der starken Hand des Staates geschrien. Und haben schmerzhafte Einschränkungen des Lebens akzeptiert, als Therapie gegen das Virus: Es muss weh tun, wenn es helfen soll. In der Hoffnung, dass sich so die verlorene Sicherheit wiederherstellen lässt. 

Doch wenn Sicherheit überhaupt nur eine Illusion wäre?

Intensivmedizin

In einer beispiellosen Kraftanstrengung sind die Krankenhäuser in Deutschland auf Corona- Notversorgung, Intensivplätze und künstliche Beatmung umgestellt worden. Schnell hat sich gezeigt, dass so viele Plätze für Corona- Kranke gar nicht gebraucht werden. Aber dafür konnte wirklich jeder maximal intensivmedizinisch versorgt werden. Doch inzwischen schlagen Ärzte Alarm: Viele Corona- Patienten sterben gerade durch die Intensivbehandlung. „Sie müssen wissen: Nur 3 bis 20 Prozent der Patienten überleben eine Intensiv- Beatmung. Von diesen bleiben nicht wenige schwer beeinträchtigt“ (Palliativ- und Notfallmediziner Matthias Thöns, Heidenheimer Zeitung vom 25.04.2020).

Die naive Überzeugung, man müsste nur entschlossen Maßnahmen ergreifen, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen – also das Sterben zu verhindern – geht nicht auf.  Wie auch? Sterben gehört zum Leben. Und wirklich jeder Mensch, der heute lebt, wird einmal sterben. Durch Corona sterben die Menschen in Deutschland auch nicht früher als „normal“: der Altersschnitt der an Corona Verstorbenen liegt genau beim normalen durchschnittlichen Sterbealter.

Das Problem ist die Angst. Und die Bereitschaft, aufgrund der Angst vor dem Sterben so schwere Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Ich denke vor allem an die Einschränkungen für die zur „Risikogruppe“ erklärten Älteren. Man hat die Älteren ja nicht gefragt, ob sie isoliert werden und vereinsamen wollen. Das hat man über ihren Kopf hinweg entschieden. Besonders schlimm trifft es vor allem die Bewohner der Heime. Viele von ihnen habe eine Patientenverfügung. Sie wollen in den letzten Tagen nicht mehr intensivmedizinisch gequält werden. Sondern wollen in Würde und begleitet von den Angehörigen sterben. „Palliativmedizin kann Atemnot gut lindern“, sagt Dr. Thöns.   

Doch dieses Sterben in Würde wird denen, die im Heim positiv auf Corona getestet sind, verwehrt. Ihnen wird in den allermeisten Fällen noch intensivmedizinische Behandlung aufgezwungen. Und Sterben im Kreis der Angehörigen darf sowieso nicht mehr sein. Nur ein einziger Angehöriger bekommt unmittelbar vor dem Sterben noch Zutritt.

Durch die Corona- Maßnahmen wird also nicht das Sterben an sich verhindert, sondern ein selbstbestimmtes Sterben. Das ist eine der widersinnigen Auswirkungen der Corona- Maßnahmen. Die, die angeblich geschützt werden sollen, werden ausgeliefert.

 

Therapie gegen die Angst – am Weinstock des Lebens

Irrationale Angst vor dem Sterben produziert solchen Widersinn. Deshalb braucht es, bevor eine Therapie gegen das Virus gefunden werden kann, eine Therapie gegen die Angst. Damit die Vernunft wieder eine Chance bekommt.

Was gegen die Angst helfen kann, ist die ganz schlichte Einsicht, dass Sterben zum Leben gehört. Dass jeder von uns sterben muss. Und dass es gut wäre, sich beizeiten ein wenig mit dem eigenen Sterben anzufreunden.

 

Der Predigttext für heute zeigt uns, an wem wir im Leben und Sterben wirklich hängen. Wenn wir uns das bewusst machen, bin ich mir sicher, dass wir dadurch wieder Mut zum Leben bekommen.

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; ohne mich könnt ihr nichts tun“ sagt Jesus. Was meint er damit? Ich will es mal ganz wörtlich verstehen. Jesus ist der Grund meines Lebens. Dass mein Herz schlägt, dass ich atme, dass ich hier auf dieser Erde bin, jede Sekunde ist er der Herr meines Lebens.

Was macht nun dieser Weinstock mit den Reben? Er versorgt sie mit Leben und Kraft, damit sie in den Himmel wachsen. Wir sehen diese zarten Reben, wie sie sich anfangen zu strecken und ganz freistehen, ausgesetzt allen Widrigkeiten des Lebens. Sie sind da oben ja gar nicht sicher. Sie sind ausgesetzt den wilden Tieren, Frost und Hitze, Dürre und Sturm – und raten Sie mal, was das schlimmste ist: Pilzen, Bakterien und Viren. Dort hinein lässt der Weinstock seine Reben wachsen.

Wenn wir genauer hinschauen, können wir erkennen, wie an den Reben die kleinen Blütenstände gebildet werden. Schon jetzt kann man sehen, wo es vielleicht einmal Früchte geben wird. Der Weinstock steckt voller Kraft, und mit der Zeit werden immer mehr Reben gebildet. Viele dieser Reben haben keine Blütenstände mehr. Sie wachsen voller Wucht in den Himmel und nehmen den Reben, die Frucht bringen können das Licht. Würde man das so belassen, so wäre die Gefahr, dass die Fruchtreben krank werden und kaum Früchte bringen sehr groß. Deshalb geizt man aus. „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt nimmt er (der Weingärtner) weg.“ „Mein Vater ist der Weingärtner“ hat Jesus erklärt.

 

Auf die Frucht kommt es dem Weingärtner nämlich an. Das ist das, was am Ende von der Rebe bleibt. Das ist das, was wir genießen. Ich glaube, fast alle kennen das Gefühl der Ernte ob nun beim Wein oder bei einer anderen Frucht. Es ist eine wahre Freude in diese Frucht hineinbeißen zu können. Schon die pralle Traube in meinen Händen zu halten, ist ein Glücksgefühl, und dann der Moment, wenn der Saft und die Süße im Mund explodieren – das ist traumhaft.

Die Früchte, die Gott in uns heranreifen lassen möchte sind Liebe, Vertrauen, Freude, Dankbarkeit, Hoffnung und vieles mehr. Diese „Früchte“ zu haben ist ein Genuss und es ist das, was ewig bleibt. Diese Fruchtreben will der Weingärtner fördern und dafür entfernt er die Reben, die keine Früchte bringen.

Diese Reben ohne Blütenstände saugen beinahe alle Kraft an sich, damit sie höher und weiter in den Himmel wachsen können, ohne etwas Sinnvolles hervorzubringen. Was meint Jesus damit? Dieses grenzenlose und sinnlose Wachstum steht für vieles, was in uns Menschen auch immer mitwachsen kann (natürlich bei jedem ein wenig unterschiedlich): die Gier nach Reichtum und Besitz, die Gier nach immer mehr Sicherheit, die Gier nach Anerkennung, die Gier nach Macht, Einfluss oder Ehre (Erweitern Sie die Liste selbstständig).

In seiner Gnade kommt der Weingärtner und entfernt von Zeit zu Zeit diese fruchtlosen Reben. Genau das erleben wir zurzeit eindrücklich. Das kann uns in Angst versetzen – vor allem dann, wenn wir der Meinung sind, dass wir unser Leben selbst im Griff haben. Wir wollen unsere Sicherheit irgendwie wieder zurückerlangen, denn die wurde ja am stärksten beschnitten. Das funktioniert aber nicht, wie wir schon gesehen haben, weil Sicherheit eine Illusion und vor allem aber fruchtlos ist.

Es hilft uns, wenn wir beginnen zu vertrauen, dass Gott, der Weingärtner, dahintersteckt, damit unsere Früchte wieder gut wachsen können. Aber wie sollen denn Liebe, Vertrauen, Freude, Dankbarkeit und Hoffnung in dieser Situation wachsen können?

Ich staune über manchen Bericht von jungen Menschen in dieser Zeit: das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Selbstbewusstsein beginnen wieder zu wachsen, weil sie sich nicht ständig vergleichen müssen und nicht mehr unter dem dauernden Druck stehen, Leistung bringen zu müssen.

Die Familien mit Kindern haben viel mehr Zeit füreinander. Man sitzt wieder gemeinsam am Mittagstisch und unterhält sich miteinander. Vertrauen und Respekt beginnen wieder zu wachsen.

Natürlich geht es nicht allen so. Und es wäre verlogen, wenn wir so tun, als würden alle von dieser Situation profitieren. Ich denke sogar, dass die Folgen dieser unbarmherzigen und irrigen Einschränkung viel schlimmer für die Gesundheit der Menschen sind, als das Virus selber.

 

 

Doch wir sind nicht ohnmächtig. Und wir brauchen auch nicht in die falsche Sicherheit zu fliehen, die uns von Oben angeboten wird. Zu denen, die uns sagen, wenn wir nur genug Abstand halten dann kann uns nichts mehr passieren. Wir merken ja selbst, dass wir dadurch vom Leben abgeschnitten werden.

So sagt es auch unser Predigttext: Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. In Jesus bleiben, bedeutet anzunehmen, dass er der Herr ist über Leben und Tod.

Ich sehe es an so vielen Stellen: Die Angst verschwindet durch äußere Sicherheitsmaßnahmen nicht. Ganz im Gegenteil. Je mehr Absicherungen möglich sind, desto größer wird die Angst davor, dass man irgendeine Sache nicht bedacht hat. Das nimmt irrwitzige Auszüge an. Für Gottesdienste, die ab dem 10. Mai wieder offiziell gefeiert werden könnten, bedeutet das dann, dass man beispielsweise nicht singen darf.

Das einzige, was uns wirklich frei machen kann von der Angst, ist das Vertrauen darauf, dass mein Leben und Sterben in Gottes Hand liegen. Und wo ich diese Wahrheit akzeptiere, kann ich wieder lauthals singen – auch in der Kirche und mit anderen, in dem Bewusstsein, dass uns Gemeinschaft stärkt und dass auch das Sterben zum Leben dazugehört.

Dass dieses Vertrauen überhaupt wieder wachsen kann; dafür muss Gott uns die kraftsaugenden und fruchtlosen Reben wegschneiden. Das tut weh, aber es fördert die Früchte. Ich habe neulich einen Bericht über verfolgte Christen in anderen Ländern gelesen. David Yang, ein chinesischer Christ schrieb folgende Zeilen: „Es ist bedauerlich, dass viele Christen unserer Tage nach den Gütern dieser Welt trachten, aber nicht die Kostbarkeiten des Reiches Gottes begehren. Wohl glauben sie an ihre Errettung; doch sie sind nicht bereit um Christi willen arm zu sein. Für sie bedeuten Bequemlichkeiten und Reichtümer Gnade Gottes … Doch die geistlichen Reichtümer, wie Glaube, Freude, Kraft, Geduld und viele andere sind nur aus der Armut geboren.“ Soweit dieses Zitat. Die geistlichen Reichtümer – das sind die Früchte, die Gott uns schenken will. Und wenn David Yang von Armut spricht, bedeutet das auch, dass man keine Sicherheit mehr hat.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. – In Jesus bleiben bedeutet sich ihm ganz auszuliefern. Seine Verheißung ist kein sicheres und bequemes Leben, sondern ein Leben mit Liebe, Vertrauen, Freude, Dankbarkeit, Hoffnung und vielem mehr. Dazu gehört, dass uns Jesus mitten in diese spannende und gefährliche Welt hineinwachsen lässt, mit all ihren Bakterien, Viren und sonstigen Unsicherheiten. Denn nur dort, wo wir wirklich spüren, dass wir ganz aus seiner Kraft heraus leben, werden die Früchte wachsen.

 

Lasst uns also fröhlich sein, dass Gott, der Weingärtner uns die fruchtlosen Reben genommen hat und uns nicht wieder gefangen nehmen von dem Glauben, dass wir unser Leben in Sicherheit bringen müssen.

Wir werden in diesem Leben keine totale Sicherheit erreichen können. Wir können das Sterben nicht verhindern. Aber wir können das Wissen um unser Sterben in unser Leben einbauen. Dann passiert etwas ganz Erstaunliches: Wo wir uns mit dem Sterben anfreunden, bekommen wir Mut zum Leben jetzt. Denn wir sind ja verbunden mit dem wahren Weinstock des Lebens, an dem wir hängen; komme, was wolle.

„Ihr werdet bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren“ – wenn wir in diesem Vertrauen anfangen zu leben und zu bitten, dann wird uns Jesus mit Früchten/Reichtümern seines Reiches beschenken. Und wenn ich in mich hineinhöre ist es genau das, was ich will: Liebe, Vertrauen, Dankbarkeit, Freude, Hoffnung… . Gott bringt uns dazu, Leben zu wagen und Früchte zu tragen. Beginnen wir zu vertrauen und wieder zu leben.

 

Amen.

 

Liedvorschlag: EG 406 – Bei dir Jesu will ich bleiben

1. Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft. (Johannes 15,4-7)

 

2. Könnt ich’s irgend besser haben als bei dir, der allezeit so viel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit? Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ, dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

 

3. Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut: mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab, sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

 

4. Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid; bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit. Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

 

5. Bleib mir nah auf dieser Erden, bleib auch, wenn mein Tag sich neigt, wenn es nun will Abend werden und die Nacht herniedersteigt. Lege segnend dann die Hände mir aufs müde, schwache Haupt, sprich: »Mein Kind, hier geht’s zu Ende; aber dort lebt, wer hier glaubt.«

 

6. Bleib mir dann zur Seite stehen, graut mir vor dem kalten Tod als dem kühlen, scharfen Wehen vor dem Himmelsmorgenrot. Wird mein Auge dunkler, trüber, dann erleuchte meinen Geist, dass ich fröhlich zieh hinüber, wie man nach der Heimat reist.

 

Text: Philipp Spitta (1829) 1833

Melodie: 17. Jh.; geistlich Bamberg 1732, Herrnhaag um 1735

 

 

 

Predigt vom 26.04.2020 von Ditta Grefe-Schlünz

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Predigt für Sonntag Misericordias Domini (Hirtensonntag), 26.4.2020 über 1. Petrus 2, 21b-25 von Ditta Grefe-Schlüntz

 

Manchmal wünsche ich mir das: einen, der für mich sorgt, der mir den rechten Weg zeigt und mich unbeschadet durch Gefahren führt, einen, der meine Durst nach Leben stillt und nach mir sucht, wenn ich verloren gehe. Ja, wirklich, manchmal wünsche ich mir das, jemand, der die Verantwortung für mein Leben übernimmt, der die dinge meines Lebens zurechtbringt, dem ich blind vertrauen kann, weil ich weiß, er findet den richtigen Weg für mich. Manchmal finde ich das verlockend: nicht selbst entscheiden zu müssen, nicht selbst wissen zu müssen, was richtig ist und was nicht, welcher Weg auf Abwege führt und welcher in eine gute weite Zukunft.

Gerade jetzt wünsche ich mir das manchmal: einer, der mich und uns alle unbeschadet durch diese verunsichernde Corona-Zeit führt, der weiß, wie lange dieser Ausnahmezustand anhalten wird, wann ich meine Lieben wieder in den Arm nehmen darf. Der misr sagt, wie wir Gottesdienst in Geborgenheit und Freude feiern können, zusammen frei heraus singen und beten zu können, ohne füreinander gefährlich zu werden. Gerade jetzt wünsche ich mir, dass da einer kommt und uns eine Perspektive geben kann, eine Perspektive auf Normalität, Begegnung, Gemeinschaft, Trost – auf volles Leben.

