Predigten zu den Gottesdiensten

  • add 28.02.2021: Predigt von Pfr. Lukas Frei über Jesaja 5,1-7 am Sonntag Reminiszere

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    Eins vorab: Ich suche mir die Predigttexte nicht aus. Für diesen Sonntag ist es mal wieder eine Stelle aus dem Propheten Jesaja. Es wäre natürlich schön, wenn ich einen Text bekommen hätte, der voller guter Nachrichten steckt. Davon gibt es im Jesaja ja einige, aber der heutige Text endet noch nicht einmal mit einer frohen Botschaft:

    1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

    Nun ja – man könnte den Text natürlich gut in der Klimadebatte anführen und deuten: Gott hat die Welt wunderschön gemacht, aber der Mensch macht alles kaputt – ganz besonders die Natur. Die Strafe, die hier angekündigt wird, das sind die Folgen des Klimawandels, die der Mensch nun zu tragen hat. Wenn wir nochmals rauskommen wollen aus der Misere, dann müssen wir uns für Klimagerechtigkeit einsetzen. Die gute Nachricht in diesem Bibeltext wäre dann: die nahende Apokalypse können wir noch verhindern, wenn wir jetzt handeln: Müll trennen, vegan leben, CO2 reduzieren, nur noch Elektroautos, … .

    Aber: Nein – ich finde, das ist keine gute Nachricht. Dahinter steckt ja die Idee, der Weinberg könnte, sich selbst überlassen, es schaffen, sich an den eigenen Haaren aus dem Dreck zu ziehen. Oder umgedeutet: wir Menschen können, wenn wir das apokalyptische Angstszenario nur genug verinnerlicht haben, in besonnener Überlegung die richtigen Lösungen finden und das komplexe System der Erde zum Guten verändern. Mit solchen Mitteln lassen sich wahrscheinlich gute Geschäfte machen, aber die Seele findet dadurch keine Ruhe und der Erde wird dadurch auch nicht geholfen.

    Und doch: in diesem Text steckt für mich gute Nachricht. Sie ist vielleicht nicht auf den ersten Blick zu sehen.

     

    1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;

    Ein Lied von seinem Freund und dessen Weinberg singt der Prophet. Erst mit Vers 7 wird klar, dass mit dem Freund Gott gemeint ist und mit dem Weinberg sein auserwähltes Volk. Somit kann man das ganze Weinberglied in dieser Interpretationsvorlage lesen. Sein Freund, der allmächtige Gott pflanzt seinen Weinberg, wo er möchte. Gott entscheidet wo wir Menschen leben – ja noch mehr: er kümmert sich darum, dass wir gut leben können. Auf einen fetten Boden hat er seinen Weinberg gepflanzt. Davor hat er den Boden entsteint und ihn umgegraben. Er legt die Grundlagen, dass wir gut leben können. Das ist für mich eine gute Nachricht.

    Ich höre häufig aber auch eine andere: nämlich, dass wir uns unseren Wohlstand selbst erarbeitet hätten. Dass es uns so gut geht, dafür werden unterschiedliche Gründe genannt, vielleicht besonders häufig: unsere Demokratie, unser technischer und medizinischer Fortschritt, und natürlich unsere Arbeitsleistung. Alle drei Dinge sind wunderbar – ohne Frage – aber sind sie wirklich der Grund für unseren Wohlstand?

    Bei dieser Frage sind wir, wie so oft, wenn wir tiefer fragen, im Bereich des Glaubens angelangt. Es sind sehr viele Aspekte, die zusammenspielen mussten, damit sich unsere Gesellschaft so entwickeln konnte, wie sie sich entwickelt hat. Einzelne Aspekte besonders herauszuheben und diese verantwortlich für den Erfolg zu machen halte ich für sehr gewagt. Es wird schwierig werden, dies zu beweisen. Am Ende ist es der Glaube: entweder waren es die Menschen, die den Wohlstand geschaffen haben, oder es war Gott, der sich darum bemühte, den Weinberg umzugraben und zu entsteinen – der die Grundlage gelegt hat, dass wir uns überhaupt so entwickeln konnten und dieser Wohlstand entstand.

    In der ersten Version steckt für mich keine gute Nachricht, sondern Last. Wir Menschen müssen es richten – es lag und liegt auch weiterhin in unserer Hand wohin die Reise geht. Die zweite Version steckt für mich voller Freiheit und guter Nachricht: Gott ist die Grundlage für das, was entsteht. Wir und unser Wohlstand wachsen nur auf dem, was er zuvor schon bereitet hat. Das gilt für alles, was wir haben. Wir können uns also nicht rühmen – selbst über das nicht, was wir tolles aufgebaut haben. Aber wir können dankbar sein.

     

     

     

    Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

    Auch hier steckt für mich eine gute Nachricht drin. Zunächst einmal aber das Erschreckende: der fette, umgepflügte und entsteinte Boden führte nicht dazu, dass die Reben gute Früchte brachten. Reichtum und Wohlstand führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Warum ist das so? Das fragt sich der Weinbergbesitzer auch. Am Ende werden die Früchte benannt, auf die der Weinbergbesitzer wartete: Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch (V. 7).

    Wie ist es mit dem Weinberg, den Gott bei uns vorfindet? Ich komme in diesen Zeiten nicht umhin, mich manchmal zu wundern. Ist es beispielsweise wirklich in Ordnung 10 Kindern das Fußballspielen auf dem Bolzplatz zu untersagen, wenn es in Artikel 2 des Grundgesetzes heißt: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“? Ehrlich gesagt, mir fällt es schwer die Rechte der anderen zu finden, die dadurch verletzt werden.

    Wenn ich mir das Grundgesetz so ansehe, denke ich, dass hier von einigen klugen Menschen – die die Natur des Menschen ganz gut verstanden hatten – versucht wurde, ein wirklich guter Baustein zu legen. Ein Grundstein, der versucht, die individuellen Rechte jedes Menschen in diesem Land zu schützen. Tatsächlich ist das leider vermutlich notwendiger, als uns lieb ist. Einfach weil wir Menschen im Fall der Fälle stark dazu tendieren, das Recht des anderen zugunsten unseres eigenen Rechtes ein bisschen weniger wichtig zu finden. Und so lange kein Rechtsspruch kommt, der uns das verbietet, machen wir auch munter so weiter.

    Nun aber zur guten Nachricht in diesen Zeilen. Gott erwartet von uns gar keine großen Taten, keine moralischen Vorbildaktionen. Die Früchte, die hier beschrieben werden sind Rechtsspruch und Gerechtigkeit. Dem anderen sein Recht zusprechen: das kann man auch im Kleinen. Das bedeutet nämlich zuallererst, dem anderen zuzuhören und seinen Weg zu respektieren. In einem ganz einfachen Satz lässt sich die gute Nachricht des Rechtsspruchs zusammenfassen: „Du bist recht.“ Kein aber und kein erst wenn – so, wie du bist, bist du in Ordnung.

    Das zweite, was daraus hervorgeht, ist Gerechtigkeit. Wir sprechen von Unrecht, wenn ein Mensch mit Gewalt zu etwas gezwungen wird, das er nicht will. Gewalt hat viele Gesichter: natürlich gibt es die körperliche Gewalt, die bei uns aber glücklicherweise sehr verpönt ist.

     

    Vielleicht genauso grausam, aber weniger offensichtlich ist die seelische Gewalt, die sich in verschiedensten Facetten zeigen kann wie Mobbing, üble Nachrede, Drohungen, Zensur (leider funktioniert das alles online noch leichter als offline), oder auch die Bedrohung der Existenz z.B. durch fehlende Erwerbseinnahmen oder völlig unverhältnismäßig hohe Geldbußen.

    Wo ich dem anderen zuhöre, seinen Weg lerne zu respektieren und nach einer Lösung trachte, wie beide Seiten gut miteinander leben können, da entsteht Gerechtigkeit. Gewalt, egal in welcher Form, wird nie zu Gerechtigkeit führen, sondern immer in Unterdrückung enden.

    Wie kommen wir aber dazu, Früchte des Rechtsspruchs und der Gerechtigkeit zu bringen? Es geht nicht aus uns selbst heraus – Gott sei Dank! Im neuen Testament sagt Jesus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5). In Jesus bleiben, in seinen Worten bleiben, in seiner Liebe bleiben – in ihm, dem einzigen Weinstock, der gute Frucht bringen wird – daraus entstehen die Früchte. Denn bevor wir gute Frucht bringen können müssen wir zuerst selbst vom Saft des Weinstocks versorgt werden. Durch Jesus fließt uns die gute Nachricht des Rechtsspruchs Gottes zu: „Du bist recht!“. Gott hat nichts gegen dich!

    Durch das Vertrauen auf diese Worte von Jesus fließt uns dann auch die Gerechtigkeit zu. Ich brauche nicht mehr zu sein, als das was ich bin: Ein geliebtes Kind Gottes. Ganz real lässt Jesus sein Leben uns zufließen in jedem Abendmahl, das wir feiern. „Ich komme zu euch und bringe Leben, Gemeinschaft und Vergebung dorthin wo ihr seid“, höre ich Jesus darin sagen. Das ist Gerechtigkeit, dass Jesus uns in eine versöhnte Beziehung mit Gott hineinstellt.

    Gute Früchte in unserem Leben werden nur entstehen, wenn wir in Christus bleiben und er in uns, „denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Die Früchte entstehen nicht aus unseren vermeintlich guten Absichten, sondern sie sind die Zeichen von Christi Leben in uns. Es gibt daher keinen Grund sich zu rühmen, etwas toll gemacht zu haben, aber es gibt jede Menge Gründe sich zu freuen und dankbar zu sein, wenn die Früchte des Rechtsspruchs und der Gerechtigkeit in unserem Leben Raum gewinnen. Denn darin zeigt sich Christi Leben in uns.

     

     

    5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

    Selbst diese Worte werden mir zur guten Nachricht. Natürlich, es ist zunächst beängstigend. Dass Gott so handelt, bringen wir mit dem häufig gepredigten Gottesbild vom harmlos lieben Gott nur schwer in Verbindung. Der Gott, von dem hier gesprochen wird, von dem kommt alles – er hat sich um die Pflanzung des Weinbergs gekümmert, aber es ist nichts daraus geworden und jetzt lässt er diesen Weinberg abfressen, zertreten, vertrocknen – kurz: zu Grunde gehen. Auch hier ist es mir viel lieber und es bringt Freiheit, wenn ich mir klar werde, dass das Austrocknen und Verdorren von Gott kommt. Wäre es Menschensache das aufzuhalten, dann würde das wieder eine viel zu große Last bedeuten.

    Wenn nun alles austrocknet und der Regen fehlt, dann ist das keine Strafe, die ich mit besonders gutem Verhalten aufhalten kann, sondern dann sehe ich, dass Gott selbst am Werk ist, der wieder Platz macht, dass Neues entstehen kann. So bringt mich selbst die Dürre näher hin zu Gott. Was für eine gute Nachricht. Ja nicht einmal die Dürre muss mein Ende sein, schließlich gibt es ja den wahren Weinstock Jesus Christus, der niemals seine Kraft verlieren wird. Glücklich zu preisen ist, wer in diesen durch den Glauben eingepfropft wird und an ihm hängt.

    Amen.

  • add 21.02.2021: Predigt zum Sonntag Invocavit, 21.2.2021 über Johannes 13, 21-30 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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    Heute ist Invocavit, und die Passionszeit beginnt. Es ist eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern, eine zeit der besonderen Betrachtung unseres Lebens. Eine Zeit der Ehrlichkeit und der Selbsterkenntnis. Viele Menschen fasten in dieser Zeit, verlangsamen manches, überdenken Ihr Tun, ihr Leben. Passend dazu bereitet sich draußen die Natur auf den Frühling vor, und ebenfalls passend zu alldem führt uns der Predigttext aus dem Johannesevangelium direkt hinein in die Passionsgeschichte Jesu. In Johannes 13, 21-30 finden wir Jesus und seine Jünger, seine Freunde, beim gemeinsamen Mahl, wie sie es so oft miteinander erlebt haben. Und doch ist dieses Mahl ein besonderes. Lesen Sie selbst:

    „Jesus wurde erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“

    Eine dunkle Szene. Sie beginnt damit, dass Jesus erschüttert ist von dem, was da bald geschehen soll. Und sie endet damit, dass wir hinter Judas herschauen, der die Runde der Freunde verlässt und allein hinausgeht in die Nacht.

    Ein dunkle Szene. Und im Moment weiß ich noch nicht, wo in all dieser Dunkelheit das Evangelium zu finden ist, das ich doch verkündigen soll. Da fällt mir ein Wort von Martin Luther ein. Er hat einmal gesagt: Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr zu es reibst, um so mehr duftet es.“ Also gut, denke ich, dann versuchen wir das mal. Und ich schaue mir diese dunkle Szene doch noch einmal genauer an.

    Da liegen sie, wie es damals so üblich war, zum gemeinsamen Mahl zu Tisch. Mit der Linken stützen sie sich auf dem Boden auf, mit der Rechten nehmen sie sich zu Essen und zu Trinken vom Tisch in der Mitte. Damit alle Platz haben, liegen sie vor- und hintereinander versetzt, so stelle ich mir das vor. Gerade eben hat Jesus ihnen allen die Füße gewaschen, dem Lieblingsjünger Johannes, dem eifrigen Petrus, und dem Judas und allen anderen auch. Ihnen allen zeigt Jesus damit, dass er für sie da ist, dass er sich ihnen dienend und liebevoll zuwendet. Zunächst ist alles friedlich und freundlich.

    Aber dann kommt diese Erschütterung Jesu. Er scheint sich in diesem Moment bewusst zu werden, was geschehen wird und was da auf ihn zukommt, und Unheil und Gefährdung mischt sich in die friedliche Szene. Jesus soll von einem aus diesem vertrauten Kreis verraten werden, und dieses Wissen erschüttert und bedrückt Jesus. Darin begegnet er uns als verletzlicher Mensch, als einer von uns. Das rührt mich an. Und ich merke: an dieser Stelle nehme ich tatsächlich einen allerersten ganz feinen Duft wahr von dem Kräutlein des Evangeliums.

    Jesus ist erschüttert und bedrückt. Trotzdem ist er gefasst und absolut Herr der Lage. Es ist klar – er weiß genau, was geschehen wird. Und im Lauf der Szene sehen wir auch, dass er sogar derjenige ist, der dieses Geschehen anschubst, der mit dem Brot, das er Judas reicht, dem Satan sogar selbst das Zeichen gibt, seine dunkle Macht über Judas auszubreiten, und dann Judas anweist, rasch zu handeln und nicht zu zögern. Auch das hat etwas Tröstliches für mich: Jesus ist souverän. Er hat die Fäden in der Hand. Er dirigiert den Lauf der Dinge, und sogar dem Bösen gibt er selbst den Auftrag und macht ihn so zu einem Teil des Ganzen. Aber eben nur zu einem Teil.

    Jedenfalls spricht Jesus es dann auch aus, dieses Bedrohliche, diese Gefährdung, diese Dunkelheit, die ihn selbst erschüttern. Mit seinen Worten stellt er diese dunkle Verunsicherung mitten in die friedliche Runde: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“

    „Einer unter euch wird mich verraten.“ Bei diesen Worten wird den Jüngern bang. Nicht etwa nur Judas. Nein, allen wird bang. In den anderen Evangelien kann man an der Stelle lesen, wie die Jünger Jesus angstvoll fragen: „Bin ich’s?“ – „Herr, bin ich’s?“ Hier bei Johannes hört man diese einzelnen Jüngerfragen nicht. Hier lesen wir, wie Petrus, der so gern ein guter Jünger wäre, der – glaube ich – gern der beste Jünger Jesu wäre; wie Petrus also zu Johannes hinüberschaut, zu dem Jünger, dessen Kopf an Jesu Brust ruht, der ihm ganz nah ist und vertraulich mit ihm sprechen kann. Petrus bedeutet Johannes, Jesus zu fragen, wer das sei, wer von ihnen Jesus verraten würde. Man spürt in diesen Zeilen die Spannung, die im Raum liegt, und ja, die Furcht – meint Jesus etwa mich? Man spürt, wie ihnen bang wird, dort in der Runde um den Tisch, und wie sich die Dunkelheit über sie zu legen beginnt.

    Wenn den Jüngern bang wird, von wem Jesus redet, dann liegt darin viel Ehrliches. Bang wird ihnen nämlich nicht nur zumute durch den Verrat und die gegenseitigen Verdächtigungen, die nun beginnen. Bang macht auch die Ahnung der eigenen Abgründe. Bang macht sie die Ahnung: „Jesus kennt mich. Vielleicht meint er mich. Es könnte sein, dass er mich meint.“

    Dann aber ist es Judas, dem Jesus das Stück Brot reicht. Jeder von den zwölf hätte es sein können, Judas ist einer von ihnen. Einer von denen, denen Jesus die Füße gewaschen hat. Judas ist auch nicht der einzige Jünger, der Jesus untreu wird. Wir wissen von Petrus und der Geschichte mit dem Hahn. Aber auch die anderen – am Ende, unter dem Kreuz, sucht man die zwölf vergeblich.

    Judas ist einer der Jünger. Judas ist einer von uns. In ihm ist Gut und Böse genauso vielschichtig verstrickt wie auch in uns. Er ist Eni Freund und ein Verräter, einer der schuldig wird und über seine Schuld verzweifelt. Er ist einer von denen, denen Jesus die Füße gewaschen hat. Er ist einer der zwölf, und er ist einer von uns.

    Judas reicht Jesus das Stück Brot. Sonst ein Zeichen für das Leben, dieses Stück Brot, das Jesus bricht. Jetzt ein Zeichen für den Beginn der Geschehnisse, die Jesus ans Kreuz bringen. Den er am Ende überwinden wird. Vielleicht deshalb das Brot?

    Und Judas nimmt das Brot an, isst es. „Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn ein.“

    Der Satan. Es gibt nur wenige Predigttexte, in denen der Satan explizit erwähnt wird. Hier in unserem Predigttext können wir ihn nicht übersehen. Hier steht er für das Unheil, das nun beginnt, für die böse Macht, die sich ausbreitet.

    Der Satan – im Zentrum der Verkündigung Jesu kommt er immer wieder vor. Deshalb stellt uns die Bibel vor die Aufgabe, über das Böse zu reden. Es nicht klein zu reden. Viel zu stark wird von seinen Auswirkungen in der Bibel geschrieben, viel zu stark erleben wir böse Mächte in unserer Welt, mit existentiellen und bedrohlichen Folgen für das Leben. Es ist eine Macht, die größer ist als ein konkreter Mensch, größer als Judas, größer als ich. Durch seine Gedanken und sein Handeln lässt sich Judas auf eine Macht ein, die stärker ist als er und ihn schließlich beherrscht. Und da Judas einer von den zwölfen ist und einer von uns, trifft das überhaupt auf uns Menschen zu. Diese Erfahrung, dass wir eigentlich doch das Gute wollen, es aber viel zu oft nicht tun, stattdessen das Schlechte tun, was wir im Grunde gar nicht wollen. Den Teufel ernst zu nehmen, schreibt Frederick Buechner, ist die Tatsache ernst zu nehmen, dass das Übel in der Welt größer ist als die Summe seiner Teile.

    Diese Erfahrungen legen eine große Dunkelheit über unsere Welt. Am Ende unseres Bibeltextes verlässt Judas die Gemeinschaft seiner Freunde um den Tisch. Er geht allein hinaus in die Nacht. Wir schauen ihm hinter her und wissen: wie er sind auch wir nicht stärker als das Böse.

    Und doch lesen wir in dieser Szene vom gemeinsamen Mahl Jesu und seiner Jünger: die Macht des Bösen ist am Ende der Liebe Gottes immer unterlegen. Das Böse kann nur den Raum einnehmen, den Christus ihm gewährt. Die Macht des Bösen ist begrenzt. So, wie es Johannes in seinem Evangelium erzählt, muss selbst der Satan seinen Teil zur Umsetzung des Heilsplans Gottes beitragen.

