Predigten zu den Gottesdiensten

Übersicht der Predigten

15.03.2020 Predigt von Markus Deutsch finden Sie hier

22.03.2020 Predigt von Lukas Frey finden Sie hier

29.03.2020 Predigt von Ditta Grefe-Schlünz finden Sie hier

Predigt vom 29.03.2020 von Ditta Gref-Schlünz

Predigt als PDF 684 kb

 

Predigt über Hebräer 13, 12-14 zum Sonntag Judika, 29.3.2020

Liebe Gemeinde,

bitte schließen Sie einmal die Augen. Und nun stellen Sie sich eine Stadt vor. Eine Stadt, die Sie gern mögen, die Sie schon einmal besucht haben oder in der Sie vielleicht sogar einige Zeit gelebt haben. Rom vielleicht oder Venedig, London oder Paris oder New York. Versuchen Sie sich zu erinnern an diese Stadt. Denken Sie an die Skyline, an die berühmten Gebäude, an manche Gasse oder schönen Winkel, an die Düfte und an das ganz besondere Lebensgefühl in dieser Stadt, an die Sprache, an manche Mahlzeit in einer typischen Taverne vielleicht. Und an die Menschen, die dort in dieser Stadt unterwegs gewesen waren, gearbeitet haben, durch die Straßen flaniert sind, Musik gemacht oder Essen serviert haben. Pulsierendes Leben. Lebensgeräusche. Sprachfetzen. Lachen oder auch mal Geschrei. Begegnungen. Pulsierendes buntes Leben.        

Bestimmt haben Sie, als Sie dort waren als Tourist oder als vorübergehender Bewohner, auch die eine oder andere Kirche gesehen oder gar besucht. Kirchen von Bedeutung und beeindruckender Größe, oder vielleicht auch mal eine kleine, unbedeutende, schlichte Kapelle. Bestimmt haben Sie auch manchmal beeindruckenden Glockenklang mancher dieser Kirchen über den Lebensgeräuschen der Stadt wahrgenommen. Glockengeläut – auch ein Lebensgeräusch, auch ein Geräusch, ein für uns wohlklingendes Lebensgeräusch in einer belebten, lebendigen Stadt.

Denn Kirchen sind Teil von Städten. Zumindest in den Ländern des christlichen Abendlandes. Kirchen prägen die Skyline mit, das Flair, den Klang, die Menschen, die Geschichte, die Kultur. Kirchen sind Teil einer Stadt, und auch in ihnen, gerade in ihnen lebt die Gemeinde von Begegnung, von gemeinsamem Lachen und Weinen, von Zuhören und sich Ansehen, vom umeinander wissen, auch mal von Streit und Schwierigkeiten, von Versöhnung, von Trost, von Brot und Wein, von Gottes Wort.

Und nun – vielleicht haben Sie Ihre Augen noch immer geschlossen – stellen Sie sich bitte unser Oberderdingen vor und unser Großvillars. Gerade jetzt im Frühling, wo alles aufzublühen beginnt, wo man sich begegnet, auf dem Markt, in den Läden, in der Bank, beim Metzger und beim Bäcker oder einfach so auf der Straße. Wo man sich freut, wenn man sich trifft, wo man sich unterhält und nachfragt, wie es dem anderen geht. Wo sich auf den Spielplätzen oder auf dem Feld draußen die Kinder tummeln und sich zusammen austoben können.

Auch in Großvillars und Oberderdingen gehören die Kirchen zum Ort, sind Teil davon. Sie prägen die Skyline, das Ortsbild. Der Klang der Glocken gehört auch in unseren beiden Orten zu den Lebensgeräuschen dazu.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an meinem Schreibtisch im Pfarramt und schaue durch mein Fenster auf den Amthof. Still und verlassen liegt er da. Ein wunderschöner blauer Himmel wölbt sich über der Laurentiuskirche, die Bäume haben einen zarten grünen Schleier. Aber kein einziger Mensch ist hier unterwegs an einem ganz normalen Werktag mitten in der Woche. Nichts regt sich, alles scheint ausgestorben. Das Gemeindehaus musste geschlossen werden, es darf kein Publikumsverkehr mehr im Pfarramt sein, Sigrun Schreder-Izsak und Rose Gilly müssen von zu Hause aus arbeiten. Schon seit einigen Tagen ist niemand außer mir hier. Im Fernsehen sehe ich Bilder von unseren großen Metropolen, Städte wie Rom und Venedig, London und Paris und New York – menschenleer.