Heute ist Hirtensonntag. Jesus, der „gute Hirte“ steht im ZUentrum des zweiten Sonntags nach Ostern. Das Urbild des Schäfers – es spricht uns Menschen an. Ich weiß noch, wie mir vor Jahren eine Freundin erzählte, wie sie mit ihrer Familie, also ihrem Mann und ihren zwei Kindern von einem Ausflug auf der Schwäbischen Alb zurück nach Hause fuhren. Auf dem Heimweg sahen sie am Wegesrand einen Schäfer mit seiner Schafherde. Nach einer Weile – sie hatten den Hirten und die Schafe schon eine Weile hinter sich gelassen – meinte der jüngere Sohn nachdenklich: „Gerade habe ich Gott gesehen.“

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Gott als Hirte, Jesus als Hirte, das ist ein schönes und Vertrauen einflößendes Bild, dass uns anspricht. Zugewandtheit und Fürsorglichkeit sprechen aus diesem Bild. Wir kennen die Geschichte vom verlorenen Schaf, die Geschichte von dem Hirten, der das Verlorene nicht aufgibt und der sein Leben für das ihm Anvertraute lässt. Es ist eine Geschichte davon, dass bei Gott jeder einzelne zählt.

Gott als guter Hirte, dieses Bild spricht mich an. Aber wenn dann mein Blick in diesem Bild vom Hirten zum Schaf wandert, dann irritiert mich dieses schöne Bild schon. Bin ich tatsächlich ein Schaf, das ohne seinen Hirten nur orientierungslos durch die Gegend irrt? Diese Vorstellung widerstrebt mir doch sehr. Ich bin doch ein eigenständiges Wesen, das selbst Entscheidungen treffen kann, sogar muss, denn Gott hat mir Verstand und Urteilskraft gegeben, und mit beidem versuche ich jeden Tag zu bestehen, ich selbst für mich und ich auch für alle, für die ich Verantwortung habe.

Und dann ist es ja auch wichtig, dass wir unterscheiden können. Zwischen dem guten Hirten und den schlechten Hirten, die es auch gibt. Auch in manchem biblischen Text wird vor diesen gewarnt. Es ist also wichtig, die eigene Urteilskraft zu schärfen und isch nach dem guten Hirten umzusehen, nach dem, der uns auf grünen Auen weidet und uns zum frischen Wasser führt. Der auch im dunklen Tal bei uns ist, wenn wir nichts von ihm spüren und uns allein und verlassen fühlen und keinen Weg, keinen Ausweg mehr sehen. Nach diesem sollen wir uns umsehen, ihn sollen wir uns zum Vorbild nehmen und ihn von den anderen unterscheiden, nicht wie irrende Schafe, sondern mit unserem ganzen Herzen und unserem ganzen Verstand.

Zum Vorbild sollen wir ihn uns nehmen. Davon erzählt auch der Predigttext für heute, ein Abschnitt aus einem Brief, zu finden im 1. Petrus 2, 21b-25:

„Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Christus hat für euch gelitten. Für euch. In diesen beiden Worten steckt das ganze Evangelium. Um diese beiden Worte geht es. Wenn Christus leidet, dann leidet er mit dir. Er leidet für das, das mir und dir im Weg steht zum Leben. Er leidet dafür, dass uns Gott oft so fern vorkommt und wir ihn nicht zusammenbringen können mit dem, was wir in unserer Welt und in unserem Leben sehen und erleben. Er will uns Gott wieder sichtbar machen, uns nah bringen. Gott, den Hirten, der uns nachgeht und uns sucht.

Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen. Für euch. Darin ist Christus uns ein Vorbild. In seinem für uns und mit uns Leiden, in seinem Menschsein, in dem Gott uns so nah kommt – gerade im dunklen Tal, gerade in Leid und Traurigkeit.

Diesen Weg ist Jesus durch die Welt gegangen. Für uns Menschen und mit uns Menschen. Und mit diesem Weg hat er eine Spur gelegt. Eine Spur, die durch Sterben und Tod zum Leben führt. Und dieser Spur können wir folgen, auf dieser Spur können wir in seine Fußstapfen treten, wie es im Text heißt.

Wer ist dieser Jesus, der die Spur zum Himmel legt? „Er, der keine Sünde getan hat“, sagt der Text. Also er, der von Gott herkommt und in Gott seinen Ursprung hat. Der eins ist mit dem Vater. Lassen wir uns nicht von dem Reden von Sünde und blutigen Wunden irritieren. Es geht hier nicht um Fehler oder falschen Lebenswandel, sondern schlicht darum, dass Gott auf der Seite der Leidenden und Verwundeten steht. Nicht Perfektion und Fehlerlosigkeit ist gefordert, sondern Vertrauen. Vertrauen darauf, dass einer für mich eintritt, wo ich selbst es nicht kann. Und an dieser Stelle muss ich einsehen, dass ich und auch kein anderer Mensch aus sich heraus leben kann. Dass wir leben und vertrauen können, weil da einer ist, der für mich sorgt, der mir den rechten Weg zeigt und mich unbeschadet durch Gefahren führt, einen, der meinen Durst nach Leben stillt und nach mir sucht, wenn ich verloren gehe.

Und da muss ich wohl einsehen, dass ich vielleicht doch etwas habe von diesem Schaf, das erst noch gefunden werden muss und das einen Hirten braucht. Aber das ist die Zumutung des Glaubens: dass wir aus der Zusage heraus leben: der Herr ist dein Hirte, dir wird nichts mangeln.

„Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ So endet unser Predigttext. Und tatsächlich – in meinen Gedanken bin ich wirklich wieder angekommen in dem Bild vom Anfang, in dem Bild vom guten Hirten. Vielleicht kann man sogar sagen, dass ich eine Art Weg gegangen mit meinen Gedanken zum Predigttext. Ich bin losgegangen vom Bild des guten Hirten, von Erinnerungen an Schafherden auf der Schwäbischen Alb, habe mich aus schönen Bildern aufgemacht hinein in die dunklen Täler des Lebens, in Situationen von Angst und Verlassenheit, von Zweifel und Ungeborgenheit. Bin eine Weile stehen geblieben bei einem irritierenden und irritierten Schaf, das sich allein mühsam seinen Weg über Stock und Stein sucht. Und bin dann im Predigttext auf diese Spur gestoßen, auf die Spur, die Jesus Christus gelegt hat mitten zwischen Stock und Stein und durch die dunklen Täler dieser Welt. Auf die Spur, die zum Leben führt. Und am Ende angekommen. In der Schönheit des Bildes vom guten Hirten. Im Vertrauen. Amen.

 

 

Lied zum Hirtensonntag:

EG 619 Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben

(Refrain:) Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben, / wer dir Vertrauen schenkt, für den bist du das Licht. / Du willst ihn leiten und ihm wahres Leben geben, / ewiges Leben wie dein Wort es verspricht.

Das Brot bist du für den, der Lebenshunger hat / Und wenn er zu dir kommt, machst du ihn wirklich satt. (Refrain)

Die Tür bist du für den, / der an sich selbst verzagt, / du machst ihn frei, wenn er ein Leben mit dir wagt. (Refrain)

Der Hirte bist du dem, den Lebensangst verwirrt, / begleitest ihn nach Haus, dass er sich nicht verirrt. (Refrain)

Der Weinstock bist du dem, der Kraft zum Leben sucht, / Wenn er ganz bei dir bleibt, dann bringt er gute Frucht. (Refrain).

 

 

 

 

Predigt vom 19.04.2020 von Markus Deutsch

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Predigt von Markus Deutsch

Jesaja 40, 26-31

Predigt Oberderdingen / Großvillars, 19. April 2020, Quasimodogeniti

 

Warum wir müde sein dürfen

 

Liebe Gemeinde,

"Ich bin körperlich müde, denn die Schutzausrüstung tut weh, der Kittel bringt mich zum Schwitzen, und wenn ich einmal angezogen bin, kann ich sechs Stunden lang nicht zur Toilette gehen oder etwas trinken. Ich bin psychisch müde, ebenso wie alle meine Kollegen, die seit Wochen in der gleichen Verfassung sind wie ich, aber das wird uns nicht daran hindern, unsere Arbeit wie immer zu tun", sagt Allessia Bonari, eine italienische Krankenschwester im täglichen Kampf ums Überleben ihrer Patienten.

Aber nicht nur sie ist müde, viele von uns sind müde. Heute vielleicht mehr als noch vor ein paar Monaten. Müde und erschöpft.

Ich denke da an den Selbstständigen, der aktuell seinen Beruf nicht ausüben kann und schlaflose Nächte verbringt.

Ich denke an die Mutter, die aktuell ihre Kinder betreut und nicht arbeiten gehen kann. Wie soll es denn weitergehen? Vor Sorgen kann sie nicht schlafen.

Ich denke an die vielen älteren Menschen, die müde vom Leben geworden sind.

Viele Menschen sind müde, erschöpft vom Alltag. Erschöpft vom Stress.

 

Ein Volk ist müde

Wer müde ist, ist damit nicht allein. Unsere Gesellschaft ist müde. Wir leben in einer »Müdigkeitsgesellschaft«. So sieht es der in Berlin lebende Philosoph und Theologe Byung-Chul Han. Er erkennt einen Zusammenhang zwischen zunehmenden Depressionen und den Leistungs-anforderungen der Gesellschaft: Wir beuten uns freiwillig selbst aus. Wir strampeln uns ab im Hamsterrad. Wir brauchen gar keine Aufseher und keine Antreiber. Wir treiben uns selbst an. Wie wichtig wäre es da, aus diesem Hamsterrad wieder herauszukommen. Die Augen aufzumachen und die Freiheit wieder zu finden.

 

Das Volk Israel kennt das: seine Freiheit zu verlieren. Sie haben es am eigenen Leib erfahren. Sie hatten ihre Heimat verlassen müssen. Sie waren mit Gewalt umgesiedelt worden nach Babylon. Seit Jahrzehnten schon saßen sie dort fest. Die Hoffnung auf baldige Rückkehr war längst zerschlagen. Das Exil hatte sie zermürbt. Und Gott, wo war Gott? War ihm das Schicksal seines Volkes egal? Schwermut, Zweifel an Gottes Treue und Hoffnungslosigkeit senkte sich wie ein Nebel auf das Volk der Verbannten.

 

Einer jedoch fasste sich ein Herz und fand Worte, um die ermüdeten Augen aufzurichten. Oder besser: Ihm wurden solche erhebenden Worte gegeben. In der hebräischen Bibel sind sie aufgeschrieben, im Buch des Propheten Jesaja.

[Predigttext Jesaja 40, 26-31]

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Gott hilft gegen die Müdigkeit

Welch Mut machende Worte für ein müdes Volk. „Er gibt dem Müden Kraft“. Wie wunderbar ist das? Er gibt uns, die wir müde sind im Kampf gegen ein Virus, Kraft. Er gibt uns, da wir müde von der Krankheit sind, Kraft. Er gibt uns, die wir private oder geschäftliche Probleme haben und müde von den Anstrengungen sind, Kraft. Kraft und Stärke.

 

 

In unserem Predigttext beginnt der Prophet den Abschnitt, indem er uns zeigt, wie groß Gott ist. Wir sollen aufschauen in den Himmel und die Sterne betrachten. Er hat sie alle geschaffen. Und mehr noch.  Er kennt sie alle beim Namen. Jeden einzelnen Stern.

 

Liebe Gemeinde,

haben Sie auch schon mal dagestanden und über einen wunderschönen Sternenhimmel gestaunt? „Weißt Du wieviel Sternlein stehen?“ so singen wir in dem bekannten Lied von Wilhelm Hey. Das Weltall, diese Unendlichkeit, die Größe der Schöpfung – das ist etwas, was wir mit unserem kleinen menschlichen Denken nicht im Entferntesten erfassen können. Und doch hat Gott es auf wunderbare Weise geordnet, dass wir nur staunen können. Unsere Erde dreht sich im genau richtigen Winkel, im perfekten Abstand um die Sonne, so dass Leben möglich ist. Ein bisschen näher, und wir würden verglühen. Ein bisschen weiter weg, und wir würden in der Kälte erstarren. Da kann man doch nur staunen!

In dem Kinderlied heißt es dann weiter: „kennt auch dich und hat dich lieb.“ Das ist noch viel mehr zu Staunen. Der, der die Welt und das ganze Universum in seiner Hand hält, der kennt auch mich. Der hat auch mein Leben in seiner Hand. Der, der das ganze Weltall lenkt, der führt auch mich „auf rechter Straße“. Der weiß um mich, um meinen Weg. Und dieser mächtige Gott, der schafft es auch meine Müdigkeit zu vertreiben.

Nun aber stellt sich die Frage: Was hilft? Was sollen wir tun?

 

Harren gibt Kraft

 

Der Prophet sagt einfach – und er weiß, dass er das von Gott her sagt:

»Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft…«

Nicht zappeln aber auch nicht resignieren sondern: harren.

»Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft.«

Ein Satz zum Übers-Bett oder In-die-Küche hängen, damit man ihn auf Schritt und Tritt vor Augen hat .

 

Aber was ist damit gemeint? Und vor allem: Wie geht das?

·       Harren – ein altes Wort, kaum mehr im modernen Sprachgebrauch anzutreffen. Und nicht nur das Wort, auch die Bedeutung ist aus der Mode gekommen.

·       Harren – das meint mehr als bloßes Warten. Und schon gar nicht meint es das ungeduldige Warten auf den Bus, das einen nervös alle paar Sekunden auf die Uhr schauen lässt.

·       Harren – das meint auch nicht das gleichgültige oder resignierte Warten auf bessere Zeiten.

Harren ist etwas höchst Aktives. Im Harren ist Spannkraft und Bewegung.

Man hockt vielleicht unter dem bleiernen Schleier der Müdigkeit, aber man glaubt dennoch an die Verheißung: neue Kraft wird mir zuwachsen. Irgendwie. Irgendwann. Gott weiß es.

Dazu passt eine Geschichte, die ich Ihnen, liebe Gemeinde, nicht vorenthalten möchte:

Es gab drei Frösche, die fielen in ein Fass Milch und konnten nicht wieder heraus kommen. Einer unter ihnen war Optimist und der sagte: „Ach, wir werden schon herauskommen, wir warten nur ab, bis jemand kommt.“ Er schwamm so lange herum, bis seine Atemwege von der Milch verklebt waren. Dann ging er unter.

Der Zweite war ein Pessimist, der sagte: „Man kann ja überhaupt nichts machen!“ Und dabei ging er unter.

Der Dritte war ein Realist. Er sagte: „Wollen wir doch strampeln, man kann nie wissen. Strampeln wir!“ Und so strampelte er stundenlang. Plötzlich spürte er etwas Festes unter seinen Füßen. Er hatte aus der Milch Butter gestrampelt. Nun kletterte er auf den Butterkloß und sprang hinaus.

 

Vielleicht hat ja sein Strampeln, sein ruhige vor sich hin Strampeln auch etwas mit Harren zu tun. Er hat ausgeharrt. Er war nicht untätig aber auch nicht überaktiv. Gott hat ihm geholfen, hat ihm aus dem Fass heraus geholfen.

So wird er auch uns helfen. So wird er auch helfen, wenn wir ausharren. Auch in diesen schweren Krisenzeiten.

 

Liebe Gemeinde,

der Prophet zeichnet am Ende des heutigen Predigttextes noch ein weiteres wunderschönes und treffendes Bild. Ein Bild, wie Kräfte wachsen können.

Aufsteigen wie ein Adler

„...die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler

Die Kraft des Adlers liegt bekanntlich in seinen riesigen Flügeln mit sagenhafter Spannweite – je nach Adlerart.

Diese Kraft wird am besten entfaltet, wenn das Tier sich überlässt, sich tragen lässt von den Aufwinden, die ihm von unten her Auftrieb geben und an Höhe gewinnen lassen.

Nicht nervöses Flattern und Flügelschlagen bringen ihn nach oben, sondern der Instinkt, sich gleiten zu lassen mit Hilfe der Thermik.

 

Es geht sogar noch weiter. Wenn Sturm aufkommt, dann kann der Adler mit seinen starken Flügeln die Kraft des Windes nutzen, um zu fliegen.

In einer anderen Predigt habe ich einmal gelesen:

Die ganze Schöpfung hat Angst vor den Stürmen bis auf den Adler. Ganz alleine und majestätisch fliegt er auch mitten im Sturm.