    An dieser Stelle meiner Gedanken stehe ich auf und gehe ans Fenster. Eine Kohlmeise sitzt in den Zweigen des Holunderbusches vor meinem Fenster. Ich öffne es und höre, wie sie ihr Lied singt. Ich atme die frische Luft ein, in der ein Hauch Frühling liegt und spüre die warme Februarsonne. Ja, denke ich, es hat wirklich zu duften begonnen, das Kräutlein der Heiligen Schrift. Es hat sich gelohnt, an diesem dunklen Text zu reiben.

    Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit!

    Amen.

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Predigt von Pfr. Lukas Frei über Jesaja 5,1-7 am Sonntag Reminiszere (28.02.2021)

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Eins vorab: Ich suche mir die Predigttexte nicht aus. Für diesen Sonntag ist es mal wieder eine Stelle aus dem Propheten Jesaja. Es wäre natürlich schön, wenn ich einen Text bekommen hätte, der voller guter Nachrichten steckt. Davon gibt es im Jesaja ja einige, aber der heutige Text endet noch nicht einmal mit einer frohen Botschaft:

 

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

 

Nun ja – man könnte den Text natürlich gut in der Klimadebatte anführen und deuten: Gott hat die Welt wunderschön gemacht, aber der Mensch macht alles kaputt – ganz besonders die Natur. Die Strafe, die hier angekündigt wird, das sind die Folgen des Klimawandels, die der Mensch nun zu tragen hat. Wenn wir nochmals rauskommen wollen aus der Misere, dann müssen wir uns für Klimagerechtigkeit einsetzen. Die gute Nachricht in diesem Bibeltext wäre dann: die nahende Apokalypse können wir noch verhindern, wenn wir jetzt handeln: Müll trennen, vegan leben, CO2 reduzieren, nur noch Elektroautos, … .

 

Aber: Nein – ich finde, das ist keine gute Nachricht. Dahinter steckt ja die Idee, der Weinberg könnte, sich selbst überlassen, es schaffen, sich an den eigenen Haaren aus dem Dreck zu ziehen. Oder umgedeutet: wir Menschen können, wenn wir das apokalyptische Angstszenario nur genug verinnerlicht haben, in besonnener Überlegung die richtigen Lösungen finden und das komplexe System der Erde zum Guten verändern. Mit solchen Mitteln lassen sich wahrscheinlich gute Geschäfte machen, aber die Seele findet dadurch keine Ruhe und der Erde wird dadurch auch nicht geholfen.

Und doch: in diesem Text steckt für mich gute Nachricht. Sie ist vielleicht nicht auf den ersten Blick zu sehen.

 

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;

 

Ein Lied von seinem Freund und dessen Weinberg singt der Prophet. Erst mit Vers 7 wird klar, dass mit dem Freund Gott gemeint ist und mit dem Weinberg sein auserwähltes Volk. Somit kann man das ganze Weinberglied in dieser Interpretationsvorlage lesen. Sein Freund, der allmächtige Gott pflanzt seinen Weinberg, wo er möchte. Gott entscheidet wo wir Menschen leben – ja noch mehr: er kümmert sich darum, dass wir gut leben können. Auf einen fetten Boden hat er seinen Weinberg gepflanzt. Davor hat er den Boden entsteint und ihn umgegraben. Er legt die Grundlagen, dass wir gut leben können. Das ist für mich eine gute Nachricht.

 

Ich höre häufig aber auch eine andere: nämlich, dass wir uns unseren Wohlstand selbst erarbeitet hätten. Dass es uns so gut geht, dafür werden unterschiedliche Gründe genannt, vielleicht besonders häufig: unsere Demokratie, unser technischer und medizinischer Fortschritt, und natürlich unsere Arbeitsleistung. Alle drei Dinge sind wunderbar – ohne Frage – aber sind sie wirklich der Grund für unseren Wohlstand?

 

Bei dieser Frage sind wir, wie so oft, wenn wir tiefer fragen, im Bereich des Glaubens angelangt. Es sind sehr viele Aspekte, die zusammenspielen mussten, damit sich unsere Gesellschaft so entwickeln konnte, wie sie sich entwickelt hat. Einzelne Aspekte besonders herauszuheben und diese verantwortlich für den Erfolg zu machen halte ich für sehr gewagt. Es wird schwierig werden, dies zu beweisen. Am Ende ist es der Glaube: entweder waren es die Menschen, die den Wohlstand geschaffen haben, oder es war Gott, der sich darum bemühte, den Weinberg umzugraben und zu entsteinen – der die Grundlage gelegt hat, dass wir uns überhaupt so entwickeln konnten und dieser Wohlstand entstand.

 

In der ersten Version steckt für mich keine gute Nachricht, sondern Last. Wir Menschen müssen es richten – es lag und liegt auch weiterhin in unserer Hand wohin die Reise geht. Die zweite Version steckt für mich voller Freiheit und guter Nachricht: Gott ist die Grundlage für das, was entsteht. Wir und unser Wohlstand wachsen nur auf dem, was er zuvor schon bereitet hat. Das gilt für alles, was wir haben. Wir können uns also nicht rühmen – selbst über das nicht, was wir tolles aufgebaut haben. Aber wir können dankbar sein.

 

Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

 

Auch hier steckt für mich eine gute Nachricht drin. Zunächst einmal aber das Erschreckende: der fette, umgepflügte und entsteinte Boden führte nicht dazu, dass die Reben gute Früchte brachten. Reichtum und Wohlstand führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Warum ist das so? Das fragt sich der Weinbergbesitzer auch. Am Ende werden die Früchte benannt, auf die der Weinbergbesitzer wartete: Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch (V. 7).

 

Wie ist es mit dem Weinberg, den Gott bei uns vorfindet? Ich komme in diesen Zeiten nicht umhin, mich manchmal zu wundern. Ist es beispielsweise wirklich in Ordnung 10 Kindern das Fußballspielen auf dem Bolzplatz zu untersagen, wenn es in Artikel 2 des Grundgesetzes heißt: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“? Ehrlich gesagt, mir fällt es schwer die Rechte der anderen zu finden, die dadurch verletzt werden.

 

Wenn ich mir das Grundgesetz so ansehe, denke ich, dass hier von einigen klugen Menschen – die die Natur des Menschen ganz gut verstanden hatten – versucht wurde, ein wirklich guter Baustein zu legen. Ein Grundstein, der versucht, die individuellen Rechte jedes Menschen in diesem Land zu schützen. Tatsächlich ist das leider vermutlich notwendiger, als uns lieb ist. Einfach weil wir Menschen im Fall der Fälle stark dazu tendieren, das Recht des anderen zugunsten unseres eigenen Rechtes ein bisschen weniger wichtig zu finden. Und so lange kein Rechtsspruch kommt, der uns das verbietet, machen wir auch munter so weiter.

 

Nun aber zur guten Nachricht in diesen Zeilen. Gott erwartet von uns gar keine großen Taten, keine moralischen Vorbildaktionen. Die Früchte, die hier beschrieben werden sind Rechtsspruch und Gerechtigkeit. Dem anderen sein Recht zusprechen: das kann man auch im Kleinen. Das bedeutet nämlich zuallererst, dem anderen zuzuhören und seinen Weg zu respektieren. In einem ganz einfachen Satz lässt sich die gute Nachricht des Rechtsspruchs zusammenfassen: „Du bist recht.“ Kein aber und kein erst wenn – so, wie du bist, bist du in Ordnung.

 

Das zweite, was daraus hervorgeht, ist Gerechtigkeit. Wir sprechen von Unrecht, wenn ein Mensch mit Gewalt zu etwas gezwungen wird, das er nicht will. Gewalt hat viele Gesichter: natürlich gibt es die körperliche Gewalt, die bei uns aber glücklicherweise sehr verpönt ist.

 

Vielleicht genauso grausam, aber weniger offensichtlich ist die seelische Gewalt, die sich in verschiedensten Facetten zeigen kann wie Mobbing, üble Nachrede, Drohungen, Zensur (leider funktioniert das alles online noch leichter als offline), oder auch die Bedrohung der Existenz z.B. durch fehlende Erwerbseinnahmen oder völlig unverhältnismäßig hohe Geldbußen.

 

Wo ich dem anderen zuhöre, seinen Weg lerne zu respektieren und nach einer Lösung trachte, wie beide Seiten gut miteinander leben können, da entsteht Gerechtigkeit. Gewalt, egal in welcher Form, wird nie zu Gerechtigkeit führen, sondern immer in Unterdrückung enden.

 

Wie kommen wir aber dazu, Früchte des Rechtsspruchs und der Gerechtigkeit zu bringen? Es geht nicht aus uns selbst heraus – Gott sei Dank! Im neuen Testament sagt Jesus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5). In Jesus bleiben, in seinen Worten bleiben, in seiner Liebe bleiben – in ihm, dem einzigen Weinstock, der gute Frucht bringen wird – daraus entstehen die Früchte. Denn bevor wir gute Frucht bringen können müssen wir zuerst selbst vom Saft des Weinstocks versorgt werden. Durch Jesus fließt uns die gute Nachricht des Rechtsspruchs Gottes zu: „Du bist recht!“. Gott hat nichts gegen dich!

 

Durch das Vertrauen auf diese Worte von Jesus fließt uns dann auch die Gerechtigkeit zu. Ich brauche nicht mehr zu sein, als das was ich bin: Ein geliebtes Kind Gottes. Ganz real lässt Jesus sein Leben uns zufließen in jedem Abendmahl, das wir feiern. „Ich komme zu euch und bringe Leben, Gemeinschaft und Vergebung dorthin wo ihr seid“, höre ich Jesus darin sagen. Das ist Gerechtigkeit, dass Jesus uns in eine versöhnte Beziehung mit Gott hineinstellt.

 

Gute Früchte in unserem Leben werden nur entstehen, wenn wir in Christus bleiben und er in uns, „denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Die Früchte entstehen nicht aus unseren vermeintlich guten Absichten, sondern sie sind die Zeichen von Christi Leben in uns. Es gibt daher keinen Grund sich zu rühmen, etwas toll gemacht zu haben, aber es gibt jede Menge Gründe sich zu freuen und dankbar zu sein, wenn die Früchte des Rechtsspruchs und der Gerechtigkeit in unserem Leben Raum gewinnen. Denn darin zeigt sich Christi Leben in uns.

 

5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

 

Selbst diese Worte werden mir zur guten Nachricht. Natürlich, es ist zunächst beängstigend. Dass Gott so handelt, bringen wir mit dem häufig gepredigten Gottesbild vom harmlos lieben Gott nur schwer in Verbindung. Der Gott, von dem hier gesprochen wird, von dem kommt alles – er hat sich um die Pflanzung des Weinbergs gekümmert, aber es ist nichts daraus geworden und jetzt lässt er diesen Weinberg abfressen, zertreten, vertrocknen – kurz: zu Grunde gehen. Auch hier ist es mir viel lieber und es bringt Freiheit, wenn ich mir klar werde, dass das Austrocknen und Verdorren von Gott kommt. Wäre es Menschensache das aufzuhalten, dann würde das wieder eine viel zu große Last bedeuten.

 

Wenn nun alles austrocknet und der Regen fehlt, dann ist das keine Strafe, die ich mit besonders gutem Verhalten aufhalten kann, sondern dann sehe ich, dass Gott selbst am Werk ist, der wieder Platz macht, dass Neues entstehen kann. So bringt mich selbst die Dürre näher hin zu Gott. Was für eine gute Nachricht. Ja nicht einmal die Dürre muss mein Ende sein, schließlich gibt es ja den wahren Weinstock Jesus Christus, der niemals seine Kraft verlieren wird. Glücklich zu preisen ist, wer in diesen durch den Glauben eingepfropft wird und an ihm hängt.

 

Amen.

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Predigt zum Sonntag Invocavit, 21.2.2021 über Johannes 13, 21-30 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Heute ist Invocavit, und die Passionszeit beginnt. Es ist eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern, eine zeit der besonderen Betrachtung unseres Lebens. Eine Zeit der Ehrlichkeit und der Selbsterkenntnis. Viele Menschen fasten in dieser Zeit, verlangsamen manches, überdenken Ihr Tun, ihr Leben. Passend dazu bereitet sich draußen die Natur auf den Frühling vor, und ebenfalls passend zu alldem führt uns der Predigttext aus dem Johannesevangelium direkt hinein in die Passionsgeschichte Jesu. In Johannes 13, 21-30 finden wir Jesus und seine Jünger, seine Freunde, beim gemeinsamen Mahl, wie sie es so oft miteinander erlebt haben. Und doch ist dieses Mahl ein besonderes. Lesen Sie selbst:

 

„Jesus wurde erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“

 

Eine dunkle Szene. Sie beginnt damit, dass Jesus erschüttert ist von dem, was da bald geschehen soll. Und sie endet damit, dass wir hinter Judas herschauen, der die Runde der Freunde verlässt und allein hinausgeht in die Nacht.

 

Ein dunkle Szene. Und im Moment weiß ich noch nicht, wo in all dieser Dunkelheit das Evangelium zu finden ist, das ich doch verkündigen soll. Da fällt mir ein Wort von Martin Luther ein. Er hat einmal gesagt: Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr zu es reibst, um so mehr duftet es.“ Also gut, denke ich, dann versuchen wir das mal. Und ich schaue mir diese dunkle Szene doch noch einmal genauer an.

 

Da liegen sie, wie es damals so üblich war, zum gemeinsamen Mahl zu Tisch. Mit der Linken stützen sie sich auf dem Boden auf, mit der Rechten nehmen sie sich zu Essen und zu Trinken vom Tisch in der Mitte. Damit alle Platz haben, liegen sie vor- und hintereinander versetzt, so stelle ich mir das vor. Gerade eben hat Jesus ihnen allen die Füße gewaschen, dem Lieblingsjünger Johannes, dem eifrigen Petrus, und dem Judas und allen anderen auch. Ihnen allen zeigt Jesus damit, dass er für sie da ist, dass er sich ihnen dienend und liebevoll zuwendet. Zunächst ist alles friedlich und freundlich.

 

Aber dann kommt diese Erschütterung Jesu. Er scheint sich in diesem Moment bewusst zu werden, was geschehen wird und was da auf ihn zukommt, und Unheil und Gefährdung mischt sich in die friedliche Szene. Jesus soll von einem aus diesem vertrauten Kreis verraten werden, und dieses Wissen erschüttert und bedrückt Jesus. Darin begegnet er uns als verletzlicher Mensch, als einer von uns. Das rührt mich an. Und ich merke: an dieser Stelle nehme ich tatsächlich einen allerersten ganz feinen Duft wahr von dem Kräutlein des Evangeliums.

 

Jesus ist erschüttert und bedrückt. Trotzdem ist er gefasst und absolut Herr der Lage. Es ist klar – er weiß genau, was geschehen wird. Und im Lauf der Szene sehen wir auch, dass er sogar derjenige ist, der dieses Geschehen anschubst, der mit dem Brot, das er Judas reicht, dem Satan sogar selbst das Zeichen gibt, seine dunkle Macht über Judas auszubreiten, und dann Judas anweist, rasch zu handeln und nicht zu zögern. Auch das hat etwas Tröstliches für mich: Jesus ist souverän. Er hat die Fäden in der Hand. Er dirigiert den Lauf der Dinge, und sogar dem Bösen gibt er selbst den Auftrag und macht ihn so zu einem Teil des Ganzen. Aber eben nur zu einem Teil.

 

Jedenfalls spricht Jesus es dann auch aus, dieses Bedrohliche, diese Gefährdung, diese Dunkelheit, die ihn selbst erschüttern. Mit seinen Worten stellt er diese dunkle Verunsicherung mitten in die friedliche Runde: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“

 

„Einer unter euch wird mich verraten.“ Bei diesen Worten wird den Jüngern bang. Nicht etwa nur Judas. Nein, allen wird bang. In den anderen Evangelien kann man an der Stelle lesen, wie die Jünger Jesus angstvoll fragen: „Bin ich’s?“ – „Herr, bin ich’s?“ Hier bei Johannes hört man diese einzelnen Jüngerfragen nicht. Hier lesen wir, wie Petrus, der so gern ein guter Jünger wäre, der – glaube ich – gern der beste Jünger Jesu wäre; wie Petrus also zu Johannes hinüberschaut, zu dem Jünger, dessen Kopf an Jesu Brust ruht, der ihm ganz nah ist und vertraulich mit ihm sprechen kann. Petrus bedeutet Johannes, Jesus zu fragen, wer das sei, wer von ihnen Jesus verraten würde. Man spürt in diesen Zeilen die Spannung, die im Raum liegt, und ja, die Furcht – meint Jesus etwa mich? Man spürt, wie ihnen bang wird, dort in der Runde um den Tisch, und wie sich die Dunkelheit über sie zu legen beginnt.

 

Wenn den Jüngern bang wird, von wem Jesus redet, dann liegt darin viel Ehrliches. Bang wird ihnen nämlich nicht nur zumute durch den Verrat und die gegenseitigen Verdächtigungen, die nun beginnen. Bang macht auch die Ahnung der eigenen Abgründe. Bang macht sie die Ahnung: „Jesus kennt mich. Vielleicht meint er mich. Es könnte sein, dass er mich meint.“

 

Dann aber ist es Judas, dem Jesus das Stück Brot reicht. Jeder von den zwölf hätte es sein können, Judas ist einer von ihnen. Einer von denen, denen Jesus die Füße gewaschen hat. Judas ist auch nicht der einzige Jünger, der Jesus untreu wird. Wir wissen von Petrus und der Geschichte mit dem Hahn. Aber auch die anderen – am Ende, unter dem Kreuz, sucht man die zwölf vergeblich.

 

Judas ist einer der Jünger. Judas ist einer von uns. In ihm ist Gut und Böse genauso vielschichtig verstrickt wie auch in uns. Er ist Eni Freund und ein Verräter, einer der schuldig wird und über seine Schuld verzweifelt. Er ist einer von denen, denen Jesus die Füße gewaschen hat. Er ist einer der zwölf, und er ist einer von uns.

 

Judas reicht Jesus das Stück Brot. Sonst ein Zeichen für das Leben, dieses Stück Brot, das Jesus bricht. Jetzt ein Zeichen für den Beginn der Geschehnisse, die Jesus ans Kreuz bringen. Den er am Ende überwinden wird. Vielleicht deshalb das Brot?

 

Und Judas nimmt das Brot an, isst es. „Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn ein.“

 

Der Satan. Es gibt nur wenige Predigttexte, in denen der Satan explizit erwähnt wird. Hier in unserem Predigttext können wir ihn nicht übersehen. Hier steht er für das Unheil, das nun beginnt, für die böse Macht, die sich ausbreitet.

 

Der Satan – im Zentrum der Verkündigung Jesu kommt er immer wieder vor. Deshalb stellt uns die Bibel vor die Aufgabe, über das Böse zu reden. Es nicht klein zu reden. Viel zu stark wird von seinen Auswirkungen in der Bibel geschrieben, viel zu stark erleben wir böse Mächte in unserer Welt, mit existentiellen und bedrohlichen Folgen für das Leben. Es ist eine Macht, die größer ist als ein konkreter Mensch, größer als Judas, größer als ich. Durch seine Gedanken und sein Handeln lässt sich Judas auf eine Macht ein, die stärker ist als er und ihn schließlich beherrscht. Und da Judas einer von den zwölfen ist und einer von uns, trifft das überhaupt auf uns Menschen zu. Diese Erfahrung, dass wir eigentlich doch das Gute wollen, es aber viel zu oft nicht tun, stattdessen das Schlechte tun, was wir im Grunde gar nicht wollen. Den Teufel ernst zu nehmen, schreibt Frederick Buechner, ist die Tatsache ernst zu nehmen, dass das Übel in der Welt größer ist als die Summe seiner Teile.

 

Diese Erfahrungen legen eine große Dunkelheit über unsere Welt. Am Ende unseres Bibeltextes verlässt Judas die Gemeinschaft seiner Freunde um den Tisch. Er geht allein hinaus in die Nacht. Wir schauen ihm hinter her und wissen: wie er sind auch wir nicht stärker als das Böse.

 

Und doch lesen wir in dieser Szene vom gemeinsamen Mahl Jesu und seiner Jünger: die Macht des Bösen ist am Ende der Liebe Gottes immer unterlegen. Das Böse kann nur den Raum einnehmen, den Christus ihm gewährt. Die Macht des Bösen ist begrenzt. So, wie es Johannes in seinem Evangelium erzählt, muss selbst der Satan seinen Teil zur Umsetzung des Heilsplans Gottes beitragen.