Auch unsere Kirchen, diese hier vor meinen Augen im Amthof, wie auch die Peter-und-Paul-Kirche im Unterdorf und die Waldenserkirche in Großvillars, sind leer und verlassen. 

 

 

 

 

Noch vor zwei Wochen hätte ich behauptet, dass so etwas theologisch überhaupt nicht möglich ist. Dass Gottesdienste nicht stattfinden. Dass sogar an Ostern kein Gottesdienst sein darf. Ich hätte es noch vor zwei Wochen nicht für möglich gehalten.

Aber in diesen letzten zwei Wochen hat sich unser Leben völlig verändert. Gemeinschaft, hohes und kostbares Gut einer Kirchengemeinde, ist auf einmal gefährlich geworden. Begegnung, die froh macht und durchaus auch am Leben erhält, muss zum Schutz aller unterbunden werden.

In New York, London und Paris, in Venedig und Rom ist es leer und still geworden. In Oberderdingen und Großvillars ebenso. Und in den Kirchen, die ja Teil dieser Städte und Orte sind, ist Schweigen und Leere anzutreffen. Ein bedrückendes Bild.

In unserem Predigttext für den heutigen Sonntag Judika heißt es im Hebräerbrief in Kapitel 13, die Verse 12-14: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Diese Worte klingen in meinen Ohren nach. Das Leben, das uns vertraut ist, gibt es gerade nicht mehr. Die Stadt, der Ort, an dem wir leben, ist still und wie ausgestorben. Und die Kirchen schweigen genauso. 

Hätten wir da nicht andere Erwartungen an die Kirche gehabt? Alles öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Ja, in Ordnung. Aber die Kirche? Die Verkündigung? Das gemeinsame Gebet und das Singen? Die Seelsorge? Darf das auch zum Erliegen kommen? Hätten wir da nicht andere Erwartungen gehabt – gerade in dieser außergewöhnlichen Zeit der Corona-Krise? Hätte sich da nicht die Kirche herausheben müssen aus allem anderen? Hätte sie nicht in allem der Ort bleiben müssen, der den Menschen Geborgenheit und Halt gibt? Ist sie genauso vergänglich und wenig verlässlich wie das übrige öffentliche und gesellschaftliche Leben? Verschwindet sie genauso und wird sie genauso still wie alles andere?

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“.

Ich mache mir Sorgen, dass viele Menschen im Moment sehr enttäuscht sind von ihrer Kirche. Davon, dass jetzt im Moment – gerade jetzt im Moment! - keine Seelsorge, keine Besuche mehr sein dürfen. Dass Trauungen und Taufen nicht mehr sein dürfen. Dass Beerdigungen nur in sehr eingeschränktem Maß stattfinden dürfen. Dass wir nicht mal an Ostern die Osterbotschaft in unseren Kirchen hören können. Aus Angst vor Krankheit und Tod. An Ostern, das uns doch vom Leben erzählt. Ich mache mir Sorgen, dass viele Menschen die Kirche nach der Corona-Krise nicht mehr brauchen. Weil sie die Kirche in der Zeit der Not nicht gesehen haben, nicht gespürt haben. Weil die Kirche still und leer geworden ist. Weil sie die Menschen allein gelassen hat. Ja, ich mache mir Sorgen.

Ganz offenbar ist Kirche wirklich und wahrhaftig Teil unserer Orte und Städte, ganz offenbar ist Kirche genauso Teil unseres menschlichen, vorläufigen, vergänglichen Lebens. In guten Zeiten voll und bunt. In schweren Zeiten still und leer, wie alles andere um sie herum.

„Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Draußen vor dem Tor -  mitten in der Stadt. Zwei Orte werden hier einander gegenübergestellt. Fast, als wären sie jeweils das Gegenteil des anderen. Draußen vor dem Tor, außerhalb, am Rand, außen vor. Dort sind nur wenige Menschen. Dort ist es still, wie ausgestorben. Dort sind die, die nicht dazu gehören zu dem bunten Leben in der Stadt. Dort ist man allein mit seinen Gedanken, mit seinen Sorgen und Ängsten. Ganz ähnlich wie wir in unseren leergefegten Orten.

Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten, sagt unser Text. Draußen vor dem Tor der Stadt Jerusalem ist Jesus auf Golgatha gekreuzigt worden. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,“ so hat er, allein mit seiner Angst, gebetet.

In unserem Alleinsein, in unserem vom sozialen Leben abgeschnitten sein, in unseren Ängsten und Gedanken ist Jesus uns ganz nah.

Das ist etwas, was mich schon immer getröstet hat, diese Solidarität in Angst und Verzweiflung. Jesus, ein Gott, der genau dies so gut kennt. Verlassen sein und  Alleinsein mit der Angst.

Draußen vor dem Tor also. „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Jesus und wir selbst – draußen vor dem Tor. Eben doch nicht allein in Angst und Sorge. Eben doch nicht allein – trotz Quarantäne, Isolation und dem verordneten Rückzug in die vier Wände.

Eben doch nicht allein.

Als ich letzten Sonntag hier im stillen und verlassenen Amthof zur Gottesdienstzeit das volle Glockengeläut der Laurentiuskirche hörte, da machte ich zu Hause das Fenster weit auf. In die Glocken von Laurentius mischten sich die von Peter und Paul. Und da stand ich am Fenster und lauschte auf den vertrauten Klang, und ich dachte: da ist sie ja doch, unsere Kirche, unser Hort und Halt. Da ist sie ja doch, ihre Stimme, die uns ruft, mitten in unserem Ort, und mitten in der Stadt, die uns zuruft: Alles wird gut!. Ziemlich unsichtbar ist sie zur Zeit, das stimmt, leer und verwaist. Aber doch da. Und wie ich da so stand und den Glocken zuhörte, fielen mir manche Telefongespräche ein, die ich in den vergangenen Tagen geführt hatte. Telefonate, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie einen Besuch, eine Begegnung ersetzen. Und doch war es so schön, die Stimme zu hören, die Freude des anderen zu spüren, miteinander zu sprechen, wahrzunehmen, wie es dem anderen geht. Und mir fiel ein, wir sich unser Kirchengemeinderat getroffen hat letzte Woche, in diesem leeren Amthof, mit viel Abstand voneinander, in einem großen Kreis, und wie wir zusammen überlegt haben, was wir tun können, wie wir Gemeinde erlebbar und spürbar machen können. Und ich dachte dort am Fenster an manches Hilfsangebot, an das Netzwerk, das in unserem Ort, in unserer „Stadt“ entsteht. Da ist sie ja doch, unsere Kirche. Und vielleicht spüren wir in all dem, was anders ist als sonst, in all dem, was nicht sein kann und was wir vermissen, in all dem, was wir gerade nicht sehen können, noch unsichtbar, das, was einmal sein wird. Kirche, nicht wie die Menschen, sondern wie Gott sie gedacht hat. Die Welt, nicht wie die Menschen, sondern wie Gott sie gemeint hat. Heute noch unsichtbar, aber manchmal spürbar durch Gottes Geist. Heute noch unsichtbar, aber als Ahnung doch da: das, was einmal sein wird. Das zukünftige. Die zukünftige Stadt, der Ort, wo das Leben wohnt, das Lachen und die Liebe, Freude und Gerechtigkeit und Frieden, die Stadt, in der niemand mehr einsam ist und allein mit seiner Angst. Die zukünftige Stadt. Alles wird gut.

Amen.     

Predigt vom 22.03.2020 von Lukas Frey

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Systemrelevant

Ich möchte gern ein Held sein. Helden sind stark und mutig. Sie haben zwar Angst, aber sie überwinden ihre Angst und setzen ihr eigenes Leben ein um andere zu schützen.