 

Vielleicht können wir ja von ihm lernen, wie wir uns in schwierigen Zeiten helfen können: Indem wir unsere Schwingen ausbreiten. Indem wir den Sturm nutzen, um zu fliegen. Indem wir den schwierigen Zeiten die guten Seiten abgewinnen. Mit der Kraft unserer Flügel. Aber noch mehr mit der Kraft des Windes und der Kraft, die Gott uns gibt. Weil wir auf ihn harren. Weil wir ihm vertrauen, weil wir an ihn glauben.

Und weil Jesus -und wir spüren ja heute noch die nachösterliche Auferstehungsfreude- für uns in den Tod gegangen ist. Und für uns auferstanden ist. Zu ihm dürfen wir allezeit kommen. Wie es in Matthäus 28 zu lesen ist: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wir dürfen zu ihm kommen und er ist barmherzig zu uns. Er stillt den Sturm für uns. Alles, was uns belastet und was uns müde und erschöpft macht, dürfen wir vor ihn bringen. In unsere Gebete dürfen wir alles reinpacken, was uns wichtig ist.

Ist es unsere Arbeitsstelle, die gefährdet ist. Ist es die Existenz, die bedroht ist. Sind es nahe Verwandte oder Freunde, die erkrankt sind. Belasten uns Fehler, die wir gemacht haben oder sorgen wir uns um die vielen Menschen, die müde und erschöpft sind. So wie die Krankenschwester in Italien, die wir am Anfang gehört haben oder die vielen anderen Menschen, denen es nicht gut geht.

Wir können beten für andere und für uns. Ja, liebe Gemeinde, denken Sie auch an sich. Wenn Sie abends müde sind, dann beten Sie doch einfach einmal wieder die Worte des alten Kindergebetes:

 

Müde bin ich, geh zur Ruh,
schlie
ße meine Augen zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, gro
ß und klein,
sollen dir befohlen sein.

M
üden Herzen sende Ruh,
nasse Augen schlie
ße zu.
Lass den Mond am Himmel stehn
und die stille Welt besehn.

 

Predigt zum Ostermontag vom 13.04.2020 von Lukas Frei

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Predigt zu Ostermontag, 13.4.2020, über Lk 24,36-45 von Pfarrer Lukas Frei

Komm Herr Jesus, sei Du unser Gast! - Wahrscheinlich kennst Du dieses Gebet, es ist eines der bekanntesten Tischgebete. Als solches betet man es meistens wohl auch einfach rituell, weil es eben dazugehört. Aber wie schön wäre es, gerade jetzt in der besonderen Situation, in der wir ganz viel zu Hause sind und da dann oft alleine sind, wenn Jesus wirklich und wahrhaftig zu uns zu Gast kommen würde. Wie gut würde uns das jetzt tun! Ostern erzählt davon, dass Jesus kommt. Wir lesen es im Predigttext Lukas 24:

 

 

36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!

37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.

38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.

40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

41 Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?

42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.

43 Und er nahm's und aß vor ihnen.

44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.

45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden

 

Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es uns vielleicht einmal so ähnlich gehen können wie den Jüngern an Ostern – Ostern live. Es muss ja schon ein bisschen so gewesen sein für die Frauen und Männer, die Jesus geliebt haben und ihm nachgefolgt sind. Ängstlich und unsicher waren sie im Haus eingesperrt. Naja klar, sie konnten schon noch rausgehen. Aber lieber nicht unter die Leute gehen – nicht erkannt werden! Und dann: Keine Ahnung, wie es weiter geht. Völlig unsichere Zeiten. Ein bisschen kann ich jetzt verstehen, wie sie sich gefühlt haben. Die einen wahrscheinlich total ängstlich, schon fast in die Depression fallend. Andere wie auf Nadeln: Anspannung, Aggression, da staut sich was an. Wahrscheinlich haben sie auch viel miteinander geredet: Warum sind wir denn überhaupt nach Jerusalem gegangen? Was sollte denn das Ganze? Was können wir jetzt tun? Was hätten wir anders machen können?

So kann ich mir vorstellen, dass die Gespräche waren.

Doch dann kommt dieser Ostermorgen: Aufregung! Da passiert etwas! Etwas, dass sie nicht verstehen. Jesus lebt! ist die Botschaft, das Grab ist leer! Das ist völlig unvorstellbar! Verwirrend…

Und dann kommt Jesus – ganz leibhaftig kommt Jesus.

Das wär doch was! Das wär doch was für jetzt. Für die Zeit in der wir gerade sind! Da wo wir jetzt zu Hause ein Stück weit uns eingesperrt fühlen und vielleicht sogar sind. Das wäre wunderschön, wenn Jesus jetzt einfach hier hereinkommen würde und einfach da wäre.

Ok, zunächst würde ich vermutlich furchtbar erschrecken! Aber dann schaut mich dieser Jesus an. Strahlend. Und er sagt: Friede sei mit Euch!

Da atmet man auf. Das tut gut: Friede sei mit Euch – mit Dir – mitten in der Angst, in der Unsicherheit, in dem allen, was da vor uns liegt.

Probiert das doch mal zu Hause aus, wenn Ihr zu zweit zu dritt oder noch mehr seid: Sprecht Euch das zu, von ganzem Herzen. Und wenn Du allein bist, dann leg deine Hand auf die Brust und sprich: Friede sei mit Dir.

Das gehört zum Ostermorgen dazu, diese Botschaft. Vielleicht spürst Du sogar etwas wie eine Hand ganz wirklich, wer weiß.

Jesus hat nämlich keine Berührungsängste, dem kann eh nichts passieren. Und wenn er dich berührt, dann steckt er dich mit ewigem Leben an.

Doch so schön das auch ist, so schön es sich jetzt auch anhört: Für die Jünger war das ein Schrecken.

Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Es ist ja nicht nur so, dass jemand plötzlich im Zimmer steht. Das kennen wir ja: Wir sind vertieft in eine Sache und plötzlich steht jemand da und man erschrickt regelrecht. Das um was es hier geht, ist etwas anderes: Jesus ist plötzlich da und es ist ihnen klar: Wie soll der hier reingekommen sein? Das geht nicht!

Das, was wir hier sehen, das können wir nicht verstehen, das können wir nicht beschreiben, das entzieht sich dem, was wir messen und untersuchen können. Das macht uns Angst.

So ist es gerade auch in dieser Corona-Zeit. Corona können wir nicht so richtig verstehen und einordnen und deswegen erschreckt es uns auch so sehr. Ich glaube je länger es da ist, je mehr wir es verstehen und einordnen können, desto mehr wird der Schrecken weichen.

Aber diese Begegnung mit Jesus, dieses Unfassbare, das was man nicht wiederholen und nicht messen und auch nicht untersuchen kann – das jagt uns eine ganz schöne Angst ein – den Jüngern ging es zumindest so.

„Wie kann das sein? Hab ich Halluzinationen? Ist das gefährlich? Woher stammt das?“

Immer wieder erzählen mir Menschen davon, dass sie eine Begegnung hatten mit bereits Verstorbenen. Wenn man zuhört gibt es viel mehr Geschichten davon, als man denkt. Eine Frau erzählte mir einmal, wie sie morgens um fünf Uhr wach wurde. Früher als normal. Sie wusste, ihre Mutter liegt im Sterben. Sie spürte als sie wach wurde, dass die Mutter im Zimmer war und sich von ihr verabschiedete. Die Frau war alarmiert und rief sofort im Krankenhaus an – die Mutter war tatsächlich kurz zuvor verstorben. Die Frau ist über diese Erfahrung ziemlich erschrocken. Sie kann es nicht erklären, was da passiert ist. Es hat ihr Angst gemacht.

Ich bin mir sicher, es gibt viel mehr Leute, als wir denken, die solche Erfahrungen machen. Aber die meisten, die so etwas erfahren, sind lieber still und schweigen. Weil es sich ja nicht wiederholen lässt, oder untersuchen. Und es klingt ganz unmöglich, vielleicht wird man für verrückt erklärt. Denn was sich nicht in Statistiken darstellen lässt, bekommt von uns leider wenig Beachtung.

Das ist leider auch bei uns in der Kirche oft so. In der Kirche sprechen wir sehr häufig vom richtigen moralischen Leben. Die geistlichen Dinge, also das was nicht fassbar ist, die aber auch ein Teil unseres Lebens sind – denen lassen wir wenig Raum. 

Doch an Ostern kommen wir daran nicht vorbei, da müssen wir uns mit diesen unüberprüfbaren Geschichten befassen – Gott sei Dank.

Jesus lässt seine Jünger nicht einfach dort stehen, nicht nur bei diesem jenseitigem, diesem unerklärlichen, sondern er sagt „Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.“

 

Wie soll das zusammengehen? Das diesseitige, Fleisch und Knochen, Wundmale sogar – und trotzdem unfassbar…

Sie sind überglücklich, einige können es immer noch nicht fassen: „Wahrscheinlich halluziniere ich selbst das, was ich jetzt ertasten kann.“ Dann kommt der gebratene Fisch, den ich gefangen habe, den ich gebraten habe und dann verspeist ihn Jesus. Der Fisch ist weg, ich kann ihn nicht mehr essen. Also jetzt ist es eindeutig: Er ist ganz da!

Irgendwie ist diese Geschichte sperrig. Er wäre leichter für uns, wenn das Jenseits da wäre und wir ganz klar hier. Eine klare Grenze. Aber bei Jesus verschwimmt diese Grenze schon immer, sein ganzes Leben lang – es ist seine Botschaft! Und natürlich auch in seinem Auferstehen. Jesus hat gesagt: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, das ist nicht weit weg, das ist in Euch.

Jesus sagt, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben. Das ewige Leben, das ist nicht etwas, was wir dann später mal haben, wenn wir gestorben sind, sondern es ist schon jetzt und es hört mit dem Tod nicht auf. Der Tod ist letztlich nur ein Raumwechsel.

Der Auferstandene der verbindet Himmel und Erde. Das was wir hier auf dieser Erde erleben, das ist ein Teil des ewigen Lebens. Das ist ein Teil dessen, was nicht vergeht. Die Wundmale des Auferstandenen machen das deutlich: Das was ich auf dieser Welt erlebe und erleide, ist ein Teil des ewigen Lebens.

Jesus kommt in unsere begrenzte Welt um den Blick für die weite Welt zu öffnen. Um unsere Vorstellungen zu sprengen.

Viel zu oft sind wir beschränkt auf das, was wir jeden Tag sehen und entdecken können: Da ist er auch drin, in diesem Leben, das wir verstehen können. Doch auch das vergessen wir und deswegen ist es ganz wichtig, dass Jesus unser Leben manchmal in die Enge führt. Damit wir einen neuen Blick bekommen. So hat es die Geschichte, die wir in der Schriftlesung gehört haben erzählt: Jesus drängt seine Jünger ins Boot. Raus in die Enge, da wo es gefährlich wird.

So geht es uns auch jetzt in der Zeit in der wir gerade leben. Unser Blick ändert sich, er verengt sich, aber er weitet sich auch. Und wenn wir durch sind, wenn wir das „Fürchte dich nicht“ gehört haben in unserem Leben, dann beginnen wir vielleicht wieder viel mehr zu sehen, wie es dem anderen geht. Wir fragen nach dem, was wirklich zählt im Leben. Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass die Menschen im Moment mehr in die Bibel schauen. Und sie merken, dass diese Worte lebendig sind und sie werden von diesen Worten erfüllt und ja: Sie erfüllen diese Worte auch selbst mit Leben.

Ostern kann man nicht verstehen ohne das, was davor geschehen ist: Gott führt uns in die Enge. Aber nicht um uns klein zu machen oder uns niederzumachen. Sondern mitten in der Angst, da kommt das „Fürchte dich nicht“. Oder das „Friede sei mit Dir“.

Da wo wir ganz schwach sind, wo wir nicht mehr sicher sind in einer festgefügten Welt, da haben wir plötzlich wieder Augen und Ohren für das was eben auch da ist. Das unerklärbare, nicht in Zahlen messbare. Alles ist seine Welt, alles gehört ihm. Das Sichtbare und das Unsichtbare, das, was ich einordnen und verstehen kann und das, was unerklärlich ist. Die Grenzen sind fließend, das erzählt uns Ostern.

Wer weiß, wohin Gott uns führen wird. Ich weiß es nicht. Doch ich bin gewiss, dass uns Gottes „Fürchte Dich nicht“ und sein „Friede sei mit Dir“ ganz nahe ist, weil Jesus nahe ist.

Selig, wer diese Stimme Jesu hört.

Ja, es muss so sein, es muss alles so kommen, erklärt Jesus seinen Jüngern. Auch das Schwere und Schreckliche. Das Diesseits und auch das Jenseits sie zeigen es uns: Durch das Dunkel hindurch geht es ins Leben. Wir können es gerade im Frühling wieder sehen, wenn wir etwas aussähen auf diese nackte Erde – aus der dann das neue Leben herauskommt.

Ich wünsche es uns, das es wahr wird:

Komm Herr Jesus, sei unser Gast! Sei da in unserem Leben. Erfülle uns mit Deinem Leben und lass Dein „Fürchte Dich nicht“ und Dein „Friede sei mit Dir“ in unserem Leben Raum gewinnen.

Amen.

 

Predigt zum Ostersonntag vom 12.04.2020 von Ditta Grefe-Schlünz

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Predigt zu Ostersonntag, 12.4.2020, über 1. Korinther 15, 20-28 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

 

Alles wird gut! Das hören wir in diesen Tagen oft. Das sagen wir in diesen Tagen oft. Alles wird gut. Damit meinen wir zur Zeit vor allem: wir werden diese Krise überstehen, diese Corona-Krise, diese seltsame und verunsichernde Zeit. Wir werden vielleicht Schaden nehmen, wir hier persönlich, wir als Gesellschaft, unser Land, unsere Welt. Wir machen uns Sorgen um unsere Lieben, um unsere Arbeit, unsere Existenz, um das Auskommen, mancher hat Angst vor der Zukunft. Viele Menschen werden sterben, sind schon gestorben. Dennoch sagen wir uns gegenseitig diese Worte: Alles wird gut!

Dieses „Alles wird gut!“ haben wir von Italien übernommen. Dort, wo Corona sich so rasant und mit so vielen sehr schlimmen Verläufen ausbreitete, dort, wo wir die erschütternden Bilder von den Militärfahrzeugen gesehen haben, die in der Dunkelheit die vielen Toten abtransportierten, dort kam es zuerst auf, dieses „Andra tutto bene – alles wird gut,“ zusammen mit den Bildern des Regenbogens, der schon seit biblischen Zeiten Hoffnung auf eine gute Zukunft verspricht. Diese Worte sind unsere Hoffnung auf die Zukunft hin. Auch wenn jetzt viele Probleme vor unseren Augen stehen, so hoffen wir doch, dass irgendwann all das vorüber ist, nur noch eine Erinnerung ist. Eine Hoffnung auf eine Zukunft, die die gegenwärtigen Sorgen längst hinter sich gelassen hat. Ich will daran glauben: alles wird gut. Wenn ich das glauben kann, dann kann ich auch jetzt durchhalten.

Alles wird gut. Das haben wir uns aber auch schon in der Zeit lange vor Corona manchmal schon tröstend gesagt. Wenn jemand in einer schwierigen Situation steckt und im Moment den Weg heraus nicht mehr sehen konnte, sagt man ihm gern: ich weiß noch nicht wie und ich weiß nicht, wann, aber eins weiß ich: es wird wieder besser, du wirst sehen: alles wird gut werden! Wenn jemand Angst vor einer Prüfung hat oder ein Streit in der Familie sehr belastet, dann versucht man Zuversicht zu geben und neuen Mut zuzusprechen mit den Worten: du wirst sehen: alles wird gut! Auch wenn in diesem Moment nichts davon zu spüren ist. Hoffnung auf eine gute Zukunft hin.

Alles wird gut – das ist unsere große Botschaft an Ostern. Ihr werdet sehen: alles, wirklich alles wird gut! Der Tod wird nicht mehr sein. Leid und Einsamkeit wird nicht mehr sein. Gott wird unsere Tränen trocknen. Frieden wird sein, ganz und gar. Alles, wirklich alles wird gut!