 

An dieser Stelle meiner Gedanken stehe ich auf und gehe ans Fenster. Eine Kohlmeise sitzt in den Zweigen des Holunderbusches vor meinem Fenster. Ich öffne es und höre, wie sie ihr Lied singt. Ich atme die frische Luft ein, in der ein Hauch Frühling liegt und spüre die warme Februarsonne. Ja, denke ich, es hat wirklich zu duften begonnen, das Kräutlein der Heiligen Schrift. Es hat sich gelohnt, an diesem dunklen Text zu reiben.

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit!

 

Amen.

 

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Ein Fasten, das Gott gefällt – Predigt von Pfr. Lukas Frei über Jesaja 58,1-10 (vom 14. Februar 2021, Sonntag Estomihi)

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1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag

 

Rufe laut, halte nicht an dich! Als Pfarrer sollte man ja stets laut reden, damit man gut verstanden wird. Aber heute geht es um eine Botschaft, die unangenehm ist: Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!  Wenn es um Abtrünnigkeit und Sünden geht dann gibt es in der Kirche meistens nur eine Richtung. Auf die da oben – die egoistischen Wirtschaftsbosse, die krummen Politiker – auf die lässt es sich gut schimpfen. Aber wenn es um uns als Gesellschaft geht, oder gar um uns Christen, dann wird es schon schwieriger. Denn wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen, dann zeigen immer drei Finger auf uns selbst. Beim heutigen Predigttext geht es aber nicht zuerst um Taten, die kritisiert oder gelobt werden. Es geht um die Substanz aus denen unsere Taten herauswachsen – es geht um unseren Glauben, und wie es um ihn beschaffen ist.

 

Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. – Ist es nicht erschreckend? Da können wir täglich Gott suchen und sogar darum bitten, dass er uns seine Wege zeigt – und trotzdem sind wir meilenweit von Gott entfernt. Wir meinen mit unseren Taten vollbringen wir die Gerechtigkeit und täten unseren Nächsten Gutes. Aber von dem lebendigen Gott, der uns geschaffen hat, haben wir uns weit entfernt, ja wir haben mit unserem Tun sogar sein Recht verlassen.

 

Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. – Wie oft höre ich in diesen Tagen die Bitte, dass Gott uns nahe sei? Wie oft bete ich es selbst? Wie fühlt sich das denn an, wenn Gott uns nahe ist? Können Sie das beschreiben? [Nehmen Sie sich Zeit, selbst darüber nachzudenken]

 

Für mich verbindet sich die Gottesnähe ganz oft mit dem Gefühl von Geborgenheit und Glück, aber auch von Freiheit und Unbeschwertheit. All das scheint gerade nicht da zu sein. Stattdessen kommt der Vorwurf:

 

<Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?> – Hier beginnt der erste und wahrscheinlich tiefste Fehlschluss unseres Glaubens: Wir meinen, dass wir durch Verzicht etwas verändern können. Fasten kann man auch mit „verzichten“ übersetzen. Die Israeliten zur Zeit von Jesaja hatten einen Glauben, der darauf baute, dass sie durch Verzicht und selbst auferlegten Schmerz Gott dazu bringen könnten, die Situation wieder zu ihren Gunsten zu verändern. Wenn wir nur genug verzichten, dann kommt es wider: das Gefühl von Glück und Geborgenheit, von Freiheit und Unbeschwertheit – so der Glaube des Volkes.

 

Dieser Irrglaube wechselte über die Jahrhunderte immer wieder seinen Mantel und ist heute in neuem Mäntelchen zurückgekehrt – <Warum verzichten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unsere sozialen Bedürfnisse und du willst’s nicht wissen?>. Haben wir es in den vergangenen Monaten nicht schon sehr oft gehört? Nur noch bis Weihnachten, nur noch bis zu den Faschingsferien, nur noch bis Ostern müssen wir verzichten – dann wird es wieder gut. Wobei, so langsam dämmert es uns, dass der geforderte Verzicht noch viel länger gehen wird.

 

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. – Dieser Satz ist schon über 2500 Jahre alt, aber ich haben den Eindruck, er hat an Aktualität nichts verloren. Während tausende Selbstständige, die gesellige und kultur-schaffende Berufe ausüben, in den Zwangsurlaub geschickt wurden und um ihre Zukunft bangen müssen, gibt es hunderttausende die in den großen Firmen angestellt sind und weiterhin im Akkord schaffen müssen. Was für ein seltsamer Verzicht: auf das Soziale verzichten wir, aber materiell wollen wir auf keinen Fall irgendwelche Einbußen.

 

Wie unglaublich absurd dieses Verhalten ist, wird am meisten bei den Kindern deutlich: Wenn Sie Ihre Kinder befragen, was Ihnen an der Schule am besten gefällt oder gefallen hat, dann wird die häufigste Antwort „Freunde treffen“ sein. Danach kommt die Pause und sehr häufig noch der Sportunterricht. Und dann fragen sie noch, was die Kinder am wenigsten gerne machen: Ich tippe darauf, dass die häufigste Antwort „Hausaufgaben“ sein wird. Heimschulunterricht vor dem Computer ist für viele wie Hausaufgaben von 8.00-13.00 Uhr (oder auch noch länger), auch wenn sich die Lehrer sehr viel Mühe geben und versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Nach dem Heimschulunterricht gibt es aber noch mehr Hausaufgaben. Dazu kommt die Angst der Eltern, dass die Kinder abhängen und am Ende nichts aus ihnen wird. Wir behandeln unsere Kinder wie Arbeiter. Auf alles sollen sie verzichten können, nur nicht auf ihre Arbeit. Wie wäre es denn, wenn wir die Kinder mal ein Jahr lang einfach miteinander spielen lassen, damit sie ihre sozialen Bedürfnisse wieder auffüllen können?

 

Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. – auch das lässt sich momentan gut beobachten. Dass die häusliche Gewalt zugenommen hat, hat wahrscheinlich jeder schon irgendwo gehört oder gelesen. Verzicht – dazu auch noch aufgezwungener Verzicht – führt zu Aggressionen. Das kann man alltäglich beobachten: z. B. kommt bei manchen Menschen das Hungergefühl immer zur gleichen Zeit. Wenn sie dann nichts zu essen bekommen, dann werden sie mürrisch, manchmal sogar aggressiv. Besonders wütend werden viele Menschen, wenn sie selbst verzichten und andere sehen, die nicht in gleicher Weise verzichten. Der Verzicht soll ja schmerzen, damit es endlich besser wird – so die Logik des Verzichts. Klar ist aber: je länger der Verzicht, desto aggressiver werden die Menschen. Die Herzen werden hart – wer sich selbst nichts gönnt, kann anderen auch nichts gönnen.

 

Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Jesaja spricht von einem Gott, dem diese Art von Verzicht überhaupt nicht gefällt. Ja, noch mehr: Gott lässt sich durch diesen Verzicht überhaupt nicht beeinflussen. Das, was wir uns davon versprechen, werden wir nicht bekommen.

 

Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? – Das ist eine rhetorische Frage. Die Frage trägt ihre Antwort also schon in sich: Nein, natürlich gefällt es Gott nicht, wenn wir trübselig vor uns hinleben und so tun, als ob morgen die Welt unterginge. Was gefällt denn Gott?

 

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du berückst, reiß jedes Joch weg!Deutlicher kann man es nicht sagen! Lassen Sie uns mal überlegen, wer denn zur Zeit gebunden ist, wer bedrückt wird und nicht frei Leben kann? Wenn wir diese Worte Gottes aus Jesaja ernst nehmen, dann müssten wir das Wegsperren und Zusperren, mit all seinen Folgen eigentlich beenden (Das englische Wort „Lockdown“ bedeutet auf Deutsch „Sperrung“).

 

Nun: Ist das vielleicht einfach ein veraltetes Gottesbild, das Jesaja hat und wir müssen es halt auf unsere Zeit anpassen? „Wir sind heute viel weiter“ – diesen Satz habe ich schon oft gehört und ich kann nicht anders als ihn hochmütig und stolz zu finden. Selbst aus dem höchsten kirchlichen Amt der evangelischen Kirche kommen Sätze wie: „Wir müssen Abschied nehmen von einem Bild von Gott als einem, der alles unter Kontrolle hat.“ – Viel lieber wird dafür das Bild vom leidenden und machtlosen Gott in Jesus Christus genommen. Als ob Jesus ein dauerhaft leidendender Mensch gewesen wäre, der sich die meiste Zeit seines Lebens sehr ohnmächtig gefühlt hat. Ich sehe in den Evangelien einen Jesus, der das Leben gefeiert hat. Aus Gottes realer Kraft heraus ist er auf Aussätzige zugegangen und hat ihnen dadurch Leben gebracht. Und zuletzt ist er willentlich den Weg nach Jerusalem gegangen. Er wollte dem Leiden nicht ausweichen. Er hat es angenommen, gerade weil er wusste, dass Gott alles unter Kontrolle hat.

 

Wir müssen uns klarmachen was es bedeutet, wenn nicht Gott die Kontrolle über das Leben und das Sterben hat. Dann müssen Menschen diese Kontrolle übernehmen, oder vielleicht noch schlimmer Maschinen.

 

Ich persönlich halte mich lieber zu dem Gott, den Jesaja hier beschreibt, denn diese Worte sind für mich voller Leben und Freiheit. Oder wie es David in 2. Sam 24,14 zu Gad sagt: „Es ist mir sehr angst, aber lass uns in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; ich will nicht in die Hand der Menschen fallen.“

 

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! – vielleicht verbinden wir diese Zeilen mit Bildern von hungernden Kindern und flüchtenden Menschen. Es ist tragisch, dass es diese Bilder auf der Welt gibt und es ist erfreulich, dass es Menschen gibt, die sich dieser Notleidenden annehmen. Doch sind diese Bilder eben nur Bilder und entsprechen nicht unserer Lebenswirklichkeit. Menschen ohne Kleidung, ohne Nahrung und ohne Dach über dem Kopf sehen wir bei uns glücklicherweise sehr selten. Auch mithilfe des technischen Fortschritts ist es uns heute möglich, dass diese biologischen Notwendigkeiten ausreichend vorhanden sind. Aber wir sind eben nicht nur Körper, sondern wir haben auch eine Seele. Diese Zeit offenbart uns vielleicht in noch nie dagewesener Weise, dass wir seelisch hungern, nackt und obdachlos sein können.

 

Wenn ich meine Kinder beobachte, wenn sie mal anderen Kindern begegnen ist das wie, wenn man nach tagelangem Fasten endlich wieder einmal etwas zu essen bekommt. Strahlende Gesichter und große Freude. Ich sehe aber auch alte Menschen, die vor Einsamkeit zugrunde gehen – seelisch sind sie ohne Obdach, biologisch werden sie am Leben erhalten – dafür rühmen wir uns dann. An Jugendliche denke ich – an weinende Jugendliche, die seelisch völlig verunsichert wurden, weil ihnen mitgeteilt wurde, dass sie schuld sein könnten am Tod ihrer Großeltern, wenn sie ihnen zu nahekommen.

 

Der Gott, von dem Jesaja spricht, sagt: entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. Es ist die Frage, ob wir diesem Gott glauben, von dem Jesaja spricht, der alles unter Kontrolle hat und genau weiß was seine Menschen brauchen. Der es liebt, wenn wir frei und ohne Sorgen sind, wenn wir einander begegnen und das Leben – das echte Leben – miteinander teilen.

 

Ja, Gott fordert einen Verzicht von uns – tatsächlich, aber einen ganz anderen, als wir denken. Die Israeliten verzichteten auf Essen, wir verzichten heute auf unsere sozialen Bedürfnisse. Natürlich, der Verzicht führt zu Hunger – ein schmerzhaftes Gefühl – aber dieser Verzicht ist ohne Risiko. Wir schneiden das weg, was wir meinen, nicht unbedingt zu benötigen. Durch den Verzicht soll ein Ziel erreicht werden: das alte, gute Leben, das wir hatten, soll erhalten werden. Auf materielle Einbußen wollen wir dabei lieber nicht verzichten (vgl. V.3). Das Leben, das wir bisher hatten, das wollen wir um jeden Preis erhalten. Das muss abgesichert werden, gerade durch den Verzicht. Sicherheit geht vor.

 

Das Fasten, das Gott gefällt, verzichtet aber auf die Sicherheit und gibt dafür Freiheit und spannendes Leben. Die erste Aufforderung endet in dem Satz „Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“. Freiheit birgt immer ein Risiko in sich. Wenn Sie ihrem Kind die Freiheit lassen auf den Baum zu klettern birgt es das Risiko, dass es herunterfällt. Freiheit gibt es nicht ohne Risiko. Aber genau daran hat Gott Gefallen – das ist Leben.

 

Im alten Israel gab es Brot und Kleider nicht in Hülle und Fülle, in den Häusern gab es nicht einen ungenutzten Raum. „Brich dem Hungrigen dein Brot“ konnte also bedeuten, selbst in Not zu kommen. Jemand anderen ein Obdach zu geben, mit ihm zusammenzuleben war eine komplette Veränderung des eigenen Lebens mit ungewissem Ausgang. Den Nackten zu kleiden konnte dazu führen, selbst halbnackt zu sein. Derartige Taten bergen ein Risiko: die Sicherheit des eigenen Lebens wird aufgegeben. Das eigene Leben kann sich stark verändern, ja vielleicht gerät man sogar selbst in Not dadurch.

 

Doch genau an diesem Verzicht auf die Sicherheit hat Gott gefallen. Warum denn das? Aus zwei Gründen. Erstens führen die Aufforderungen Gottes in Gemeinschaft und Freundschaft – was wertvoller ist als langes Leben. Zweitens kann uns dadurch Gott zeigen, dass er alles unter Kontrolle hat. In diesem Loslassen der eigenen Sicherheit zugunsten des Wohls der anderen und dem gleichzeitigen Vertrauen auf den lebendigen Gott liegt dann folgende Verheißung:

 

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

 

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

 

Ehrlich gesagt, dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Wie so oft ist die Weisheit der Bibel meinem Denken weit überlegen und ich komme nur weiter, wenn ich es ausprobiere.

 

Deswegen bleibt mir nur zu sagen:

 

Da Gott alles unter Kontrolle hat, bin ich sehr zuversichtlich, dass er uns irgendwann vom Sofa wieder auf die Straße und an die Hecken und Zäune führen wird.

 

Amen.

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae, 7. Februar 2021, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz über Lukas 8, 4-8

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In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass ich sehr unterschiedlich höre. Und ich habe gemerkt, dass die Art und Weise, wie ich höre, sehr mit meiner Befindlichkeit oder mit meiner Tagesform zu tun hat. Kennen Sie das auch? Wenn ich zum Beispiel mit meinem Mann am Mittagstisch sitze und er mir etwas erzählt, ertappe ich mich manchmal (oder sogar relativ oft) dabei, dass ich ihm nur teilweise wirklich zu höre. Mit dem überwiegenden Teil meines Bewusstseins höre ich in mich hinein, bin gedanklich noch mit alldem beschäftigt, was am Vormittag so war, merke, dass ich noch Zeit brauche – und vor allem die Ruhe – um diese vielen Stimmen und Gedanken noch nachklingen zu lassen, ihnen nachzuhören. War das richtig, wie ich entschieden habe? Habe ich da gut reagiert? War das nicht etwas vorschnell? Oder ich bin mit einem Problem beschäftigt, für das ich noch keine Lösung habe, und ich merke, wie ich sehr darüber nachdenke, wie es in dieser Sache weitergehen soll. Irgendwann merke ich, dass ich meinem Mann nicht mehr zuhöre.  Entschlossen beende ich meine bisherigen Gedanken, trinke abschließend einen Schluck Wasser und konzentriere mich von da an bewusst nur noch auf das Hier und Jetzt, auf die Stimme und Gedanken meines Mannes, auf das liebevoll zubereitete Essen, und endlich beginnt ein echtes Gespräch.

 

Das geht, merke ich dann immer. Man kann sich bewusst ermahnen, richtig zuzuhören. Und dann hört man ganz anders, kann den Gedanken des anderen folgen und reagieren. Ja, man hört ganz anders. Hört, was noch mitschwingt neben den Worten, die gesagt werden. Hört vielleicht auch manches, was nicht gesagt wird. Nimmt den Tonfall wahr, einen bestimmten Klang, versteht oder erahnt eine leise Bedrückung, ein Zögern, das einem entgeht, wenn man nur so halb hinhört. Wenn ich mich dafür entscheide, richtig zuzuhören, dann bin ich bereit. Bereit zu hören.

 

Oder manchmal, wenn ich mit Schülern Stille-Übungen mache. Wenn wir gemeinsam versuchen, 30 Sekunden absolut still zu sein. Was man da alles hört! Vogelgezwitscher, den Wind in den Bäumen, fernes Motorbrummen.

 

Bei solchen Stille-Übungen sind wir bereit. Sind wir bereit, die Stille zuzulassen, die soviel hörbar macht. Auch ganz leise Geräusche haben jetzt eine Chance wahrgenommen zu werden, gehört zu werden. Wir sind bereit zu hören. Und Geräusche, Klänge, auch ganz zarte und leise, und Worte, gesagte und ungesagte, fallen auf fruchtbaren Boden.

 

Als Predigttext für den heutigen Sonntag haben wir heute einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium vor uns. Es ist das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. In Lukas 8 lesen wir in den Versen 4-8 folgende Worte:

 

Als eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu Jesus eilten, sprach er durch ein Gleichnis: „Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und in dem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es. Weil es keine Feuchtigkeit hatte, Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Das vierfache Ackerfeld. Viermal anderer Boden, auf den die Saat fällt. Die Samenkörner werden zertreten, aufgefressen, verdorren. Nur etwa ein Viertel von ihnen allen fallen auf fruchtbaren Boden, auf das gute Land. Sie gingen auf und trugen hundertfach Frucht.

 

Nur ein Viertel fiel auf guten Boden. Ob das auch ein Bild für unser Hören ist? Nur ein Viertel von allem, was auf uns einströmt, erfassen wir bewusst. Der größte Teil von allem rauscht an uns vorbei, ungehört, unbemerkt, ohne Eindruck zu hinterlassen. Kann das sein?

 

Wenn ich mein eigenes Hören so überdenke, kann ich mir das schon vorstellen. Wenn ich ungeduldig bin, höre ich nicht so richtig hin. Wenn ich mit anderem beschäftigt bin, und das bin ich sehr oft, höre ich offenbar nicht gut zu. Wenn ich bedrückt bin und voller Sorge, höre ich wohl auch nur dunkle Klänge und bin für die hellen Töne nicht erreichbar. Doch, es könnte sehr wohl sein, dass das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld unser menschliches Hören ganz gut beschreibt. Unser vielfältiges und immerwährendes Beschäftigtsein, unser Erfülltsein von Sorge und von den Aufgaben des Alltags. All das lässt uns manches, vieles überhören. Und das, was da eigentlich noch zu hören wäre, was so wichtig wäre, was uns helfen würde, wird zertreten, aufgefressen oder es verdorrt.