Ich muss ehrlich sagen: ich finde es sehr anstrengend einfach nur im Haus zu sitzen, zu warten und nichts tun zu dürfen. Obwohl dieses Bild für mich noch gar nicht stimmt. Die vergangene Woche war bei mir ziemlich voll: Eine Unmenge von Mails, Briefe und Predigt habe ich geschrieben, telefoniert und beraten, über die sozialen Netzwerke Unmengen an tollen Ideen ausgetauscht, wie es mit Kirche in der Corona-Zeit weitergehen kann. Eine der Gruppen in denen ich beim Chat dabei bin, heißt „Kirche mitten im Virus“. Jetzt müssen wir doch dringend etwas für die Gemeinschaft tun, für das Miteinander und vor allem für die, die in dieser außergewöhnlichen Zeit unsere Hilfe besonders brauchen. Viele neue Ideen werden geboren. Auch die Landeskirche wird digital. Aber das digitale Leben kann die persönliche Begegnung und die lebensnotwendige Gemeinschaft nicht ersetzen. Das digitale Leben ist eben nur ein Abklatsch von der Wirklichkeit – aber trotzdem viel besser als nichts.

Doch da ist noch etwas anderes, das tief im Inneren verborgen liegt und über das ich nachdenke: Mich braucht es scheinbar gar nicht. Die Grundversorgung des Lebens läuft komplett ohne mich. Ich gehöre keinem systemrelevanten Arbeitsbereich an. Die Ärzte, die Pfleger, die Apotheker, die Mitarbeiter in den Supermärkten, alle die sich um unsere Lebensmittelversorgung kümmern, sowie Polizei, Feuerwehr, Reinigungskräfte, gemeindliche Verwaltung und öffentlicher Verkehr – das sind jetzt unsere Helden – ob sie wollen oder nicht. Sie müssen hinstehen und sich der Gefahr aussetzen.

Aber viele von uns anderen, wir müssen zu Hause bleiben. Zu Hause bleiben und warten. Obwohl wir vielleicht könnten und zu keiner Risikogruppe gehören. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin gerne gesund und gehöre zu den Starken, die etwas leisten können. Vielleicht wären einige Jugendlichen froh, wenn sie etwas Heldenhaftes tun dürften. Sie sind doch am wenigsten gefährdet. Aber zu Hause rumsitzen – das kann auf die Dauer unerträglich sein.

Und wie geht es wohl den Alten? Das ist doch eine seltsame Rolle, in der sie gerade sind – Menschen über 70 sollten besser nicht mehr zum Einkaufen gehen, ja eigentlich sollten sie so wenig wie möglich aus dem Haus. Wenn die sich aber gar nicht so schwach fühlen? Plötzlich gehören sie zur „Risikogruppe“ – diejenigen, die besonders geschützt werden müssen. Ich kann mir vorstellen, dass einige diese Rolle gar nicht gerne haben.

Natürlich, uns allen ist klar, dass wir momentan Rücksicht aufeinander nehmen müssen – Stichwort: „Flache Kurve“ (FlattenTheCurve). Wir wissen, dass das Beste Mittel gegen eine schnelle Ausbreitung des Virus die soziale Distanz ist und wir deshalb zu Hause bleiben sollen. Und dennoch hinterlässt diese Situation vielleicht eine seltsame Botschaft bei denen, die zu Hause bleiben: sie sind nicht systemrelevant. Aber stimmt das wirklich?

In der Bibel gibt es unter vielen Bildern für das Zusammenleben der Christen auch das Bild des Leibes (Körpers), den Gott zusammengefügt hat. Das können wir auch gut auf uns alle in der Gemeinde Oberderdingen übertragen (genauso auf den Landkreis, das Bundesland, Deutschland, Europa und die Welt). Wir alle gehören zusammen. Der, der uns zusammenhält und verbindet, das ist Jesus Christus – der Herr über alles ist, über Tote und Lebendige – darauf vertraue ich. Und jeder von uns ist ein Teil des Leibes durch den Glauben an ihn. In diesem Bild des Leibes würde ich mich gerade weder als Hand noch als Fuß sehen, eher fühle ich mich gerade wie die Gaumenmandeln im Rachen (umgangssprachlich einfach nur „Mandeln“ genannt). Scheinbar unbedeutend und ich weiß gar nicht so recht, was ich tun soll. Klar, ich arbeite ja weiterhin etwas, aber im Vergleich zur Hand und zum Fuß scheint es vollkommen unbedeutend.