Paulus schreibt einen Brief an seine Gemeinde in Korinth. Er ist weit fort von d3en Menschen dort, und mit seinem Brief versucht er, ihnen alle Sorge und Verzagtheit zu nehmen, er versucht, ihnen mit seinen Worten Mut und Zuversicht zu geben. Ja, im Grunde versucht er ihnen zu sagen: Alles, wirklich alles, wird gut!

Hören wir einmal, welche Worte er dafür wählt. Wir finden sie im 1. Brief an die Korinther in Kapitel 15, die Verse 20-28:

Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus, danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott „alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (Psalm 110). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „alles hat er unter seine Füße getan“ (Psalm 8). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

Er beginnt mit „Nun aber..“. Nun aber – nun aber ist alles anders. Denn Christus ist auferweckt von den Toten. Nun aber wird alles anders als wir es vor Augen haben. Nun aber wird alles gut, auch wenn ihr im Moment noch nichts davon spürt. Nun aber – wider allen Augenschein. Nun aber wird alles gut, denn Christus ist auferweckt von den Toten.

Und Paulus beschreibt den Menschen in Korinth, wie es einmal sein wird: alle werden wir sterben. Das glauben wir. Das wissen wir. Das ist so. Und genauso, wie wir alle sterben, werden wir alle auferstehen. Das können wir kaum glauben. Von wissen ganz zu schweigen. Dennoch wird es so sein.

Alle werden wir sterben. Durch Adam. Alle werden wir leben. Durch Christus.

Paulus spricht hier tatsächlich von ALLEN Menschen. Nicht nur manche, besondere, besonders gute. Nicht nur die, die scheinbar richtig geglaubt haben. Nicht nur die, die scheinbar nur Gutes getan haben. ALLE werden auferstehen. Nicht nur Christus. Auch ich. Und alle Christen. Und alle Menschen. ALLE werden auferstehen. Jochen Klepper sagt das sehr schön in einem Liedtext: „…Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu. Er hält, was er verkündet. Er hat sich selbst gebunden. Er sucht, du wirst gefunden.“ Auferstehung – das ist ganz und gar nicht unser Werk. Es ist allein Gottes Tat.

Und Paulus versteht Auferstehung noch umfassender. Er versteht sie als etwas unglaublich Großes. Es umfasst nicht nur einzelne Menschen. Es ist ein ganz und gar globales Geschehen. Es betrifft die ganze Welt, die ganze Schöpfung, die ganze Kreatur. Es ist allumfassend. Ja, wirklich und konsequent: alles wird gut.

Das gefällt mir sehr. Denn es tröstet mich, und es macht mich zuversichtlich. Es ist viel mehr, als wenn die Auferstehung nur etwas mit mir und meinem persönlichen Glauben zu tun hätte. Es geht nicht nur um meine persönliche Sehnsucht nach Auferstehung, , nach Sinn, nach Fülle, nach Leben. Es ist so viel mehr. Es geht um Gerechtigkeit in der ganzen Welt. Es geht um die Überwindung von Leid und Not in der ganzen Welt. Es geht um Frieden, um allumfassenden Frieden. Es geht um nichts weniger als um ALLES. Paulus schreibt: „…wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott „alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (Psalm 110). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“ Da passiert Revolutionäres im Himmel und auf der Erde. Alle Obrigkeit wird abgesetzt, denn die braucht es dann nicht mehr. Alle irdische Herrschaft und Gewalt wird entmachtet, auch die gibt es dann nicht mehr. Und schließlich wird der Tod als letzter Feind und als mächtigster Gegenspieler des Lebens vernichtet. Dann wird Leben sein. Für jeden. Für alles. Für die ganze Kreatur. Dann werden Vater und Sohn wiedervereinigt. Dann ist Gott alles in allem.

Darauf hoffen wir. Auch wenn im Moment nichts danach aussieht. Denn Ungerechtigkeit und Unfrieden ist noch da. Und Leid und Not auch. Und die unfassbar tiefe Traurigkeit angesichts des Todes. Und meine ganz persönliche Angst vor dem Sterben. Und Verzweiflung und Schmerz. Aber im Heute leben wir von der Zukunft her. Von der Zukunft, auf die wir hoffen. Von dem Glauben daran, wie es einmal sein wird. Das „Alles“ ist uns für diese jetzige Welt, für dieses jetzige Leben  nicht versprochen. Wir sind Fragment. Gott wird sein alles in allem – und das genügt. Wir haben Grund, zu glauben, zu hoffen, zu lieben über den Tod hinaus. Denn „nun aber ist Christus auferweckt von den Toten“. Und ja, ganz bestimmt: alles wird gut.

Wie das einmal aussehen wird, wenn alles gut ist? Da sind unsere Vorstellungen wohl so unterschiedlich wie Gott uns geschaffen hat. Nur Mut zur Phantasie! Luther hat seinem Sohn vom himmlischen Paradiesgärtlein erzählt. Paul Gerhardt singt von der „Lust in Christi Garten“. Ich habe Bilder von Kindern gesehen, da sitzen Menschen aller Völker an einem riesigen Tisch, laben sich an guten Speisen, oder sie spielen zusammen Völkerball. Oder sie feiern einen Völkerball. Oder mancher hört die Verheißung der Auferstehung ganz besonders in der Schlussfuge der h-moll-Messe von Bach „Dona nobis pacem“ Gib uns Frieden. Frieden ganz und gar.

Die Kinder unserer Kinderkirche haben jetzt vor Ostern Bilder gemalt. Bilder aus der Passionsgeschichte Jesu, Bilder vom Ostergeschehen. Beide Wäscheleinen konnten bestückt werden, im Amthof und an der Peter-und-Paul-Kirche. Schön sieht das aus, fröhlich wehen die Bilder im Wind. Und dann ist ein Bild dabei, das passt gut an den Schluss dieser Predigt:

 

Ein großes Kreuz ist zu sehen. Jesus hängt an dem Kreuz. Tod und Leid ist noch da, Jesus hält dies alles mit uns aus. Aber darüber, über dem Kreuz, wölbt sich ein verheißungsvoller schillernder Regenbogen. Kreuz und Regenbogen sind hier selbstverständlich zusammengefügt. – Leid und Tod wird ernst genommen. Und doch leuchtet darüber die Verheißung einer guten Zukunft, Die Verheißung des Regenbogens. Ein hochtheologisches Bild. Und es stimmt. Das, genau das feiern wir an Ostern: Alles, wirklich alles wird gut, denn- der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!  

Amen.

 

Osterlied EG 103, 1-6

Gelobt sei Gott im höchsten Thron / samt seinem eingebornen Sohn, / der für uns hat genug getan. / Halleluja!

Des Morgens früh am dritten Tag, / da noch der Stein am Grabe lag, / erstand er frei ohn alle Klag. / Halleluja!

Der Engel sprach: „Nun fürcht euch nicht; / denn ich weiß wohl, was euch gebricht./ Ihr such Jesus, den find’t ihr nicht. / Halleluja!

Er ist erstanden von dem Tod, / hat überwunden alle Not; / kommt, seht, wo er gelegen hat./ Halleluja!

Nun bitten wir dich, Jesu Christ, / weil du vom Tod erstanden bist, / verleihe, was uns selig ist. / Halleluja!

O mache unser Herz bereit, / damit von Sünden wir befreit / dir mögen singen allezeit. / Halleluja!

 

 

Gebet zu Ostersonntag:

Noch umgibt uns der Tod.

Aber du bist auferstanden, Christus.

Du bist das Leben und nimmst dem Tod die Macht.

Du bist auferstanden und teilst dein Leben mit uns.

Komm mit deinem Leben in diese geplagte Welt.

Teile dein Leben mit denen, die mit dem Tod ringen.

Teile dein Leben mit denen,

die von der Angst verschlungen werden.

Teile dein Leben mit den Einsamen,

mit den Verzweifelten,

mit den Geschlagenen.

 

Du bist auferstanden, Christus,

und teilst dein Leben mit uns.

Komm mit deinem Leben in diese geplagte Welt.

Teile dein Leben mit denen,

die sich für andere hingeben.

Teile dein Leben mit denen,

die uns lieb sind

und nach denen wir uns sehnen.

 

Du bist auferstanden, Christus,

Du besiegst den Tod,

damit wir leben.

Teile dein Leben mit uns

und lass uns aufleben heute

und in diesen österlichen Tagen.

Noch umgibt uns der Tod,

aber wir beten dich an,

denn du bist das Leben.

Halleluja.

 

 

Predigt zum Karfreitag vom 10.04.2020 von Lukas Frei

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Karfreitag (10.04.2020), Predigt von Pfarrer Lukas Frei

In vielen Kirchen hängt zentral der gekreuzigte Christus. Auch in den beiden Oberderdinger Kirchen. In Großvillars ist es nur ein kleines Kruzifix – dort ist es auch ein kleiner Streitpunkt, denn in den Kirchen der Waldenser hängt normalerweise kein Kreuz. Von daher ist es gut, dass das Kruzifix beweglich ist und nicht an jedem Sonntag dort stehen muss. Für die allermeisten ist dieses Bild vom Gekreuzigten vertraut. Doch ich habe immer wieder erlebt, wie beispielsweise Kinder, die zum ersten Mal bewusst eine Kirche wahrnehmen, von diesem Anblick irritiert sind. Und sie haben ja recht: ein fast nackter Mann, an das Kreuz genagelt, oft mit geschlossenen Augen – tot. Warum tun wir uns das an?

 

 

Natürlich, es ist Jesus. Und er wurde gekreuzigt. Aber er hat ja auch ein Leben vor dem Tod gehabt. Er hat geheilt, getröstet, Stürme zum Schweigen gebracht. Warum gibt es so wenig Bilder, die ihn lebendig und vital zeigen? Ich empfinde das tatsächlich als Problem. Kann es sein, dass Christen, nachdem sie nun jahrhundertelang den gestorbenen Jesus angeschaut haben, sich einfach nicht mehr vorstellen können, dass von ihm noch irgendeine Vitalität oder gar Macht ausgeht? Ich bin froh über die weiteren Bilder in unseren Kirchen, auch wenn sie meist viel kleiner sind. In der Laurentiuskirche steht der auferstandene Christus über dem Eingang zur Sakristei. In Großvillars hängt das „Luc lucet in tenebris“ über dem Altar. 

Doch in den vergangenen Corona-Wochen habe ich den gekreuzigten Jesus auf einmal wieder neu gesehen. Vielleicht ist es doch gut, dass er in so vielen Kirchen hängt. In den letzten Wochen ist ja etwas Merkwürdiges passiert: Die Angst vor dem Sterben hat das Leben abgewürgt. Aus Angst, dass die Corona-Epidemie Todesopfer fordern könnte, verzichten die Menschen auf sehr vieles, was sonst ihr Leben lebenswert macht. Um jeden Preis soll die Ausbreitung des Virus verhindert und das Leben der Schwachen geschützt werden.

Doch da hängt nun in der Kirche der gekreuzigte Jesus. Ausgeliefert, nackt, gequält. Er hat sein Leben nicht geschützt. Er ist gestorben – ganz bewusst. Seinen Jüngern hat er es immer wieder gesagt: „Wir gehen nach Jerusalem. Dort werden sie mich verspotten, misshandeln, anspucken, auspeitschen und töten.“ „Nein!“, haben die Jünger gerufen.

Aber Jesus ist trotzdem gegangen. Warum? Seltsamerweise hat Jesus das seinen Jüngern nie wirklich klar gesagt. Nur: „Es muss so sein!“ Vielleicht lässt sich die Frage „Warum?“ auch gar nicht so glatt beantworten. Es muss so sein – weil das Leben so ist. Weil zum Leben das Sterben dazugehört, manchmal auch ein schlimmes Sterben. Das ist einfach so. So hat es Jesus wohl gesehen.

Aber wie kann man leben, wenn man immer ans Sterben denkt? Oh, Jesus hat bestimmt nicht immer ans Sterben gedacht. Er hat unglaublich gern gefeiert. Und dabei hat er es wohl auch richtig krachen lassen. So dass die, die ihn nicht so leiden konnten, gesagt haben: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer!“

Das war natürlich nicht nett und bestimmt übertrieben. Aber es war schon was dran: Jesus konnte feiern. Und dann war er bereit zum Sterben, als es sich nicht mehr hat vermeiden lassen. Leben aus dem Vollen und Sterben war für ihn kein Widerspruch, sondern hat zusammengehört.

„Wer sein Leben erhalten will, wird’s verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen“, hat Jesus gesagt (Lukas 17, 33). Und ich denke, den ersten Teil erleben wir gerade: Im Versuch, leben zu schützen, würgen wir das Leben ab. Wir meinen, wir sind sicher in unserer Wohnung. Doch einige merken, dass die Angst dadurch gar nicht verschwindet; sie bleibt da, denn ab und zu muss man die Wohnung ja verlassen – Einkäufe machen oder ein Paket annehmen. Und die Angst jetzt anderweitig krank zu werden oder zu einem Arzt zu müssen steigt und zieht manche schon fast in die Depression. Ich denke auch an die, die Einsamkeit befallen hat, gerade ältere Leute – Einsamkeit kann lähmen und macht trübsinnig. Andere sind völlig überfordert, weil sie weiterarbeiten müssen und sich nirgends Hilfe holen können für die Arbeit die zusätzlich anfällt. Jugendliche haben einen natürlichen Drang sich von zu Hause abzunabeln – sie brauchen für ihr Leben die Begegnung mit anderen Jugendlichen; diese Begegnung ist Grundlage dafür, dass neues Leben entstehen kann. All das wird abgewürgt, natürlich in der Hoffnung, dass bald alles wieder normal wird. Aber wir ahnen schon, dass das Leben nicht mehr so sein wird, wie vor Corona.

Die Frage ist nur, was dann anders wird. Wird die Angst vor einem tödlichen Virus permanent präsent bleiben und damit die Bereitschaft, sich jederzeit wieder einsperren zu lassen?

Oder wird mehr Menschen als bisher klar, dass wir das Leben, das wir schützen wollen, durch die Schutzmaßnahmen erst recht verlieren? Vielleicht werden dann einige mutig, riskieren etwas. Wie Jesus gesagt hat: Wo wir etwas riskieren, können wir intensives, echtes Leben gewinnen.

Der gekreuzigte und gestorbene Jesus – das ist das zentrale Bild an Karfreitag. Er erinnert mich daran, dass es einfach so sein muss: Sterben ist normal. Ja, ich liebe mein Leben. Dieses unkontrollierbare Leben, mit all seinen Gefahren und Spannungen, mit höchster Freude und tiefer Trauer, mit Glück und Not, mit Erschöpfung und Kraft: das Leben in Fülle. Gerade deshalb möchte ich nicht jeden Preis bezahlen, um mein blankes Überleben zu schützen – weil ich mein Leben liebe.

Und weil Gott mein Leben liebt – deswegen verlässt er mich nicht und hält noch viel mehr für mich bereit, als ich mir vorstellen kann. Darum geht es dann an Ostern. Aber Ostern, die Auferstehung gibt es nicht ohne den Karfreitag. So muss es sein.

Amen.

Normalerweise feiern wir an Karfreitag in der Kirche miteinander das Abendmahl. Das Abendmahl ist nicht nur ein Zeichen, dass wir miteinander und mit Jesus Christus verbunden sind. Es ist mehr als ein Gemeinschaftsmahl. Im Abendmahl teilt Jesus sein Leben an uns aus. Sein Leben in Fülle, welches selbst der Tod nicht überwinden konnte. Es gibt nichts was uns von Jesu Liebe und seinem Leben trennen kann: keine Angst, keine Wut, keine Gefahr, nichts Hohes, nichts Tiefes, nichts Gegenwärtiges, nichts Zukünftiges, weder Tod noch Leben. Keine Macht der Welt kann uns von ihm trennen. Diese Gewissheit, dieses Vertrauen will Jesus in uns stärken, damit wir frei und fröhlich werden. Darum möchte ich Sie ermutigen in dieser Ausnahmesituation das Abendmahl bei Ihnen zu Hause zu feiern, mit folgender Liturgie.