 

Es ist doch so: Wenn ich mich ganz bewusst dazu ermahne, jetzt bei diesem Gespräch, bei diesem Menschen, der mir gerade gegenüber sitzt, gut zuzuhören, dann lasse ich mich auf mein Gegenüber ein. Ich höre und verstehe nicht nur seine Worte. Ich sehe, wie seine Augen vor Freude strahlen oder vor Trauer trüb werden. Ich kann Tränen hören, auch solche, die schon lange geweint wurden. Das kann man, glauben Sie mir. Ich kann aber auch Erleichterung hören, Freude und Glück. Ich übe mich dann darin, selbst nicht soviel zu sagen, sondern mich aufs Hören zu beschränken. Der andere weiß aber, er wird gehört. Und das macht oft manches möglich. So führt gutes Hören zum Mitfühlen. Zur Empathie. Zum Verstehen. Dazu, dass ein anderer weiß: ich werde gehört. So führt gutes Hören dazu, dass Leid gehört wird. Oder Dank. Oder Freude. Es führt dazu, dass man wissen kann: dies  oder jenes, worüber wir gesprochen haben, wir tragen es gemeinsam. So entsteht Verbundenheit, Vertrauen. Und so fällt es „auf das gute Land, und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“

 

Auf einem Spaziergang höre ich auch anders als sonst. Am allerliebsten gehe ich ganz allein spazieren. Da kann ich ín meinem eigenen Tempo gehen und in meinem Rhythmus atmen, muss nichts reden. Lasse meine Gedanken schweifen, komme innerlich zur Ruhe, und fange schließlich an zuhören. Richtig zu hören. Ich höre, wie mit den Schülern in der Stille die Vögel zwitschern. Ich höre den Frühling, wissen Sie, was ich meine? Ich höre den Wind in den Zweigen, das Rascheln von Laub. Und eigentlich finde ich es immer sehr schön so unterwegs, egal zu welcher Jahreszeit. Ich sehe vielmehr, entdecke bewusster die Schneeglöckchen hier und die unglaublich schönblühenden Christrosen dort. Ich höre und sehe die Schönheit der Natur um uns herum. Beginne wieder neu, die Natur als Schöpfung zu sehen. Merke, dass ich ausgeglichen und irgendwie hoffnungsfroh gestimmt nach Hause komme. Und so fällt es „auf das gute Land, und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“

 

Wenn man bis obenhin vollgefüllt ist mit Traurigkeit oder mit großer Sorge um jemanden, fallen gut gemeinte Worte auf keinen guten Boden. Manchmal fällt da auch der Hinweis auf Gott nicht auf guten Boden. Sondern weckt eher Zorn oder Enttäuschung. Warum hilft mir Gott nicht? Gefällt es ihm, dass ich verzweifelt bin? Gefällt ihm dieses Leid? Man kann es dann nicht hören, dieses Gerede von dem guten Gott oder dem lieben Jesus. Wo ist er denn? Wo, gerade dann, wenn man ihn braucht? Das Herz ist zugeschnürt. Man ist sozusagen nicht „bei Trost“, man ist so aufgewühlt, dass der Trost keinen Platz in der Seele findet. Aber manchmal gibt es in all der Aufgewühltheit einen Moment, vielleicht der Erschöpfung, und da stolpert man über einen Lied oder ein Psalmwort, und es rührt mich an. Und man streicht mit der Hand über die Seite und liest es wieder und wieder. Und man beginnt sich an diesen Worten festzuhalten. Hat in allem Kummer etwas gefunden, was doch Halt gibt. Und Trost. Und man wieder neu hinhört, darauf, dass Gott nicht das Leid gefällt, sondern an der Seite der Leidenden und Traurigen steht. Und so fällt es „auf gutes Land, und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“

 

Amen.  

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Predigt von Pfr. Lukas Frei über 2. Petrus 1,16-19 am 31.01.2021 (Letzter Sonntag nach Epiphanias)

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16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Mythen gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.   2. Petrus 1,16-19

 

Petrus schreibt: „Denn wir sind nicht ausgeklügelten Mythen gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus;“ – will heißen: mit unserer Botschaft von der Kraft und dem Kommen von Jesus Christus stützen wir uns nicht auf irgendwelche Erzählungen, die wir bis ins kleinste Detail durchdacht haben, so wie die Erklärungen über die Welt, die uns je nach herrschender Ideologie aufgetischt werden. „Sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.“ – schreibt Petrus.

 

Was ist diese Herrlichkeit, die Petrus und andere Jünger gesehen haben?

 

„Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.“

 

Wie bitte, das ist alles? Eine Stimme und die spricht einen kleinen Satz? Das soll jetzt die Herrlichkeit von Jesus Christus sein? Darin liegt Kraft? Wie soll das denn helfen?

 

Hilfe haben wir doch gerade sehr nötig. Es ist dunkel geworden in unserer Welt und die Angst greift um sich. Finden Sie nicht? Unsere Welt wurde ja in eine unglaubliche Angst versetzt. Vieles war vielleicht im Verborgenen schon lange da, aber jetzt ist die Angst offengelegt worden.

 

Da sind die einen, die furchtbare Angst haben vor dem Virus – was nicht unbegründet ist, denn Krankheit kann zum Tod führen. Aber das ist nicht die einzige Angst, die kursiert.

 

Andere haben die Angst, dass die Freiheiten und Grundrechte, die wir hatten, nicht wieder zurückkommen werden und dass das Regieren durch Verordnungen bleiben wird und sich so eine neue Regierungsform etabliert – auch diese Angst ist nicht unbegründet, schließlich gibt es kein wirklich benanntes Ziel, nach dessen erreichen die Maßnahmen komplett aufgehoben werden.

 

Und natürlich gibt es immer mehr Menschen, die einfach Angst davor haben, bald keine Arbeit mehr zu haben und dann auch nicht mehr genug Geld, um ihre Schulden, ihre Miete, oder gar ihr Essen bezahlen zu können. Die Begründung dieser Angst liegt auf der Hand: Ihnen brechen alle Einnahmen weg.

 

Und dann gibt es noch die Angst, dass man für die Kinder eine sehr düstere Zukunft sieht – auch die ist nicht unbegründet; die vielgepriesene Chancengleichheit beispielsweise geht mit dem Heimschulunterricht sicherlich flöten.

 

Alle Gruppen haben inzwischen ihre Lösungsansätze und sind der Überzeugung zu wissen, was es jetzt braucht. Die einen sprechen von immer härteren Maßnahmen, „Zero Covid“ – wie in einem Opferkult: es muss geopfert werden, was geopfert werden kann.

 

Die Gegenseite will am liebsten den Umsturz des Systems und alle Entscheidungsträger direkt vor Gericht ziehen.

 

Wissen Sie, was alle zusammen vereint? Dass sie sich an vielen Stellen ihres Lebens völlig ohnmächtig und hilflos fühlen. Und da wir Menschen das schlecht aushalten können tut jeder, was er meint tun zu können, um das Schlimme, das man auf sich zukommen sieht zu verhindern.

 

Und Jesus, was kann der uns jetzt in dieser Situation geben? Petrus schreibt doch: „wir haben euch kundgetan die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus“. Was ist diese Kraft, die Jesus uns gibt? Krankheiten heilen, das wäre jetzt super, denken wir vielleicht. Das hat bei Jesus ja ganz gut geklappt. Aber bei uns? Woher kommt denn diese Kraft bei Jesus?

 

Alle Kraft im Leben von Jesus Christus kommt von dem Satz, den der allmächtige und herrliche Gott über Jesus auf dem Berg sagt: „das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Aber was bedeutet denn dieser Satz?

 

Der Vater liebt seinen Sohn. In diesem Kontext der Liebe Gottes betrachtet und lebt Jesus sein ganzes Leben. Und das heißt: Egal, wo ich bin, was oder wem ich entgegentrete, wie die Machtverhältnisse auch immer sind – ich bin Gottes geliebter Sohn. Und nichts geschieht ohne meinen Vater im Himmel. Es sind ja sogar meine Haare alle gezählt. Er wird mir alles geben, was ich brauche. Auch im Sterben und über den Tod hinaus.

 

Merken Sie die Kraft in diesen Worten? Das wäre doch super, sowas von Herzen sagen zu können, mit so einem Vertrauen durchs Leben zu gehen. Dieses Vertrauen ist die Kraft, die Jesus erfüllt hat und sie fließt ihm zu durch diese Worte: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

 

Genau diese Kraft hat Jesus weitergegeben. Darum haben sich die meisten Menschen bei ihm so wohl gefühlt. Und deswegen hat Jesus auch keinen Bogen um Kranke gemacht, selbst wenn diese ansteckend waren. Er hat sie angesprochen, häufig mit den Worten: „Meine Tochter, mein Sohn“ – er nimmt sie mit in die Perspektive und das Vertrauen Gottes. Er berührt sie und spricht sie an wie Gott ihn angesprochen hat und sie werden gesund.

 

Jesus musste sich noch nicht einmal anstrengen um Menschen zu heilen, sondern die Kraft Gottes war in ihm und die ist einfach auf andere übergesprungen und hat sie gesund gemacht. Denken Sie an die Geschichte von der kranken Frau, die den Saum des Gewandes von Jesus berührt und gesund wird (Markus 5,25-34).

 

Der Geist Gottes, die Kraft Gottes ist auf Jesus. Das haben Petrus und die anderen Jünger erlebt. Und diese Kraft hat ihren Ursprung in der Zusage: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

 

Und diese Kraft ist auf uns Jünger übergegangen. So schreibt der Evangelist Johannes: „Allen, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, denen die an seinen Namen glauben.“ Das was Jesus gilt, gilt auch uns, die wir ihm vertrauen.

 

Darum schreibt Petrus weiter: „Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

 

„Umso fester haben wir das prophetische Wort“ – während die anderen ausgeklügelte Erklärungsmodelle haben, die aber kein bisschen helfen um aus der Angst herauszukommen, haben wir das prophetische Wort. Dieses prophetische Wort lässt sich bündeln in der Zusage an jeden von uns: „Du bist mein geliebtes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Dieses Wort ist wie die Überschrift über die Lehre von Jesus Christus.

 

„Sorgt euch nicht um euer Leben“ sagt Jesus – ja natürlich, wieso denn auch? Ich bin ja ein geliebtes Kind Gottes. Er weiß doch was ich brauche. Daran ändert auch der Tod nichts.

 

„Urteilt nicht über andere“ sagt Jesus – ja natürlich, wozu denn überhaupt? Ich bin ja ein geliebtes Kind Gottes. Der Vater im Himmel wird jedem geben, wie und wann und was er will.

 

Die Bibel ist voll von prophetischen Worten, die sich unter dieser Überschrift zusammenfassen lassen „Du bist mein geliebtes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.“.

 

„Und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort“.

 

Petrus ruft uns zu: Lass Dich nicht in die Dunkelheit locken, sondern gehe mit Deiner Seele zum Licht. Lese die Worte von Jesus. Höre, was er sagt. Jeden Tag. Diese Botschaft kann man nicht oft genug hören: „Du bist mein geliebtes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.“

 

„Bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ – hör nicht auf, dem Licht nachzugehen. Irgendwann geht der Morgenstern in Deinem Herzen auf und mit dem flutenden Licht des Tages verschwindet die Dunkelheit und die Angst.

 

Dann können wir allem entgegentreten was uns Angst machen will, weil wir wissen, dass Gott in allem uns seine Liebe erweisen wird. Wir können das an Jesus Christus sehen. Der ist im Vertrauen auf Gott seinen Weg bis ans Kreuz gegangen. Nicht nur, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, nachdem er schrecklich gelitten hat und einen brutalen Tod sterben musste – Gott hat ihm auch noch alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben – es ist unvorstellbar, welche Kraft in dem Namen Jesus steckt, bis auf den heutigen Tag – Millionen von Menschen gibt er Hoffnung und Leben tagein, tagaus.

 

Diese Kraft Gottes, Kinder Gottes zu werden, die wir durch Jesus bekommen haben, die vertreibt alle Finsternis und Angst. Klar: Wenn der Tod seine angstmachende Macht verloren hat, dann kann keine Krankheit, keine Regierung, kein Elend, keine Armut uns mehr die Lebensfreude nehmen. Denn als Gottes geliebtes Kind wird er für mich immer einen Weg haben, für mich sorgen und mir zeigen, dass er mich liebt, auch im Leiden und Sterben.

 

Das ist die allergrößte und wichtigste Erfahrung, die wir in unserem Leben nur machen können. In der Bibel gibt es etliche Personen, die das erlebt haben – ganz besonders haben das vielleicht Mose und Elija erlebt, die auch auf dem Berg der Verklärung Jesus erschienen sind. Eine solche Liebeserklärung wie sie Jesus erlebt hat, und die uns Gott durch Jesus selbst zuspricht, ist wahrscheinlich unbeschreiblich viel größer als jedes Wunder, dass wir sonst auf dieser Erde erleben können.

 

Darum vergessen Sie es nicht: Gehen Sie mit Ihrer Seele zum Licht. Hören Sie auf die Worte von Jesus, denn je dunkler es um uns herum wird, desto heller scheint das Licht. Ja, das Licht leuchtet in der Finsternis. Lux lucet in tenebris.

 

Amen

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Predigt über Rut 1, 1-19a zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24.1.2021 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Die Geschichte, um die es in der Predigt heute geht, erzählt von einem Menschen, der seine Heimat verlässt, weil er sich in der Fremde ein besseres Leben erhofft. Ein Leben mit weniger Sorgen, ohne Hunger und Not. Ein Leben mit einem Dach über dem Kopf und einem ausreichenden Essen auf dem Tisch und mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wenn ich das so lese, dann erinnert mich dies an manches Gespräch, in dem ich mit Angehörigen eine Trauerfeier vorbereite und in dem mir die Angehörigen aus dem Leben des Verstorbenen erzählen. Das erlebe ich immer als etwas sehr Kostbares, diese Biografie, dieser Lebensweg, den die Angehörigen für mich beschreiben. Ich bin immer wieder beeindruckt von manchem Leben, von dem, was Menschen alles erlebt und durchlitten haben. Und gerade in letzter Zeit waren es Geschichten, die der aus unserem Predigttext sehr ähneln. Menschen, die am Ende des Krieges fliehen mussten, alles zurücklassen mussten, mit Pferd und Wagen Natur und Jahreszeiten und Gewalt ausgeliefert waren. Oder von Menschen, die später aus der Sowjetunion und überhaupt aus dem Osten ausreisen konnten und sich auf den Weg in den Westen und zu uns machten, eben in der großen Hoffnung und mit der großen Sehnsucht, hier ein besseres, ein gutes, ein glücklicheres Leben und eine realistische Hoffnung auf eine gute Zukunft zu haben. An all das erinnere ich mich, wenn ich diese Geschichte lese, die Geschichte von Noomi und ihrer Schwiegertochter Rut:

 

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Koljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kijon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück, denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schweigertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter und geht hin, denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung! Und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schweigermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Elimelech und Noomi verlassen ihr Land. Wegen der Hungersnot sind die Sorgen übermächtig. Den Hunger in den Augen der Kinder zu sehen, ist unerträglich. Woher soll das tägliche Brot kommen? Es heißt, dass es im Nachbarland, in Moab, viel besser ist. Dort gibt es Lohn und Brot, dort gibt es gut zu essen. Die Aussicht, dort mit den Kindern um einen gut gedeckten Tisch sitzen zu können, die Hoffnung, dort in Moab ein besseres Leben zu finden, lässt sie aufbrechen, dorthin, wo sie zunächst mal Fremdlinge sind. Und vielleicht auch nicht so sehr willkommen. Auch für sie ist alles fremd, die Sprache, die Religion, die Kultur, die Bräuche. Niemand versteht sie, es gibt keine Gemeinschaft, keine gemeinsame Basis. Nur das Leben selbst und die Sehnsucht nach Glück.

Aber mit den Jahren wird es besser. Die fremde Sprache, man beginnt sie zu verstehen. Irgendwann kann man sich verständigen. Man gewöhnt sich an diese fremde Religion, sie wird alltäglich. Man lernt Menschen kennen, vor allem die beiden Söhne. Sie finden ihre Liebe, ihr Glück, heiraten jeder eine Frau aus diesem Land, das inzwischen das ihre geworden ist, dessen Sprache sie nun selbst sprechen. Dass die Frau eine andere Religion hat, ist kein Hindernis, das Leben gemeinsam zu leben.

 

Eine Familiengeschichte, wie wir sie zahlreich kennen. Wie sie sich auch jetzt in diesen Zeiten täglich abertausend Mal ereignet, im Leben von Menschen aus ganz fremden Ländern, mit völlig fremden Sprachen, mit fremden Religionen, mit ganz anderen Kulturen und Gebräuchen. So viele von ihnen kamen und kommen zu uns, mit der Suche und der Sehnsucht nach einem besseren, einem guten Leben.

 

Elimelech und seiner Familie gelingt es, eine neue Heimat und ein besseres Leben zu finden. Viel später, als Elimelech und auch die beiden Söhne gestorben sind, stellt sich die Frage, was mit den drei Frauen nun geschieht. Die Männer, die damals diejenigen waren, die für die wirtschaftliche Sicherheit der Frauen, der Familien sorgten, waren gestorben. Rente und Versicherungen gab es damals nicht. Eine neue Not drohte den drei Frauen. So entschied Noomi, noch einmal aufzubrechen und in die alte Heimat zurückzukehren, wo noch entfernte Verwandte lebten, die sie wohl aufnehmen und versorgen würden. Familie verpflichtet schließlich. Sie wollte auch Orpa und Rut nicht im Wege stehen, ihnen keine Last am Bein sein. Diese beiden waren ja in ihrer Heimat, hatten dort ihre Herkunftsfamilien. Für sie würde gesorgt sein, vielleicht könnten sie nochmals heiraten. Vernünftige Gedanken.

 

Aber Rut entscheidet sich anders. Nun ist sie es, die sich aufmacht, ihre Heimat, die vertraute Sprache, die Familie verlässt und in die Fremde geht. An der Seite von Noomi, ihrer Schwiegermutter, die sie mitnimmt in ihr Land, in ihre Familie.

 

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“

 

Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott, sagt Rut zu Noomi. Keine Landesgrenze kann sie voneinander trennen. „Dein Volk ist mein Volk.“ Und nicht mal die Religion trennt sie noch. „Dein Gott ist mein Gott.“ Grenzen werden überwunden, gemeinsam. So kommt es, dass Rut nach Bethlehem kommt. Dort ein neues gutes Leben findet. Eine neue Liebe, ein neues Glück findet. Noch einmal Mutter wird. Und so ihren Platz in die Ahnenreihe Jesu einnimmt.

 

Da sehen wir es. Schon die Ahnen Jesu sind international. Zu Jesu Geburt kamen die Weisen aus dem Morgenland. Von weit her ließen sie sich von den Sternen am Firmament leiten bis nach Bethlehem. Und Jesus selbst hat sich mit seinen Jüngern mit seinem Reden und Tun auch den Nachbarn des Volkes Israel zugewandt, Ausländer geheilt, mit Samaritern debattiert.

 

Während ich diese Worte schreibe, fällt mir ein, dass ich vor zwei Wochen in meiner Predigt immer wieder vom „Grundsatz der Verschiedenheit“ gesprochen habe und davon, dass erst die Verschiedenheit eine Gesellschaft lebendig, sozial, empathisch und barmherzig macht. Ich erinnere mich daran, weil mir dieser Grundsatz hier in der Geschichte von Rut, in der Geschichte von den internationalen Vorfahren Jesu wieder begegnet. Dieser Grundsatz der Verschiedenheit, die eine Gesellschaft, eine Menschheit erst sozial, empathisch und barmherzig macht.

 

Der Wochenspruch für die heute beginnende Woche steht in Lukas 13,29. Er gibt das Thema für diese Woche an. Er lautet: „Und es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Im Reich Gottes, im Himmelreich, da wird es bunt und vielfältig sein. Grenzen wird es nicht mehr geben, nicht zwischen Ländern, Nationen und Sprachen, nicht zwischen Kulturen und Religionen. „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Für meinen Grundsatz der Verschiedenheit von vor zwei Wochen finde ich hier sozusagen eine himmlische Bestätigung.

 

Das Reich Gottes, das Himmelreich – hier wird das Leben so sein, wie Gott es sich gedacht hat. Dort gibt es kein Leid, kein Sterben, keine Einsamkeit, keine Verletzungen, keine Krankheit, keinen Hunger, keinen Krieg, keine Verfolgung, keine Grenzen mehr. Ich bin überzeugt, dass es im Himmelreich sozial, empathisch und barmherzig, weil bunt und vielfältig zugehen wird. Es ist mein Sehnsuchtsland, nach dem ich und nach dem wir alle auf der Suche sind in unserem Sehnen nach Glück und einer guten Zukunft. Und diese Sehnsucht wird uns Menschen bleiben, weil es in unserer Welt noch nicht so ist wie Gott es sich gedacht hat. Wir leben in dieser vorläufigen Welt, in der es noch viel für uns zu tun gibt. Sollten wir uns nicht in dieser vorläufigen Zeit das Himmelreich zum Vorbild nehmen? Und versuchen, ein Stück Himmel auf die Erde zu holen? Indem wir versuchen, Grenzen zu überwinden, zwischen Sprachen, Religionen, Kulturen und Ansichten – zwischen Menschen. Die Vielfalt zum Grundsatz zu erheben. Und den ankommenden Menschen bei uns ein besseres, ein gutes Leben zu ermöglichen?