Doch der Bibeltext aus 1. Korinther 12,21-26 – der das Bild vom Leib gebraucht – der bringt mich auf eine andere Sicht:

„Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem benachteiligten Glied umso mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit.“

Ich bin zwar momentan weder Hand noch Fuß, doch ich bin ein Teil des Leibes, den Gott zusammengefügt hat. Ich gehöre momentan auch nicht zur Risikogruppe – also zu den Schwachen. Doch genau die Schwächeren bedürfen der besonderen Ehre und der Berücksichtigung, so schreibt es Paulus in diesem Brief an die Korinther. Ich stehe irgendwo dazwischen, aber in diesem Bild bin ich eben doch systemrelevant.

Da ich schon die „Mandeln“ eingeführt habe, bleibe ich doch bei ihnen. Es gab mal eine Zeit – in den sechziger Jahren – da hat man die Entfernung der Mandeln zur Vorbeugung von Folgeerkrankungen fast schon routinemäßig eingesetzt. Sie hatten kein gutes Image, wurden eher als unbrauchbar abgetan. Heute ist das ganz anders. Sie gelten als „Wächter“ vor „Attacken“ von Bakterien und Viren, sind so etwas wie Filterorgane, die eingedrungene Keime aus der Blut- und Lymphbahn abfangen und dadurch das Immunsystem stärken. Dieses Bild gefällt mir und passt – so finde ich – ganz gut zum Pfarrberuf und zu dem, was die Aufgabe der Kirche sein sollte: Das Immunsystem stärken und den Leib vor schädigend Einflüssen bewahren – indem wir von und mit Gott reden, unserem Vater im Himmel, der für seine Kinder sorgt.

Doch ich möchte nicht bei diesem Bild bleiben, schließlich bin ich nicht nur mein Beruf, sondern zuallererst Ehemann und Vater – dann bin ich auch Sohn und Enkel, genauso wie Freund und Nachbar. Und in dieser Rolle bin ich ein Teil des Systems und sehr wohl systemrelevant. Diese außergewöhnliche Zeit lenkt erfreulicherweise den Blick wieder viel stärker auf den familiären Bereich unseres Lebens. Ich habe schon gehört, dass einige Eltern wieder mit ihren Kindern singen, oder dass sie sich nun Zeit nehmen um mit ihren Kindern zu backen – vielleicht ist das ein Grund, weshalb auch die Backhefe kaum noch zu bekommen ist (genauso wie das Klopapier). Die neue Situation zwingt uns in ein anderes Leben und wo wir uns darauf einlassen, können wir ein neues und spannendes Leben entdecken.

Überhaupt wird unsere Relevanz für das System nicht durch unsere Leistung sichtbar, sondern durch das, was wir für andere sind. Kinder sind ein großer Teil der Freude und Hoffnung für Eltern und Großeltern. Ob sie nun noch klein und verspielt sind, oder jugendlich und auf der Suche nach ihrem Weg. Die Großeltern und Eltern wiederum können für die Kinder und Enkel Vorbilder sein, durch welche Vertrauen, Lieben und Versöhnen weitergegeben werden.

Doch, wie ist es mit denen, die einsam und alt sind und deren familiäre Verbindungen zerbrochen sind oder niemand mehr da ist? Sind die systemrelevant? Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich – so schreibt es Paulus. Die brauchen wir besonders, sie brauchen unsere besondere Beachtung und Ehre. Denn sie zeigen uns, wie es auch uns ergehen kann. In der Bibel verbindet sich Gott immer wieder besonders mit den Schwachen, mit den Witwen und Waisen. Dort ist er im Besonderen zu finden. Darum ist es für uns als Gemeinschaft die wichtigste Aufgabe für die Schwachen da zu sein – ja sie zu ehren.