 

Liturgie zur Hausabendmahlsfeier an Karfreitag

Sie benötigen in der Vorbereitung: mundgerechte Brotstücke in der Anzahl der Teilnehmer, Gläser mit Wein oder Traubensaft in der Anzahl der Teilnehmer. Richten Sie einen schönen Tisch ein um den Sie als Gruppe sitzen können. Ein Kreuz, falls vorhanden, wäre gut ins Zentrum zu stellen und auch eine Bibel. Kerzen können verwendet werden, doch traditionell wird das an Karfreitag nicht getan.

Liturgie

(L: die Leiterin oder der Leiter der Feier; A: alle)

Eingangswort

<ggf. kann ein Mitglied der Tischgemeinschaft eine Kerze anzünden>.

L: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

A: Amen

L: Jesus Christus ist das Licht der Welt.

Ein Mitglied der Tischgemeinschaft stellt den Teller mit Brot und den Kelch auf den Tisch.

L: Jesus Christus spricht: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Offenbarung 3,20)
Wir wollen die Türen unseres Herzens weit aufmachen für Jesus unseren Herrn! Möge Er in unsere Mitte treten und unser Gastgeber sein!

Gemeinsam beten wir Ihn, den guten Hirten an:

A: Psalm 23

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße 

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 Eingangsgebet

Herr Jesus Christus, wir kommen nun vor Dich und laden Dich neu in unsere Mitte und unsere Herzen ein!
Diese Zeit ist verrückt, nur Du allein weißt, was noch werden wird und wir sehen bange in die Zukunft. Wird unser Land dasselbe sein nach dieser Krise? Werden unsere Arbeitsplätze sicher sein? Werden wir womöglich um geliebte Menschen trauern müssen oder gar unser irdisches Leben verlieren?
Herr, erhebe unseren Geist zu Dir, denn Du bist das Auge im Sturm!

Lenke unseren Blick weg von den Sorgen, auf Dich! Vertreibe die Angst aus unseren Herzen, denn es wird Ostern! Du hast den Tod besiegt, mache diesen Sieg gegenwärtig in uns! Egal was wir auch verlieren mögen, solange wir Dich haben, haben wir alles! Dein himmlischer Friede regiere in uns, so wir auf Dich hoffen!

In der Stille beten wir weiter:

L: Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus – meine Zuversicht, auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Amen.

Lied – Meine Hoffnung und meine Freude EG 576

Beichtgebet

L:

Herr Jesus Christus. Du hast uns gezeigt, wie Gott ist. Du hast im Vertrauen auf ihn gelebt. Du liebst dieses Leben, das Du uns geschenkt hast und Du liebst uns. Doch wir erschrecken vor Deiner Größe und Macht: Du hast nicht davor zurückgeschreckt, Aussätzige zu berühren. Du hast im Sturm geschlafen, als wärst Du am sichersten Ort der Welt. Du bist ins Leiden und Sterben gegangen – auch mit Angst – aber dennoch voller Vertrauen, dass der Vater Dich nicht verlässt. Du hast es für uns getan, damit wir Frieden und Freude haben sollen.

Aber wir schauen auf den Sturm, statt auf Dich. Wir klammern uns an das Alte, statt an das Neue, das Du uns bereitest. Wir lassen uns erfüllen von Angst oder Zorn, von Maßlosigkeit oder Selbstsucht, von Egoismus oder Habgier. All das macht uns das Vertrauen schwer. Und doch glauben wir – hilf unserem Unglauben! Komm, Herr Jesus und gib uns das, was Du versprochen hast: dass aus allen, die an Dich glauben, Ströme lebendigen Wassers fließen werden. Das ist ein Bild für den Heiligen Geist, den Du gibst.
Lass die Ströme fließen und reinige mich! Lass die Ströme fließen und zum Segen für mein ganzes Umfeld werden!
In der Stille können wir Dir sagen, was uns persönlich besonders beschwert.

(Gebetsstille)

 

 

L: Herr, vergib uns unsere Schuld.

Wenn ihr diese Bitte mit mir teilt, dann stimmt mit mir ein in den Ruf: Herr, erbarme dich.

A: Herr, erbarme dich.

 

Zuspruch der Vergebung

L: Euch geschieht, was ihr erbeten habt. Der barmherzige Gott hat sich über euch erbarmt. Um Seines lieben Sohnes willen vergibt Er euch all eure Schuld. Was gewesen ist, soll euch nicht mehr belasten.
Was kommt, soll euch nicht schrecken.
Gottes Gnade ist eures Lebens Freude und Kraft. Amen

<ggf. Liedstrophe: z.B. EG 574 Nichts soll dich ängsten>

<ggf.Abendmahlsgebet

Wir bitten dich, Herr Jesus: Erfülle uns mit deinem Geist. 

Segne diese Gaben, damit sie uns zum Leben und zum Heil dienen. 
Segne unsere Gemeinschaft, lass deine Liebe unter uns spürbar werden. 
Sei bei allen, die in diesen Tagen den Tod und die Auferstehung deines Sohnes feiern und stärke sie in dieser schwierigen Zeit.
Steh den Kranken bei und sei bei denen, die sie pflegen und um ihre Heilung kämpfen.
Hilf uns, aufeinander acht zu haben und an der Hoffnung festzuhalten.

 

Einsetzungsworte

Der Leiter/die Leiterin der Feier tritt an den Tisch und nimmt die Abdeckung von Brot und Kelch. Er/sie nimmt den Teller mit dem Brot uns spricht:

Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, und mit seinen Jüngern zu Tische saß, nahm des Brot, sagte Dank und brach’s, gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis. 

Desgleichen nach dem Mahl nahm er den Kelch, sagte Dank, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus, das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das tut zu meinem Gedächtnis.

 

Austeilung

L: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut.

(Brot und Wein / Saft werden ausgeteilt) Wer seinem Nachbarn / Nachbarin das Brot reicht, sagt dazu: 

Christi Leib für dich gegeben.

Wer seinem Nachbarn / Nachbarin den Wein / Saft reicht, sagt dazu: 

Christi Blut für dich vergossen.

 

Entlasswort

wenn alle gegessen und getrunken haben, spricht:

L: Christus spricht: Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt. Dank sei Dir, Jesus Christus.

 

 

Dankgebet

A: Lobe den Herrn, meine Seele,

und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir alle deine Sünde vergibt

und heilet alle deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst,

der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

 

L: Gemeinsam beten wir:

 

A: Vater unser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 

Segenslied

EG 170 Komm, Herr, segne uns

oder

EG 171 Bewahre uns, Gott

 

Segen

L: Der Herr segne uns und behüte uns

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.

A: Amen.

Predigt vom 09.04.2020 Gründonnerstag von Ditta-Grefe-Schlünz

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Predigt zu Gründonnerstag, 9.04.2020 über 2. Mose 12, 1-14 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

An Gründonnerstag haben wir in der Familie seit unsere Kinder klein waren, also seit etwa dreißig Jahren, ein kleines Ritual entwickelt: An Gründonnerstag gibt es bei uns selbstgemachte Maultaschen. Seit etwa dreißig Jahren steht am Gründonnerstag mein Mann zusammen mit unseren Kindern in der Küche und stellt Maultaschen in Großproduktion her, während ich am Schreibtisch sitze und mit den Gottesdiensten der Karwoche und zu Ostern beschäftigt bin.

Spätestens zur Mittagszeit zieht ein wunderbarer Duft durchs Haus und lockt mich in die Küche, und wir alle freuen uns schon auf den Moment, an dem wir uns zusammen rund um den Tisch niedersetzen und uns die Maultaschen schmecken lassen. Und wenn wir dann da alle zusammen sind, zusammen schwätzen und lachen und uns erzählen und dieses einfach köstliche Gericht essen, dann wissen wir: Ostern ist schon ganz nah. Und eine feierliche Fröhlichkeit erfasst uns alle.

Dieses Jahr aber wird alles anders sein. Durch Corona können wir nicht als Familie zusammen kommen, jeder ist für sich. Meine Mutter für sich, mein Sohn und seine Familie für sich, meine Tochter für sich, und mein Mann und ich hier im Pfarrhaus im Amthof zu zweit allein. Die fröhliche Runde um den Tisch herum und das Familienritual mit den Maultaschen zu Gründonnerstag wird es dieses Jahr wohl nicht geben. 

Und so geht es dieses Jahr vielen. Über Ostern allein. Die Traditionen und Rituale in der Familie, die gut tun und froh machen, können dieses Jahr nicht sein. Dabei leben wir doch von der Gemeinschaft. Dabei geht es doch gerade auch an Gründonnerstag um die Gemeinschaft. Um die Gemeinschaft, die trägt und hält, um die Gemeinschaft und das gemeinsame Essen, das uns stärkt für die Zeit, die vor uns liegt.

An Gründonnerstag erinnern wir uns ja an das letzte gemeinsame Mahl Jesu mit seinen Jüngern. Zum letzten Mal vor seinem Tod sitzt Jesus mit seinen Jüngern zusammen. Rund um den Tisch sitzen sie miteinander, reden und schwätzen und reichen einander die Speisen. Und auch sie erfüllt dabei eine feierliche Fröhlichkeit. Denn auch bei diesem gemeinsamen Essen handelt es sich um ein Ritual, um eine Tradition, die das jüdische Volk schon viele hundert Jahre begeht und das ihm Gewissheit und Halt gibt. Denn es ist ein Erinnerungsritual. Ein Ritual, das das ganze Volk daran erinnert, wie Gott die Israeliten hinausgeführt hat aus der Sklaverei in Ägypten, wie er ihnen Freiheit und Zukunft geschenkt hat. Und all das begann auch wieder mit einem Essen. Mit einem Essen kurz vor dem Aufbruch zum Auszug aus Ägypten. Ein Essen, das die Israeliten stärken sollte für die Zeit der Ungewissheit, die vor ihnen lag. Dazu hat Gott dem Volk Israel ganz genaue Anweisungen gegeben. Für dieses Essen unmittelbar vor dem Aufbruch in die ungewisse Zeit und für das Ritual, sich jedes Jahr an diesen Auszug unter Gottes Schutz zu erinnern. Die Anweisung für dieses Ritual ist Predigttext für den diesjährigen Gründonnerstag aus 2. Mose 2, 1-14:  

„Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: dieser Monat soll bei euch der erste Mont sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt Ihr’s mit Feuer verbrennen. So sollt Ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des Herrn Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der Herr. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“

Immer am zehnten Tag des ersten Monats im Jahr soll dieses Ritual stattfinden. Des Herrn Passah. Immer am zehnten Tag des ersten Monats soll sich das Volk mit einem ganz bestimmten gemeinsamen Essen an dieses Aufbruchs-Essen damals erinnern, als sie in Hast und Eile Brot gebacken und gegessen haben, bereits gepackt, gegürtet, mit den Schuhen an den Füßen und dem Wanderstab in der Hand. Ein Mahl zum Aufbruch. Ein letztes Mal Stärkung, bevor es losgeht. Und das Blut des Lammes an den Pfosten der Haustür als Schutz vor Tod und Leid.

Immer am zehnten Tag des ersten Monats im Jahr ist also Passahfest. Erinnerung daran, dass Gott sein Volk gerettet hat, hinausgeführt hat aus der Bedrückung in Ägypten und hinein in Freiheit und Zukunft.

Und es war auch gerade Passahfest, als Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem kam, damals. Auch deshalb saßen sie da zusammen um den Tisch, teilten miteinander das vertraute Ritual, aßen miteinander, sprachen und lachten, schauten sich an und spürten, wie gut es tat, dieses gemeinsame Essen und feiern.

Bis dann Jesus das Brot nahm und statt der vertrauten Segensworte etwas anderes sagte. Bis dann Jesus den Kelch mit dem Wein nahm und sie alle eindringlich ansah und völlig andere Worte sprach als die, die sie gewohnt waren. Er nahm da Brot, sagte Dank und brach’s, gab’s seinen Jüngern und sprach: nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben ward. Das tut zu meinem Gedächtnis. Er nahm den Kelch, dankte und sprach: Trinket alle daraus, das ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut zu meinem Gedächtnis. Und dann sagte er noch: ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.

Die Jünger verstanden nicht. Was waren das für Worte? Sie klangen nach Abschied. Was kam da auf sie zu? Wollte Jesus sie verlassen? Sie wurden unruhig und besorgt. Ein dunkles Gefühl von Bedrohlichkeit legte sich über sie.

Dann stimmten sie den Lobpreis an, wie es das Ritual vorsah. Sie sangen zusammen, lobten ihren Gott und das, was er ihnen Gutes getan hatte. Und dann – gestärkt durch Brot und Wein und mit dem Trost des gesungenen Lobgesangs im Herzen  – gingen sie hinaus in die Nacht, in der Jesus verraten ward, hinaus an den Ölberg.

Wir alle wissen, was dann auf Jesus und auch auf die Jünger zukam. Verrat und Tod, Angst und Einsamkeit, Verlassenheit, Ratlosigkeit, Verzweiflung.

Aber in all dem und für all das hat Jesus den Menschen etwas gegeben, was ihnen Halt und Trost gab. Er  hat ihnen ein Vermächtnis gegeben. Immer wieder versammelten sie sich um einen Tisch und aßen und tranken miteinandner. Und dann teilten sie Brot und Wein und wiederholten die Worte Jesu von seinem letzten Abend: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis. Nehmt und trinkt, das ist mein Blut, das für euch vergossen wird. Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Und sie aßen von dem Brot und sie tranken von dem Wein und spürten und schmeckten Kraft und Süße. Es stärkte und tröstete sie und sie fühlten sich untereinander verbunden und Jesus Christus ganz nah. Und dann konnten sie aufstehen und gehen, hinein in die Zeit, die ungewiss vor ihnen lag.

Bis heute ist das so. Wenn wir zusammenkommen und uns um den Altar versammeln und Brot und Wein miteinander teilen und Jesu Worte von seinem letzten Abend wiederholen, dann stärken wir uns für die Zeit, die kommt. Sind gerüstet, ausgerüstet mit dem Wanderstock und guten Schuhen an den Füßen für den steinigen Weg. Haben unser Herz gestärkt mit Trost und Vertrauen. Haben uns untereinander verbunden, sind uns der Gemeinschaft bewusst, fühlen uns Jesus Christus nah. Können aufstehen und gehen, hinein in die ungewisse Zeit, die vor uns liegt.

Das hat uns Jesus als Vermächtnis gegeben, dieses Ritual der Erinnerung und Vergewisserung, damals an seinem letzten Abend zu Beginn der Nacht, da er verraten ward.

Dieses Jahr in dieser unsicheren und verunsichernden Zeit der Corona-Krise hätten wir es gerne gefeiert, das Abendmahl an Gründonnerstag, zusammen in unserer Kirche. Gerade jetzt würde ein bisschen Vergewisserung und Trost und Stärkung gut tun. Zu wissen, dass Jesus bei uns ist, zu schmecken, dass wir nicht allein sind in der Einsamkeit. Gerade jetzt in diesen Tagen täte die Gemeinschaft und das Teilen von Brot und Wein so gut.

Wissen Sie, was ich mir vorgenommen habe? Ich stelle mir dieses Jahr Gründonnerstagabend ein Stück Brot und ein Glas roten Wein bereit. Und wenn dann zur Gottesdienstzeit um 18.30 Uhr die Glocken läuten, dann will ich mich erinnern an die Gottesdienste zu Gründonnerstag in der Großvillarser Kirche, wie dort eine Kerze um die andere verlöschte und die Dunkelheit sich in der kleinen schlichten Kirche ausbreitete. Und wie wir miteinander Brot und Wein geteilt haben und sich eine festliche Ernsthaftigkeit in uns ausgebreitet hat. Und dann esse ich von dem Brot und trinke von dem Wein und schmecke beidem nach. Und weiß: es gilt. Auch so. Ich bin nicht allein, sondern verbunden mit vielen. Und wir alle mit Christus. Heute. Und morgen. Und immer. In Freud und Leid. Bis in Ewigkeit.    

Eben kommt mein Mann herein. Er habe es sich überlegt, sagt er. Er mache doch Maultaschen an Gründonnerstag. Was wir allein zu zweit nicht essen, könne man doch einfrieren. Bis mal die Kinder kommen.