 

„Und es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

 

Amen.

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Predigt zu Joh 2, 1-11: „Hochzeit zu Kana“ von Pfr. Lukas Frei 17.1.2021

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1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Joh 2,1-11

 

An Hochzeit zu denken im Winter, dazu noch in einer Zeit in der es denkbar schwierig ist zu heiraten und es sogar gesetzlich verboten ist im großen Kreis zu feiern – das ist seltsam.

 

Nicht weniger seltsam ist die Situation in die uns diese Hochzeits-Geschichte selbst hineinführt.

 

Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Auf den ersten Blick sehen wir einen Hof mit einem Haus im alten Israel, vor dem Haus Wasserkrüge für die Waschungen nach dem biblischen Gesetz – ein frommes Haus also –  und drinnen wird der schönste Tag des Lebens für das Hochzeitspaar gefeiert. Ganz viele Gäste feiern mit. Sogar Jesus, seine Mutter und seine Jünger.

 

Beim zweiten Blick aber wundern wir uns: Der Wein geht aus, so lange das Fest noch voll im Gang ist. Ja konnte dieses Hochzeitspaar nicht rechnen? Das gibt es doch nicht.

 

Aber nicht nur der Wein geht aus. Draußen, die Krüge für die religiösen Waschungen sind leer. Jesus musste sie ja erst mit Wasser füllen lassen. Dabei hätte es bei so vielen Leuten, die miteinander essen genug Bedarf für Wasser zur Reinigung gegeben – sobald einer zurückkommt, der mal austreten war.

 

Doch so eindrucksvoll die Krüge neben dem Eingang stehen – sie sind nutzlos.

 

In diesem Haus ist vieles nur Fassade. Auch der Speisemeister, heute würde man sagen: der Chef des Catering- Service, der das Fest ausrichtet hat keinen Überblick über den Weinvorrat. Und das Hochzeitspaar bekommt von allem sowieso nichts mit.

 

Wirklich seltsam: Diesem Fest droht der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Und gerettet wird es nur von einem zufälligen Gast am Rande. Durch ihn bleibt die Fassade heil. Nur ein paar wenige haben etwas mitbekommen. Der Rest tanzt und trinkt ohne Unterbrechung.

 

Wie gesagt, eine seltsame Geschichte. Aber so seltsam diese Geschichte ist, ich denke, sie ist uns überhaupt nicht fern. Das ist bei uns nämlich gerade ganz ähnlich, dass vielen plötzlich der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Die Welt, wie wir sie vor 11 Monaten noch kannten, zerbricht vor unseren Augen. Vielleicht wird 2020 einmal eine Jahreszahl sein wie 1914 oder 1939 – ein Knick in der Weltgeschichte. Auf jeden Fall gibt es ein Vorher und Nachher.

 

Momentan wird vielen klar, dass wir ja die ganze Zeit über gar nicht auf festem Boden unterwegs waren, dass das Eis schon lange dünn war. Und jetzt ist es gebrochen.

 

Nur haben wir die ganze Zeit vorher gelebt, als ob uns nichts passieren könnte. „Wir haben alles im Griff! – mit unserer fortschrittlichen Technik werden wir mit allem fertig werden.“

 

Aber wir haben nichts im Griff. Und trotzdem probieren wir mit immer härteren Bandagen die Situation wieder unter Kontrolle bringen zu können. Mehr vom Gleichen (beispielsweise Einschränken) statt etwas Neues zu wagen, das ist die Devise. Das führt am Ende ins Verderben. Hilflos suchen wir mit immer mehr technischer Überwachung wieder Herr der Lage werden zu können. Das Heil, oder um im Bild zu bleiben „den festen Boden unter Füßen“ – den suchen wir in der Technologie, medizinisch und digital. Das uns von dort die Hilfe kommt, daran glaubt der Großteil unserer Gesellschaft.

 

Der Glaube wird wieder zum Thema – er beschreibt das, woran wir uns halten. Doch wie steht es mit unserem Glauben an Gott? Es kann durchaus sein, dass er ist wie diese Krüge vor dem Festsaal: Von außen ganz ansehnlich. Aber inwendig leer.

 

Der Vorrat, aus dem wir Kraft, Gesundheit, Energie schöpfen. Es kann durchaus sein, dass er zur Neige geht. Doch wir merken es noch nicht einmal, selbst in dieser Lage, weil wir immer noch der Überzeugung sind, dass wir es irgendwie noch schaffen können – wir brauchen nur auf die technologischen Lösungen der Menschen zu warten, die ja auch schon in den Startlöchern sind.

 

Die Mutter Jesu war die erste, die gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Sie hat nicht groß Alarm geschlagen, sondern hat Jesus angestupft: „Du, sie haben keinen Wein mehr.“

 

Doch Jesus hat nicht postwendend reagiert. Er hat nicht einmal beruhigend zu seiner Mutter gesagt: „Keine Sorge, ich mach das schon.“ Ganz im Gegenteil: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!“ So drastisch hat Luther übersetzt.

 

Ist das nicht oft genug unsere Erfahrung, wenn wir etwas von Jesus wollen? Nichts geschieht, gar nichts. Obwohl es dringend wäre. Obwohl wir inständig bitten.

 

Aber es tut sich nichts. Und dann lassen wir sehr schnell die Hoffnung auf ihn fahren und fühlen uns bestätigt in unserem Verdacht: Wenn’s wirklich ernst ist, kann uns Jesus nicht helfen. Dann brauchen wir eben andere Lösungen.

 

Maria ist hier interessant. Sie hat die Hoffnung nicht fahren lassen. Sie hat sich nach der schroffen Abfuhr nicht gekränkt zurückgezogen.

 

Zu Jesus hat sie nichts mehr gesagt. Aber zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ Was für ein Vertrauen – und was für eine bemerkenswerte Geduld. Maria hat den zweiten Satz von Jesus ernst genommen: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“ Sie hat gewusst, dass Jesus sich nicht drängen und nicht zwingen lässt. Aber dass er weiß, was nötig ist. Und dass er nicht vergisst, was man ihm einmal gesagt hat.

 

Wenn wir dieses Vertrauen und diese Geduld von Maria auch hätten! Das Vertrauen, dass, wenn Jesus jetzt nichts tut, das wohl seinen Sinn hat.

 

Denn hätte Jesus sofort mit dem Finger geschnippt und die Weinfässer wären wieder voll gewesen, dann wäre das Fest zwar weitergegangen, aber außer der Fassade hätte Jesus tatsächlich nichts gerettet.

 

Weil Jesus nicht mit dem Finger geschnippt und die Fässer wieder mit Wein gefüllt hat, ist diese Hochzeit für die Jünger und Maria jedoch der Anfang einer neuen Zeit geworden. Das wird am Schluss der Geschichte festgestellt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa. Und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

Glaube kommt aus der Geduld, aus dem Warten.

 

Denn: Glaube braucht, dass wir verstehen, wo in unserem Leben der Wurm drin ist.

 

Deshalb hat Jesus für die Rettung des Festes einen weiten Anlauf genommen. Und bei diesem Anlauf hat er aufgedeckt, wie leer das ausgelassene Leben dieser ganzen Hochzeit innen ist.

 

Vielleicht ist es immer so, wenn Jesus uns rettet. Dass er einen weiten Anlauf nimmt. Dass er uns auf einen Weg schickt. Wie die Diener. „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser!“

 

„Wieso? Im Moment braucht doch kein Mensch Wasser. Sondern Wein. Wenn wir jetzt etwas tun, dann schauen wir, ob irgendwo noch eine Tankstelle offen hat, wo wir Wein bekommen.“

 

Wenn es irgendwo fehlt, sind wir ganz schnell überzeugt davon, dass wir wüssten, was helfen kann. Schon im März 2020 wurde uns eingetrichtert, dass es nur eine Möglichkeit gibt, wieder in die Normalität zurückzukehren: eine Impfung. Und genau dorthin sind wir als Gesellschaft hingerannt, haben Unmengen an Geld und Anstrengung unternommen, möglichst schnell ein Ergebnis zu bekommen. Unsere Gedanken sind wie in einem Tunnel gefangen, ausgelastet von der angespannten Situation, sodass wir manchmal nicht einmal mehr zum Denken kommen.

 

Wenn nun die wirkliche Rettung etwas ganz anderes von uns verlangen würde? Wenn die wirkliche Rettung nicht auf dem direkten Weg zu haben wäre, sondern auf einem Umweg?

 

Wenn Jesus hilft, deckt er zuerst auf, was verkehrt ist. Und auf der Hochzeit hat Jesus aufgedeckt, dass die Wasserkrüge ja leer waren. Dass die Frömmigkeit, der Glaube an Gott ja hohl ist. Dass der angebliche Halt im Leben schon lange nicht mehr benutzt worden ist.

 

Das kann uns auch aufgehen. Vielleicht in dieser Lage, in der wir uns gerade befinden ganz besonders. Eine unkontrollierbare Krankheit hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen.

 

Von Beginn an haben die Kirchen zum Beten aufgerufen und haben vielleicht gehofft, dass schnell wieder alles gut wird. Doch wenn wir beten, geht nicht ruckzuck alles schnell vorbei und es werden wieder alle gesund. Das ist genau dasselbe, wenn wir tatsächlich an einer schweren Krankheit erkranken. In der Regel wird uns genau dasselbe aufgehen, was die Jünger und Maria dort in Kana gemerkt haben: „Die Wasserkrüge sind ja leer. Wie lange ist das her, dass ich ernsthaft mit Jesus, mit Gottes Macht gerechnet habe. Ich bin aus der Übung. Ich bekomme keine Verbindung zu ihm.“

 

An diesem Punkt ist es ein Segen, wenn wir nicht selber wissen wollen, was jetzt dran wäre. Hätten die Diener den Kopf geschüttelt: „Was brauchen wir jetzt das Reinigungswasser!? Priorität hat der Wein!“ und wären dann davongerannt auf der Suche nach einem Laden, der noch offen hat, hätte es kein Wunder gegeben.

 

Das wäre genauso, wie wenn wir sagen: zuerst einmal weder gesund werden, die Sache in den Griff bekommen, alles andere kommt danach.

 

Nein. So geht es nicht. Das andere kommt nicht danach, sondern ist Voraussetzung. Wenn Jesus rettet, deckt er immer zuerst auf, wo der Wurm drin ist. Oft wird das genau das sein: dass wir uns abgewöhnt haben, den Glauben zu praktizieren. Es geht doch auch so, ohne den praktizierten Glauben. Jesus sieht das anders: „Nehmt euren Glauben wieder in Betrieb!“

 

Vielleicht erscheint uns das überflüssig, ja vielleicht unsinnig. Wenigstens so lange uns die Krankheit noch bedroht. So wird es den Dienern gegangen sein, als Jesus, nachdem sie die Krüge gefüllt haben, gesagt hat: „Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister!“

 

„Was soll das? Wir machen uns doch lächerlich!“ Sie haben es trotzdem getan. Und so ist das Wunder geschehen.

 

Und das Wunder war, dass die Inbetriebnahme der Glaubensgefäße nicht ein blutleerer Ritus war. Sondern aus dem Wasser ist Wein geworden. Und bei Jesus steht Wein für Blut. Und Blut steht für Leben.

 

Das ist für die Bibel anders als für unser Gefühl. Wir bringen Blut eher mit Tod in Verbindung. In der Bibel jedoch steht Blut, das in unseren Adern kreist und uns lebendig hält, ganz für das Leben.

 

So ist die Geschichte vom köstlichen Wein in den alten Glaubenskrügen eine Geschichte vom neuen Leben. Auf geheimnisvolle Weise erzählt. Aber doch ganz handfest.

 

Vor allem, weil die Geschichte uns vor Augen führt, wie Jesus rettet. Dazu holt er weit aus. Er kümmert sich anscheinend nicht um unsere wirklichen Probleme, sondern fordert uns zu einer neuen Praxis des Glaubens auf. Doch in Wahrheit ist das kein Umweg, sondern der kürzeste Weg zur Rettung. Denn aus dem Glauben an Jesus Christus wird Leben – so wie aus dem Reinigungswasser der Wein.

 

Was nach direkterem Weg aussieht, wo es mit weniger Geduld und weniger Vertrauen zu gehen scheint, rettet nicht. In Kana ist das Fest nur weitergegangen, weil die Mutter Jesu Geduld und Vertrauen –  und weil die Diener auf Jesus gehört haben, auch ohne den Sinn zu verstehen.

 

Die meisten Festgäste haben von all dem nichts mitbekommen. Aber für einige war es der Beginn einer neuen Zeit.

 

Amen.

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Predigt über Römer 12, 1-8 zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Der Predigttext für diesen Sonntag heute steht im Brief des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Rom. In Kapitel 12, die Verse 1-8 heißt es: „Ich ermahne euch, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.“

 

Während ich mir Gedanken zu diesem Predigttext mache, bin ich innerlich gleichzeitig beschäftigt mit unserer ersten Kirchengemeinderatssitzung als Verbundkirchengemeinde. Denn was vielleicht noch niemand so richtig gemerkt hat: seit dem 1. Januar 2021 sind Großvillars und Oberderdingen eine Verbundkirchengemeinde. Wir gehören zusammen, führen unsere Haushalte zusammen, aus beiden Kirchengemeinderatsgremien wird ein großes Gremium, das neu wählen muss: einen neuen Kindergartenausschuss, einen neuen Bauausschuss, neue Synodalabgeordnete, jemand Neues im Diakoniestationsausschuss. Das alles kommt mir in den Sinn, als ich die Worte des Predigttextes lese. Da ist von Gaben die Rede, davon, dass jeder etwas anders gut kann und dass wir gemeinsam genau deshalb ein gutes Team sind. Das passt irgendwie ziemlich gut in unsere neue Gemeindestruktur, die dabei ist, ihren Weg in die Zukunft zu suchen. Denn es ist ja so: ganz verschiedene Menschen sind wir, ganz unterschiedlich in der Lebenssituation, in den Gedanken, in den Fähigkeiten. Das ist doch eigentlich eine ganz gute Grundlage, um ein Gremium zu bilden, das zusammen ein gemeinsames großes Ziel hat: den Menschen eine gute Gemeinde zu sein, Raum zum gemeinsamen Leben und Glauben zu bieten, wo sie Heimat und Trost finden. Und auch heute Abend finde ich, es ist schon ein gutes Bild für uns, dieses Bild von den verschiedenen Gliedern eines Leibes. Auch ein Bild, das versöhnlich die Verschiedenheit von uns allen unter ein gutes gemeinsames Dach stellt.

 

Und auch für eine Kirchengemeinde ist dieses Bild ein schönes Leitbild. Ganz verschieden sind wir und gehören gerade so verschieden zusammen. Eigentlich bleibt unser Glaube und unser Leben überhaupt nur in dieser Verschiedenheit so lebendig. Dieses Bild mit den verschiedenen Gliedern, die zusammen einen heilen und gut funktionierenden Leib bilden, ist geradezu ein Gegenentwurf zu dem modernen Lebensweltgedanken, dass Menschen, die gerade dieselbe Lebenssituation teilen, zusammen am besten harmonieren. Da wird man zwar von allen Seiten in seinen Ansichten und Empfindungen bestärkt und bestätigt, was sicher zunächst angenehm ist. Aber der Austausch fehlt völlig, das sich aufeinander einstellen, das Sehen aus der anderen Perspektive ist ausgeblendet, und die Gefahr, immer im eigenen Saft zu schmoren, um sich selbst zu kreisen und das Verständnis für die anderen und die Umstände der anderen gleiten einem aus dem Blick, werden immer weniger relevant. Schon von daher gefällt mir der Grundsatz der Verschiedenheit, wie ich dieses Bild mit den verschiedenen Gliedern an einem Leib schon fast nennen möchte, der Grundsatz der Verschiedenheit gefällt mir sehr gut. Er macht uns sozialer, empathischer und ja, auch barmherziger. Denn wir erheben uns so nicht selbst zum Maßstab aller Dinge, sondern lassen uns selbst und unsere Ansichten und Eindrücke ständig hinterfragen, lernen immer auch den anderen sehen und verstehen. Und nicht vergessen: untereinander ist einer des anderen Glied. Untereinander dienen wir einander. Ja, sozial, empathisch und barmherzig.

 

Und genauso könnte dies auch ein Idealbild für die Gesellschaft sein. Also nicht nur ein Idealbild, ein Leitbild für Kirche und Gemeinde, sondern es könnte auch ein sehr fruchtbares Leitbild für die Gesellschaft überhaupt sein. Die Verschiedenheit zum Grundsatz zu machen. Eine Gesellschaft ist nur dann gut und lebendig, sozial, empathisch und barmherzig, wenn sie aus ganz verschiedenen Menschen besteht, die ganz unterschiedlich leben und denken und ganz unterschiedliche Begabungen haben: Junge und alte Menschen, Männer und Frauen, solche, die arbeiten und einen Sozialstaat ermöglichen, und solche, die davon leben können. Eine Gesellschaft, die füreinander da ist. Eine Gesellschaft, in der es selbstverständlich verschiedene Sprachen und Religionen und Kulturen gibt, die diese Gesellschaft reich machen und den Menschen die Selbstverständlichkeit und den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen nahebringt. Kurz eine Gesellschaft, die sich umeinander kümmert, In der untereinander einer des anderen Glied ist. Ein biblisches Bild für Gemeinschaft, die unsere Gesellschaft lebendig, sozial, empathisch und barmherzig machen könnte.

 

Das ist auch ein Grund, warum ich unseren Glauben und unsere christliche Kirche nach wie vor relevant finde in unserer Welt und in unserem Leben. Auch wenn sie unter den Menschen immer mehr an Bedeutung verliert. Auch wenn viele Menschen die Kirche nicht mehr für wichtig halten. Für veraltet und verkrustet. Aus irgendeinem Grund erkennen viele Menschen die Schönheit unseres Glaubens nicht mehr. Erkennen die Schätze nicht mehr, die in den biblischen Texten zu finden sind und doch so wichtig wären und sind für ein gutes Miteinanderleben in der Welt. Ja, das ist auch ein Grund, warum ich unseren Glauben und unsere christliche Kirche nach wie vor relevant finde in unserer Welt. Weil sie der Gemeinschaft der Menschen in der Welt tatsächlich zu einem guten Leben verhelfen könnte. Weil sie uns alle auf den Weg der Barmherzigkeit führen könnte. 

 

Je mehr Verschiedenheit, desto besser, heißt es in unserem Text. Und auch: je mehr wir uns miteinander austauschen über unser Leben und über unseren Glauben, desto besser können wir in diesem Glauben mündig werden. Also urteilsfähig werden. Selbst überlegen und entscheiden, was gut ist und was schlecht, wie wir als Christen handeln sollen und wo unsere Verantwortung und Aufgaben liegen. Wie das Miteinanderleben aussieht, wie Gott es gemeint hat. „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Durch den Austausch miteinander können wir versuchen, das Leben und seine Situationen zu beurteilen. Können entscheiden, was richtig ist zu tun. Das erinnert mich wieder sehr lebendig an unser neues Gremium. Auch wenn viele Diskussionen manchmal mühsam und langwierig erscheinen, so sind doch genau sie es, die dazu führen, dass man Entscheidungen gut durchdacht und hin und her gewendet und von allen Seiten betrachtet hat. Nicht nur mit den eigenen Augen und mit dem eigenen Gefühl.

 

So ist es doch vielleicht ganz gut, dass uns dieser Text genau dann gegeben ist, wenn unser großes neues Gremium seine Arbeit aufnimmt. Und sich wohl ein bisschen Sorgen macht, was da so kommt in der Zukunft. Verschiedenheit und Austausch im Glauben, Und ein ganzer bunter Strauß unterschiedlichster Ideen und Begabungen. Und dazu noch Gottes Segen – so müssten wir doch eigentlich auf einem guten Weg sein!