Das System wird übrigens nicht von uns Menschen zusammengehalten, sondern von Gott. Denn damit wir weiterhin als Gemeinschaft leben können brauchen wir neben unseren Beziehungen auch das tägliche Brot. Darum kümmert sich Gott. Denn auch wenn alles still steht bei uns Menschen – fast schon weltweit – die Sonne scheint jeden Tag, die Pflanzen wachsen nach wie vor, der Regen macht die Erde fruchtbar. Das alles weiterläuft, darum brauchen wir Menschen uns gar nicht zu sorgen – das ist Gottes Sache.

Gott hat uns auch zusammengefügt, so wie wir sind. Einige haben momentan die Rolle, sich besonders verausgaben zu müssen. Andere müssen gepflegt werden, wieder andere müssen ihre Arbeit ruhen lassen und können der Pflege ihrer Beziehungen nachgehen. Wenn wir unser gesamtes Leben betrachten, so sind wir nie nur eine Rolle, sondern das wechselt ständig.

Es ist gut, wenn ich mir meiner jetzigen Rolle bewusstwerde. Und wenn mir klar wird: es darf und soll so sein. Momentan heißt es für mich einfach warten, bei den Schwachen mit dabei zu sein, in dem kleinen Rahmen der Familie.

Vielleicht muss ich mein Bild vom Helden ändern. Ein Held ist nicht nur einer der sich furchtlos in die Schlacht wirft. Ein Held ist auch einer, der warten kann und sich in Geduld übt. Der Herr aber über alle Dinge, der wahre Held, das ist unser Vater im Himmel, der für uns sorgt und der uns zusammengefügt hat, damit wir „einträchtig füreinander sorgen“. Jeder von uns ist ein Teil seines Leibes, deswegen sollten wir nie vergessen: jeder von uns ist systemrelevant!

Amen.

 

 

Predigt vom 15.03.2020 von Markus Deutsch

Predigt als PDF 106 kb

 Lukas 9, 57-62

Predigt Großvillars, 15. März 2020, Okuli

 

Nach hinten schauen, wenn wir nach vorne Fahren möchten.

 

Liebe Gemeinde,

die meisten von Ihnen sind doch sicher schon einmal Auto gefahren. Wann schauen wir in den Rückspiegel oder nach hinten? Wenn wir wissen wollen, was hinter uns los ist. Meistens, wenn wir rückwärts fahren möchten. Wenn wir aber nach vorne fahren möchten, dann schauen wir doch nach vorne und nicht nach hinten. Das versucht uns auch Jesus klar zu machen:

 

Predigttext Lukas 9, 57-62

 

»Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege«. Jesus ist obdachlos, heimatlos in einer Welt, in der selbst die Tiere einen Ort haben, um sich zu verkriechen: »Und sie gebar ihren ersten Sohn ... und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge«, so steht es einige Kapitel zuvor im Lukasevangelium in der Weihnachtsgeschichte. Die Obdachlosigkeit begleitet das ganze Leben von Jesus. Von Beginn an bis zu seinem schweren Weg, an dem er in unserem Predigttext steht, nach Jerusalem.

Was heißt das, obdachlos zu sein: Keine Wohnung, keine Bücher, kein Bad, kein Zuhause, keinen Kühlschrank und keine Heizung.

Ein Mitprädikant von mir hat das Aufwärmmobil in Heilbronn gegründet. In dem können sich in der kalten Jahreszeit Obdachlose aufwärmen und bekommen etwas zu Warmes zu essen und zu trinken. Das ist toll und er macht das wirklich mit einem riesen großen Herzen. Aber irgendwann müssen die Menschen auch wieder hinaus. In die Kälte. Und da ist der Menschensohn. Dahin sollen wir ihm folgen.

„Ich will Dir folgen, wohin Du gehst“ spricht der eine zu Jesus.

 

Zu Beginn der Predigt habe ich vom Autofahren nach vorne und dabei nicht nach hinten schauen gesprochen.

Vieles betrachten wir aus der Perspektive der Vergangenheit.

 

Wenn wir den Urlaub planen. Dann überlegen wir, wo wir in den letzten Jahren waren, wo es schön war und wo wir uns wohl gefühlt haben.

Wenn wir die Ziele im Unternehmen festlegen. Dann schauen wir auf die Zahlen der letzten Jahre und legen noch was drauf. Und das sind dann die Planzahlen fürs nächste Jahr.