Und so wird also morgen an Gründonnerstag spätestens um die Mittagszeit ein wunderbarer Duft durchs Haus ziehen, der mich vom Schreibtisch weg in die Küche lockt. Und dann setzen wir uns zu zweit allein zu Tisch und erinnern uns. An die fröhlichen Runden in früheren Jahren. Und hoffen drauf, dass es zukünftig einmal wieder sein wird: die Familie zusammen an Gründonnerstag um den Tisch. Und ich glaube, dann wird uns auch allein zu zweit eine festliche Fröhlichkeit erfüllen. Und das Wissen: Ostern ist schon ganz nah.

Amen.

 

Lied zu Gründonnerstag: Ich bin das Brot, lade euch ein EG 587

Ich bin das Brot, lade euch ein / so soll es sein, so soll es sein! / Brot lindert Not, brecht es entzwei, / so soll es sein, so soll es sein. / Kyrie eleison, christe eleison, kyrie eleison.

Ich bin die Quelle, schenk mich im Wein / so soll es sein, so soll es sein! / Schöpft aus der Fülle/ schenkt allen ein. / So soll es sein, so soll es sein. / kyrie eleison, christe eleison, / kyrie eleison.

Nehmt hin das Brot, trinkt von dem Wein, / so soll es sein, so soll es sein. / Wenn ihr das tut, will ich bei euch sein. / So soll es sein, so soll es sein. / kyrie eleison, christe eleison, kyrie eleison.

 

Gebet zur Gründonnerstag:

 

Feiert noch einmal!

Feiert nicht allein.

Feiert gemeinsam mit den Nachbarn,

mit den Kindern, mit den Freundinnen und Liebsten,

setzt euch noch einmal an die festliche Tafel

und dann brecht auf.

Der Engel des Herrn nimmt euch unter seine Flügel.

Das waren die Worte für unsere Mütter und Väter.

Welche Worte hast du für uns, Barmherziger?

Du, Schöpfer, du Ursprung unseres Lebens.

Es ist mühsam, ohne die Liebsten zu feiern.

Sie fehlen uns.

Nimm sie unter deinen Schutz – erbarme dich.

Es ist bedrückend, die Nachrichten zu verfolgen.

Sie machen uns Angst.

Gedenke der einsam Sterbenden,

der Eingeschlossenen,

derer, die ohne Schutz und Hilfe sind.

Nimm sie unter deinen Schutz –erbarme dich.

Es macht müde, so hilflos zu sein,

sich Sorgen um die Zukunft zu machen,

die Unsicherheit zu ertragen.

Nimm uns Verunsicherte,

uns Erschöpfte und Suchende unter deinen Schutz – erbarme dich.

Es ist ermutigend, die Heldinnen und Helden dieser Tage zu sehen,

die Krankenschwestern,

die Ärzte und Forscherinnen,

die Erzieherinnen, Verkäuferinnen, Musiker,

die Busfahrer, unsere Politikerinnen und Politiker.

Nimm sie unter deinen Schutz – erbarme dich.

Welche Worte hast du für uns heute, Jesus Christus?

Feiert auch heute, sagst du uns.

Feiert nicht allein. Feiert mit mir.

Tut dies zu meinem Gedächtnis, sagst du uns.

Du gibst dich für uns hin.

Du verbindest uns in dir.

Du teilst dich selbst aus,

damit wir leben,

aufatmen und die Zukunft gewinnen.

Es ist ein Glück,

dir zu vertrauen

heute, in diesen Tagen und immer.

Amen.

Predigt vom 05.04.2020 von Lukas Frei

Predigt als PDF 663 kb

 

Verschwendung

Ich hätte nicht gedacht, dass die Passionszeit in diesem Jahr so intensiv werden würde. Ich empfinde sie als intensiv. Doch warum eigentlich? Bis weit nach Ostern war alles geplant, der Terminplan voll – die Wochenenden ausgefüllt. Alles was da kommen sollte war Routine. Routine mitten in der Passionszeit. Passionszeit und Routine – das passt irgendwie nicht zusammen. Dieser Blick auf das Leiden verträgt sich nicht so richtig mit unserem Leben, und noch viel weniger mit der Routine. Es gibt zwar immer wieder Initiativen die dieser Zeit einen besonderen Status geben wollen – Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel oder auf „schlechte“ Tugenden – aber mich hat noch keine Fastenaktion so richtig überzeugt. Ein bisschen selbstgewähltes Leiden – wozu und mit welcher Absicht?

Dieses Jahr ist alles anders, einfach alles. Für die verschiedenen Fastenaktionen interessieren sich nur noch wenige Menschen. Denn wir sind in einer wirklichen Passionszeit. Das Leiden ist nicht mehr mehrere 1000 Kilometer entfernt – es ist nicht mehr nur noch in den Bildern von Flüchtlingsunterkünften vom Mittelmeer, von Syrien, von Myanmar, von China und vielen sogenannten „dritte-Welt-Ländern“. Das Leiden ist uns ganz nahegekommen. Alle müssen verzichten, damit das Leiden im eigenen Land nicht zu groß wird – das ist der große Auftrag an die ganze Bevölkerung.

Doch die Gegenstimmen gegen diesen Auftrag werden stärker. Denn inzwischen ist auch klar: selbst wenn wir das Sterben aufgrund unserer medizinischen Versorgungslage und dem Kontaktverbot geringhalten können, bringt unser Vorgehen möglicherweise ein anderes Leiden – Arbeitslosigkeit, Familienkonflikte, Verschuldung, etc.

Wie immer, wenn es um die „richtige“ Position geht wird mit Zahlen argumentiert. Wie viele Menschen sind schon an Covid19 gestorben? Wie groß wird die wirtschaftliche Rezession? Wie hoch sind die Scheidungsraten in dieser Zeit? …  Scheinbar sind wir ganz verrückt nach Zahlen. Anhand von Zahlen und deren Deutung entscheiden wir, wie wir leben wollen und welches der „richtige“ Weg ist. Das ist nicht neu. In den allermeisten Betrieben – auch in der Kirche geht es ständig um Zahlen. Die müssen stimmen und von denen machen wir dann abhängig, was getan werden kann.

Doch was interessiert die Ärztin, die an den Betten mehrerer Corona-Infizierten um deren Überleben kämpft in diesem Augenblick die weltweiten Fallzahlen? Wieso sollten sich die Angehörigen der Oma, die erkrankt ist, Gedanken machen wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Oma den Virus überlebt? Welchen Nutzen hat der Kleinunternehmer von den Zahlen der geschlossenen Betriebe, wenn er vor dem eigenen Ruin steht? 

Im Leben – vor allem wenn es mit Leid gefüllt wird – geht es nicht um Zahlen. Das einzige, was dann noch zählt sind Worte und Taten der Liebe, die unser Vertrauen und unsere Hoffnung stärken – die der Seele guttun.

Wir sind in der Passionszeit, einer ganz sonderbaren, die alle Routine durchbricht und durch welche so mancher Text aus Jesu Leidensgeschichte ganz neu leuchtet. So auch der Predigttext für den heutigen Sonntag:

1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.

2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Eine Geschichte aus den letzten Tage Jesu vor seiner Kreuzigung. Jesus hatte schon vor Augen, wohin sein Weg ihn führen würde. Er hat es seinen Jüngern mehrmals gesagt: Ich werde nach Jerusalem gehen und dort werden sie mich gefangen nehmen und töten und am dritten Tage werde ich auferstehen. Seine Jünger konnten diese Worte nicht verstehen. Was sollte Jesus denn geschehen, wenn er vorsichtig war?

Aber die Botschaft, die Jesus verkündet hat, war gefährlich für die geistlichen Führer Jerusalems. Wer diesem Jesus nachlief über den verloren sie die Macht. Dazu kam die Gefahr, dass dieser Jesus einen Aufstand anzetteln könnte und das war eine Bedrohung für alle. Denn gegen das mächtige Rom wäre Jesus mit Sicherheit machtlos gewesen und am Ende wäre mehr zerstört als gewonnen. So fällten die geistlichen Führer den Beschluss, dass Jesus sterben sollte: Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Die Römer würden ganz sicher dabei mitmachen – einen Aufstand versuchten sie schon immer im Keim zu ersticken.

Jesus hat es gewusst, dass es so kommen würde. Er verstand die Menschen besser als heutige Psychologen. Und er verschloss sich nicht davor, ins Leiden zu gehen, denn der Vater im Himmel wies ihm diesen Weg, damit durch ihn die Welt mit Gott versöhnt würde. Gott wollte Jesus dort haben, wo wir im schlimmsten Fall auch hinkommen können.

Wir befinden uns also in Jerusalem, noch ein wenig bevor Jesus das Abendmahl feiert und es danach richtig schrecklich für ihn wird. Hier erzählt Markus diese kleine Begebenheit von der Salbung in Betanien.

Erstaunlicherweise geht es auch in dieser kleinen Geschichte um Zahlen. Das Öl der Frau ist sehr wertvoll. Welch eine Verschwendung es komplett über den Kopf von Jesus zu gießen. Ein bisschen was für die Füße hätte doch gereicht. Und wo Zahlen ins Spiel kommen wird sofort abgewogen: Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Vielleicht steckt dahinter folgende Argumentation: Armutsbekämpfung – so muss Nächstenliebe aussehen. Jesus, der nie für sich etwas gebunkert oder gehamstert hat, der kann doch so eine Aktion nicht gutheißen und schon gar nicht wollen. Wir müssen das Gesamte im Blick behalten und die Armut auf aller Welt bekämpfen.

Ich bin froh, dass Jesus ganz anders reagiert. Er reagiert menschlich. Die Salbung dieser Frau tut Jeus in seiner Situation einfach gut: Ein Zeichen der Liebe – das ist es, was er jetzt auf seinem Weg ins Leiden braucht.

Und noch ein zweites wird hier klar: Jesus ist nicht gekommen um die Armut und das Leiden auf dieser großen und weiten Welt zu beseitigen. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Armut bleibt ein Thema auf unserer Welt – und mit Corona wird uns klar, dass es uns auch ganz plötzlich treffen kann. Was zählt, das sind die Beziehungen in denen wir leben. Die sind beschränkt. Die Möglichkeit irgendjemandem etwas Gutes zu tun, der weniger hat als wir, werden wir unser Leben lang haben, aber den Augenblick mit einem Menschen, der uns nahesteht, haben wir nicht unser Leben lang.

Ist ein solches Denken nicht egoistisch? Die Welt um sich herum zu vergessen und nur den Augenblick und die, die man liebt wahrzunehmen? Jesus hat einmal die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt, der weder Kosten noch Mühen gescheut hat einem ihm völlig Fremden etwas Gutes zu tun. Mein Nächster kann ein Fremder sein – ja sogar ein Feind, macht Jesus klar – aber es kann natürlich auch jemand sein, den ich von Herzen liebe. Für Jesus ist der Augenblick und die Liebestat entscheidend. Darum lobt er die Frau, die ihn mit dem teuren Öl salbt. Irgendwelche Rechnungen darüber wie man sonst hätte handeln können und wieviel Menschen mit dem Geld versorgt werden könnten – das ist unwichtig. Mehr noch: es widerstrebt dem Evangelium!

Wieso? Sobald wir uns in den Kopf setzen, dass wir Menschen das Große und Ganze beherrschen und kontrollieren können – wie z. B. die Beseitigung der Armut oder das Bekämpfen des weltweiten Leids oder der Rettung der Natur – begeben wir uns auf den Weg, Gott gleich sein zu wollen:

Wir verlassen unser Menschsein und sind der absurden Meinung, wenn wir nur genug zusammenarbeiten und jeder das Beste bringt, dann lässt sich alles steuern und machen.

Vielleicht ist der Corona-Virus auch deswegen so schlimm, weil er uns recht unsanft vom Thron der Machbarkeit und Kontrolle stürzt, und wir plötzlich wieder merken, wie schwach und zerbrechlich wir sind.

Das Evangelium von Jesus Christus ist anders: Jesus ruft zur Buße – ändert eure Blickrichtung. Ihr seid Menschen, geliebte Kinder Gottes – ihr braucht euch nicht zu sorgen um euer Leben. Gott sorgt für euch. Im Leben, wie im Sterben. Deswegen könnt ihr euch ganz dem zuwenden, was jetzt um euch ist. Ich denke, dass Jesus das Große und Ganze wenig im Blick hatte (die Weltpolitik, die Bekämpfung der Armut, etc.) – wieso sollte er auch? Darum kümmert sich der Vater im Himmel. Er kann sich ganz denen zuwenden, die im Augenblick um ihn sind.

Jesus lebt aus der Fülle, die Gott gibt. Und er nimmt aus dieser Fülle und gibt sie verschwenderisch weiter. So können wir mit der Nahrung umgehen, weil Gott so unglaublich viel gibt. Viel mehr als wir brauchen – mir kommt sofort die Speisung der 5000 in den Sinn. Überfluss gibt es übrigens nicht erst seit der Industrialisierung – das gab es auch schon vor tausenden von Jahren (vgl. Josefs-Geschichte im Alten Testament). Denn Gott ist verschwenderisch: mit seinen Gaben, mit seinem Leben, mit seiner Liebe. Deswegen können wir das Leben genießen und selbst verschwenderisch sein.

Aber es gibt auch eine andere Seite: das Sterben und den Mangel. Das gehört ebenfalls zum Leben – doch auch das liegt in Gottes Hand. Darum begibt sich Jesus auch ins Leiden und flieht nicht davor. Denn auch das Leiden ist ein Teil des Lebens, das Gott uns zumutet.

Wir sind in der Passionszeit – einer Passionszeit, die wir selber spüren. Mit „Leben genießen“ ist es scheinbar vorbei. Wenn wir momentan nur auf die Zahlen blicken – so wie die Jünger von Jesus –  dann werden wir mürrisch oder ängstlich und verkriechen uns in der Höhle der Furcht. Doch wenn wir auf Jesus und auf die Frau, die ihn salbt schauen, dann können wir sehen, dass wir sehr wohl etwas tun können in der schweren Zeit:

Den Augenblick genießen und die Zeit, die wir haben bevor uns das Leiden womöglich trifft, mit den Menschen, die um uns sind, großzügig verschwenden.

Und wenn Sie alleine sind? Dann nehmen Sie den Telefonhörer zur Hand oder den Stift. Rufen Sie sich gegenseitig an, schreiben Sie sich. Stellen Sie sich als Nachbarn Geschenke vors Haus. Seien Sie verschwenderisch mit Ihrem Besitz und Ihrer Liebe. Diese Art von Verschwendung – das ist das Beste was wir tun können, wenn uns das Leid nahe rückt.

Amen.

 

 

Als Lied oder Gebet für diesen Sonntag lade ich Sie ein das Lied im EG unter der Nummer 620 zu singen/beten:

W 620 Gott will’s machen

1. Gott will’s machen, dass die Sachen

gehen, wie es heilsam ist.

Lass die Wellen sich verstellen,

wenn du nur bei Jesus bist.

 

2. Wer sich kränket, weil er denket,

Jesus liege in dem Schlaf,

wird mit Klagen nur sich plagen,

dass der Unglaub leide Straf.

 

3. Du Verächter, Gott, dein Wächter,

schläfet ja noch schlummert nicht.

Zu den Höhen aufzusehen,

wäre deine Glaubenspflicht.

 

4. Im Verweilen und im Eilen

bleibt er stets ein Vaterherz.

Lass dein Weinen bitter scheinen,

dein Schmerz ist ihm auch ein Schmerz.

 

5. Glaub nur feste, dass das Beste

über dich beschlossen sei.

Wenn dein Wille nur ist stille,

wirst du von dem Kummer frei.

 

6. Willst du wanken in Gedanken,

fall in die Gelassenheit.

Lass den sorgen, der auch morgen

Herr ist über Leid und Freud.

 

7. Gottes Hände sind ohn Ende,

sein Vermögen hat kein Ziel.

Ist’s beschwerlich, scheint’s gefährlich,

deinem Gott ist nichts zu viel.

 

8. Wann die Stunden sich gefunden,

bricht die Hilf mit Macht herein;

und dein Grämen zu beschämen,

wird es unversehens sein.