 

Denken Sie an uns, wenn wir am Donnerstag in unsere erste online-Sitzung gehen. Und freuen Sie sich mit uns auf die Zeit, die kommt, wenn wir uns endlich wieder ohne Sorge begegnen dürfen, alle miteinander, so unterschiedlich, wie wir sind.

 

Amen.

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Predigt zu Epiphanias, 6. Januar 2021, über Jesaja 60, 1-6 von Pfarrerin Grefe-Schlüntz

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Epiphanias – der 6. Januar. Das ist der Tag, zu dem die Erzählung von den drei Weisen aus dem Morgenland gehört, die dem Stern gefolgt sind und dem neugeborenen König, dem Jesuskind in der Krippe, Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen.

 

Epiphanias – das ist die Zeit, in der die Sternsinger unterwegs sind, an den Türen klingeln und vom Stern über Bethlehem singen, und gute Gaben einsammeln, quasi Gold, Weihrauch und Myrrhe in Form von Geldspenden für Menschen in Not in der Welt. Schade, dass es dieses Jahr nicht möglich ist, dass die Sternsinger durch die Straßen ziehen und auf die Häuser die Segensformel schreiben: cmb – Christus mansionem benedicat. Ich hatte mich jedes Jahr schon auf die Kinder gefreut und bin von ihrem jährlichen Engagement immer sehr beeindruckt. Ich denke, es ist eine sehr wichtige Aktion, in der Kinder schon früh dafür sensibilisiert werden, die Not anderer wahrzunehmen und etwas dafür zu tun, sie zu lindern. Es ist eine Möglichkeit, wie wir alle Licht in die Welt bringen können.

 

Davon handelt der Predigttext für Epiphanias. Er steht im Buch des Propheten Jesaja, und dieser Text ist ein Lichttext. Er leuchtet in Worten, die uns sehr vertraut sind, in Worten, die vom Licht erzählen. Jesaja sagt dieses Licht voraus, das da kommen wird, und das über der Krippe Jesu im Stern von Bethlehem zu leuchten beginnt, und dessen Schein keine Grenzen kennt. Keine Grenzen von Ländern und Völkern, keine Grenzen von Konfessionen oder Kirchen. Dieses Licht leuchtet über die ganze Welt und möchte die Herzen aller Menschen erreichen. Dieser Text ist ein Lichttext, und in seinem Schein entdecken wir Spuren von Weihnachten. Hören wir auf die Worte aus Jesaja 60, 1-6:

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh um her: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

 

Ein Lichttext. Er kündigt uns das große Licht an, das die ganze Welt erleuchten wird. Ursprünglich richtete Jesaja diese Worte an das Volk Israel, als es heimgekehrt war aus der babylonischen Gefangenschaft. Endlich waren sie wieder daheim! Aber alles war anders, als sie es sich erträumt hatten. Nicht das schöne leuchtende vertraute Jerusalem, keine blühenden Landschaften. Sondern Streit und Missgunst. Was gehört wem? Kollidierende Ansprüche, Diskussionen darüber, was wem zusteht und wem was gehört. Und – ganz schnell war es so, dass das Eigeninteresse ganz stark war. Ganz schnell war es so, dass das Eigeninteresse viel stärker war als das Gemeinschaftsinteresse. Der eigene Vorteil wurde auf Kosten anderer durchgesetzt. Jerusalem – das stolze und erhabene Jerusalem – es war aus Trümmern aufgebaut, aus Ruinen. Es war armselig und bedrückend. Und so war es dunkel in Israel, in ihrem Gemüt, in ihrem Herzen in ihrer Seele, in ihrer Beziehung zu Gott. Finsternis erfüllte die Erde und bedrückte viele Menschen.

 

Und da hinein wird das Licht angekündigt. Das Licht. Für den einzelnen Menschen, aber auch für die ganze Welt. Das Licht. Erinnert ihr euch? An den Anfang der Schöpfung? Als das Licht geschaffen wurde? Als Gott im Anfang das Licht von der Finsternis schied, oder wie Mose in dem Licht des brennenden Busches den Auftrag Gottes empfing, das Volk Israel in die Freiheit zu führen? Erinnert ihr euch daran? So ist es auch jetzt. Es wird Licht werden. Auch wenn es noch so finster ist. Es wird Licht werden, und das Licht wird den ganzen Erdkreis erhellen. „Dein Licht kommt“, sagt Jesaja.

 

Heilvolle Ereignisse in der Vergangenheit – sie werden als Zukunft verheißen.

 

Erinnert euch, was Gott für euch getan hat. Das war doch gut! Wisst ihr noch, wie das Licht eure Herzen erreichte? Als er euch aus Ägypten befreite? Als ihr ein neues Leben beginnen konntet? Als ihr aus dem Exil heimgekehrt seid? So wird er auch jetzt für euch handeln, eure Wege zum Guten lenken. Licht wird den Erdkreis erfüllen und der Finsternis den Garaus machen. Ganz bestimmt. Habt Vertrauen.

 

Gottes Licht bricht sich Bahn. Ihr werdet es sehen. In der weltweiten Ökumene. Es wird nicht mehr sein katholisch und evangelisch und orthodox – alle werden von Gottes Licht ergriffen sein.

 

Es wird nicht mehr sein muslimisch oder jüdisch oder christlich – alle werden von Gottes Licht ergriffen sein.

 

Denn Licht kennt keine Grenzen. Keine Ländergrenzen, keine Religionsgrenzen. Es erhellt das Antlitz aller Menschen, ohne Unterschied, überall, auf der ganzen Welt, in allen Zusammenhängen. Der Glanz der Krippe kehrt zurück, eines Tages. Der Stern von Bethlehem, er zeigt allen den Weg, eines Tages. In der Weihnachtsgeschichte lesen wir die Erfüllung von Jesajas alter Verheilung: Menschen aus fernen Ländern kommen zu Jesus, erkennen in ihm den wahren König, den Friedefürsten. Sie, die Weisen, die Könige, knien vor ihm nieder. In ihnen finden wir symbolhaft alle Völker der Erde, von denen Jesaja spricht. Sie wurden angezogen von dem Leuchten über der Kippe, von dem Stern am Himmel. Sie fanden Jesus. Und sie, die Menschen aus den fernen Ländern der Erde, bringen ihm die Gaben, von denen bereits Jesaja gesprochen hatte: Gold, Myrrhe und Weihrauch. Später kehren sie um und bringen das Licht von Bethlehem, das Licht, das den Erdkreis erfüllt, hinaus in die Welt.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft. Wie die Sternsinger sind wir aufgerufen, die Not in der Welt zu lindern. Sie wahrzunehmen, in ihr eine Aufgabe zu erkennen, etwas zu tun. Wie die Sternsinger etwa, oder wie viele andere Menschen. Sie bringen Licht in die Welt. Zu allen Menschen. Sie übernehmen Verantwortung. Und so wird es licht.

 

Es ist ein schöner und leuchtender Text. Und er bringt vieles zum Leuchten. Unsere Gesichter, unsere Herzen. Das Gesicht der Menschen in fernen Ländern. Denen geholfen wird oder die anderen zur Seite stehen können. Mache dich auf und werde Licht. Denn Gottes Licht kommt.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft. Weil Gott die Finsternis der Welt erhellt. Mit seinem Licht.

 

Es gibt eine Hoffnung für eine Zukunft in der ganzen Welt. Denn Gottes Licht richtet sich an alle und erreicht die Herzen aller Menschen. Wir sind eingeladen, das Licht weiterzutragen. Es hoffnungsvoll aufleuchten zu lassen. Es nicht unter einen Scheffel zu stellen. Denn sonst verlieren die Menschen ihre Hoffnung, wenn sie das Leuchten nicht mehr sehen.

 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh um her: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

 

Amen.

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Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest (3. Januar 2021) über Lukas 22, 41-52 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Diese ersten Tage des neuen Jahres – für mich sind das immer schwierige Tage. Der Neujahrstag ist davon ausgenommen. Auf ihm liegt schon noch ein Glanz, der Glanz des Neuen, Unberührten vielleicht, der Glanz des Gottesdienstes, mit dem wir in der Gemeinde normalerweise diesen ersten Tag des neuen Jahres begehen. Dieser schöne und tröstliche Glanz verblasst für mich in den folgenden ersten Tagen des Januar, eine Last, eine Schwermut legt sich über sie. Ich stehe am Fenster und schaue hinaus in die Welt, hinaus in die Zeit, von der ich nicht weiß, was sie bringen wird, und ich kann nicht verhindern, dass mir ein wenig bang ums Herz wird. Manche diffuse Sorge erwacht aus ihrem Weihnachtsschlummer. Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen sind es meist, Sorgen um die Mutter, und um uns selbst natürlich auch.

 

Dazu kommen die Aufräumarbeiten. Das strahlende Weihnachtsfest wird allmählich und Schritt für Schritt wieder in Kisten und Schachteln verpackt und unters Dach getragen. Ja, ich weiß, die Weihnachtszeit dauert bis Lichtmess, und mancher Stern wird auch bleiben und davon erzählen und in der Dämmerung seinen tröstlichen Schein verbreiten. Trotzdem – der Adventskranz ist schon fort, so völlig ausgetrocknet wie er war. Und wir überlegen schon, wann wir den geliebten Christbaum abschmücken und hinaustragen. Noch einmal stecke ich Kerzen auf und schaue mir dabei den Schmuck an, den alten Engel von meiner Großmutter und die gebastelten Sterne der Kinder – sorgfältig aufbewahrt über die Jahre. Und die Krippe daneben. Maria und Josef und das Kind in der Krippe.

 

Der Predigttext für heute steht im Lukasevangelium. Und auch hier ist Weihnachten schon eine Zeitlang vorbei. Jesus liegt nicht mehr in der Krippe, er ist älter geworden, 12 Jahre ist er in diesem Textabschnitt. Lesen wir einmal, was dort steht, in Lukas 22, 41-52:

 

Die Eltern Jesu gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

Um Jesus geht es. Um den, bei dessen Geburt die Engel sangen. Von dem gesagt wird, dass er Gottheld, Ewigvater, ja, der Friedefürst ist. Der langersehnte König, der sein Friedensreich, das Himmelreich aufrichten und aller Not ein Ende machen wird. Um Jesus geht es, dem menschgewordenen Gott. Um das hilflose kleine Kind in der Krippe, von dem wir die Rettung der Welt und der Menschheit erwarten, und der unsere Maßstäbe und Vorstellungen auf den Kopf stellt.

 

Was ist aus diesem Kind geworden? Wie ist es zu verstehen, dieses Geheimnis vom menschgewordenen Gott, von Gott mit dem menschlichen Antlitz?

 

Abgesehen von den Engeln, die zu seiner Geburt den Hirten gesungen haben, geht es zunächst mal sehr menschlich zu dort bei Maria und Josef im Stall. Jesus, ein Kind, geboren von einer Mutter, die ihn bedingungslos liebt und begleitet von einem Vater, der liebevoll für ihn sorgt. Jesus, ein Kind, das Windeln braucht wie jedes andere Kind auch, das verletzlich ist wie jeder Mensch, das angewiesen ist auf Fürsorge und Schutz. Jesus, ein Kind, das heranwächst, mit den Freuden und Sorgen einer Familie in einer nicht einfachen Zeit, mit Geschwistern und Aufgaben und Arbeit. Jesus, geboren wie ein Mensch, wird eines Tages auch sterben wie ein Mensch, grausamer als mancher von uns, aber so grausam wie vielmals in der Menschheit geschehen, voller Angst, voller Schmerzen, begleitet von Mutter und Freunden und letztlich doch so allein, wie jeder Mensch seinen letzten Weg allein geht. Jesus, der in seinem Leben wie so viele von uns verspottet, verlacht, verehrt, geliebt wird, der Angst und Verlassenheit und Tränen kennt und nicht darüber erhaben ist. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus. Also haben wir einen Gott, der all das Menschliche kennt: geboren werden, leiden, sterben. In all dem ist unser Gott uns nah, weiß um uns, teilt das menschliche Leid mit uns. Genau dieses ist für mich immer schon ein ganz großer persönlicher Trost. Genau dieses ist für mich immer schon eine große Schönheit in unserem Glauben, dieser Gott, der so zutiefst Mensch geworden ist und uns darum so nahe sein kann, auch in der tiefsten Angst und in der letzten Einsamkeit.

 

Dieser menschgewordene Gott, dieser Jesus ist nun also 12 Jahre alt geworden und mit seinen Eltern auf dem Weg zurück von Jerusalem nach Hause. Und dann ist er plötzlich verschwunden. Typisch, diese Kinder in der Pubertät! Sie machen viel Blödsinn, bescheren den Eltern viele Sorgen, es gibt Streit und Auseinandersetzungen. Auch hier finde ich viele Spuren des Menschseins Jesu. Ein Heranwachsender, der noch nicht so genau weiß, wo er hinwill, wo er hingehört, was sein Weg sein wird. Und die Eltern dazu, voller Sorge, die ihr Kind verzweifelt suchen und Angst haben, dass ihm etwas geschehen sein könnte, und die diese Vorstellung kaum ertragen. Und dann diese wohlbekannte Mischung aus Erleichterung, weil das Kind wohlbehalten gefunden wird, und Ärger, weil dieses Kind nicht auf die Idee kommt, dass man sich Sorgen machen könnte. Weil man es doch liebt.

 

Dann aber das Aufblitzen von göttlicher Weisheit, von einem Wissen und einer Gewissheit, die von anderswoher zu kommen scheint oder die einfach da ist. Dieser Jugendliche da im Tempel, wo er sich offensichtlich völlig richtig am Platz findet, wo er eine Zugehörigkeit spürt, wo er seine Bestimmung, seinen Weg erahnt – oder schon genau weiß? – und wo er zum Erstaunen und Befremden aller Beteiligten eine große Souveränität und Kompetenz, eine spürbare Würde und fast so etwas wie Majestät ausstrahlt, die seinem Alter völlig unangemessen ist.

 

Jesus – ganz und gar Mensch – und doch Gott. Immer schon. Als Neugeborener, als Heranwachsender, als Erwachsener, als Sterbender, als Auferstandener. Immer ganz und gar Mensch, und doch viel mehr als das, und doch Gott. Ein Gott, der unser Menschsein angenommen hat, um uns ganz nah zu sein, und in dessen Menschlichkeit gleichzeitig immer auch die Verheißung des Göttlichen zu sehen ist, die alles verändert: verletztes wird geheilt, aus Leid wird Freude, aus Unrecht Gerechtigkeit, aus Tod wird Leben. Friede wird sein, ganz und gar, wie von Anfang an verheißen.

 

Ja, denke ich, und wende mich vom Fenster ab, wieder dem Weihnachtsbaum zu. Darauf können wir vertrauen. Dass unser Gott, der Mensch geworden ist, an unserer Seite ist in jeder Sorge in diesem neuen ungekannten Jahr. Auch dann, wenn längst alle Christbäume abgeschmückt und die Krippefiguren wieder sorgfältig verpackt auf das nächste Weihnachtsfest warten, wenn wir wieder neu die Geburt des Friedefürsten feiern und mit ihm die Hoffnung für die ganze Welt.

 

Amen.    

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01.01.2021: Predigt zu Neujahr über die Jahreslosung „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6, 36 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Für jedes Jahr wird eine Jahreslosung ausgerufen. Damit folgen wir zwar der Praxis der Herrnhuter, aber die Jahreslosung geht vor allem auch zurück auf den Kirchenkampf im Dritten Reich. Der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller war Mitglied der Bekennenden Kirche und wollte den Schlagworten des NS-Regimes etwas entgegenstellen. Und so suchte er Bibelworte und begründete so im Jahr 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Damals, im Jahr 1930 lautete die erste Jahreslosung „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ aus Römer 1,16

 

 

So haben auch wir hier in der Kirchengemeinde die Tradition, die jeweilige neue Jahreslosung im Neujahrsgottesdienst zu thematisieren, anzuschauen und auszulegen und sie als gutes begleitendes Motto an den Anfang des Neuen Jahres zu stellen.

 

Die Jahreslosung für 2021 steht in Lukas 6,36 und sie lautet: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Barmherzigkeit. Mitten drin in diesem Wort steht das Herz. Das Herz, von dem wir denken, dass in ihm unsere Empfindungen gesammelt sind. Wie ist es dir ums Herz? Fragen wir, wenn wir wissen möchten, wie jemandem zumute ist. Nicht: was denkst du? Sondern: was fühlst du? Wollen wir dann wissen.

 

Das Herz steht im Mittelpunkt dieses Wortes. Und das Erbarmen finden wir auch darin. Also dass sich das Herz erbarme, das ist wohl mit Barmherzigkeit gemeint. Dass sich das Herz nicht verhärtet, sondern erbarmt, dass man etwas begreift von dem Leid, von der Trauer, von der Verzweiflung des anderen. Dass das Herz sich berühren lässt und versteht und uns aus dieser Berührung heraus handeln lässt.

 

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Es ist eine Aufforderung. Seid barmherzig. Ich soll barmherzig sein, wie auch Gott barmherzig ist. Gott ist in der Barmherzigkeit mein Vorbild. Ich soll so handeln, wie es Jesus getan hätte, wie es Gott getan hätte. Und ich glaube, hier verbirgt sich noch weit mehr. Gott ist nicht nur mein Vorbild in Sachen Barmherzigkeit, sondern er ist der Ursprung der Barmherzigkeit. Weil er barmherzig ist und wir diese Barmherzigkeit erlebt haben, deshalb können wir auch barmherzig sein, können wir dieses Erlebte weitergeben.

 

Wir wissen ja, dass es so ist. wenn ein Kind in liebevoller Umgebung aufwächst, dann kann es auch ein liebevoller Mensch sein und anderen diese liebevolle Art weitergeben. Wenn ein Kind eher lieblos aufwächst, dann wird es dem erwachsenen Menschen auch eher schwerfallen, diese Lieblosigkeit anderen gegenüber zu überwinden.

Das, was man erlebt, das kann man auch weitergeben. Es ist die Lebenserfahrung, die uns prägt, und mit denen wir andere prägen. So verstehe ich die Jahreslosung. Gott ist barmherzig, deshalb können wir jeden Tag neu vertrauensvoll beginnen und in der Gewissheit auf ein gutes Ende in die Zukunft gehen. Gott ist barmherzig, so können auch wir barmherzig sein, unser Herz berühren lassen vom Leid anderer, die Einsamkeit, die Traurigkeit in den Augen des anderen erkennen, mich ihm und ihr zuwenden.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Mir fällt ein, dass in den sozialen Medien oft nicht gerade die Barmherzigkeit ist, die da vorherrscht. Eher das Gegenteil. Es gibt wenig Hemmungen, wenn Kritik an jemandem geäußert wird, vernichtend und verachtend und beleidigend und verletzend geht es da zu, erschreckend, wie hemmungslos sich da nicht nur manchmal Hartzherzigkeit oder Kaltherzigkeit Bahn bricht. Was ist los mit diesen Menschen, die zu so etwas fähig sind? Ist es das Fehlen des direkten persönlichen Gegenübers, das sie so reden und schreiben lässt? Man spürt geradezu, wie die Kälte ins Herz einzieht, wenn man so etwas liest.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Natürlich fällt mir unser Leben unter der Pandemie ein. Und beim Stichwort Barmherzigkeit denke ich an diejenigen, die unbeirrt jedes Wochenende demonstrieren gehen und laut und mit vehementem Getöse ihre offenbar so verletzte Freiheit einklagen. Der CDU-Abgeordnete Brinkhaus hat angesichts dieser Forderungen vor kurzen in einer Bundestagsdebatte nach der Freiheit der Schwachen gefragt. Eine Frage, die ich absolut richtig finde. In ihr versteckt sich die Frage nach der Barmherzigkeit. Und allein schon, sich klar zu machen, dass meine Freiheit in aller Pandemiebeschränktheit so unendlich viel größer ist als die Freiheit so manches Bürgers in so manchem anderem Land dieser Welt, sogar ganz ohne Pandemie, allein, dass man sich dies einmal klar zu machen versucht, wäre ein Ansatz von Barmherzigkeit.