Immer schauen wir nach hinten, um nach vorne zu laufen. Aber es ist auch verdammt schwer, in die Zukunft zu schauen.

 

 

Da ist der Schiffsjunge, der beim starken Sturm auf den Mast hochklettern muss und mitten drin nicht mehr vor oder zurück kommt. Er schlottert vor Kälte, Angst und Wind. Erst als ihm der erfahrene Steuermann zuruft, dass er nach oben schauen muss: Dort wo er hin will. Da schafft er es dann doch.

Aber wie sollen wir denn nach vorne schauen?

 

Hätten Sie an Weihnachten noch gedacht, dass der Ostermarkt, der Maimarkt oder das Konzert wegen eines Virus abgesagt werden? Oder dass Schulen geschlossen werden, Bundesligaspiele abgesagt werden oder sogar Gottesdienste?

 

Und dass die Unternehmen ihre Planzahlen nicht erreichen, dass weltweit die Wirtschaft zusammenbricht wegen dieses Virus.

 

Nein, wir hätten das auch nicht sehen können. Aber es  gibt einen Weg, den wir gehen müssen.

 

Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

 

Jesus sagt es uns überdeutlich. Er zeigt uns den Weg. Wenn wir dazu bereit sind. Er hilft uns, wenn wir nicht immer nach hinten schauen. Er ist uns nah, wenn wir den Ballast des Gewohnten hinter uns lassen.

Und am Ende unseres Predigttextes hält er ein noch eindrücklicheres Bild bereit:

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Keine Angst vor Veränderungen

 

Was passiert, wenn wir beim Pflügen nach hinten schauen? Etwas ähnliches wie beim Autofahren. Wir kommen ins Schlingern. Die Furche wird schief und krumm. Und da ist es wieder. Nach vorne schauen und Jesus folgen. Das ist der Weg.

 

Wie viel Ballast haben wir aufgehäuft. Wie viel gewohntes hält uns auf, Neues zu tun.

 

Liebe Gemeinde,

Schauen Sie sich doch mal Ihren Tagesablauf an. Ihren Wochenablauf. Ihren Jahresablauf. Wann hat der sich das letzte Mal geändert? Und zwar nicht durch fremde Einwirkung, wie Krankheit oder geschäftliche Veränderungen. Nein durch Sie? Wann haben Sie neue Hobbies gewählt, regelmäßige Besuche bei Freunden eingeführt oder Lesen in der Bibel als neuen Tagesordnungspunkt in Ihr Leben eingeführt?

 

Wann haben Sie das letzte Mal Ihr Zimmer umgestellt? Das Sofa an einen neuen Ort, den Tisch an die Wand oder auch nur den Schrank an eine neue Stelle?

 

 

Ich habe einmal ein Projekt bei einem Möbelhaus durchgeführt. Und  die hatten nur ein Problem. Die Menschen wechseln ihre Möbel zu selten. Immer wenn wir einen neuen Tisch oder ein neues Sofa kaufen wollen, dann sagen wir: Ach, das alte tut es doch noch, über die eine oder andere Stelle kann man ja eine Decke legen. Oder: Wohin mit dem alten Tisch, der ist doch eigentlich noch gut zu gebrauchen. Wegwerfen kann ich den nicht.

 

Sie haben dann ein Unternehmen gegründet, das sich ausschließlich mit der Rücknahme von alten Möbeln beschäftigt, diese wieder aufpoliert und sie weiter gibt an Menschen, die sich eigentlich keine neuen Möbel kaufen können. Alle sind glücklich. Die Möbel leben weiter und der Händler verkauft neue Ware.

 

Aber liebe Gemeinde es geht darum, gewohntes aufzugeben. Um neuem Raum zu geben. Das will Jesus. Dazu ruft er uns auf.

 

Ihm nachzufolgen! Und zwar ohne wenn und aber.

 

Als Jesus seine Jünger rief, da haben sie sofort ihre Fischerboote verlassen. Der Zöllner Levi, das ist der Evangelist Matthäus, hat unverzüglich seinen lukrativen Zollplatz verlassen. Hat seine Steuerkasse stehen lassen und ist Jesus gefolgt.