 

9. Amen, Amen! In dem Namen

meines Jesu halt ich still.

Es geschehe und ergehe,

wie und wann und was er will.

 

Text: Johann Daniel Herrnschmidt 1704

Melodie: bei Johann Georg Stötzel 1744

 

Predigt vom 29.03.2020 von Ditta Gref-Schlünz

Predigt als PDF 684 kb

 

Predigt über Hebräer 13, 12-14 zum Sonntag Judika, 29.3.2020

Liebe Gemeinde,

bitte schließen Sie einmal die Augen. Und nun stellen Sie sich eine Stadt vor. Eine Stadt, die Sie gern mögen, die Sie schon einmal besucht haben oder in der Sie vielleicht sogar einige Zeit gelebt haben. Rom vielleicht oder Venedig, London oder Paris oder New York. Versuchen Sie sich zu erinnern an diese Stadt. Denken Sie an die Skyline, an die berühmten Gebäude, an manche Gasse oder schönen Winkel, an die Düfte und an das ganz besondere Lebensgefühl in dieser Stadt, an die Sprache, an manche Mahlzeit in einer typischen Taverne vielleicht. Und an die Menschen, die dort in dieser Stadt unterwegs gewesen waren, gearbeitet haben, durch die Straßen flaniert sind, Musik gemacht oder Essen serviert haben. Pulsierendes Leben. Lebensgeräusche. Sprachfetzen. Lachen oder auch mal Geschrei. Begegnungen. Pulsierendes buntes Leben.        

Bestimmt haben Sie, als Sie dort waren als Tourist oder als vorübergehender Bewohner, auch die eine oder andere Kirche gesehen oder gar besucht. Kirchen von Bedeutung und beeindruckender Größe, oder vielleicht auch mal eine kleine, unbedeutende, schlichte Kapelle. Bestimmt haben Sie auch manchmal beeindruckenden Glockenklang mancher dieser Kirchen über den Lebensgeräuschen der Stadt wahrgenommen. Glockengeläut – auch ein Lebensgeräusch, auch ein Geräusch, ein für uns wohlklingendes Lebensgeräusch in einer belebten, lebendigen Stadt.

Denn Kirchen sind Teil von Städten. Zumindest in den Ländern des christlichen Abendlandes. Kirchen prägen die Skyline mit, das Flair, den Klang, die Menschen, die Geschichte, die Kultur. Kirchen sind Teil einer Stadt, und auch in ihnen, gerade in ihnen lebt die Gemeinde von Begegnung, von gemeinsamem Lachen und Weinen, von Zuhören und sich Ansehen, vom umeinander wissen, auch mal von Streit und Schwierigkeiten, von Versöhnung, von Trost, von Brot und Wein, von Gottes Wort.

Und nun – vielleicht haben Sie Ihre Augen noch immer geschlossen – stellen Sie sich bitte unser Oberderdingen vor und unser Großvillars. Gerade jetzt im Frühling, wo alles aufzublühen beginnt, wo man sich begegnet, auf dem Markt, in den Läden, in der Bank, beim Metzger und beim Bäcker oder einfach so auf der Straße. Wo man sich freut, wenn man sich trifft, wo man sich unterhält und nachfragt, wie es dem anderen geht. Wo sich auf den Spielplätzen oder auf dem Feld draußen die Kinder tummeln und sich zusammen austoben können.

Auch in Großvillars und Oberderdingen gehören die Kirchen zum Ort, sind Teil davon. Sie prägen die Skyline, das Ortsbild. Der Klang der Glocken gehört auch in unseren beiden Orten zu den Lebensgeräuschen dazu.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an meinem Schreibtisch im Pfarramt und schaue durch mein Fenster auf den Amthof. Still und verlassen liegt er da. Ein wunderschöner blauer Himmel wölbt sich über der Laurentiuskirche, die Bäume haben einen zarten grünen Schleier. Aber kein einziger Mensch ist hier unterwegs an einem ganz normalen Werktag mitten in der Woche. Nichts regt sich, alles scheint ausgestorben. Das Gemeindehaus musste geschlossen werden, es darf kein Publikumsverkehr mehr im Pfarramt sein, Sigrun Schreder-Izsak und Rose Gilly müssen von zu Hause aus arbeiten. Schon seit einigen Tagen ist niemand außer mir hier. Im Fernsehen sehe ich Bilder von unseren großen Metropolen, Städte wie Rom und Venedig, London und Paris und New York – menschenleer.

Auch unsere Kirchen, diese hier vor meinen Augen im Amthof, wie auch die Peter-und-Paul-Kirche im Unterdorf und die Waldenserkirche in Großvillars, sind leer und verlassen. 

 

 

 

 

Noch vor zwei Wochen hätte ich behauptet, dass so etwas theologisch überhaupt nicht möglich ist. Dass Gottesdienste nicht stattfinden. Dass sogar an Ostern kein Gottesdienst sein darf. Ich hätte es noch vor zwei Wochen nicht für möglich gehalten.

Aber in diesen letzten zwei Wochen hat sich unser Leben völlig verändert. Gemeinschaft, hohes und kostbares Gut einer Kirchengemeinde, ist auf einmal gefährlich geworden. Begegnung, die froh macht und durchaus auch am Leben erhält, muss zum Schutz aller unterbunden werden.

In New York, London und Paris, in Venedig und Rom ist es leer und still geworden. In Oberderdingen und Großvillars ebenso. Und in den Kirchen, die ja Teil dieser Städte und Orte sind, ist Schweigen und Leere anzutreffen. Ein bedrückendes Bild.

In unserem Predigttext für den heutigen Sonntag Judika heißt es im Hebräerbrief in Kapitel 13, die Verse 12-14: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Diese Worte klingen in meinen Ohren nach. Das Leben, das uns vertraut ist, gibt es gerade nicht mehr. Die Stadt, der Ort, an dem wir leben, ist still und wie ausgestorben. Und die Kirchen schweigen genauso. 

Hätten wir da nicht andere Erwartungen an die Kirche gehabt? Alles öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Ja, in Ordnung. Aber die Kirche? Die Verkündigung? Das gemeinsame Gebet und das Singen? Die Seelsorge? Darf das auch zum Erliegen kommen? Hätten wir da nicht andere Erwartungen gehabt – gerade in dieser außergewöhnlichen Zeit der Corona-Krise? Hätte sich da nicht die Kirche herausheben müssen aus allem anderen? Hätte sie nicht in allem der Ort bleiben müssen, der den Menschen Geborgenheit und Halt gibt? Ist sie genauso vergänglich und wenig verlässlich wie das übrige öffentliche und gesellschaftliche Leben? Verschwindet sie genauso und wird sie genauso still wie alles andere?

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“.

Ich mache mir Sorgen, dass viele Menschen im Moment sehr enttäuscht sind von ihrer Kirche. Davon, dass jetzt im Moment – gerade jetzt im Moment! - keine Seelsorge, keine Besuche mehr sein dürfen. Dass Trauungen und Taufen nicht mehr sein dürfen. Dass Beerdigungen nur in sehr eingeschränktem Maß stattfinden dürfen. Dass wir nicht mal an Ostern die Osterbotschaft in unseren Kirchen hören können. Aus Angst vor Krankheit und Tod. An Ostern, das uns doch vom Leben erzählt. Ich mache mir Sorgen, dass viele Menschen die Kirche nach der Corona-Krise nicht mehr brauchen. Weil sie die Kirche in der Zeit der Not nicht gesehen haben, nicht gespürt haben. Weil die Kirche still und leer geworden ist. Weil sie die Menschen allein gelassen hat. Ja, ich mache mir Sorgen.

Ganz offenbar ist Kirche wirklich und wahrhaftig Teil unserer Orte und Städte, ganz offenbar ist Kirche genauso Teil unseres menschlichen, vorläufigen, vergänglichen Lebens. In guten Zeiten voll und bunt. In schweren Zeiten still und leer, wie alles andere um sie herum.

„Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Draußen vor dem Tor -  mitten in der Stadt. Zwei Orte werden hier einander gegenübergestellt. Fast, als wären sie jeweils das Gegenteil des anderen. Draußen vor dem Tor, außerhalb, am Rand, außen vor. Dort sind nur wenige Menschen. Dort ist es still, wie ausgestorben. Dort sind die, die nicht dazu gehören zu dem bunten Leben in der Stadt. Dort ist man allein mit seinen Gedanken, mit seinen Sorgen und Ängsten. Ganz ähnlich wie wir in unseren leergefegten Orten.

Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten, sagt unser Text. Draußen vor dem Tor der Stadt Jerusalem ist Jesus auf Golgatha gekreuzigt worden. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,“ so hat er, allein mit seiner Angst, gebetet.

In unserem Alleinsein, in unserem vom sozialen Leben abgeschnitten sein, in unseren Ängsten und Gedanken ist Jesus uns ganz nah.

Das ist etwas, was mich schon immer getröstet hat, diese Solidarität in Angst und Verzweiflung. Jesus, ein Gott, der genau dies so gut kennt. Verlassen sein und  Alleinsein mit der Angst.

Draußen vor dem Tor also. „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Jesus und wir selbst – draußen vor dem Tor. Eben doch nicht allein in Angst und Sorge. Eben doch nicht allein – trotz Quarantäne, Isolation und dem verordneten Rückzug in die vier Wände.

Eben doch nicht allein.

Als ich letzten Sonntag hier im stillen und verlassenen Amthof zur Gottesdienstzeit das volle Glockengeläut der Laurentiuskirche hörte, da machte ich zu Hause das Fenster weit auf. In die Glocken von Laurentius mischten sich die von Peter und Paul. Und da stand ich am Fenster und lauschte auf den vertrauten Klang, und ich dachte: da ist sie ja doch, unsere Kirche, unser Hort und Halt. Da ist sie ja doch, ihre Stimme, die uns ruft, mitten in unserem Ort, und mitten in der Stadt, die uns zuruft: Alles wird gut!. Ziemlich unsichtbar ist sie zur Zeit, das stimmt, leer und verwaist. Aber doch da. Und wie ich da so stand und den Glocken zuhörte, fielen mir manche Telefongespräche ein, die ich in den vergangenen Tagen geführt hatte. Telefonate, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie einen Besuch, eine Begegnung ersetzen. Und doch war es so schön, die Stimme zu hören, die Freude des anderen zu spüren, miteinander zu sprechen, wahrzunehmen, wie es dem anderen geht. Und mir fiel ein, wir sich unser Kirchengemeinderat getroffen hat letzte Woche, in diesem leeren Amthof, mit viel Abstand voneinander, in einem großen Kreis, und wie wir zusammen überlegt haben, was wir tun können, wie wir Gemeinde erlebbar und spürbar machen können. Und ich dachte dort am Fenster an manches Hilfsangebot, an das Netzwerk, das in unserem Ort, in unserer „Stadt“ entsteht. Da ist sie ja doch, unsere Kirche. Und vielleicht spüren wir in all dem, was anders ist als sonst, in all dem, was nicht sein kann und was wir vermissen, in all dem, was wir gerade nicht sehen können, noch unsichtbar, das, was einmal sein wird. Kirche, nicht wie die Menschen, sondern wie Gott sie gedacht hat. Die Welt, nicht wie die Menschen, sondern wie Gott sie gemeint hat. Heute noch unsichtbar, aber manchmal spürbar durch Gottes Geist. Heute noch unsichtbar, aber als Ahnung doch da: das, was einmal sein wird. Das zukünftige. Die zukünftige Stadt, der Ort, wo das Leben wohnt, das Lachen und die Liebe, Freude und Gerechtigkeit und Frieden, die Stadt, in der niemand mehr einsam ist und allein mit seiner Angst. Die zukünftige Stadt. Alles wird gut.

Amen.     

Predigt vom 22.03.2020 von Lukas Frei

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Systemrelevant

Ich möchte gern ein Held sein. Helden sind stark und mutig. Sie haben zwar Angst, aber sie überwinden ihre Angst und setzen ihr eigenes Leben ein um andere zu schützen.

Ich muss ehrlich sagen: ich finde es sehr anstrengend einfach nur im Haus zu sitzen, zu warten und nichts tun zu dürfen. Obwohl dieses Bild für mich noch gar nicht stimmt. Die vergangene Woche war bei mir ziemlich voll: Eine Unmenge von Mails, Briefe und Predigt habe ich geschrieben, telefoniert und beraten, über die sozialen Netzwerke Unmengen an tollen Ideen ausgetauscht, wie es mit Kirche in der Corona-Zeit weitergehen kann. Eine der Gruppen in denen ich beim Chat dabei bin, heißt „Kirche mitten im Virus“. Jetzt müssen wir doch dringend etwas für die Gemeinschaft tun, für das Miteinander und vor allem für die, die in dieser außergewöhnlichen Zeit unsere Hilfe besonders brauchen. Viele neue Ideen werden geboren. Auch die Landeskirche wird digital. Aber das digitale Leben kann die persönliche Begegnung und die lebensnotwendige Gemeinschaft nicht ersetzen. Das digitale Leben ist eben nur ein Abklatsch von der Wirklichkeit – aber trotzdem viel besser als nichts.

Doch da ist noch etwas anderes, das tief im Inneren verborgen liegt und über das ich nachdenke: Mich braucht es scheinbar gar nicht. Die Grundversorgung des Lebens läuft komplett ohne mich. Ich gehöre keinem systemrelevanten Arbeitsbereich an. Die Ärzte, die Pfleger, die Apotheker, die Mitarbeiter in den Supermärkten, alle die sich um unsere Lebensmittelversorgung kümmern, sowie Polizei, Feuerwehr, Reinigungskräfte, gemeindliche Verwaltung und öffentlicher Verkehr – das sind jetzt unsere Helden – ob sie wollen oder nicht. Sie müssen hinstehen und sich der Gefahr aussetzen.

Aber viele von uns anderen, wir müssen zu Hause bleiben. Zu Hause bleiben und warten. Obwohl wir vielleicht könnten und zu keiner Risikogruppe gehören. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin gerne gesund und gehöre zu den Starken, die etwas leisten können. Vielleicht wären einige Jugendlichen froh, wenn sie etwas Heldenhaftes tun dürften. Sie sind doch am wenigsten gefährdet. Aber zu Hause rumsitzen – das kann auf die Dauer unerträglich sein.

Und wie geht es wohl den Alten? Das ist doch eine seltsame Rolle, in der sie gerade sind – Menschen über 70 sollten besser nicht mehr zum Einkaufen gehen, ja eigentlich sollten sie so wenig wie möglich aus dem Haus. Wenn die sich aber gar nicht so schwach fühlen? Plötzlich gehören sie zur „Risikogruppe“ – diejenigen, die besonders geschützt werden müssen. Ich kann mir vorstellen, dass einige diese Rolle gar nicht gerne haben.

Natürlich, uns allen ist klar, dass wir momentan Rücksicht aufeinander nehmen müssen – Stichwort: „Flache Kurve“ (FlattenTheCurve). Wir wissen, dass das Beste Mittel gegen eine schnelle Ausbreitung des Virus die soziale Distanz ist und wir deshalb zu Hause bleiben sollen. Und dennoch hinterlässt diese Situation vielleicht eine seltsame Botschaft bei denen, die zu Hause bleiben: sie sind nicht systemrelevant. Aber stimmt das wirklich?

In der Bibel gibt es unter vielen Bildern für das Zusammenleben der Christen auch das Bild des Leibes (Körpers), den Gott zusammengefügt hat. Das können wir auch gut auf uns alle in der Gemeinde Oberderdingen übertragen (genauso auf den Landkreis, das Bundesland, Deutschland, Europa und die Welt). Wir alle gehören zusammen. Der, der uns zusammenhält und verbindet, das ist Jesus Christus – der Herr über alles ist, über Tote und Lebendige – darauf vertraue ich. Und jeder von uns ist ein Teil des Leibes durch den Glauben an ihn. In diesem Bild des Leibes würde ich mich gerade weder als Hand noch als Fuß sehen, eher fühle ich mich gerade wie die Gaumenmandeln im Rachen (umgangssprachlich einfach nur „Mandeln“ genannt). Scheinbar unbedeutend und ich weiß gar nicht so recht, was ich tun soll. Klar, ich arbeite ja weiterhin etwas, aber im Vergleich zur Hand und zum Fuß scheint es vollkommen unbedeutend.