 

„seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Was fällt mir dazu ein, wenn ich in die Welt schaue? Barmherzigkeit. Wie viele von Ihnen wissen, versuche ich, mich so gut es eben geht, mich in der Hilfe für Geflüchtete in unserem Ort einzubringen. Ich erlebe, dass sich deshalb mancher von mir distanziert, sogar von uns als Gemeinde, als Kirche distanziert. Ich erlebe auch, dass ziemlich viele Menschen die Tatsache, dass die Kirche das Schiff Seawatch 4 organisiert hat und damit Menschen vor dem Ertrinken rettet, als Anlass zum Abkehr von ihrer Kirche nehmen, austreten, die Kirche nicht mehr für glaubwürdig halten. Angesichts dieser Tatsache macht sich große Ratlosigkeit in mir breit. Man kann natürlich unterschiedlicher Ansicht darüber sein, was politisch richtig wäre, mit dem Fluchtgrund vieler Menschen umzugehen oder welches Asylrecht richtig und gut wäre – aber mir ist wirklich nicht klar, wie man das Unterlassen von nackter Lebensrettung mit Barmherzigkeit in Einklang bringen könnte. Die Jahreslosung selbst bestätigt mich darin, dass genau das unser Auftrag als Kirche ist, sich denen zuzuwenden, die in Not sind. Fremde aufnehmen. Kranke pflegen. Hungernden zu trinken geben. Und ja: Ertrinkende aus den Fluten retten.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Barmherzigkeit. Nicht nur ein Wort für den privaten Glauben. Nicht nur eine Vokabel für die Seele und die Frömmigkeit. Sondern gleichzeitig auch ein hoch politisches Wort. Denn Barmherzigkeit verändert uns. Beeinflusst unser Denken und Tun. Beeinflusst unsere Haltung – uns selbst gegenüber und dann aber auch dem anderen gegenüber.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ – eine gute Losung für das gerade begonnene neue Jahr. Denn es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Dass wir einen barmherzigen Gott haben, dem wir alles in die Hände legen können, was uns bedrückt und besorgt, was uns wütend macht und uns verzweifeln lässt. Denn wir können darauf vertrauen. Unser Ergehen berührt Gottes Herz. Er erbarmt sich. Gott sei Dank. Ja, es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Dass wir selbst barmherzig sein sollen. Denn so oft bin ich es nicht. Weil ich gerade nicht kann, weil ich gerade keine Zeit oder keine Kraft habe. Weil ich erstmal an mich selbst denken muss. Weil verschiedene Interessen gegeneinander stehen. Weil meine Hartherzigkeit manchmal einfach nur Selbstschutz ist.

 

Ja, es tut gut, sich daran erinnern zu lassen. Damit unsere Welt nicht unbarmherzig wird. Damit Gottes Spuren der Barmherzigkeit auch weiterhin zu finden sind. Hoffentlich in unserer Gemeinde, in unseren Begegnungen, hoffentlich in meinem Leben. Hoffentlich mehr und mehr in der ganzen Welt.

 

Ja, es tut gut. Deshalb ist Lukas 6,36 eine gute Losung und ein guter Boden, auf dem wir durch dieses so verunsichernd beginnende neue Jahr 2021 gehen können.

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Amen.

 

31.12.2020: Predigt zum Altjahrabend 2020 (Silvester) von Pfr. Lukas Frei

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20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. 2. Mose 13,20-22

 

In diesem Jahr ist etwas geschehen, was unsere Zivilisation nicht kennt. Mehr als drei Wochen im Voraus lässt sich kaum planen. In meinem Terminkalender ist zeitweise richtig viel Platz gewesen. Im März war plötzlich eine Ruhe da, die ich so in den letzten Jahren nicht erlebt habe, doch dann kamen sie wieder: die Termine – seit Herbst immer verstärkter durch die Hintertür der Technik mit massenhaften Online-Formaten. Der Druck kam schneller zurück als gehofft. Ich kann mir vorstellen, dass es in vielen anderen Berufen auch so war. Ständig werden die Verordnungen geändert, Neues muss auf die Schnelle ausprobiert werden. Andere wiederum mussten in Kurzarbeit oder ihre Arbeit sogar komplett aufgeben – und stehen nun vor einer düsteren Zukunft.

 

Eine Erfahrung verbindet uns jedoch alle – egal, wie alt wir sind und wie es uns beruflich geht – eben, dass wir nicht planen können und wir nicht wissen, was in drei Wochen möglich sein wird und was nicht. Das macht das Leben unsicher.

 

Als die Israeliten aus Ägypten auszogen, da muss es ihnen noch viel schlimmer ergangen sein. In Ägypten waren sie zwar Sklaven, aber dafür war das Leben geregelt. Als sie nun mit Mose der Feuer- und Wolkensäule in der Wüste folgten war alles geregelte Leben dahin. Sie wussten noch nicht einmal, wo sie am Abend lagern würden. Wohin geht diese Reise, haben sie sich sicherlich gefragt. Mehr als die Information, dass sie in ein fremdes und neues Land ziehen werden, in dem sie frei leben können, hatten sie nicht. Nur, wie kommen sie dahin?

 

Ein Leben in Unsicherheit ist sehr anstrengend und auch nervenaufreibend. Wir sehnen uns nach Sicherheit und dass alles wieder geregelt zugeht. Aber wer kann uns das geben? In unsicheren Zeiten gibt es immer wieder Menschen und Gruppen, die klare Vorstellungen haben, wie man die Welt wieder zu einem sicheren und besseren Ort machen kann. Manche sprechen schon lange davon – Worte wie „neue Normalität“ fallen immer häufiger. Da wird uns eine paradiesische Welt vor Augen gemalt. Eine Welt, die viel sicherer wird: wo wir sicher sein können, dass das Klima sich nur leicht verändert. Eine Welt, wo wir sicher sein können, dass wir nicht plötzlich krank werden. Eine Welt, in welcher Hunger und Armut endgültig beseitigt werden, und vieles mehr. Noch sind wir nicht in dieser paradiesischen Zukunft – dazu muss noch einiges optimiert werden, vor allem mit Hilfe der Technik: Tracing-Apps, Datenspeicherung, mehr Überwachung, … - die Liste wird in nächster Zeit sicher noch länger werden. Und die Medien stellen uns fleißig diese Zukunftsvisionen vor Augen, rund um die Uhr und über immer mehr Kanäle.

 

Vielleicht merken wir dabei gar nicht, dass wir langsam aufhören eigene Träume und Visionen vom Leben zu haben und wir zusehends unfähig werden unser Leben selber in die Hand zu nehmen und Entscheidungen zu treffen.

 

Die paradiesischen Visionen einer zukünftigen Welt und wie wir sie erreichen können, hören sich meistens ganz toll an. Aber mit solchen Zukunftsvorstellungen sollten wir immer vorsichtig sein. Ein Blick in die Geschichte zeigt uns schnell, dass Visionen, wie die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden kann, leider in vielen Fällen in der Tyrannei endeten. Ich denke zum Beispiel an die ehemalige Sowjetunion, in der im Vorbild des Kommunismus eine bessere Welt errichtet werden sollte. Aber auch die Römer waren der Überzeugung, dass sie den Pax Romana der ganzen Welt bringen könnten – natürlich unter dem Aufwand etlicher Opfer.

 

Ich glaube, wir brauchen gar keine konkrete Vorstellung, wie die zukünftige Welt geordnet sein soll. Wir brauchen auch nicht weit vorausplanen zu können. Wir müssen nicht zwingend ins Alte Leben zurück – denn vielleicht ruft uns Gott gerade zur Umkehr. Er ruft uns, dass wir unseren Blick ändern – dass wir wieder lernen im Jetzt zu leben. Zu sehen, dass Gott da ist, Tag für Tag, und dass er uns schon lange führt, so wie er auch die Israeliten geführt hat.

 

Die Wanderung für die Israeliten war unangenehm, weil sie nicht weitergesehen haben als bis zur Feuer- und Wolkensäule. Ob Feuer oder Wolken – sie haben nicht hinter die Säule blicken können. Ihr Weg war Ihnen unbekannt, aber sie haben gesehen: Gott ist da. Er führt uns durch diese unsicheren Zeiten. Und besonders in der Dunkelheit – so kann ich mir vorstellen – hat sie das Licht des Feuers gestärkt und ermutigt.

 

Dieses Licht Gottes ist ja auch für uns da. An Weihnachten feiern wir, dass das Licht – Jesus Christus – auf die Welt gekommen ist um uns den Weg in der Dunkelheit zu leuchten. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ sagt Jesus. Ich kann nur bezeugen, dass mir Jesus Christus und seine Worte in diesem Jahr wirklich besonders zum Lebenselixier geworden sind. Und dass es wahr ist, wenn er sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Die ganzen Zukunftsvisionen von irgendwelchen Herrschern – wann auch immer sie gelebt haben – sind alle irgendwann zerfallen. Auch unsere Ideologien der Neuzeit werden in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten nur noch belächelt werden von einer Generation, die dann der Meinung ist, dass sie alles besser machen wird als ihre Vorfahren.

 

Aber die Worte von Jesus werden nie an Kraft verlieren. Sie beleben und erwecken die Toten, Gefangenen, Betrübten, Ausgegrenzten, Demonstranten, Weggesperrten, Armen, Tauben, Blinden, Sünder, … wie eh und je.

 

Ich möchte Ihnen heute einen Vorschlag für das neue Jahr machen. Machen Sie mit mir den Test – vielleicht nur zwei Wochen lang (oder wenn Sie wollen, natürlich noch länger): Statt die Nachrichten anzusehen lesen sie in der Bibel, einen Psalm oder ein Kapitel aus einem der vier Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes. Und dann beobachten Sie, was geschieht.

 

Keine Sorge: ich bin mir sicher, wenn etwas wirklich Wichtiges im Dorf oder auf der Welt geschieht, wird es genügend Leute geben, die Sie darüber informieren werden.

 

Lassen Sie sich von Gott rufen und richten Sie den Blick auf die ewige Wolken- und Feuersäule Jesus Christus.

 

Bevor ich jetzt „Amen“ schreibe muss ich noch eine wichtige Sache anhängen: Gott leitete die Israeliten mit der Feuer- und Wolkensäule damals in eine Sackgasse. Vor den Israeliten war unüberwindbares Wasser. Hinter ihnen stürmte das ägyptische Heer auf sie zu. Gott hatte die Israeliten in die absolute Unsicherheit geführt. Sie waren vollkommen ohnmächtig in dieser Situation. Doch nur in dieser Situation konnten sie erleben, dass Gott sogar dann noch einen Weg ebnen kann, wenn wir keinen Ausweg mehr sehen. Diese Erfahrung war gewiss unbeschreiblich.

 

Deshalb brauchen wir uns gar nicht zu fürchten, wenn das Leben im nächsten Jahr womöglich noch unsicherer wird. Vielleicht machen wir dann eine ähnlich wunderbare Erfahrung wie die Israeliten, wenn wir erleben, wie Gott uns einen Weg ebnet, den wir niemals so erwartet hätten.

 

Amen.

 

25.12.2020: Predigt zum 1. Feiertag von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz über Jesaja 52, 7-10

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Auf der Straße, vor dem Haus, wird eine Autotüre zugeschlagen. Und gleich hört man im Treppenhaus ganz leichte Schritte. Das ist der Kleine. Seine helle, fragende Stimme und die Antwort, die sie kennt, ohne dass sie die Worte genau versteht: Ja, jetzt sind wir gleich bei der Oma, sagt die Mutter.

 

Schwere Männerschritte folgen. Für den Weihnachtsmann ist es eigentlich schon zu spät. Aber das ist der Schwiegersohn, beladen mit vielen Päckchen. Die Oma macht die Tür weit auf: Die jungen Leute sind da.

 

Kennen Sie das? Wenn sich Besuch angekündigt hat und man sich auf diesen Besuch freut, wenn alles vorbereitet ist und man schon wartet, bis er kommt, der Besuch – dann ist das so. Dann kann man an den Geräuschen erkennen: Sie sind da! Und dann spüren, wie die Freude ins Herz einzieht. Mit einem Lächeln im Gesicht öffnet man die Tür und breitet die Arme aus, um den Kleinen und die Großen ans Herz zu drücken.

 

Wenn Sie diese Form von Vorfreude kennen, dann verstehen Sie die Freude, die Jesaja in seinem Buch beschrieben hat. Hören wir auf seine Worte, ich lese aus Jesaja 52, die Verse 7-10:

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander: denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

 

Die Freude kommt. Man hört schon ihre Schritte. „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehee, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel.“ So steht es im Hohenlied Salomos geschrieben. Der Prophet Jesaja leiht sich diese Worte aus dem Hohen Lied, von Liebenden, die voller Sehnsucht aufeinander warten. Seine Schritte könnte ich unter tausenden erkennen. Das muss er sein. Mein Herz schlägt schneller. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten.“ Und dann ist er da, und mit ihm kommt die Freude.

 

Wenn ihr das kennt, sagt Jesaja, dann wisst ihr, wie es sein wird, wenn Gott kommt, wenn er die Welt zurechtbringt, wenn sich Frieden und Gerechtigkeit für jede Seele, für jeden Menschen, für jedes Volk, für die ganze Kreatur ausbreitet.

 

Jesaja spricht zu Israel. Zu dem Volk, das lange im Exil war und sehnlichst darauf gewartet hat, zurückkehren zu dürfen in die Heimat, in die Nähe des Tempels, in die Normalität des Lebens. Zu dem Volk, dem er schon immer, gerade auch damals in der Fremde, Trost zugesprochen hat. Tröstet, tröstet, mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich. Alles wird gut werden, ihr werden zurückkehren. Gott hat euch nicht vergessen.

 

So ist es auch gekommen. Die Israeliten sind zurückgekehrt in die Heimat. Und dort sind sie mittlerweile wieder im Alltag angekommen. In einem Alltag, der von Zerstörung und Vergänglichkeit erzählt. Denn Jerusalem ist nicht mehr wie es einmal war. Sie erkennen es nicht wieder. In den Erzählungen der Alten hatten sie eine goldene, leuchtende, erhabene Stadt vor sich gesehen. Nun aber finden Sie sich in einer traurigen Realität wieder, zwischen Trümmern und Staub, zwischen Mühsal und Vergeblichkeit. Diese Heimat hatte Jesaja ihnen verheißen? Und sie damit getröstet? Vertröstet doch wohl eher. Resignation und Enttäuschung macht sich breit.

 

Und jetzt fängt Jesaja wieder an zu reden. Von der Freude spricht er. Davon, wie schön es einmal sein wird. Von den Füßen der Freudenboten erzählt er, und davon, wie sich das Gefühl von Freude unbändig in ihnen ausbreiten wird. „Wenn ihr das kennt“, sagt Jesaja, „dann wisst ihr, wie es sein wird.“  Da heben die Israeliten den Kopf und sehen ihn mit ihren müden Augen an. , stumpf geworden von dem Schutt und der Asche in Jerusalem, auf die sie blicken. So hatten sie sich ihre Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt. Die Hoffnung auf Rückkehr, die Jesaja ihnen verheißen hatte, hatte sich zwar eingestellt. Aber davon war nicht alles einfach wieder gut geworden. Manchmal wünschten sie sich zurück ins Exil, an die Ufer von Babylon, wo sie in ihren Träumen das goldene Jerusalem vor sich hatten leuchten sehen. Manchmal hat es auch Vorteile, sich nach der Heimat bloß zu sehnen.

 

Die Freude über die Rückkehr ist den Israeliten inzwischen abhanden gekommen. Längst verflogen. Auf leisen Sohlen hat sie sich aus ihrem Leben in dieses Trümmerfeld hinausgeschlichen. Und du, Jesaja, redest von Frieden und Gutem und Heil? Wir können das nicht sehen.

 

An Weihnachten feiern wir die Hoffnung. An Weihnachten wird der geboren, den Jesaja Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst nennt, so glauben wir Christen. Auch wir werden aufgefordert zur Freude, in vielen Weihnachtsliedern heißt es: Freue, freue dich, o Christenheit. O Freude über Freude, ihr Nachbarn, kommt und schaut. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, und Gottes Reich wird sich zeigen in seiner ganzen Herrlichkeit und Heil wird sein überall.

 

Und dann kommen wir doch wieder in der Realität an, die einfach nur ganz normal ist. Vom Grau der Sorgen und der Alltäglichkeit überzogen. Von den Problemen der Welt, von persönlichem Leid. Friede? Heil? Freude? Ja, die Weihnachtslieder klingen schön. Ich singe sie gern, wir alle singen sie gern. Und wir alle spüren auch die Freude, die mit dem Singen kommt und sich in uns ausbreitet. Mit  ihnen kommt auch wirklich die Freude. Für eine Weile jedenfalls. Und dann verklingen sie wieder, die Alltäglichkeit des Lebens und die Bedrückung über manche Sorge werden übermächtig, und wir werden still und bekommen müde Augen wie die Israeliten.

 

Aber Jesaja lässt sich davon nicht beeindrucken. „Die Freude kommt! Man hört schon ihre Schritte“, ruft er, immer wieder. Er hört einfach nicht auf damit, der Prophet. „Hier wird es geschehen, in eurem staubigen, grauen Alltag. Dass ihr keine Hoffnung mehr habt – das ist nicht schlimm. Gott bringt sie mit, wenn er kommt. Ich will doch nicht mehr von euch, als dass ihr aufmerksam werdet. War da was? Kommt da was? Ist schon was zu sehen?

 

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden es mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“

 

Und so feiern wir Weihnachten und hören nicht auf damit. Jedes Jahr wieder neu. Ganz egal, was geschieht auf der Welt, ganz egal, wie schwierig die Situation in der Welt, mitten in allen Sorgen und Traurigkeiten wird es Weihnachten. Und wir feiern die Hoffnung. Darauf dass Gott kommt und alles zum Guten bringt. Alles. Und wir stimmen sie an, unsere Lieder, damit sie uns zur Freude auffordern. Nun freut euch, ihr Christen und „Fröhlich soll dein Herze springen“. Denn wir werden es mit eigenen Augen sehen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt. Mitten in unseren Sorgen und Traurigkeiten. Mitten in den Trümmern unserer Hoffnung.

 

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden es mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“

 

Amen.

 

24.12.2020: Predigt zur Christmette über Jesaja 11, 1-10, von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Liebe Gemeinde, im Jahre 587 vor Christus beginnt die schlimmste Krisenzeit, die das Volk Israel bis dahin erlebte. Das Land ist zerstört und erobert worden. Der Tempel steht nicht mehr. Gottesdienst kann nicht mehr so stattfinden, wie man es gewohnt ist. Gute Freunde und Nachbarn wurden verschleppt. Das Land liegt am Boden. In dieser Situation tritt Jesaja auf, ein Prophet Gottes. In Gottes Namen sagt er diese Worte:

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.

Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.

Jesaja 11,1-10

 

2600 Jahr später sind Jesajas Worte unser Predigttext. Wieder ist Krise, wieder sind wir von Menschen getrennt, die wir lieben, wieder können wir Gottesdienst nicht wie gewohnt feiern. Die Ähnlichkeit in der Situation ist frappierend. Und ich glaube, was die Menschen damals getröstet hat, kann uns heute auch trösten. Für mich jedenfalls klingen diese alten Worte an diesem Heiligen Abend im Jahr 2020 hoffnungsvoll. Und ich glaube dass es gute Worte für uns sind. Denn wir sind am Ende langer Monate eines erschreckenden Jahres.

 

Mitten in diesen Zeiten hoffen wir auf – wenigstens einige – Momente einer ganz anderen, stillen Zeit. Jetzt an Weihnachten endlich zur Besinnung kommen. Den Blick auf anderes richten als auf weiter ansteigende Fallzahlen. Für ein kurze Weile die Nachrichten leiser drehen.

 

Tatsächlich ist dieses Weihnachten so still wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der gewohnte Heiligabend fällt ganz anders aus als wir es in all den Jahren erlebt haben. Ja, es ist stille Nacht – aber ganz anders als gedacht. Das Leben ist heruntergefahren und die Welt ist ruhig geworden. Stumm und einsam wie noch nie ist es in vielen Wohnungen und Häusern. Statt weihnachtlicher Besinnlichkeit macht sich eine kaum hörbare Ohnmacht breit.