Als Jesus den Paulus rief, da musste der von seinem hohen Ross herunter und konnte auch nicht zuerst um Freistellung von seiner Dienststelle bitten.

 

Jesus will uns JETZT! Nicht erst in ein paar Jahren. JETZT, mitten in unserem Leben sind wir gefragt, ob wir es endlich ganz ernst mit Jesus nehmen wollen.

 

Das ist die allergrößte Not, dass immer zuerst etwas anderes, sei es noch so groß und edel und wertvoll, wichtiger ist als der Herr. Das wir als erstes noch etwas anderes machen, bevor wir Jesus ganz nachfolgen wollen.

Da ist der junge Mann, der schon in der Gemeinde mitarbeiten möchte, doch zuerst will er noch im Fußballverein spielen. Die brauchen ihn schließlich, weil sie sonst möglicherweise den Aufstieg verpassen.

Da ist die junge Frau, die gerne Kinderkirchhelferin wäre, doch sonntags geht sie jobben, weil sie sich etwas dazuverdienen möchte.

Der Geschäftsmann, der gerne ganze Sache mit Jesus machen würde, sobald seine Geschäft wieder laufen.

Prüfen wir uns doch mal selbst. Wie viele „wenn“ haben wir denn? Es ist doch immer das alte Lied:

 

·      Wenn ich größer bin

·      Wenn ich verheiratet bin

·      Wenn der Hausbau fertig ist

·      Wenn ich beruflich besser Fuß gefasst habe

·      Wenn die Kinder aus dem Haus sind

·      Wenn ich im Ruhestand bin

·      Wenn ich mehr Zeit habe

 

Nachfolge leben

Aber wie kann ich ihm nachfolgen. Heute, wo ich nicht mit ihm nach Jerusalem ziehen kann.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, der Weg, der ihn ans Kreuz führen wird.

Und auf diesem Weg wollen ihn die drei Menschen begleiten, von denen in unserem heutigen Text die Rede ist. Es ist der schwerste Weg für Jesus und daher stellt er auch große Anforderungen. Nicht jeder kann ihm folgen, nicht jeder kann das Reich Gottes verkünden. Aber genau das verlangt Jesus. Wenn Du mit nach Jerusalem gehen möchtest, dann nur ganz oder gar nicht. Dann lass alles zurück und verkünde das Reich Gottes.

 

Das Weizenkorn

Ein Weizenkorn versteckt sich in der Scheune

Es wollte nicht gesät werden

Es wollte sich nicht opfern

Es wollt sein Leben retten. -

Es wurde nie zu Brot

Es kam nie auf den Tisch

Es wurde nie gesegnet und ausgeteilt

Es schenkte nie Leben

Es schenkte nie Freude

Eines Tages kam der Bauer.

Mit dem Staub fegte er auch das Weizenkorn weg.

 

 

Tja, was heißt es, Jesus nachzufolgen. Da kann ich mich nicht verstecken und versuchen mein Leben zu retten. Da muss ich auch mal raus. Da muss ich gesät werden, damit aus mir Brot wird, das anderen das Leben rettet. Da muss ich meinen Platz im Leben einnnehmen.

 

Es soll ja nicht jeder jeden Tag anderen das Leben retten. Um das geht es Jesus nicht. Da soll niemand seinen Vater nicht begraben und auch jeder darf sich verabschieden. Aber jeder muss auch aufbrechen. Immer hinterfragen, ob er nach hinten oder nach vorne schaut, wenn er den Weg des Lebens in seinem Auto fährt. Da sollten wir uns jeden Morgen und jeden Abend fragen, was Jesus von uns verlangt. Und das schönste daran ist, dass wir uns nicht beweisen müssen. Sondern dass unsere Bereitschaft bereits belohnt ist. Durch die Güte und Barmherzigeit unseres   Herrn. Der Liebe Jesus Christus.

 

Amen

Lied nach der Predigt:

Korn, das aus der Erde  98, 1-3

 

 

 

 

© alle Bilder dieser Seite: Frank Zisler

Texte und Predigen:

Ditta Grefe-Schlüntz

Lukas Frei

Markus Deutsch