Doch der Bibeltext aus 1. Korinther 12,21-26 – der das Bild vom Leib gebraucht – der bringt mich auf eine andere Sicht:

„Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem benachteiligten Glied umso mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit.“

Ich bin zwar momentan weder Hand noch Fuß, doch ich bin ein Teil des Leibes, den Gott zusammengefügt hat. Ich gehöre momentan auch nicht zur Risikogruppe – also zu den Schwachen. Doch genau die Schwächeren bedürfen der besonderen Ehre und der Berücksichtigung, so schreibt es Paulus in diesem Brief an die Korinther. Ich stehe irgendwo dazwischen, aber in diesem Bild bin ich eben doch systemrelevant.

Da ich schon die „Mandeln“ eingeführt habe, bleibe ich doch bei ihnen. Es gab mal eine Zeit – in den sechziger Jahren – da hat man die Entfernung der Mandeln zur Vorbeugung von Folgeerkrankungen fast schon routinemäßig eingesetzt. Sie hatten kein gutes Image, wurden eher als unbrauchbar abgetan. Heute ist das ganz anders. Sie gelten als „Wächter“ vor „Attacken“ von Bakterien und Viren, sind so etwas wie Filterorgane, die eingedrungene Keime aus der Blut- und Lymphbahn abfangen und dadurch das Immunsystem stärken. Dieses Bild gefällt mir und passt – so finde ich – ganz gut zum Pfarrberuf und zu dem, was die Aufgabe der Kirche sein sollte: Das Immunsystem stärken und den Leib vor schädigend Einflüssen bewahren – indem wir von und mit Gott reden, unserem Vater im Himmel, der für seine Kinder sorgt.

Doch ich möchte nicht bei diesem Bild bleiben, schließlich bin ich nicht nur mein Beruf, sondern zuallererst Ehemann und Vater – dann bin ich auch Sohn und Enkel, genauso wie Freund und Nachbar. Und in dieser Rolle bin ich ein Teil des Systems und sehr wohl systemrelevant. Diese außergewöhnliche Zeit lenkt erfreulicherweise den Blick wieder viel stärker auf den familiären Bereich unseres Lebens. Ich habe schon gehört, dass einige Eltern wieder mit ihren Kindern singen, oder dass sie sich nun Zeit nehmen um mit ihren Kindern zu backen – vielleicht ist das ein Grund, weshalb auch die Backhefe kaum noch zu bekommen ist (genauso wie das Klopapier). Die neue Situation zwingt uns in ein anderes Leben und wo wir uns darauf einlassen, können wir ein neues und spannendes Leben entdecken.

Überhaupt wird unsere Relevanz für das System nicht durch unsere Leistung sichtbar, sondern durch das, was wir für andere sind. Kinder sind ein großer Teil der Freude und Hoffnung für Eltern und Großeltern. Ob sie nun noch klein und verspielt sind, oder jugendlich und auf der Suche nach ihrem Weg. Die Großeltern und Eltern wiederum können für die Kinder und Enkel Vorbilder sein, durch welche Vertrauen, Lieben und Versöhnen weitergegeben werden.

Doch, wie ist es mit denen, die einsam und alt sind und deren familiäre Verbindungen zerbrochen sind oder niemand mehr da ist? Sind die systemrelevant? Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich – so schreibt es Paulus. Die brauchen wir besonders, sie brauchen unsere besondere Beachtung und Ehre. Denn sie zeigen uns, wie es auch uns ergehen kann. In der Bibel verbindet sich Gott immer wieder besonders mit den Schwachen, mit den Witwen und Waisen. Dort ist er im Besonderen zu finden. Darum ist es für uns als Gemeinschaft die wichtigste Aufgabe für die Schwachen da zu sein – ja sie zu ehren.

Das System wird übrigens nicht von uns Menschen zusammengehalten, sondern von Gott. Denn damit wir weiterhin als Gemeinschaft leben können brauchen wir neben unseren Beziehungen auch das tägliche Brot. Darum kümmert sich Gott. Denn auch wenn alles still steht bei uns Menschen – fast schon weltweit – die Sonne scheint jeden Tag, die Pflanzen wachsen nach wie vor, der Regen macht die Erde fruchtbar. Das alles weiterläuft, darum brauchen wir Menschen uns gar nicht zu sorgen – das ist Gottes Sache.

Gott hat uns auch zusammengefügt, so wie wir sind. Einige haben momentan die Rolle, sich besonders verausgaben zu müssen. Andere müssen gepflegt werden, wieder andere müssen ihre Arbeit ruhen lassen und können der Pflege ihrer Beziehungen nachgehen. Wenn wir unser gesamtes Leben betrachten, so sind wir nie nur eine Rolle, sondern das wechselt ständig.

Es ist gut, wenn ich mir meiner jetzigen Rolle bewusstwerde. Und wenn mir klar wird: es darf und soll so sein. Momentan heißt es für mich einfach warten, bei den Schwachen mit dabei zu sein, in dem kleinen Rahmen der Familie.

Vielleicht muss ich mein Bild vom Helden ändern. Ein Held ist nicht nur einer der sich furchtlos in die Schlacht wirft. Ein Held ist auch einer, der warten kann und sich in Geduld übt. Der Herr aber über alle Dinge, der wahre Held, das ist unser Vater im Himmel, der für uns sorgt und der uns zusammengefügt hat, damit wir „einträchtig füreinander sorgen“. Jeder von uns ist ein Teil seines Leibes, deswegen sollten wir nie vergessen: jeder von uns ist systemrelevant!

Amen.

 

 

Predigt vom 15.03.2020 von Markus Deutsch

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 Lukas 9, 57-62

Predigt Großvillars, 15. März 2020, Okuli

 

Nach hinten schauen, wenn wir nach vorne Fahren möchten.

 

Liebe Gemeinde,

die meisten von Ihnen sind doch sicher schon einmal Auto gefahren. Wann schauen wir in den Rückspiegel oder nach hinten? Wenn wir wissen wollen, was hinter uns los ist. Meistens, wenn wir rückwärts fahren möchten. Wenn wir aber nach vorne fahren möchten, dann schauen wir doch nach vorne und nicht nach hinten. Das versucht uns auch Jesus klar zu machen:

 

Predigttext Lukas 9, 57-62

 

»Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege«. Jesus ist obdachlos, heimatlos in einer Welt, in der selbst die Tiere einen Ort haben, um sich zu verkriechen: »Und sie gebar ihren ersten Sohn ... und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge«, so steht es einige Kapitel zuvor im Lukasevangelium in der Weihnachtsgeschichte. Die Obdachlosigkeit begleitet das ganze Leben von Jesus. Von Beginn an bis zu seinem schweren Weg, an dem er in unserem Predigttext steht, nach Jerusalem.

Was heißt das, obdachlos zu sein: Keine Wohnung, keine Bücher, kein Bad, kein Zuhause, keinen Kühlschrank und keine Heizung.

Ein Mitprädikant von mir hat das Aufwärmmobil in Heilbronn gegründet. In dem können sich in der kalten Jahreszeit Obdachlose aufwärmen und bekommen etwas zu Warmes zu essen und zu trinken. Das ist toll und er macht das wirklich mit einem riesen großen Herzen. Aber irgendwann müssen die Menschen auch wieder hinaus. In die Kälte. Und da ist der Menschensohn. Dahin sollen wir ihm folgen.

„Ich will Dir folgen, wohin Du gehst“ spricht der eine zu Jesus.

 

Zu Beginn der Predigt habe ich vom Autofahren nach vorne und dabei nicht nach hinten schauen gesprochen.

Vieles betrachten wir aus der Perspektive der Vergangenheit.

 

Wenn wir den Urlaub planen. Dann überlegen wir, wo wir in den letzten Jahren waren, wo es schön war und wo wir uns wohl gefühlt haben.

Wenn wir die Ziele im Unternehmen festlegen. Dann schauen wir auf die Zahlen der letzten Jahre und legen noch was drauf. Und das sind dann die Planzahlen fürs nächste Jahr.

Immer schauen wir nach hinten, um nach vorne zu laufen. Aber es ist auch verdammt schwer, in die Zukunft zu schauen.

 

 

Da ist der Schiffsjunge, der beim starken Sturm auf den Mast hochklettern muss und mitten drin nicht mehr vor oder zurück kommt. Er schlottert vor Kälte, Angst und Wind. Erst als ihm der erfahrene Steuermann zuruft, dass er nach oben schauen muss: Dort wo er hin will. Da schafft er es dann doch.

Aber wie sollen wir denn nach vorne schauen?

 

Hätten Sie an Weihnachten noch gedacht, dass der Ostermarkt, der Maimarkt oder das Konzert wegen eines Virus abgesagt werden? Oder dass Schulen geschlossen werden, Bundesligaspiele abgesagt werden oder sogar Gottesdienste?

 

Und dass die Unternehmen ihre Planzahlen nicht erreichen, dass weltweit die Wirtschaft zusammenbricht wegen dieses Virus.

 

Nein, wir hätten das auch nicht sehen können. Aber es  gibt einen Weg, den wir gehen müssen.

 

Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

 

Jesus sagt es uns überdeutlich. Er zeigt uns den Weg. Wenn wir dazu bereit sind. Er hilft uns, wenn wir nicht immer nach hinten schauen. Er ist uns nah, wenn wir den Ballast des Gewohnten hinter uns lassen.

Und am Ende unseres Predigttextes hält er ein noch eindrücklicheres Bild bereit:

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Keine Angst vor Veränderungen

 

Was passiert, wenn wir beim Pflügen nach hinten schauen? Etwas ähnliches wie beim Autofahren. Wir kommen ins Schlingern. Die Furche wird schief und krumm. Und da ist es wieder. Nach vorne schauen und Jesus folgen. Das ist der Weg.

 

Wie viel Ballast haben wir aufgehäuft. Wie viel gewohntes hält uns auf, Neues zu tun.

 

Liebe Gemeinde,

Schauen Sie sich doch mal Ihren Tagesablauf an. Ihren Wochenablauf. Ihren Jahresablauf. Wann hat der sich das letzte Mal geändert? Und zwar nicht durch fremde Einwirkung, wie Krankheit oder geschäftliche Veränderungen. Nein durch Sie? Wann haben Sie neue Hobbies gewählt, regelmäßige Besuche bei Freunden eingeführt oder Lesen in der Bibel als neuen Tagesordnungspunkt in Ihr Leben eingeführt?

 

Wann haben Sie das letzte Mal Ihr Zimmer umgestellt? Das Sofa an einen neuen Ort, den Tisch an die Wand oder auch nur den Schrank an eine neue Stelle?

 

 

Ich habe einmal ein Projekt bei einem Möbelhaus durchgeführt. Und  die hatten nur ein Problem. Die Menschen wechseln ihre Möbel zu selten. Immer wenn wir einen neuen Tisch oder ein neues Sofa kaufen wollen, dann sagen wir: Ach, das alte tut es doch noch, über die eine oder andere Stelle kann man ja eine Decke legen. Oder: Wohin mit dem alten Tisch, der ist doch eigentlich noch gut zu gebrauchen. Wegwerfen kann ich den nicht.

 

Sie haben dann ein Unternehmen gegründet, das sich ausschließlich mit der Rücknahme von alten Möbeln beschäftigt, diese wieder aufpoliert und sie weiter gibt an Menschen, die sich eigentlich keine neuen Möbel kaufen können. Alle sind glücklich. Die Möbel leben weiter und der Händler verkauft neue Ware.

 

Aber liebe Gemeinde es geht darum, gewohntes aufzugeben. Um neuem Raum zu geben. Das will Jesus. Dazu ruft er uns auf.

 

Ihm nachzufolgen! Und zwar ohne wenn und aber.

 

Als Jesus seine Jünger rief, da haben sie sofort ihre Fischerboote verlassen. Der Zöllner Levi, das ist der Evangelist Matthäus, hat unverzüglich seinen lukrativen Zollplatz verlassen. Hat seine Steuerkasse stehen lassen und ist Jesus gefolgt.

Als Jesus den Paulus rief, da musste der von seinem hohen Ross herunter und konnte auch nicht zuerst um Freistellung von seiner Dienststelle bitten.

 

Jesus will uns JETZT! Nicht erst in ein paar Jahren. JETZT, mitten in unserem Leben sind wir gefragt, ob wir es endlich ganz ernst mit Jesus nehmen wollen.

 

Das ist die allergrößte Not, dass immer zuerst etwas anderes, sei es noch so groß und edel und wertvoll, wichtiger ist als der Herr. Das wir als erstes noch etwas anderes machen, bevor wir Jesus ganz nachfolgen wollen.

Da ist der junge Mann, der schon in der Gemeinde mitarbeiten möchte, doch zuerst will er noch im Fußballverein spielen. Die brauchen ihn schließlich, weil sie sonst möglicherweise den Aufstieg verpassen.

Da ist die junge Frau, die gerne Kinderkirchhelferin wäre, doch sonntags geht sie jobben, weil sie sich etwas dazuverdienen möchte.

Der Geschäftsmann, der gerne ganze Sache mit Jesus machen würde, sobald seine Geschäft wieder laufen.

Prüfen wir uns doch mal selbst. Wie viele „wenn“ haben wir denn? Es ist doch immer das alte Lied:

 

·      Wenn ich größer bin

·      Wenn ich verheiratet bin

·      Wenn der Hausbau fertig ist

·      Wenn ich beruflich besser Fuß gefasst habe

·      Wenn die Kinder aus dem Haus sind

·      Wenn ich im Ruhestand bin

·      Wenn ich mehr Zeit habe

 

Nachfolge leben

Aber wie kann ich ihm nachfolgen. Heute, wo ich nicht mit ihm nach Jerusalem ziehen kann.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, der Weg, der ihn ans Kreuz führen wird.

Und auf diesem Weg wollen ihn die drei Menschen begleiten, von denen in unserem heutigen Text die Rede ist. Es ist der schwerste Weg für Jesus und daher stellt er auch große Anforderungen. Nicht jeder kann ihm folgen, nicht jeder kann das Reich Gottes verkünden. Aber genau das verlangt Jesus. Wenn Du mit nach Jerusalem gehen möchtest, dann nur ganz oder gar nicht. Dann lass alles zurück und verkünde das Reich Gottes.

 

Das Weizenkorn

Ein Weizenkorn versteckt sich in der Scheune

Es wollte nicht gesät werden

Es wollte sich nicht opfern

Es wollt sein Leben retten. -

Es wurde nie zu Brot

Es kam nie auf den Tisch

Es wurde nie gesegnet und ausgeteilt

Es schenkte nie Leben

Es schenkte nie Freude

Eines Tages kam der Bauer.

Mit dem Staub fegte er auch das Weizenkorn weg.

 

 

Tja, was heißt es, Jesus nachzufolgen. Da kann ich mich nicht verstecken und versuchen mein Leben zu retten. Da muss ich auch mal raus. Da muss ich gesät werden, damit aus mir Brot wird, das anderen das Leben rettet. Da muss ich meinen Platz im Leben einnnehmen.

 

Es soll ja nicht jeder jeden Tag anderen das Leben retten. Um das geht es Jesus nicht. Da soll niemand seinen Vater nicht begraben und auch jeder darf sich verabschieden. Aber jeder muss auch aufbrechen. Immer hinterfragen, ob er nach hinten oder nach vorne schaut, wenn er den Weg des Lebens in seinem Auto fährt. Da sollten wir uns jeden Morgen und jeden Abend fragen, was Jesus von uns verlangt. Und das schönste daran ist, dass wir uns nicht beweisen müssen. Sondern dass unsere Bereitschaft bereits belohnt ist. Durch die Güte und Barmherzigeit unseres   Herrn. Der Liebe Jesus Christus.

 

Amen

Lied nach der Predigt:

Korn, das aus der Erde  98, 1-3

 

 

 

 

© alle Bilder dieser Seite: Frank Zisler

Texte und Predigen:

Ditta Grefe-Schlüntz

Lukas Frei

Markus Deutsch