 

Und nun ist am Heiligen Abend davon die Rede, dass weihnachtliches Licht in die Dunkelheit kommen möge: „Fürchtet Euch nicht“ – ruft der Engel. Worte, die der Welt gut tun in diesem Jahr. 

 

 

Die stille Nacht der Geburt Jesu will uns darauf hinführen, dass Gott mitten hinein in unsere Welt kommt. Damit dem dunklen Augenblick durch dieses Kind ein heller Glanz entgegenscheint. Aber hat diese Hoffnung in diesem Jahr irgendeine Chance auf Realisierung?

Die Christenheit feiert und betet, dass in dieser stillen Nacht ein Neuanfang beginnen möge. Zugleich umgreift die Pandemie wortwörtlich alles und alle. Wahrscheinlich waren wir weltweit noch nie so stark verbunden wie an diesem Heiligen Abend – in unserer Sorge. Aber auch in unserer Hoffnung?

 

Mitten in unsere stille und stumme Unsicherheit hinein hören wir den hoffnungsvollen Propheten Jesaja.

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

 

Jahre später ist ein Weihnachtslied aus diesen Worten Jesajas entstanden. Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.

Ein zartes Lied. Ein zarter grüner Spross, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Aus diesem zarten Spross aber wird etwas Großes werden. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn. Aus ihm wird das Friedensreich kommen, das hier bei Jesaja beschrieben wird. Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.

 

Bis aus einem zarten grünen Spross mitten im kalten Winter eine weltverändernde Frucht herangereift ist, dauert es seine Zeit. Und die Menschheit braucht Geduld. Und Vertrauen. Dass aus diesem Reis tatsächlich etwas Großes wächst und einmal reiche Frucht tragen wird.

 

Ein zartes Lied. Es erzählt von einem grünen Reis, das in diesem Lied zur Rose wird. Zu einer Blüte, die duftet und Farbe annimmt. Es ist, als ob es uns auffordern möchte, den Frieden zu schmecken, den Jesaja verheißt. Dass wir aufmerksam werden und auf Spurensuche gehen, den süßen Duft wahrnehmen und so das Vertrauen nicht verlernen. Dass alles gut werden wird. Dass die Krise überwunden werden wird. Dass es Heil und Frieden geben wird.

 

Amen

 

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend (Grossvillars) von Pfarrer Lukas Frei

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Ich kann verstehen, dass diese Zeit für Sie eine große Herausforderung ist. Wir müssen alle Einschränkungen hinnehmen. Ich fühle mit den Eltern, die ihre Kinder…“

Stopp!

 

Ich kann diese Worte nicht mehr hören: „Ich kann verstehen, wie es Ihnen geht!“ – Nein, dieser Satz ist unwahr. Er stimmt nicht! Niemand kann mich wirklich verstehen.

Im Krippenspiel hatten wir statt der Hirten Paketboten – in der Weihnachtszeit natürlich völlig überlastet. Verstehen wir, wie es ihnen geht? Klar, wir können analysieren: Ein Paketbote hat an Weihnachten jede Menge zu tun. Zu viel Arbeit, zu viel Druck, zu wenig Freizeit, zu niedrigen Lohn.

Diese Analyse trifft auch auf viele andere Berufe zu. Ich denke zum Beispiel an die Pflegeberufe.

Aber um einen Menschen verstehen zu wollen brauchen wir mehr als nur die Kenntnis über seine Arbeitsverhältnisse. Ein guter Psychologe kann einen Menschen recht gut analysieren: er sieht Verstrickungen, sieht was jemanden einengt und bedrückt. Vielleicht kann er sogar voraussagen, wie sein Patient sich in einer bestimmten Situation verhalten wird.

 

Aber wirklich verstehen – kann er das? Verstehen ist mehr als analysieren. Verstehen bedeutet für mich: Ich sehe dich, ich sehe wer du wirklich bist. In deiner Situation und mit deiner Lebensgeschichte würde ich genauso handeln wie du. Ich respektiere dich und deinen Weg.

In diesen Worten steckt Liebe drin – kein Urteil, keine Analyse, einfach pure Zuwendung. Wenn ich mich selbst nicht verstehe – und das kommt vor – dann benötige ich genau diese Liebe.

Seltsam: wir Menschen sehnen uns oft nach der Zuwendung von denen die gesellschaftlich über uns stehen. Wir hoffen um ihr Verständnis für unsere Bedürfnisse oder die Beachtung unserer Situation. Wenn einer von den Oberen in unsere Kirche kommt, dann muss der natürlich vorne sitzen und wird mit besonderer Ehre bedacht. Der hohe Spendenbetrag der Reichen ist eines gesonderten Dankesbriefs wert, während wir das wöchentliche Opfer der Witwe nicht einmal beachten.

Unsere Paketboten haben von den Oberen nichts mehr erwartet. „Das bringt nichts – wozu auf die Straße gehen. Die beachten uns sowieso nicht.“ Auf Zuwendung von den Oberen können wir lange warten. Und wenn sie sich doch einmal mit uns abgeben, dann verfolgen sie zuallererst ihre eigenen Interessen: ihre Ehre, ihr Ansehen, ihr Reichtum.

Wie gesagt, es ist seltsam, dass es den Wunsch gibt, dass sich die Oberen uns verständnisvoll zuwenden. Wenn wir etwas nachdenken würden, dann würde uns vielleicht klar werden, dass sie dieselbe Sehnsucht haben wie die, die unten stehen: dass jemand sie versteht, dass jemand sieht, wer sie wirklich sind und sie genauso akzeptiert.

In der Weihnachtsgeschichte geschieht nun das Wunder: Gott schickt seine Engel zu den Hirten; im Krippenspiel sind es die Paketboten. Der Herr des Lebens sendet seine Boten zu den Paketboten.

Die Engel singen für sie und bringen ihnen große Freude: euch ist der Heiland geboren. Später stehen sie in der Scheune und sehen das Kind in der Krippe. Es ist alles so, wie es die Engel ihnen gesagt haben.

In unserem Krippenspiel sagt einer der Paketboten, als er das Kind in der Krippe sieht: „es ist wie wenn Gott selbst zu uns und unserem Leben einfach „Ja“ sagt – „Ja – ich liebe euch.“

 

Was die Paketboten erlebt haben kann uns kein Mensch geben. Die Engel, die gesungen haben; das neugeborene Kind in der Krippe – scheinbar so machtlos und doch so mächtig. Es trägt in sich selbst die pure Zuwendung Gottes.

 

Als das Licht der Engel die Paketboten beleuchtet fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert. Gott sieht, wie sie wirklich sind. Aber er analysiert sie nicht, er verurteilt nicht. Sondern er hat gute Nachricht für seine Menschen: Rettung, Frieden, neues Leben. Gott versteht mich besser, als ich mich selbst verstehe – er sieht was ich wirklich brauche: Zuwendung und Liebe.

 

Ich wünsche Ihnen diese Zuwendung und Liebe für das Weihnachtsfest. Diese Liebe Gottes kann uns kein Mensch geben. Menschen geraten immer ins urteilen. Vielleicht ist deshalb das Kind in der Krippe so mächtig. Ein Neugeborenes urteilt nicht – es ist Gottes Wort an uns: „Ja, ich liebe dich. Ich sehe, wer du wirklich bist. Ich verstehe dich. Und ich bin da. Heute an Weihnachten. Nächstes Jahr an Weihnachten – und an jedem Tag, der kommen wird.“

 

Amen.

 

24.12.2020: Predigt zu Heilig Abend über Jesaja 9, 1-6 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen. Eine Dunkelheit, die von den Sorgen kommt, die sich viele Menschen machen. Da ist die Sorge vor den erschreckend hohen Infektionszahlen, die trotz aller Maßnahmen und Einschränkungen im November nicht in den Griff zu bekommen waren. Corona kommt näher, habe ich in den letzten Wochen einige Menschen sagen hören. Damit meinen Sie, dass es nun doch den einen oder die andere gibt, die an Corona erkrankt war und den man persönlich kennt, dass dieser oder jener in Quarantäne war, ein anderer positiv getestet wurde, hier oder dort eine Schulkasse zu Hause bleiben musste und so fort.

 

Da sind die Sorgen um die Arbeitsstelle. Wie soll es weitergehen? Wird mein Betrieb das alles überstehen? Wie soll ich denn bloß arbeiten gehen, wenn die Kinder nicht in die Schule, nicht in die Kita können? Wie lange macht mein Arbeitgeber das mit?

 

Eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen. Eine Dunkelheit, die von den Sorgen kommt, die sich viele Menschen machen. Eine Dunkelheit, dies ich auch über das Weihnachtsfest legt, das doch sonst so verheißungsvoll ist und Freude ausstrahlt, weil Corona uns  so sehr einschränkt in der Art und Weise, wie wir es feiern.

 

Im Frühjahr gab es das schon mal, diese dunklen Sorgenwolken. Aber etwas Entscheidendes war damals anders: es war Frühjahr, und die Tage wurden länger und heller, und die Sonne verwöhnte und tröstete uns mit ihrem Licht. Dieses Licht und die hellen Tage und das Aufleben der Natur, das alles hat uns in aller Verunsicherung schon geholfen. Jetzt aber sind wir in der allerdunkielsten Zeit des Jahres. Die Sonne tröstet uns wenig, meist ist es zu allen sorgenvollen Gedanken trüb und grau draußen. Ja, es ist schon so, eine Dunkelheit liegt über diesen Tagen.

 

Mitten hinein in diese dunklen Tage erklingt die Weihnachtsbotschaft. Hören Sie auf den Text aus Jesaja 9, die Verse 1-6:

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es  hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

 

Mitten hinein in diese dunklen Tage wird uns Licht zugesagt. Ein großes Licht, und ein heller Schein wird die Dunkelheit in unseren Herzen begrenzen. Das Licht durchbricht die Nacht. Freude und Jubel werden sich den Sorgen entgegenstellen. Freude wird die Sorgen begrenzen, ihnen Einhalt gebieten. „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.“

 

Es ist eine Verheißung. Euer Joch wird zerbrochen werden. Unrecht wird gesühnt werden. Denn uns ist ein Kind geboren, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Es ist eine Verheißung. Für die ganze Welt und für die ganze Menschheit. Es ist eine umfassende Verheißung, die allem Dunkel dieser Welt ein strahlendes schönes Licht entgegenstellt. Friede wird sein, Friede in  unserer Seele, Friede unter uns Menschen, Friede zwischen aller Kreatur.

 

Es ist eine Verheißung. Denn uns ist ein Kind geboren. Und die herrschaft liegt auf seiner Schulter.

 

Ein Kind soll unsere Dunkelheit durchbrechen. Ein kleines hilfloses Kind. Das Gegenbild eines mächtigen Herrschers, der ein mächtiges Reich regiert. Ein Gegenbild. Aber Gottes Reich ist auch ein Gegenbild. Ein Gegenbild zu allen menschlichen Reichen. Alles wird hier auf den Kopf gestellt. Schwach wird mächtig, und groß wird klein, unrecht wird recht, und Blinde werden sehend. Gott wird Mensch und wir ihm ganz nah. Aus traurig wird froh, aus verletzt wird heil. Und aus dunkel wird hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“

 

Mitten in unseren Dunkelheiten ist es Heilig Abend geworden. Ob die Weihnachtsbotschaft auch in unseren Sorgen etwas verändern kann? Ich denke, die Sorgen werden bleiben. So leicht und so einfach werden wir sie wohl nicht los werden, hier in diesem Leben und in unserer menschlichen Welt. Und doch hat sich etwas verändert. Wir sind noch im Dunkeln, aber wir sehen einen Lichtschein. Wunderschön und golden leuchtend legt er sich um unsere Dunkelheiten herum. Die Weihnachtsverheißung lässt uns nach vorn schauen. Wir heben den Blick, schauen nach vorne, und dann sehen wir, dass es am Horizont hell wird.

 

Und wenn man die Dinge genau betrachtet, dann entdeckt man hier und da tatsächlich ein Leuchten. Ein Aufleuchten der Freude und des Jubels, die uns da angekündigt worden sind. Ein Vorzeichen des hellen Lichtes, das uns verheißen ist. Dann schauen wir doch mal genau hin. Wo ist es, dieses Aufleuchten?

 

Ich sehe es da, als ich neulich mit meiner Schwester in den USA und mit meiner Tochter in Berlin und mit meiner Mutter in Bönnigheim über alle Grenzen und Beschränkungen hinweg Stadt Land Fluss per Skype gespielt habe. Das hatten wir vorher noch nie gemacht. Wir haben viel gelacht und uns nebenbei gut unterhalten. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo ich hin und wieder in meinem Briefkasten – das war noch zu Beginn der Pandemie, aber ich erinnere mich auch heute noch sehr gern daran – wo ich hin und wieder in meinem Briefkasten eine selbstgenähte Maske von Menschen aus der Gemeinde gefunden habe. Jemand, der für mich denkt und sorgt. Freundlcihe Fürsorge. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden.

 

Ich sehe es da, wo das Austragen der Predigt vom Sonntag echte Freude auslöst. Ich schreibe immer ein paar Zeilen dazu und versuche damit, zu erzählen, womit wir uns gerade so beschäftigen in der Gemeinde, und was so los ist. Da bekommt man soviel zurück, Briefe und Spenden und Gebäck und Wein. Aber vor allem die Briefe, in denen man die Freude spürt, und die Verbundenheit, die durch diesen Predigtdienst entstanden ist. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo ich zum ersten Mal wieder echte Musik gehört habe. Das war, als wir damals den Pfingstgottesdienst aufgenommen haben. Die Musiker haben geprobt und sich für die Aufnahme eingespielt. Ich saß mit großem Abstand dabei und lauschte. Es war unglaublich schön, und ich wusste auf einmal, was Musik bedeutet. Ja, da habe ich das Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Ich sehe es da, wo Menschen sich gegenseitig helfen, Not sehen, nach Lösungen suchen. Sich kreativ etwas einfallen lassen. Für andere einkaufen gehen. Wo wir untereinander zusammenhalten und so versuchen, eine schwierige Zeit miteinander zu überstehen. Ja, da habe ich schon manches Leuchten gesehen. (Kerze anzünden).

 

Da leuchtet es nun, das Licht. Und ja, es durchbricht unsere Dunkelheit. Vielleicht ist das ja eine gute Übung, die wir mit in den Alltag nehmen können, wenn das Weihnachtsfest vorbei ist und die Tage wieder grau werden. Abends ein Licht anzünden für das, was an diesem Tag gut und schön war. Und vielleicht bleibt es dann nicht bei dem einen. Vielleicht kommt dann doch noch eins ums andere dazu. Und vor unseren Augen verbreitet sich ein warmer freundlicher Schein. Und wir denken an die Verheißung von Weihnachten:

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude….. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf das seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

 

Amen.

 

20.12.2020: Predigt zum 4. Advent über 1. Mose 18, 1-2.9-15 von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlüntz

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Es ist lange her, dass in einer Adventszeit so sehnlich gewartet wurde wie in diesem Jahr. Auf einmal kommt das Wort „Erlösung“ nicht nur in Predigten vor. Es gibt niemanden, der nicht wartet. Die Kinder warten auf die Ferien und auf Weihnachten, auf das schön geschmückte Weihnachtszimmer und die Bescherung, andere warten auf die nächste Verordnung. Auf den Moment, in dem man weiß: die Gottesdienste an Heilig Abend können wie geplant gefeiert werden oder auf das Wissen: alles muss ausfallen, nichts von alldem Geplanten darf stattfinden. Warten auf Unterricht ohne Maske, warten darauf, die Mitstudenten nicht nur am Bildschirm zu sehen. Darauf, die Freizeit wieder ganz normal und aktiv zu verbringen. Darauf, wieder zu singen und zu musizieren, vor Publikum, im Chor, im Konzertsaal, Warten auf den Impfstoff und damit auf das Ende dieser Pandemie, darauf, dass die Politik die Relevanz der Pflegeberufe wirklich erkennt und etwas für deren Wertigkeit tut, oder Warten einfach darauf, dass die Enkel uns besuchen.

 

Enkelkinder ist das Stichwort. Enkelkinder oder Kinder, das leitet perfekt über zu dem Predigttext heute, in dem es auch ums Warten geht. Um sehnliches Warten. Um verzweifeltes Warten. Um hoffnungsvolles Warten. Um Warten, dass irgendwann dann doch alle Hoffnung verlor. Es geht um Abraham und Sarah, ein Text, den man bisher gar nicht so sehr adventlich gesehen hat. Abraham und Sarah – es war schon so lange her, dass sie aufgebrochen waren. So lange hatten sie es sich gewünscht: Eine neue Heimat – und Kinder. Aber Jahr um Jahr verging, und nichts davon geschah. Sie warteten und warteten. Sie wurden traurig und bitter. Dann wieder hoffnungsvoll. Und irgendwann war ihnen die Hoffnung abhandengekommen. Weiße Haare und kein Kind, so sitzen die beiden Alten jeden Tag in der Mittagshitze im Schatten der Bäume. Was soll da noch kommen?

 

Aber dann geschah etwas. Ich lese uns den Predigttext aus 1. Mose 18, 1-2.9.15:

 

Der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltens und neigte sich zur Erde. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, als und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht - , denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

 

Ja, es geschah etwas. Es kam Besuch, und dieser Besuch brachte ihr Leben wieder in Bewegung. So lange hatten sie gewartet. Und es war ein Warten, bei dem die Hoffnung sichin Resignation gewandelt hatte. Das Leben war still weitergegangen, ein Jahr reihte sich an das andere. Aber nun, auf einmal, beschleunigt sich das Tempo ihres Lebens wieder. Es ist einfach unglaublich, was dieser Besuch verspricht: Das Warten wird ein Ende haben.

 

Das Warten wird ein Ende haben. Das ist genau das, was sich alle Wartenden von ganzem Herzen wünschen, in diesen Tagen ganz besonders. Wir haben ja im Frühjahr schon so gewartet, und im Sommer bekam unsere Hoffnung Nahrung, ein wenig Normalität kehrte zurück, man konnte ein bisschen in Urlaub fahren, die Schulen öffneten wieder, alles gut. Und jetzt, zu Weihnachten, merken wir alle schmerzlich, dass wir uns zu früh gefreut haben, dass wir zu früh geglaubt hatten, die Dinge im Griff zu haben. Wir müssen noch warten. Wir müssen noch Geduld haben. Wenn doch jemand käme, der uns sagt: das Warten wird ein Ende haben.

 

Der Besuch sagt zu Sarah und Abraham: Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben und die beiden damit eine Zukunft. Denn darum ging es ja auch, nicht nur um den nicht erfüllten Kinderwunsch, der so schmerzlich war, sondern um noch viel mehr. Um die Wertigkeit als Frau, als Mutter, die Sarah verloren zu haben glaubte, um das wirtschaftliche Abgesichertsein, wenn man selbst nicht mehr arbeiten konnte, um Auskommen, um Versorgtsein, um das Leben im Alter.

 

Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben. Kommt daher und sagt so etwas unglaubliches in einer Leichtigkeit daher, die die ganze Schwere des vergeblichen Wartens nicht zu würden, nicht zu erkennen scheint. Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben, hört Sara. Bitterkeit steigt in Sara auf, sie spürt Sarkasmus, und sie kann nicht anders, sie fängt an zu lachen. Höhnisch. Spöttisch. Verächtlich. Es war kein schönes und frohes Lachen. Nein, es war bitter und resigniert. Das Warten hat vieles in Sara zerstört.

 

Ein Jahr noch, und Sara wird ein Kind haben. Die Worte stehen in der Luft, der spöttische beißende Klang von Saras Lachen auch. Dann wird es wieder still. Die Mittagshitze flirrt. Es ist heiß.

 

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

 

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze und – in die Adventszeit 2020. In der Geschichte Gottes mit den Menschen ist immer wieder geschehen, was Abraham und Sara erlebten: Jahre des Wartens, Zeiten ganz ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Da kommt von Gott ein Versprechen. Und das stößt sich an der Wirklichkeit. Und auch wir erleben etwas davon in dieser Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

 

 Amen.

 

© alle Bilder dieser Seite: Frank Zisler

Texte und Predigen:

Ditta Grefe-Schlüntz

Lukas Frei

Markus Deutsch